Risikomanagement Die Angsthasen
Verbraucher bewerten Gefahren meist nach Gefühl. Doch das empfundene Risiko deckt sich oft nicht mit dem statistisch kalkulierbaren
Was macht eigentlich das Waldsterben? Was ist aus der Seuche BSE geworden und ihrem schrecklichen Anhängsel, der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit? Oder aus Sars und der Vogelgrippe, Epidemien, die vor wenigen Jahren noch die Menschheit zu dezimieren drohten? Eben noch übermächtige Risiken, heute Schnee von gestern. Nichts ist so langweilig wie die Apokalypse vom letzten Jahr.
Risiken sind Schäden, die mit einer definierbaren Wahrscheinlichkeit in der Zukunft eintreten. Das macht es reizvoll, sie retrospektiv zu betrachten. Heute ist die Zukunft von gestern, und aus Wahrscheinlichkeit ist Gewissheit geworden. Ein gutes Beispiel dafür, wie verzerrt die Risikowahrnehmung im Nachhinein erscheint, ist das Waldsterben. In den achtziger Jahren stand es ganz oben auf der Sorgenliste der Deutschen. Und dann, keiner weiß mehr so recht, wie es kam, schwand das Interesse, das Menetekel verblasste. Schließlich erklärte die damalige Landwirtschaftsministerin Renate Künast die Veranstaltung offiziell für beendet: Das Waldsterben habe man in den Griff bekommen, befand sie im Jahr 2003.
Tatsächlich? Wer die Waldschadensberichte bis 2007 auswertet, kann drei gesicherte Aussagen treffen: Die Zahl der gesunden Bäume hat abgenommen und wird weiter abnehmen. Die Zahl der schwer kranken Bäume ist ebenfalls kleiner geworden. Deutlich zugenommen hat dagegen die Anzahl der leicht und mittelschwer geschädigten Bäume. Fazit: In den Achtzigern haben die Menschen das Risiko übersteigert wahrgenommen – die heutige Sorglosigkeit ist aber ebenso unbegründet.
Objektive Risiken, wie sie sich mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitstheorie auf der Grundlage von statistischen Daten berechnen lassen, decken sich offensichtlich nicht mit den gefühlten Risiken. Viele Menschen empfinden eine Flugreise als hohes Risiko, kaum einer eine Autofahrt. Dabei endet die pro Kopf und Kilometer mit zehnfach höherer Wahrscheinlichkeit tödlich – wer am Flughafen aus dem Taxi steigt, hat den riskantesten Teil der Reise bereits hinter sich.
Wer ängstigt sich schon vor heimischen Insekten? Dann doch eher vor Haien oder Wölfen. Allerdings kommen pro Jahr 14000 Menschen weltweit durch Bienen- und Wespenstiche ums Leben, während Haie nur rund zehn Unglückliche erwischen. Und die Zahl der Wolfsopfer ist heutzutage gar so gering, dass sich eine aussagekräftige Jahresstatistik nicht mehr aufstellen lässt.
»Die Risiken, die Sie umbringen, sind nicht unbedingt diejenigen, die Sie aufbringen oder ängstigen«, sagt Peter M. Sandman, ein US-amerikanischer Experte für Risikokommunikation. Und Paul Slovic, der als einer der weltweit führenden Experten für Risikowahrnehmung an der University of Oregon lehrt, illustriert dies mit einem politisch brisanten Beispiel: »Die rund 3000 Todesopfer der Anschläge vom 11. September 2001 hatten bedeutende politische Folgen. Im gleichen Monat sind in den USA etwa 3000 Menschen bei Verkehrsunfällen gestorben. Sie wurden von der Öffentlichkeit praktisch nicht registriert.«
Was treibt uns zu verzerrter Risikowahrnehmung? US-Forscher Slovic hat verschiedene Faktoren ausgemacht: Risiken mit Katastrophenpotenzial wie Flugzeugabstürze oder eben Terroranschläge werden überschätzt, solche, die zum Alltag unserer Zivilisation gehören wie Verkehrsunfälle oder Gesundheitsschäden durch Alkohol, unterschätzt. Wird ein Risiko als kontrollierbar empfunden, wiegt es leichter als ein unkontrollierbares. Das hört sich dann vielleicht so an: »Wenn im Flugzeugcockpit etwas schiefgeht, bin ich hilflos. Im Auto kann ich selbst als Beifahrer ins Lenkrad greifen.« Und wer ein Risiko freiwillig auf sich nimmt, schätzt es geringer ein als ein aufgezwungenes. So empfinden wir süße und fettreiche Ernährung ganz zu Unrecht als weniger riskant als gentechnisch manipulierte Lebensmittel.
Solche Fallstricke der Psyche sorgen dafür, dass wir erst recht ins Risiko stolpern. Das gilt auch für finanzielle Entscheidungen. Dabei ist eigentlich alles ganz einfach. Jede Investition bedeutet, sich ein Risiko ins Haus zu holen. Selbst den Furchtsamen, der eifrig Goldbarren unterm Bett stapelt oder auf grundsolide deutsche Staatsanleihen setzt, kann es kalt erwischen – aus dem jüngst über die Marke von 1000 Dollar spekulationsgetriebenen Goldkurs kann die Luft entweichen, die Inflation und eine Erhöhung des Leitzinses entwerten möglicherweise Staatsanleihen.
