Man muss sich schon ganz dicht vor das Klingelschild stellen, um die winzigen roten Buchstaben darauf zu entziffern. »École de Guerre Économique« steht da. Schule für Wirtschaftskrieg. Wenn die Tür mit einem sanften Summton aufspringt, öffnet sich dahinter eine Welt, die einem das Fürchten lehren kann. Eine Welt aus Lügen und Intrigen. Da werden falsche Informationen verbreitet, Piloten einer Billigfluglinie Alkoholprobleme angedichtet, einem Manager sogar pädophile Vorlieben.

Psychologische Kriegsführung heißt das Fach, das die Studierenden an diesem Nachmittag auf ihrem Stundenplan stehen haben. Im Neonlicht eines fensterlosen Kellerraums pauken sie über eine Welt, wie Christian Harbulot sie sieht. »Wenn in einem Markt kein Platz für alle Wettbewerber ist, werden die Parallelen zwischen einem militärischen Krieg und den Auseinandersetzungen in der Wirtschaft sehr wichtig«, sagt der 55-jährige Ex-Geheimdienstler und Autor mehrerer Bücher über die Techniken des Wirtschaftskrieges. Er hat die Schule vor elf Jahren gegründet. In einer Seitenstraße nahe des Invalidendoms in Paris. In einem Land, das seine Industrie zu schützen versteht wie kaum ein zweites in Europa.

Die Erinnerungen daran, gerade beim Nachbarn Deutschland, sind frisch: der Streit um EADS; das Scheitern von Siemens bei Alstom, die durchgepeitschte Fusion von Sanofi und Aventis. Und war es nicht auch Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, auf dessen Betreiben aus dem im Dezember in Lissabon verabschiedeten EU-Vertrag das ursprüngliche Ziel eines »Binnenmarkts mit freiem und unverfälschtem Wettbewerb« gestrichen wurde? Sarkozy, der schon als Wirtschaftsminister vor knapp vier Jahren dem damals vor dem Zusammenbruch stehenden Technologiekonzern Alstom mit der Staatskasse zur Seite sprang und nun wieder von »Nationalen Champions« schwärmt?

Jedenfalls: Sarkozys Regierung gehört wie die seiner Vorgänger zu den Finanziers von Harbulots Schule für Wirtschaftskrieg.

Dass Frankreichs Manager dort das Rüstzeug für den Kampf gegen die Konkurrenz lernen, passt zum Klischee. Da ist sie wieder, die hässliche Fratze der interventionistischen und protektionistischen Industriepolitik à la française. Nur ist das Misstrauen außerhalb Frankreichs heute noch stärker als früher. Der französische Präsident zählt zu seinen engsten Freunden neben dem Alstom-Hauptanteilseigner Martin Bouygues eine Reihe weiterer Großindustrieller, die von französischem Protektionismus profitieren könnten. »Hier findet eine gezielte Marktabschottung statt«, urteilt denn auch Claudia Kemfert, Abteilungsleiterin Energie, Umwelt und Verkehr beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. »Aufgrund ihrer Geschichte eines ausgeprägten Nationalismus verschließen sich die Franzosen dem EU-Wettbewerb.«

Alstom fährt der Konkurrenz auf und davon – mit Hilfe der Steuerzahler

Bei Siemens kann man ein Lied davon singen. In Erlangen bekommt man die Folgen davon zu spüren, dass die französischen Steuerzahler die Kosten von geschätzt mehreren Hundert Millionen Euro für die Entwicklung einer neuen Generation an Hochgeschwindigkeitszügen bezahlten. Mit seinem im Februar präsentierten silber glänzenden AGV droht Alstom der Konkurenz auf und davon zu fahren. »Siemens hat bereits vor zehn Jahren den ersten Prototyp des ICE 3 vorgestellt, das sind zehn Jahre mehr Erfahrung im Bau und Service eines Zuges mit dieser Technik«, sagt Ansgar Brockmeyer, Leiter der Siemens-Bahntechniksparte.