Bislang gilt William Turners Gemälde Regen, Dampf, Geschwindigkeit von 1844 als Einbruch der Moderne in die Kunstgeschichte: Eine Eisenbahn rast durch ein Farbgewühl auf den Betrachter zu, und man meint den Höllenlärm der Zukunft zu hören. Ist Gnom, Eisenbahn betrachtend von Carl Spitzweg, ein paar Jahre später entstanden, dagegen nicht ein absurder Rückschritt? Ja. Und: Nein. Denn natürlich bestätigt das Bild erst einmal alle Klischees, die über den Maler des Armen Poeten in Umlauf sind, die Behaglichkeit seiner Bilder und ihre Kleinbürgerlichkeit: Das Rattern der fernen Bahn unten auf der Ebene dringt, so scheint es, kaum an das Ohr des Gnoms mit Zipfelmütze. Aber genau mit diesem Kunstgriff demonstriert Spitzweg seine Meisterschaft.

Er distanziert sich kühn von seiner eigenen Gegenwart, indem er sie als märchenhafte Zwergenwelt karikiert, die glaubt, das Kommen und Gehen der Moderne aus ihren sicheren Höhlen beobachten zu können.

Da steckt natürlich auch sehr viel subtile Selbstironie drin denn Spitzweg wusste um seinen Ruf als biedermeierlicher Sonntagsmaler, der die Zeit anhalten will. Doch es sollte uns so langsam dämmern, dass er vor allem malerisch und kompositorisch einer der besten Maler war, die es im deutschen 19. Jahrhundert gab.

Und man kann nur hoffen, dass Edmund Stoiber, dessen Lieblingsmaler Spitzweg ist, nicht nur den Idylliker liebt, sondern auch den Ironiker. Denn dann könnte er sich am 5. April, wenn dieses Gemälde bei Ketter in Hamburg zu 30000 bis 40000 Euro aufgerufen wird, vielleicht mit seiner Ministerpräsidentenpension den Gnom, Eisenbahn betrachtend ersteigern. Er brauchte dann keinen Transrapid in München mehr, weil er beim Betrachten des Spitzwegs wüsste, dass man zum Zwerg wird, wenn man zu wissen glaubt, wer die Riesen der Gegenwart sind und in Zukunft sein werden.