Auslandsstudenten

Zu Gast bei Fremden

Warum fast jeder zweite ausländische Student seinen Aufenthalt in Deutschland abbricht

Im ersten Moment glaubte Stefan Bildhauer an einen Scherz. Als sein Telefon klingelte, lief das Semester schon seit drei Wochen – da meldete sich eine chinesische Studentin bei ihm. »Ich habe gehört, das Semester hat angefangen«, sagte sie dem Leiter des Akademischen Auslandsamtes an der Kölner Universität und meinte dann ratlos: »Bei mir hat sich aber noch kein Professor gemeldet, um mich in sein Seminar einzuladen. Haben die mich vergessen?« Die Studentin meinte es ernst: Von ihrer Uni in China kannte sie andere akademische Gepflogenheiten, vom deutschen System war sie restlos überfordert. Ein paar Semester hielt die Chinesin nach ihrem Fehlstart noch durch, bis sie das Studium schließlich entnervt aufgab.

Der Fall aus Köln ist keine Ausnahme: Ausländische Studenten haben sehr große Probleme an deutschen Hochschulen – zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung des Hochschulinformationssystems (HIS) im Auftrag des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Ungefähr die Hälfte der ausländischen Studienanfänger bricht ihr Studium in Deutschland ab, viele andere beißen sich nur mit Mühe und Not durch. »Diese hohe Abbrecherquote hat katastrophale Folgen für die Reputation des Bildungsstandorts Deutschland«, warnt Ulrich Heublein vom HIS. »Wir wollen gezielt kluge Köpfe aus dem Ausland holen – und die, die dann tatsächlich kommen, fühlen sich an den Hochschulen oft hoffnungslos verloren.«

Die Probleme der ausländischen Studenten wurden von Bildungsforschern und Hochschulrektoren lange nicht wahrgenommen. Es geht dabei nicht um die Kinder von Migranten, die schon mit dem deutschen Schulsystem ihre Erfahrungen gemacht haben, sondern um jene Ausländer, die erst zum Studieren nach Deutschland kommen – und zwar nicht nur für ein paar Gastsemester, sondern für ein komplettes Studium inklusive Examen. Wie erfolgreich ihre studentische Karriere verläuft, hängt entscheidend von einem einzigen Faktor ab: davon, wie gut sie sich an der Universität aufgehoben fühlen – akademische Integration nennen die Bildungsforscher dieses Phänomen. »Wichtig ist dafür der gute Wille der ausländischen Studenten, aber ihre deutschen Kommilitonen und die Lehrenden haben auch eine Bringepflicht«, sagt Ulrich Heublein vom HIS. Noch deutlicher wird Reinhold Billstein aus der DAAD-Expertengruppe zum Ausländerstudium: »Für die Hochschule ist es eine Titanenaufgabe, die ausländischen Studenten gut zu integrieren.«

Die Leistungen leiden, weil der Kontakt zu Kommilitonen fehlt

Genau daran mangelt es derzeit allerdings fast überall in Deutschland: Gerade einmal ein Drittel der Ausländer hat täglichen Kontakt zu deutschen Kommilitonen. Und, noch frappierender: Fast 40 Prozent sprechen seltener als einmal pro Woche mit einheimischen Studenten. Das sind die Ergebnisse der HIS-Studie, für die ein Forschungsteam insgesamt 2.000 ausländische Studenten in Aachen und München befragt hat. Auf die akademischen Erfolge schlägt sich der seltene Kontakt zu Deutschen unmittelbar nieder. Je schlechter die ausländischen Studenten integriert sind, desto weniger verstehen sie von dem, was Professoren und Dozenten vortragen. »Wir sind häufig auf Ausländer gestoßen, die zum Ende ihres Studiums hin schlechter Deutsch gesprochen haben als am Anfang, weil sie zu wenig integriert waren, um ihre Sprachkenntnisse zu entwickeln«, sagt Untersuchungsleiter Ulrich Heublein. Und das Selbstbewusstsein leidet ebenfalls: Von den Studenten, die weitgehend isoliert von ihren deutschen Kommilitonen leben, beteiligt sich gerade einmal ein Viertel aktiv an den Seminaren. Die Quote unter den gut integrierten Ausländern liegt dreimal höher.

