Hoteltest Wohnen im Guckkasten

Das Hotel Aire de Bardenas in Navarra holt auf faszinierende Weise die Landschaft ins Zimmer

Dieser Ausblick! Auf Steine und Gras, auf flaches Land, auf ein paar Hügel in der Ferne. Am hohen hellblauen Himmel hängen ein paar Wolkenstreifen. Irgendwo wirbelt der Wind etwas Staub auf. Mit anderen Worten: Man sieht nichts Besonderes. Und doch, man starrt unentwegt hinaus und denkt: Was für ein Ausblick!

Die Begeisterung hat etwas mit dem Rahmen zu tun, mit diesem Möbelstück, das eigentlich keines ist. Im Hotel Aire de Bardenas wird es »bewohnbares Fenster« genannt. Denn das Fenster ist nicht einfach eine große Scheibe zum Hindurchschauen, sondern ein tiefer, quadratischer Rahmen, in den man sich komplett zurückziehen kann. Statt bloß vor einem Panorama zu stehen, liegt man förmlich mittendrin. Der faszinierende Guckkasten verlängert das Hotelzimmer halb in die Ebene hinaus, halb saugt er die Ebene ins Zimmer hinein. Da fällt es schwer, wieder aufzustehen.

Glücklicherweise gibt es in der Umgebung nicht allzu viel zu erkunden. Das Hotel Aire de Bardenas liegt im Süden der spanischen Provinz Navarra, in einer touristisch eher unterentwickelten Zone. Unweit des Hotels erstreckt sich die Wüstenlandschaft der Bardenas Reales, zwischen deren Wildwest-Felsen man eine lange Weile herumstreifen kann. Wer von einer Ausfahrt dorthin dann zurückkehrt, dem kommt das Hotel leicht wie das Dreharbeiten-Dörfchen einer Hollywood-Produktion vor: wie ein Camp auf Zeit. Ein solides Gebäude gibt es nicht. Stattdessen eine Reihe metallener Boxen, locker über den Grund verteilt. Große Obstkisten, aus der Region zusammengekarrt, dienen dem Container-Cluster als Windfang und Sichtblende. Ein Viersternehaus stellt man sich anders vor.

Seit einigen Jahren ist in Spanien der turismo rural in Mode, der ländliche Tourismus. Das Aire de Bardenas gehört unbedingt in diese Kategorie. Aber es entfernt sich radikal vom üblichen regionalistischen Look. Die Architekten Mónica Rivera und Emiliano López aus Barcelona haben eine Art Update entwickelt: Das Hotel mag auf den ersten Blick nicht so gut in die Landschaft passen wie eine alte Bauernkate; andererseits fallen die schlichten Metallwürfel weithin kaum auf, bringen also den Horizont nicht durcheinander und sind im Zweifelsfall leicht wegzuschaffen – fast so leicht wie die Obstkisten.

Das Aire de Bardenas ist ein Familienbetrieb. Direktorin Natalia Pérez hat lange nach einem Flecken »visuell nicht verschmutzten« Landes gesucht, für die weiten Blicke. Manche der insgesamt 22 Zimmer müssen trotz allem auf sie verzichten. Die haben stattdessen einen kleinen Patio mit jungem Obstbaum und einer großzügigen Badewanne im Freien. Für alle, die mehr Wasser brauchen, gibt es auch einen Pool, doch der ist ein wenig lieblos mit Milchglaspaneelen eingefriedet. Etwas offener liegt gleich nebenan der hoteleigene Gemüsegarten da. Die Restaurant-Terrasse reicht direkt auf ihn hinaus, und seine Kohl- und Salatsorten spielen auf der Speisekarte eine wichtige Rolle. Leider braucht man etwas Glück, will man die Küche tatsächlich testen. Denn Sonntagabend und Montag bleibt das Restaurant geschlossen – wo man das Hotel doch so ungern verlässt. Ausnahmsweise zieht sich die Direktion auf die Tradition zurück: »Das machen fast alle Hotels der Region so.« Aha. Ein Hinweis vorab, bei der Reservierung oder auf der Website, wäre nicht schlecht gewesen. Für den Notfall werden Sandwiches und Salate bereitgehalten.

Café und Bar, von einer kleinen Theke am Rande der Lobby aus betrieben, bleiben alle Tage geöffnet. Drinnen sitzt man sehr nett auf bunt gepolsterten Sesseln mit Stahlblech-Chassis, in einer gelungenen Mischung aus gediegenen und stylischen Elementen, die die Dekoration des ganzen Hauses bestimmt. Noch besser sitzt man draußen, an den Tischen des zentralen Patios, unter Pflaumen- und Quittenbäumen. Aber am allerbesten sitzt man doch auf dem eigenen Zimmer, im bewohnbaren Fenster, hoffentlich mit Aussicht. Zum Sonnenuntergang sollte man da sein. Zum Sonnenaufgang auch. Und selbst mitten in der Nacht, nach dem Löschen des letzten Lichts, behält das Fenster seine Sogkraft. Ist erst einmal das grelle Telefondisplay mit einem Kissen unschädlich gemacht, kann man, vom Rahmen halb ins Dunkel hinausgeschoben, eine Weile mit den Sternen über der Steppe zusammensitzen.

Aire de Bardenas, Carretera de Ejea, Km. 1,5, E-31500 Tudela, Tel. 0034-948/116666, www.airedebardenas.com . DZ ab 110 Euro, Frühstück circa 12 Euro

 
Leser-Kommentare
  1. Vielen Dank für den inspirierenden Beitrag!

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  • Quelle DIE ZEIT, 27.03.2008 Nr. 14
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  • Schlagworte Tourismus | Barcelona | Spanien | Wohnen | Hotel
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