Olympia Verlogene Ohnmacht
Die Funktionäre kuschen vor den Gastgebern der Olympischen Spiele. Dabei könnte der Sport seinen politischen Einfluss nutzen
Egal, was in Tibet noch geschieht, wie viele Demonstranten noch verprügelt oder getötet, wie viele Mönche noch eingesperrt oder drangsaliert werden – bei den Olympischen Spielen in Peking wird eine deutsche Mannschaft antreten. Das hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) am Ostermontag in einer »Entschließung« ultimativ verkündet. So schnell kann man das Wort Boykott gar nicht aussprechen, wie der DOSB-Präsident Thomas Bach und sein Geschäftsführer, der frühere Grünen-Politiker Michael Vesper, den olympischen Gastgebern nach dem Munde reden. Menschlich kann man Bach vielleicht sogar verstehen: 1980 war der Fechter eine der deutschen Goldhoffnungen für die Spiele in Moskau; als Aktivensprecher wandte er sich gegen einen Olympiaboykott, den die Bundesregierung unter Helmut Schmidt dann doch durchsetzte. Am Ende standen die Deutschen mit ihrer Entscheidung in Europa ziemlich einsam da; die europäischen Sportnationen von Großbritannien über Frankreich bis Italien und Spanien fuhren bereitwillig in die Hauptstadt der Sowjetunion und räumten die Medaillen ab.
Welche politische Macht hat der Sport? Die olympischen Funktionäre antworten darauf so, wie es ihnen gerade in den Kram passt. Die beiden Koreas drängt man, unter einer gemeinsamen Flagge bei den Spielen anzutreten – als wenn das keine politische Demonstration wäre. Der damalige IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch betrieb die Vergabe der Spiele an Peking vor allem mit dem Argument, Olympia könne eine Stadt »oder sogar ein Land« verändern. Als Sportminister des spanischen Diktators Franco war er mit den Funktionsweisen totalitärer Staaten offenbar bestens vertraut.
Nur einen guten Monat nach dem Zuschlag für Peking erklärte Samaranchs Nachfolger, der jetzt amtierende IOC-Chef Jacques Rogge, dass seine Organisation kein »Wachhund« sei für die Einhaltung der Menschenrechte in China. In seinem jüngsten Statement hat er eine neue Formulierung für die Flucht aus der politischen Verantwortung gefunden: »Die Olympischen Spiele sind eine Kraft des Guten. Sie sind ein Katalysator für Veränderungen, kein Heilmittel für alle Krankheiten.« Den sportpolitischen Eiertanz beherrscht er nach sieben Jahren derart perfekt, dass er ihn glatt zur 29. olympischen Sportart erheben sollte, mit ihm selbst als Goldhoffnung.
Warum stellt nun der gewiefte Taktierer Bach den Chinesen ohne Not einen Freifahrtschein aus? Es hätte noch viele Möglichkeiten gegeben, den Chinesen Zugeständnisse abzuringen – aber nur, wenn man die ultimative Waffe eines Boykotts in der Hinterhand hat. Stattdessen werden die Schwächsten in diesem Spiel zur Courage aufgefordert – die Sportler, für die eine Teilnahme existenziell ist. »Jedem Mitglied«, so Bach, »der DOSB-Olympiamannschaft wird es im Rahmen der Regeln der Olympischen Charta möglich sein, seine Meinung vor, während und nach den Olympischen Spielen frei zu äußern.« Das ist der blanke Zynismus, denn wie heißt es in Kapitel 51, Absatz 3 ebenjener Olympischen Charta: »Keine Art von Demonstration und politischer oder religiöser Propaganda ist in den olympischen Stadien oder anderen Orten erlaubt.« Nutzt der »mündige Athlet«, den Bach fordert, im Rahmen der Spiele seine Bürgerrechte, wird er nach Hause fahren müssen.
