Jeder zweite deutsche Haushalt heizt mit Gas. Der flüchtige Stoff ist zwar praktisch und relativ sauber, er wird aber auch immer teurer. Zu Jahresbeginn stiegen die Gaspreise kräftig an, fast überall, allerdings nicht in Ahrensburg. In der nordöstlich von Hamburg gelegenen Stadt wurde der Brennstoff sogar um fünf Prozent billiger. Diesem Beispiel könnten demnächst auch andere Gemeinden folgen – zum Ärger von E.on und Co.

Ein kleines Büro, etwas abseits vom Zentrum der Stadt gelegen – die Zentrale der neuen Gasversorgung Ahrensburg GmbH (GAG) könnte unscheinbarer kaum sein. Und doch fand hier eine kleine Revolution statt, die womöglich viele Nachahmer findet.

Vor gut einem Jahr löste sich die Kleinstadt mit Hilfe einer Klage aus der Abhängigkeit vom angestammten Gasversorger E.on und brachte eine eigene Gasversorgung auf den Weg. Jetzt, nach dem ersten Betriebsjahr des kommunalen Unternehmens, hat sich der Ahrensburger Sonderweg als ausgesprochen lohnend erwiesen.

Statt der bisher von E.on gezahlten Konzessionsabgaben in Höhe von 70.000 Euro zahlte die GAG 420.000 Euro in die städtische Kasse ein. Weitere 1,4 Millionen Euro überwies das Unternehmen binnen einer Woche nach dem ersten Abrechnungsjahr auf die Konten seiner Kunden zurück. Eine Familie mit einem durchschnittlichen Jahresverbrauch von 25.000 Kilowattstunden hatte damit 67,50 Euro mehr in der Haushaltskasse. Wegen des milden Winters bekamen einige Ahrensburger Gasverbraucher sogar bis zu 600 Euro zurück.

Wie war das möglich, wo doch die großen Energieversorger immer wieder beteuern, dass sie die Preise nicht senken könnten? Durch eine besonders "scharfe Kalkulation" und weniger anspruchsvolle Gewinnerwartungen, als sie die Konzerne haben, lautet die Antwort von Horst Kienel, dem Geschäftsführer der GAG und Kämmerer der Kommune.

In der Kleinstadt mit 31.000 Einwohnern, in der die Zahl der Bürger ebenso stetig steigt wie die der Gewerbebetriebe, machte der regionale Gasversorger E.on Hanse bis vor Kurzem gute Geschäfte. Allerdings wollten die Kommunalpolitiker sämtlicher Parteien nicht länger tatenlos zusehen, wie das Geld in die Kasse des fernen Energiekonzerns floss. Mit einer Mischung aus Groll und Trotz, aber auch mit wohlüberlegtem Kalkül, suchten sie deshalb nach einer Lösung.

Als der Konzessionsvertrag für Gas im Jahre 2003 dem Ende der 20-jährigen Laufzeit entgegenging, nahm die Stadt deshalb Gespräche mit E.on Hanse auf – mit dem Ziel, das regionale Gasnetz wieder unter städtische Kontrolle zu bekommen. Auf dieses Vorhaben wollte sich allerdings E.on partout nicht einlassen.

Schließlich klagte die Stadt. Horst Kienel erinnert sich: "Wir haben eine Erfolgsvorschaurechnung machen lassen und haben dabei festgestellt, dass sich mit dem Netzbetrieb gut Geld verdienen lässt. Wir sind dazu der Auffassung, dass es hier in der Kommune oder in der Region bleiben sollte."

Das letztinstanzliche Urteil des Kieler Landgerichts übertraf sogar die Hoffnungen der Kommunalpolitiker: Nicht nur das Netz, auch die Endkunden musste E.on an die neue Gesellschaft GAG übergeben. Für die Netzübernahme waren zwar 11,5 Millionen Euro fällig; dennoch hat sich sowohl für die Gasverbraucher als auch für die Kommune das Geschäft gelohnt. Wegen gestiegener Beschaffungskosten muss auch die GAG nun zum ersten Mai die Preise leicht anheben. Preisgünstiger als die E.on-Hanse in den benachbarten Gemeinden bleibt sie trotzdem.

Wenn in Schleswig-Holstein über 300 Strom- und Gas-Konzessionsverträge mit der E.on Hanse bis Ende 2012 auslaufen, und weitere 100 Verträge in Niedersachsen, entlang der Elbe und entlang der holländischen Grenze, dann können diese Kommunen dem Ahrensburger Beispiel folgen. "Für neue Wege haben sie jetzt eine viel bessere Ausgangsbasis für ihre Verhandlungen", so die Ahrensburger Bürgermeisterin Ursula Pepper.