Neben fehlender Integration und mangelndem Sprachvermögen ist es vielfach ein anderes akademisches Selbstverständnis, das einem erfolgreichen Studium im Weg steht. »Es gibt an vielen Hochschulen niemanden, der den ausländischen Bewerbern systematisch erklärt, wie der Betrieb hier in Deutschland funktioniert«, sagt Reinhold Billstein aus der DAAD-Expertengruppe. Zu den Pionieren zählt in dieser Hinsicht die Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW), die schon seit 1999 ein interkulturelles Training anbietet. Anderswo mussten sich die Studenten mühsam selbst orientieren. »Über rein methodische Fragen stolpern selbst die besten und fittesten ausländischen Studenten«, meint Jochen Hellmann von der Abteilung Internationales der Universität Hamburg. Da sind die Asiaten, die aus Respekt vor dem Professor niemals nachfragen würden, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Viele Osteuropäer sind an einen strikten Frontalunterricht gewöhnt und müssen sich erst mit der Gruppenarbeit anfreunden. Und manchen Studenten aus dem Westen der EU fehlt der Mut, sich kritisch an einer Diskussion zu beteiligen.

Diesen Schwierigkeiten versuchen nun viele Hochschulen mit innovativen Projekten zur aktiven Integration zu begegnen.

In Köln sollen Sprachtandems ausländische Studenten fördern

»Früher noch sind viele ausländische Studenten einfach 18 Semester an der Uni geblieben«, sagt Jochen Hellmann. »Manche brauchten einfach so lange, um sich hier zurechtzufinden.« Jetzt, wo die Studiengänge immer strukturierter werden und zudem Gebühren fällig sind, können sich immer weniger angehende Akademiker diesen Luxus leisten. Die Hamburger Hochschulen setzen deshalb neuerdings auf ausgeklügelte Vorbereitungskurse: Ein Semester lang werden die Ausländer vor dem eigentlichen Hochschulstart in den Studienkollegs auf die Besonderheiten des deutschen Bildungssystems vorbereitet. Der Schnellkurs, den die Hamburger Hochschulen gemeinsam anbieten, wird für die Interessenten der jeweiligen Fachgruppen maßgeschneidert. »Wer daran teilnimmt, lernt auch gleich schon die deutsche Fachterminologie und kann danach umso reibungsloser in den Hochschulalltag starten«, sagt Jochen Hellmann. Das einzige Problem: Noch gibt es nur 80 Plätze für alle ausländischen Studenten in Hamburg. Wenn die Pilotphase erfolgreich endet, soll die Kapazität aber aufgestockt werden.

Einen anderen Weg zur besseren Integration erprobt die Kölner Universität. »Wir versuchen, Ausländer und Deutsche möglichst häufig miteinander in Kontakt zu bringen«, sagt Stefan Bildhauer vom Akademischen Auslandsamt. So bietet die Uni sogenannte Sprachtandems an, bei denen sich zwei Studenten aus unterschiedlichen Ländern gegenseitig ihre Muttersprache beibringen. Es gibt sogar Überlegungen, dass sich künftig alle Kölner Studenten, die selbst einen Auslandsaufenthalt planen, obligatorisch mit ihren Kommilitonen aus dem künftigen Gastland treffen. Das Tandemsystem ist vielerorts seit Langem bekannt, aber systematisch und mit professioneller Unterstützung wird es erst an wenigen Hochschulen betrieben. »Von einer solchen Konstellation können alle profitieren«, sagt Bildhauer. »Die Ausländer finden Anschluss an Einheimische, und die deutschen Studenten erweitern ihren Horizont.«

