Im Mai 2006 kam Konfuzius nach Nürnberg. Er hat sich seitdem ganz gut eingelebt. Im Erdgeschoss des roten Sandsteingebäudes, wo ein strammer Antikommunist namens Ludwig Erhard in den vierziger Jahren über Industrieforschung dozierte, unterrichtet heute der freundliche Herr Zhang Chinesisch. Neben ihm steht Frau Xu-Lackner. Sie ist eine elegante, energische Person in Stilettos und Janker mit Hirschhornknöpfen. Als Leiterin des Konfuzius-Instituts plant sie Kurse, verhandelt mit Politikern und Sponsoren, organisiert Ausstellungen und Reisen. Herr Zhang, der chinesische Kodirektor, berichtet nach oben, ans Ministerium, was sie da so macht.

1990 floh Xu aus Shanghai nach Deutschland, vor geistiger Enge und Unfreiheit. Im euphorisierten Berlin der Wendezeit, wo sie an der Freien Universität studierte, war sie eine von vielen Glücklichen, die ein verhasstes System hinter sich gelassen hatten. Heute, gut 17 Jahre später, hat sich vieles geändert. Frau Xu hat geheiratet und heißt jetzt Xu-Lackner. Der Eiserne Vorhang ist gelüftet, und China exportiert nach Kinderspielzeug, Laptops und Unterhosen den Flüchtlingen in aller Welt seinen Geist hinterher in Gestalt des Konfuzius-Instituts.

Das Land boomt, der Drache brüllt, manchmal, wie eben in Tibet, schlägt er auch zu. » Viele, nicht nur in Deutschland, haben Angst bekommen«, sagt Xu-Lackner. Als Antidot seiner furchterregenden Kräfte entdeckte China seine Soft Power, Konfuzius globalkompatibles Konzept einer harmonischen Welt. Der ressourcenfressende, stahlkochende, mit Industriegütern um sich schmeißende Riese sollte künftig an der Leine geführt werden, von dem freundlichen alten Herrn mit dem Bärtchen, in dessen Namen Kalligrafie- und China-Schnupperkurse angeboten werden.

Jeder darf kommen, leihen, lesen, wenn er Chinesisch kann

Das Nürnberger Institut wirkt nüchtern. Auslegware, Neonröhren. Keine Konfuzius-Statue, kein Poster der Ewigen Stadt, dafür sprechende Kalligrafie: etwa das Zeichen für Intelligenz. » Es besagt«, übersetzt Xu-Lackner, »dass man nicht gleich alles zeigen muss, was man hat und weiß, um keinen Neid zu erzeugen.« Es gibt zwei Büros, einen Seminarraum und eine Bibliothek mit rund 3000 Bänden, darunter natürlich die konfuzianischen Klassiker. Jeder darf kommen, leihen und lesen, wenn er Chinesisch kann. In der Mitte des Raums hat man Computerplätze eingerichtet, an denen zwei chinesische Studentinnen sitzen. Beziehungsweise stehen - denn sobald die Direktoren den Raum betreten, springen sie auf. Konfuzius sagt: Habe Respekt vor den Älteren.

Konfuzius Lehre wurde während der Kulturrevolution von den Stiefeln des Kommunismus tief in die maoistisch bestrahlte Erde getreten. Unter der milden Sonne des Kapitalismus hat die Kommunistische Partei sie nun wieder ausgebuddelt. Damit Konfuzius Geist aber nicht gleich allzu frei waltet, wurde er vorsichtshalber institutionalisiert und einer Sektion des Bildungsministeriums unterstellt. Und so, seit nunmehr vier Jahren, schickt China den klingenden Namen auf die Reise, damit er als großer Akupunkteur die heilenden Nadeln chinesischer Weisheit setze zunächst in den Volks-, sodann in den Weltkörper. In Nürnberg und Erlangen stach er zu und siehe: Manches wurde gut.

Frau Xu-Lackner, der einstige Systemflüchtling, und Konfuzius, der neue Systemliebling, haben in Nürnberg-Erlangen zusammengefunden.