Auf dem Tisch liegen ein Apfel, ein Butterbrot und eine Tüte Kartoffelchips. Die Schüler der fünften Klasse sollen entscheiden, welches Nahrungsmittel sie am liebsten mögen. Wer zur Chipstüte greift, wird dafür nicht gerüffelt. »Du kannst alles genießen, was du möchtest«, sei die Botschaft dieser Aktion, sagt Harald Stoffels. Er ist kein Pädagoge, sondern PR-Manager der Firma Intersnack, die Knabberkram wie funny-frisch, Pom-Bär und Chio Chips herstellt und seit 2004 auch bundesweit Schulkurse anbietet – eine Mischung aus Ernährungsberatung und Fußball-AG, in diesem Fall an einer Schule in Nordrhein-Westfalen. Den Kindern, sagt Stoffels, wolle man vermitteln, dass Übergewicht nicht vorrangig mit falscher Ernährung, sondern mit mangelnder Bewegung zusammenhänge.

Gesponserte Kurse und Projekttage, Lehrerfortbildungen, Kopiervorlagen, Arbeitsmappen – derlei Angebote landen in den vergangenen Jahren immer häufiger auch bei Josef Kraus, Schulleiter in Bayern und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Früher sei vielleicht einmal im Jahr eine Broschüre von einem Arbeitgeberverband gekommen, sagt Kraus, der seit den siebziger Jahren als Pädagoge arbeitet. Heute würden Lehrer von Unternehmen, Branchenverbänden und PR-Agenturen »mit Briefen überschüttet«.

Lehrer sollen Unterrichtsmaterial auf dem Sponsoringmarkt besorgen

Arbeitsblätter der Mineralwasser-Hersteller erklären, warum Trinken im Unterricht erlaubt sein sollte – und fordern die Schüler auf, einen »Getränkedienst« zu organisieren, der Kauf und Transport der Wasserflaschen übernimmt. Ein Kaugummiproduzent berichtet in Kau dich schlau!, einer »fachübergreifenden Unterrichtsmappe für die Sekundarstufe 1«, von den Vorteilen des Produktes, die ein firmeneigenes »Science Institute« ermittelt habe. Kaugummi stimuliere die Hirnaktivität, erhöhe die Gedächtnisleistung und vermindere Versagensängste, heißt es darin. Tourismusverbände und Bahnunternehmen laden zu Klassenreisen. Andere Angebote versprechen großzügig Laptops, Sporttrikots oder Gebäudesanierungen.

Das Material sei in den meisten Fällen »inhaltlich einseitig« und »die Werbeabsicht eindeutig«, sagt Schulleiter Kraus. Die Hersteller versuchten, »die Autorität der Institution Schule für ihre eigenen Botschaften zu nutzen«. In den Broschüren häuften sich Professoren- und Doktortitel sowie Quellenverweise auf in- und ausländische Großstudien, mit deren Hilfe die Pädagogen von der Neutralität und Hochwertigkeit des Materials überzeugt werden sollten, sagt Kraus. Ihn ärgere zudem, dass Politiker auf den Zug aufsprängen und Kultusministerien für solche Aktionen trommelten. Um öffentliche Gelder zu sparen, werde den Schulen empfohlen, »sich Geld oder Sachmittel auf dem Sponsoringmarkt zu besorgen«. Regionen, in denen die Schulträger mit knappen Ressourcen kalkulierten, so Kraus, seien »besonders anfällig, dann das Türchen aufzumachen«.

Die Sportkurse von Intersnack haben bislang an etwa 1.500 Schulen stattgefunden, wobei der Chipsproduzent Lehrer fortbildete, Materialien sponserte und Reisekosten übernahm. Mit dem Programm namens »Fit am Ball«, sagt Unternehmenssprecher Stoffels, wolle man aber »nicht werben, sondern aufklären«. Die Kurse seien vor fünf Jahren entwickelt worden. Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation habe damals vor Übergewicht als der »größten nichtansteckenden Epidemie der Welt« gewarnt. »Das Thema kochte in den Medien hoch, die Politik stieg ein. Süßwarenindustrie, Fast-Food-Ketten und Chipshersteller standen am Pranger«, erzählt Stoffels. Seitdem solle »Fit am Ball« verhindern, dass »Kinder ihr Ernährungsverhalten zu verkopft angehen«.

Die Snackhersteller, so lautet dagegen die Einschätzung der Organisation Lobbycontrol, wollten, dass Schüler mehr Sport treiben, dafür weiterhin in die Chipstüte greifen dürfen und der Lebensmittelbranche so harte politische Entscheidungen erspart bleiben. Für Ulrich Müller, Vorstand von Lobbycontrol, verfolgen Unternehmen und Verbände durch das Engagement an Schulen vor allem drei Ziele: Erstens werde eine frühe Kundenbindung angestrebt. Zweitens gehe es bei den Aktionen um Imagepflege bei Kindern, Lehrern, Eltern und einer an Bildung interessierten Öffentlichkeit. Mit Schulaktionen erreiche man, so Müller, »große Multiplikationseffekte«. Und drittens zielten vor allem die Themenmappen darauf ab, »gesellschaftliche Diskussionen oder sogar politische Entscheidungen zu beeinflussen«. Neben Unternehmen drängten auch Interessenverbände, Thinktanks oder andere Lobbyakteure mit ihren Themen in die Schulen. Ihre Arbeitsblätter zum Thema Mindestlohn oder schlanker Staat vermittelten jedoch »nur scheinbar ausgewogene Inhalte«, sagt Müller.