Tatsächlich ist die Integration für die Deutschen selbst eine Herausforderung. Gerade einmal jeder Fünfte hat regelmäßigen Kontakt mit ausländischen Kommilitonen, hat Bildungsforscher Ulrich Heublein bei einer anderen HIS-Studie zur Internationalität der deutschen Universitäten herausgefunden. Um eine bewusste Kontaktvermeidung handele es sich in den meisten Fällen zwar nicht – »aber eben auch nicht um eine bewusste Kontaktsuche«. Das Paradoxe an der Situation: Mehr als die Hälfte der deutschen Studenten spricht sich leidenschaftlich dafür aus, dass ihr Studiengang internationaler wird. »Wir können ein riesiges Potenzial heben, wenn wir diese beiden Pole zusammenbringen«, sagt Heublein. Seiner Einschätzung nach braucht man dafür nicht einmal aufwendige Konzepte. Den ersten Schritt könne jeder Professor selbst gehen, indem er die Ausländer im Seminar gezielt als Experten für ihr jeweiliges Heimatland anspricht und einbezieht. Dann machen sogar die Deutschen Auslandserfahrungen – selbst wenn sie ihr ganzes Studium an der Heimat-Uni bleiben.

Leser-Kommentare

    • 01.04.2008 um 11:26 Uhr
    • Maze73

    Integration ist als Ideal zwar gewünscht, aber noch mehr wird gewünscht, erstmal möglichst viele, zu wenig vorgebildete Studenten loszuwerden.

    D.h. nicht nur ausländische Studenten, sondern auch die deutschen Studenten werden zunächst gründlich des-integriert, über den Weg sog. "Frontalunterrichts" wird ihnen deutlich gemacht, dass die Hochschulen im Bezug auf Wissensvermittlung unbedarft bis konzeptlos sind.

    Vielmehr werden an Hochschulen vielerorts nur bestimmte Vorbildungen oder Auto-Didaktentum abgeprüft, ohne pädagogische oder didaktische Ansprüche. Besonders Didaktik ist ein Fremdwort - siehe die aktuelle HIS-Studie: weniger als die Hälfte der Studenten billigt 2007 ihren Hochschulen didaktische Fähigkeiten zu. D.h. Ausbildung - Fehlanzeige.

  1. Jeder Studienanfänger in Deutschland steht vor den gleichen Herausforderungen, wie sie im Artikel geschildert wurden : Welche Kurse finden wie und wo statt ? Pflichtkurse vs freie Seminare vs Lesungen ? Anmeldeverfahren ? Prüfungsrichtlinien, -inhalte, - bewertungen und -zeitpunkte ? Studentenszene cum Vita Universitariae ? usw uswIm Gegensatz zu verschulten, tutorierten angloamerikanischen Universitäten bieten deutsche Unis größere Freiräume in der Studiengestaltung. Diese richtig zu nutzen erfordert soziale und kommunikative Kompetenz sowie analytische Insistenz. Kurz : wer kontaktfreudig ist, sich durchfragt und bei Informationsmangel- oder verweigerung auf Klärung besteht, wird ein erfolgreiches Studium absolvieren.Und diese Fähigkeiten werden während des Studiums in Deutschland weiter stimuliert. Da liegt der große Gewinn.Genauso ist übrigens das Leben; in der Familie, im Sportverein und im Beruf.Im Gegensatz dazu liefern U.S. und asiatische Unis Fachidioten. Akademiker, in einem engen Fachgebiet zwar gut ausgebildet, ansonsten aber weltfremd, naiv, sozial inkompetent, mono-disziplinär. Die Auswirkungen solcher "Spitzenleute" auf Politik und Wirtschaft sind täglich weltweit sichtbar.Ich sehe keinen Grund, einem angehenden indischen Informatiker oder einer chinesischen Chemikerin eine akademische Sonderbehandlung zukommen zu lassen.Wer nicht mit ausreichenden Sprachkenntnissen und dem Willen und Können sich deutsche Studentenfreunde zu suchen herkommt, von dem wird Deutschland auch nach dem Studium nichts haben.