Aber auch andere Teilnehmer am großen olympischen Spiel haben sich blamiert. Warum musste das griechische Fernsehen die Demonstranten bei der Entzündung des olympischen Feuers sofort ausblenden? Warum musste VW, der Sponsor des Fackellaufs, gleich den Fußballtrainer Felix Magath nach Griechenland fliegen? Die olympische Familie, wie sie sich immer so gern putzig selbst nennt, muss sich endlich dazu bekennen, über politische Macht zu verfügen. Schon bei den Moskauer Boykottspielen zogen einige der Teilnehmer unter neutralen Fahnen ins Olympiastadion ein oder schickten erst gar keine Athleten oder offiziellen Repräsentanten zur Eröffnungsfeier. Knapp dreißig Jahre später, im Zeitalter der Weltmediengesellschaft, können aus solchen Gesten wirksame Instrumente werden. Das IOC sollte sie endlich benutzen wollen. Dann bleibt ihm die Frage nach einem Boykott vielleicht erspart.
- Datum 01.04.2008 - 05:28 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.03.2008 Nr. 14
- Kommentare 23
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Besser nicht! Das würde Trotz erzeugen... unütze Distanz aufbauen. Das Miteinander... Gespräche... Austausch... Erkenntnisse und Sport wird China in die "moderne" Zeit hineinziehen. Auch wenn es momentan ein hoher Preis zu sein scheint... im Blick auf die Zukunft... zahlen!
Mittlerweile sollte man sich daran gewöhnt haben, was alles auf dem "Altar derguten Wirtschaftsbeziehungen" geopfert wird. Wenn ich aber jetzt Thomas Bachhöre, muss ich mich doch fast übergeben und gleichzeitig meine Wut im Zaum halten.Es gibt m.E. mometan kein Argument, das dafür spricht, an diesen Spielenteilzunehmen.Der chinesischen Regierung gehört endlich einmal gesagt, und zwar mit möglichst vielen Zungen "Benehmt Euch oder Ihr werdet bald sehr alleine sein!"Übrigens, wie kann ich den DOSB boykottieren?
in dem es die Olypiade in China ausrichten laesst aber auch den westlichen Politikern fehlt es an Rueckgrat.Dabei sind gerade die westlichen Laender auch die Abnehmer der Produkte von Made in China.Ich hoffe sehr dass jedenfalls der Konsumer sich gewisser Werte erinnert und chinesische Produkte boykottiert.
Ich freue mich über den Kommentar von Christof Siemes. Wie die Sportfunktionäre vor den Chinesen kuschen, kann einen wirklich wütend machen.
Es wird oft vergessen, das Kreativität nicht auf Abruf verfügbar ist.Noch läuft alles in geregelten Bahnen und jedes Lager fordert die Raison ein für das es steht...Die Protektoren der Zensur lassen ihr übliches Programm ablaufen, und die Freiheit fordernden Staaten und Organisationen wiederum denken, das sie politischen Einfluss haben auf das Stattfinden der olympischen Spiele 2008 in Peking. Dabei sollte sich die Politik aus dem Sport zurückziehen, durch eine ausgetauschte Vereinsführung wurde noch nie besserer Sport geboten !Olympische Spiele stellen eine Singularität für jeden Statt der Welt dar. Viele Statten verdanken diesem Phänomen "Spiele" ihr Ansehen und wirtschaftlichen Erfolg...Olympische Spiele (selbst zensierte Spiele) werden gerne als Aushängeschild, als Zeichen an den Rest der Welt angesehen. Mit einer Beteiligung aller vorgesehenen Nationen zu diesen Spielen ergibt sich für die Protektoren der Zensur ein viel grösseres Problem als ein Boykott.Es kommen zehntausende Sportler, Funktionäre, Zuschauer aus allen Teilen der Welt nach China. Menschen die so zahlreich und unkontrollierbar in das Land strömen werden um nicht nur ihre Wettkämpfe abzuspulen, sondern schon weit vorher anreisen oder sich nach den Wettkämpfen im Land verteilen.Sicherlich gibt es schon einen Sicherheitsplan um unerlaubten Kontakt mit der Bevölkerung zu "unterbinden". Im Endeffekt wird genau das Gegenteil erreicht. Menschen in China werden erfahren für wie wichtig sie gehalten werden im Rest der Welt, wie der Rest der Welt über China denkt. Viele Missverständnisse werden aufgelöst, Feindbilder begraben. Die drei berühmtesten Deutschen aus chinesicher Sicht werden dann nicht mehr vom Verfasser "das Kapital" und einem Nationalsozialisten aus Österreich und Franz Beckenbauer belegt. Dieandaernde Reaktionäre chinesiche Sicht auf den Rest der Welt kann durch diese Veranstaltung nachhaltig verändert werden. Seit dem Fall der GUS Statten und der DDR weiss man das die totale Kontrolle nicht unmöglich ist, aber ihre Risse mit der Zeit grösser werden, und schliesslich nicht mehr zu schliessen sind !Für diejenigen (inbesondere jetzige Funktionäre) die an den "Spielen" bereits einmal oder mehrmals teilgenommen haben wissen es bestens einzuschätzen...Die Spiele müssen uneingeschränkt stattfinden, und man wird dem Ziel : mehr Menschlichkeit, Einhaltung der Menschenrechte sehr viel näher kommen als auf diese Spiele zu verzichten !Ende !
