Kino Eingeschlossen im Ich

Julian Schnabels »Schmetterling und Taucherglocke« ist ein zärtlicher Film über die großen Themen des Lebens

Man kann einem Kinofilm eigentlich nicht gerecht werden, wenn man ihn anhand seiner Bilder beschreibt. Eigentlich. Was aber, wenn – wie in diesem Fall – der Regisseur im Hauptberuf ein bekannter Maler ist? Und wenn es diesem Maler Julian Schnabel in seinem Film Schmetterling und Taucherglocke gelingt, Bilder zu den großen Themen des Lebens zu zeichnen, die so berührend sind, dass ihre Summe ein Meisterwerk ergibt?

Da ist zum Beispiel die Szene mit dem 92-jährigen Vater (Max von Sydow) und seinem längst erwachsenen Sohn (Mathieu Amalric), der ihn zu Hause besucht, ein paar Stoppeln im Gesicht des Alten entdeckt und spontan beschließt, ihn zu rasieren. Zwischen dem Auftragen und Verteilen des Schaums und dem Kratzen der Rasierklinge entsteht eine selten gesehene Intimität zwischen den beiden Männern, die ringen um gegenseitige Liebe, Nähe und Anerkennung – das ewige Thema zwischen Vätern und Söhnen.

Oder die Szene am Meer. Der an den Rollstuhl gefesselte Mann wird von seiner Frau und seinen Kindern ganz nah ans Wasser geschoben. Er kann sich nicht bewegen, also tanzen die Kinder um ihn herum, seine Frau streicht ihm durchs Haar, selbst die Sonne scheint, als wolle sie ihm, dem Todkranken, zeigen: Du hast eine Familie, die zu dir steht, die ihre Momente des Glücks mit dir teilen möchte, in den letzten Stunden deines Lebens.

Man könnte so fortfahren, Szene für Szene zu beschreiben, Bild für Bild. Doch der Reihe nach. Schmetterling und Taucherglocke ist die Verfilmung der Autobiografie des französischen Journalisten Jean-Dominique Bauby, Chefredakteur der Zeitschrift Elle. Im Alter von 43 Jahren leidet er nach einem Hirnschlag am sogenannten Locked-in-Syndrom. Er ist eingeschlossen im eigenen Körper. Als er aus dem Koma erwacht, ist sein Gehirn unbeschädigt. Er hört alles, aber er kann nicht reden, denn er ist vollständig gelähmt – bis auf das linke Auge, mit dem er sehen und blinzeln kann. Das Blinzeln ermöglicht ihm schließlich, mit Hilfe des Alphabets zu kommunizieren. Zusammen mit seiner Therapeutin schreibt er Buchstabe für Buchstabe sein Leben auf. Das Buch erscheint im Frühling 1997 in Frankreich und wird umgehend ein Bestseller. Bauby stirbt wenige Tage nach der Veröffentlichung.

Schmetterling und Taucherglocke ist ein zärtlicher Film geworden, und das ist umso erstaunlicher, wenn man sich seinem Regisseur nähert, der ziemlich genau das Gegenteil verkörpert: Der New Yorker Künstler Julian Schnabel tritt eher wie eine menschliche Dampfwalze auf mit seinem mächtigen, meist in einen Bademantel gehüllten Körper, mit dem Vollbart und seinen Sprüchen, die nie eine Spur von Selbstzweifel zeigen. Schnabel ist das, was sie in Amerika einen name-dropper nennen: Ständig erwähnt er irgendwelche Prominente, mit denen er seit Ewigkeiten befreundet ist, so als brauche er den Glanz der Hollywood-Stars, um sich selbst in hellerem Licht erstrahlen zu lassen. Dabei ist er seit 30 Jahren im Geschäft und wird inzwischen anerkannt als einer der prägenden Maler seiner Generation. Und sein gewaltiges Ego erlaubt es ihm offenbar, sich an so gut wie alles zu wagen, was ihm in den Sinn kommt. Er gestaltet Skulpturen, entwirft Bühnenbilder fürs Theater, nahm mit einer Band Countrysongs auf und war der Innenausstatter für das New Yorker Gramercy Park Hotel. Ist das nun Größenwahn? Vielleicht.

Schmetterling und Taucherglocke ist jedenfalls bereits sein dritter Film, für ihn erhielt Schnabel bei den Festspielen in Cannes und bei den Golden Globes jeweils den Preis für die beste Regie. Dazu kamen vier Nominierungen bei den Oscars.

Szene für Szene, Bild für Bild. Der Maler Schnabel hat dem Regisseur Schnabel den Weg gewiesen. Schmetterling und Taucherglocke beginnt aus der Perspektive der Hauptfigur. Und so ertastet der Zuschauer gemeinsam mit dem Ich-Erzähler ganz langsam die Welt da draußen. Es ist eine Neugeburt, die gleichzeitig ein Abschied ist.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • rabin
    • 30.03.2008 um 21:34 Uhr

    Man sieht einen Menschen, der aus der " Fassung" gefallen ist, verzerrt im Gesicht, fast vollkommen gelähmt. Der Film beginnt mit unscharfen Bildern, die einem den Schrecken des locked in ein wenig mehr deutlich machen will.Auf  "zärtlich" käme ich als Begriff nicht. Das ist nüchtern, aber zugleich auch erschreckend, aber "zärtlich".Nebenbei: die Bildunterschrift stimmt nicht. Das ist nicht aus besseren Tagen,sondern eine seiner Phantasien im Elend des locked in.

    • Kometa
    • 31.03.2008 um 12:08 Uhr

    Hier kann sich jede(r) üben - in das, was Hölle im Diesseits werden kann - bei so viel ärztlicher Kunst, einen hirnorganisch geschädigten Menschen mit einem absoluten Minimum an Kommunikationsfähigkeit physchisch-organisch vegetieren zu lassen. Wie viele Hunderte von Menschlein haben diese Minichance des Sich-Mitteilens durch Ärzte oder Angehörige nicht erhalten, seit dem Mediziner dieses "Locked-in" konstruieren...? Leben ohne Mitspieler ist vergebens.

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