  2. Das Problem besteht doch nur weil das Auslandstudium überall sinnlos gehypt wird. Zu anderen Zeiten haben nur ein paar Wenige dieses Unternehmen begonnen; Menschen mit der Fähigkeit und mit dem Willen sich zu integrieren, die wirklich von sich aus daran interessiert waren; Menschen, die schon im frühen Alter genug Lebenserfahrung gesammelt hatten. Die Luschis sind meist schon an den ersten Hürden gescheitert.In der heutigen Zeit ist der erste Grund für ein Auslandstudium, die Verschönerung des CV. Und man braucht nur noch ein oder zwei Formulare ausfüllen: ja, wo möchte ich denn hin? Hm, Deutschland klingt gut, hm, ja, Köln... Dann noch ein paar Kästchen ankreuzen: hm, Studentenwohnheim, ja, cool... Und dann hat man schon fast das Auslandsstudium begonnen. Klar, dass dann viele mit der Realität nicht zurecht kommen.

  3. Das Wichtigste was ich in den sieben Jahren Studium gelernt habe, ist Autodidaktik: Meinen Studenplan nach Belieben zusammenzustellen, auf meine individuellen Bedürfnisse hin optimiert, Hausarbeitsthemen selbst auszusuchen (natürlich mit abschließender Absprache mit dem Dozenten), ohne Hilfe von anderen oder Bevormundung von übereifrigen Dozenten die richtige Literatur finden und schließlich die fertige Hausarbeit abgeben. Das einzige wofür ich die Dozenten jemals gebraucht habe, ist die Berichtigung meiner Hausarbeiten, was mir natürlich auch viel gebracht hat. Sonst gibt der Dozent den groben Themenkomplex im Rahmen eines Seminars vor. Die Richtung anweisen also, mehr sollte ein Dozent nicht tun, denn wir sind nicht mehr Schüler, sondern mündige, eigeninitiative Studierende. Und kaum eine Eigenschaft ist im Berufsleben so wertvoll und geschätzt wie die Eigeninitiative, und diese Eigenschaft ist nunmal Resultat der Möglichkeit der freien Fächereinteilung und der lockeren Atmosphäre an deutschen Universitäten und aufgrund derer deutsche Absolventen im Ausland so begehrt sind: Weil sie so eigeninitiativ sind. Und dieser freie Geist wird im Zuge der Verschulung der hiesigen Universitätslandschaft durch Bachelor und Master zunehmend erstickt, so dass auch deutsche Studierende nicht mehr zu unterscheiden sind von ihren ausländischen Kommilitonen. Das ist wohl Globalisierung: Uniformierung der Denkstruktur.

  4. Man moechte denken dass auslaendische Studenten die vorhaben in D. zu studieren und Examen zu machen wenigstens rudimentaete Sprachkenntnisse mitbringen.Denn ich glaube nicht dass eine Hochschule dazu da ist um die Sprache in der gelehrt wird noch zu lernen. Auch denke ich dass man schon ein bischen Selbstiniatitive mitbringen.

  5. Es muss natuerlich ' rudimentaere' Sprachkenntnisse heissen.

  6. Selbstverständlich muß man manchen Studenten - auch einheimischen - manchmal helfen. Auch dabei, sich zurechtzufinden. Dafür gibt es, soweit ich weiß an jedem Institut, Studienberatungen und namentlich bekannte Verantwortliche (meist Mittelbau), die auch auf den Webseiten zu finden sind.Extra Vorbereitungskurse für ausländische Studenten sind Abzocke, mit der die Universitäten ein wenig Geld verdienen möchten. Ich würde wetten, daß in absehbarer Zeit solche Kurse auch für DAS (Dümmste anzunehmende Studienanfänger) angeboten werden werden.Theo Rem

  7. 8. ...

    Wer mit diesem freien Geist an deutschen Universitäten nicht zurecht kommt, der wird auch sonst nicht in Deutschland zurecht kommen, denn meines Erachtens sind nicht nur Universitäten, sondern ist das gesamte öffentliche Leben in Deutschland davon durchzogen. Nach 18 Jahren Aufenthalt in Deutschland muss ich das auch heute noch immer wieder erstaunt feststellen.

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