Das in Tibet vor den Olympischen Spielen 'noch etwas passieren' würde, war doch wohl eigentlich klar. Anzunehmen, daß dieser derzeitige'Aufruhr' ohne bestimmten ausländische Unterstützung zustande gekommen ist, wäre naiv. Unklar ist auch, was die aufständischen Tibeter eigentlich wollen. Demokratie eher nicht! Auch ist es schwer die Kultur eines Volkes in die moderne Zeit hinüber zu retten. Das hat auch im demokratischen Europa nicht funktioniert. Und, bedacht werden muß in diesem Zusammenhang auch, besonders nach den aktuellen Aussagen des US-Präsidenten Bush, daß die US-Amerikaner ihre Urbevölkerung, die Indianer, fast total umgebracht haben und indianische Kultur in den USA heute fast garnicht mehr gelebt wird. Gewalt wird auch in demokratischen Staaten von der Polizei bekämpft. Alle die heute, fast schon histerisch, nach einem Boykott der Pekinger Spiele 'schreien', sollten bedenken, daß der olympische Sport auch der Verständigung zwischen den Völkern dient. Die Olympiade in Peking darf nicht von den 'kalten Krieger' der Politik mißbraucht werden. Das Problem Tibet kann nicht durch gewaltägien Aufruhr gelöst werden. Tibet ist ein Teil von China - nicht erst seit gestern.
Kommt, wie verlogen seid ihr alle, das Thema Tibet gibt es nicht seit gestern. Es gibt andere Krisenherde die eine nicht minder schwere Problematik aufweisen, da schweigt ihr euch aber jedesmal genüsslich aus. Fangen wir doch bei den Kurden an, aber das ist natürlich in den Augen unserer Poltiker was anderes, schliesslich handelt es bei der Türkei um einen Verbündeten. Überall dort, wo wir unsere Interessen wahrnehmen wollen, tolerieren wir Ungerechtigkeit und verhelfen Regimen an die macht, die später mit Repression gegen die eigene Bevölkerung vorgehen. Wem können wir Moral predigen, wenn wir selbst jeden Anstand verloren haben. Einmal im Jahr heulen, damit das kollektive Gewissen wieder Erleichterung erfährt, mehr als nur lächerlich. Dass wir Wohlstandsnationen durch unsere wirtschaftlichen Interessen Unterechtigkeit und Unterdrückung zu verantworten haben, ist spätestens dann vergessen, wenn man sich gemütlich vor die Glotze hockt und die ach so schreckliche Welt einfach wegzappen kann. Seid Ihr alle zu kurzsichtig um zu sehen, dass es hier nicht um Freiheit geht, sondern um knallharte politische Interessen.Was derzeit vorgeht, ist der gezielte Versuch der Destabilisierung Chinas, eine mediale Propagandaschlacht in der man sich der Olympischen Spiele bedient. In China gibt es nämlich den Ansatzpunkt der Gewaltdrohung nicht um fremde Interessen durchzusetzen. So bedient man sich eben der Tibeter und der Olympischen Spiele, es kostet uns ja nichts, wenn eh schon unterpriviliegerte Menschen einen sinnlosen Tod finden, das gibt keine hässlichen Bilder von Soldaten in Zinnsärgen, welche die politische Reputation beschädigen könnten. Also schickt man den "Pöbel" zum sterben vor, was für eine Dreckspolitik. Der Dalai Lama selbst wird auch nur deshalb hofiert, weil man ihn instrumentalisieren kann. Dass die momentanen Ereignisse in Tibet nur den Tibetern selber schaden können, hat er spätestens erkannt, als er seine Landsleute zum Gewaltverzicht aufgerufen hat. Dass ihm hierbei übel mitgespielt wurde, wird zwar nicht geäussert, ist aber unverkennbar.Die Situation für die Tibeter hat sich