Aber finanzielle Risiken lassen sich auch ausgliedern. Gegen eine Prämie sichern Versicherungsunternehmen Gefahren ab, die in der Zukunft drohen. Eine Risikolebensversicherung schützt den Versicherten zwar nicht vor seinem Ableben, die Hinterbliebenen aber vor den finanziellen Folgen. Private Finanzplanung bedeutet also, den Zu- und Abfluss von Risiken zu koordinieren und sie ins Verhältnis zum Aufwand oder Gewinn zu setzen.
Das Geschäft der Versicherungsbranche basiert auf ausgefuchsten mathematischen Methoden der Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik, mit denen sich Risiken und Chancen kalkulieren lassen. Auch die Banken setzen Kohorten von Mathematikern ein. Die Verbraucher hingegen entscheiden mit Vorliebe nach Gefühl und Wellenschlag. Angesichts dieses Verhältnisses zwischen der Finanzindustrie und ihrer Kundschaft läuft es allzu oft auf die ebenso bündige wie betrübliche Erkenntnis von Paul Slovic hinaus: »Risiko ist ein Schlachtfeld.« Und keines, auf dem Waffengleichheit herrscht.
Ein souveränes Risikomanagement ist unter Verbrauchern deswegen eher die Ausnahme. Gegen die – nach Schadensschwere und Eintrittswahrscheinlichkeit – gravierende Gefahr der Berufsunfähigkeit ist beispielsweise nur eine Minderheit von 22 Prozent der deutschen Haushalte abgesichert. Andererseits scheut die Mehrzahl hierzulande vor aktienbasierten Anlagen zurück, obwohl die, wenn breit gestreut, auf lange Sicht nicht nur hohe Rendite, sondern auch ein vergleichsweise hohes Maß an Sicherheit bieten. Da stellt sich der Eindruck ein, wir seien ein Volk von tollkühnen Angsthasen.
- Datum 07.04.2008 - 05:47 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.03.2008 Nr. 14
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Objektive Risiken, wie sie sich mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitstheorie auf der Grundlage von statistischen Daten berechnen lassen, decken sich offensichtlich nicht mit den gefühlten Risiken. Viele Menschen empfinden eine Flugreise als hohes Risiko, kaum einer eine Autofahrt. Dabei endet die pro Kopf und Kilometer mit zehnfach höherer Wahrscheinlichkeit tödlich – wer am Flughafen aus dem Taxi steigt, hat den riskantesten Teil der Reise bereits hinter sich. "
Lieber Herr Drommert,
ich weiß jetzt, warum ich Angst vorm Fliegen habe und die Taxifahrt als ungefährlicher empfinde..
Angenommen, ich fahre mit dem Taxi 10 km zum Flughafen und dann 10 000 km nach LA. Dann ist das Risiko nach obiger Aussage, mit dem Flugzeug umzukommen, 100 mal höher als bei der einzelnen Taxifahrt von 10 km.
Rechnen wir mal nach: 10 km (Auto) : 10 000 km (Flieger) gleich 1 km : 1000 km.
Weil das Risiko des Fliegens nur 1/10 (pro km) des Risikos der Taxifahrt beträgt, entsprechen 10 km mit dem Auto 100 km mit dem Flugzeug bei gleicher Gefährdung. Bei 10 km mit dem Auto und 1000 km mit dem Flugzeug ist das Flugzeug schon 10 mal so riskant. Bei 10 km mit dem Auto und 10 000 km mit dem Flugzeug ist das Flugzeug schon 100 mal so riskant.
Das Risiko des Fluges von Hamburg nach Los Angelos ist demnach
100 mal so hoch wie das der Taxifahrt aus der Innenstadt zum Flughafen basierend auf Ihrer Aussage, bei einen km Flug habe man nur 1/10 des Todesrisikos durch Autofahren.
Anders sähe es aus, wenn man die Alternative hätte, 10 000 km mit dem Auto nach LA zu fahren oder 10 000 km mit dem Flugzeug nach LA zu fliegen.
In dem Falle würde ich auf jeden Fall das Flugzeug nehmen, denn dann hätte ich nur 1/10 des Risikos der Autofahrt nach LA.
Ich bin gerne bereit, mich hier eines Besseren belehren zu lassen, um meine Flugangst abzubauen.
Genau diese Rechnung, dass ein Langstreckenflug bei den vom Autor aufgeführten Randbedingungen zigmal riskanter ist als die Taxifahrt zum Flughafen ist mir auch durch den Kopf gegangen. Diesen Fehler des Autors mit Pisa in Verbindung bringen zu wollen, greift da meiner Meinung nach zu kurz.Wie der Autor beobachtet hat, gibt es Themen, die aus dem Nichts erscheinen, durch das gegenseitige Abschreiben omnipräsent werden und deren Relevanz ab einem bestimmten Beschallungsgrad nicht mehr hinterfragt werden. Genauso ist es mit dem, was neudeutsch "urban legends" genannt wird, für die die Aussage, die Taxifahrt zum Flughafen sei gefährlicher als der Flug, ein Beispiel ist. Insofern ist der Hinweis des Autors auf die Gefahr, Dinge nicht zu hinterfragen, plastisch durch eigenen Übersehen illustriert. ;-)Abschließend noch zwei Bemerkungen: Wenn ich die Aussage auf Deutschland einschränke und den Straßen- wie den Flugverkehr hierzulande betrachte, verschiebt sich das Verhältnis der beiden Sterbensrisiken deutlich zu Gunsten des Flugverkehrs. Für innerdeutsche Flüge könnte die Aussage also tatsächlich stimmen, und wer hat schon 10km zum Flughafen...Zum Abbau der Flugangst hat der Autor übrigens auch einen Ratschlag gegeben: Machen Sie den Pilotenschein. Dann können Sie wieder ins "Lenkrad" greifen! ;-)
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