mit dem von aussen initiierten Aufstand verschlechtert und es wird China nur noch mehr in seiner Absicht bestärken, die Tibetfrage in einer Art und Weise zu lösen, die den Bestrebung der Tibeter nicht nur nicht mehr entgegen kommt, sondern konträr entgegenläuft. Seien wir realistisch, Tibet ist ein Teil von China und wird nie mehr seine Eigenständigkeit wiederherstellen können. China ist nicht Serbien und Tibet nicht Kosovo, wo eine Supermacht die Staatsgrenzen einfach nach belieben und eigenem politischen Gusto bestimmen kann. Die Interessen sind denn dann doch nicht so gross, dass man für diese einen atomaren Konflikt risikieren würde. Also versucht man die weichere Variante und funktioniert die Olympischen Spiele als Trojaner um.Der Sport hat die Tibetfrage nicht geschaffen, wie er auch nicht die dunklen Absichten hiesiger Interessenpolitik mit all ihren negativen Folgen zu verantworten hat. So ist der Sport auch nur ein weiteres Schlachtopfer neben den Tibetern auf dem Altar ungezügelter Machtentfaltung. Das Geschwätz jener, die das IOC oder die Sportler selbst dafür verantwortliche machen ist nur das Eingeständnis eines Mangels an Einsicht in die wirklichen Vorgänge einer durch und durch amoralischen Politik. Gerade die Olmypischen Spiele hätten für eine weitere Annäherung mit China mehr als nur Gelegenheit geboten und auch den Tibetern genutzt. Was wir jetzt haben sind bereits gescheiterte Spiele, eine Pflichtveranstaltung. Seitens der Chinesen wird es zu keinen Eingeständnissen mehr kommen. Es wurde hier ein riesiger Schaden verursacht und eine wunderbare Möglichkeit vertan. Wie lächerlich ist dann ein Boykottaufruf, vielleicht die Phalanx der Ahnungslosen, aber sicherlich nicht begründetes planmässiges Vorgehen. Hat man die Vorstellung, dass die Chinesen dann auf ihren Anspruch auf Tibet verzichten, mehr als lächerlich!Die Bilanz der Ereignisse ist folgende: Die Tibeter haben massiv verloren, während sich die politischen Handlanger im Ausland schadlos halten konnten. Der westliche "Gutmensch" wurde wieder einmal von seiner eigenen Regierung instrumentalisiert und vorgeführt. Die mediale Plutokratie lebe hoch. Die Festung China soll nun mit dem Rammbock Olympiade erstürmt werden. Dieser wird dabei zerbersten. Was übrig bleibt ist ein Tibet, dass man in eine aussichtslose Lage getrieben hat und das bald im Gedächtnis jener verschwinden wird, die sich das Leid dieser Welt einfach wegzappen können.So, "ich habe fertig", der Verriss kann jetzt beginnen.
(1) Niemand wird chinesische Produkte boykottieren. Denn sie sind gnadenlos billig, wenn auch bisweilen hoch giftig. Aber wer kann sich denn deutsche Produkte noch leisten? Der Mittelstand, der sie sich einmal leisten konnte, wird in rasendem Tempo zerstört. [Part entfernt, bitte bleiben Sie sachlich/ Redaktion; svb] (2) Niemand wird die Olympischen Spiele in China boykottieren. Weltweit betrachtet, ist das ein zweistelliges Milliarden-Dollar-Geschäft. Die Biedermeier-Kommentatoren in diesem Speaker's Corner entwickeln immer wieder kolossale sozialromantische, eine-links-eine-rechts-gestrickte Spinnereien, die am verlängerten Hinterteil vorbeigehen, anstatt realistisch zu sehen, dass gegen so viel Geld nichts auszurichten ist. Fazit: YES, WE CAN!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren