Gespräch »Ich bin ein Glücksprophet«
Ein Gespräch mit dem großen Lyriker Peter Rühmkorf über das Reimen an der Mutterbrust, Gedichte als Droge und ein Grabmal mit Biogasanlage
Sein angestammtes Domizil hat der Dichter verlassen müssen. Zu steil der Weg hinab an den Fluss, zu unpraktisch das Haus mit Blick auf den Hamburger Hafen, in dem Peter Rühmkorf jahrzehntelang im Liegestuhl und an der Schreibmaschine »Himmelsplankton durchsiebte«, wie er das Verfertigen von Versen mal genannt hat. Nun also die Bauernkate im Lauenburgischen. Wie eine Wollmütze hat das Haus sein Reetdach tief ins Gesicht gezogen, so baute man damals, kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg. Hier hat Peter Rühmkorf sein jüngstes Buch zusammengestellt, »Paradiesvogelschiß« heißt es und erscheint am 1. April. Auf dem Esstisch in der Wohnhalle liegen noch ein paar Fotos, die den Dichter am Werk zeigen, unterstützt von seinem Archivar und einer Mitarbeiterin seines Verlages.
DIE ZEIT: Ist Lyrik für Sie Teamarbeit?
Peter Rühmkorf: Ich kann doch nicht mit Computern arbeiten, ich habe immer mit der Olympia Monica geschrieben. Aber das ging nicht mehr. Meine Fingerkuppen sind zu dünn geworden, weil ich ein Jahr im Krankenhaus gelegen habe. Ein furchtbares Martyrium. Es hing vom Zufall und von der Kunst des Operateurs ab, dass ich hier überhaupt noch sitze. Ich hatte keine Lust mehr auf irgendwas und dachte: Wenn’s aus ist, ist’s eben aus.
ZEIT: Kein Aufbegehren?
Rühmkorf: Ich bin da ein bisschen fatalistisch. Ich habe keine Angst vor dem Absprung in andere Welten. Der Tod ist ein interessantes Thema, aber er ist für mich nicht das böse Gespenst. Es gibt so viele von mir verehrte Leute, die diesen Sprung schon gemacht haben, er steht uns allen bevor. (Pause) Ich mag bloß keine Schmerzen. Und da alles von Schmerzen begleitet ist, glaubte ich, ich müsse die Buchidee aufgeben. Ich schlug drei Kreuze hinter mir und dachte: Nein, es ist nicht zu machen, ich habe nicht die Kraft, ich habe nicht die Laune. Ich bin nicht mehr der, der ich vorher war.
ZEIT: Und doch gibt es jetzt ein neues Buch.
Rühmkorf: Ja, da nahte der 100. Geburtstag von Rowohlt, und ich dachte, das sei eine gute Gelegenheit, nach zehn Jahren mal wieder ein Gedichtbuch zu machen. Ich bin ja das älteste Faktotum im Verlag, schon mein erstes Buch Irdisches Vergnügen in g habe ich dort veröffentlicht. Und da sollte mein letztes oder vorletztes auch dort erscheinen. Aber ich hatte nur einen Riesenhaufen von Notizblättern, Hunderte, Tausende. Es waren lauter Keime, ich nenne die immer Quanten. Material, das für mich noch Zündstoff enthält. Ein Gedicht besteht aus mehreren Grundeinfällen, Aha-Erlebnissen, die ich mir notiert habe, weshalb ich auch ewig Papier und Stift bei mir trage.
ZEIT: Das erste Gedicht des neuen Buches, Die Ballade von den geschenkten Blättern, ist wie ein Selbstbildnis Ihrer Arbeitsweise: Aus einem Paradiesvogelschiss wächst ein Baum, dessen Blätter wiederum in »privater Geheimschrift« das Material des Dichters enthalten. Eigentlich sind Sie selbst der Paradiesvogel, der aus Scheiße Gold macht.
Rühmkorf: Das will ich mal ganz dahingestellt sein lassen. Als das Gedicht fertig war, sagte meine Frau: Du hast ja genau deine Methode beschrieben! Aber auf die Einfälle kommt es an. Darum habe ich immer Gottfried Benn widersprochen, der in der Nachfolge von Baudelaire gesagt hat: Gedichte werden aus Worten gemacht. Gedichte werden aber aus Einfällen gemacht.
ZEIT: Brauchen Sie Hilfsmittel, um Ihren Einfällen auf die Sprünge zu helfen? Schreibt es sich mit Rotwein besser?
Rühmkorf: Es kommen auch Einfälle, wenn man nichts genommen hat. Aber manchmal häufen sie sich, wenn man Alkohol genossen oder Hanf gezogen hat. Wenn man in eine bestimmte Stimmung kommt, knattert es. Es passiert, dass der Strich gar nicht schnell genug folgen kann. Weil die Gedanken schneller abgesaust sind, als man sie festhalten kann.
ZEIT: Haben Sie Angst, dass Ihnen mal nichts einfällt?
Rühmkorf: Nein. Mich treibt eher die Angst, dass ich von Einfällen erdrückt werde. Ich habe noch so viele Fragmente, die sich nach einander sehnen, die sich zum Gedicht vergesellschaften wollen.
ZEIT: Am Anfang des neuen Buches heißt es: »Dein Feld wird schmaler. (…) fast eine Furche nur ist dir geblieben«. Ist das die Erfahrung beim Schreiben im Alter?
Rühmkorf: Allerdings. Man kennt die Welt, man hat fast alle Themen durch, da bleibt nicht mehr viel, über das man neu schreiben könnte.
ZEIT: Sie schreiben von Haydns »Altersübermut – vollkommene Beherrschung der Mittel«. Haben Sie selbst diesen Altersübermut erreicht?
Rühmkorf: Manchmal. In dem Moment, wo ich das geschrieben habe, hörte ich gerade Haydn und fühlte mich in der Stimmung. Ein Augenblick der Beglückung.
Das Sitzen fällt dem Dichter schwer, also verlagert sich die Runde in sein Arbeitszimmer, wo vor dem Schreibtisch eine Art Diwan steht. Rühmkorf räumt eine Geschenkausgabe von Marx’ »Kapital« beiseite und legt sich auf die karierte Wolldecke, schlägt die Beine übereinander, Zigaretten und ein Glas mit schmerzstillenden Tropfen neben sich.
ZEIT: Hier liegt ein Reimlexikon – arbeiten Sie damit?
Rühmkorf: Mit allen Geräten und Lexika…
ZEIT: …erlaubten und unerlaubten…
Rühmkorf: Nee, da soll man gar keine Witze drüber machen. Ein Haufen von Lexika gehört in jede Werkstube, um Wörter, Wörter, Wörter zu finden. Diesen alten Peregrinus Syntax hier von siebzehnhundertsowieso – da stehen auch Sachen drin, die sich rhythmisch gar nicht reimen. Aber es bringt einen auf Gedanken.
ZEIT: Ist es nicht frustrierend, zu sehen, welche originellen Reime schon von jemand anderem gefunden wurden?
Rühmkorf: Nöö, das ist Arbeitsmaterial. Wenn ich andere Berufe sehe, ob Orgelbauer oder Intarsienleger – die erfinden die Werkzeuge auch nicht neu.
ZEIT: In einem der Aphorismen im neuen Buch schreiben Sie: »Alter, kleb die Zähne fest, und dann wird losgebissen.« Beißt es sich im Alter anders?
Rühmkorf: Das ist natürlich ein bisschen zynisch gemeint. Man kann nicht mehr so beißen wie früher.
ZEIT: Damit finden Sie sich ab.
Rühmkorf: Das ist alles viel zu ernst gefragt. Früher gab es so Klebmittel für die Zähne. Im Moment arbeite ich nach dem Druckknopfprinzip, man klemmt das so rein, zack.
ZEIT: Aber Sie wollen immer noch was Neues zu fassen kriegen.
Rühmkorf: Etwas Altes braucht nicht noch mal zu sein.
ZEIT: »Leider, die Möglichkeiten schwinden, / eine neue Stellung im Vers zu erfinden«, schreiben Sie. Sie versuchen es trotzdem weiter?
Rühmkorf: Das ist natürlich eine laszive Anspielung. Weil der Vers auch eine Kopulation ist. Dichten ist was Erotisches.
ZEIT: Ein guter Reim ist wie guter Sex?
Rühmkorf: Bahbahbahbahbah. Das ist mir zu banal.
ZEIT: Der Jambus sei mitnichten »ausgequatscht«, schreiben Sie, man müsse ihn nur neu besohlen. Ist das so einfach?
Rühmkorf: Im Alter wird man als Lyriker viel gelenkiger und muss sich keine Sachen mehr zurechtbiegen. Ich merke sofort, werkstattmäßig, wenn einer was hingebogen hat. Was dagegen direkt vom Himmel kommt, die guten Zeilen, die herabregnen wie Sterntaler, erkennst du gleich. Wenn du ein Leben lang dabei bist, dann weißt du aber auch, dass das Selbstgemachte genauso gut aussehen muss wie das vom Himmel Gefallene. Das ist die Kunst, das können die meisten nicht.
ZEIT: Erinnern Sie sich an Ihr allererstes Gedicht?
Rühmkorf: Jaja. Da war ich vier oder so: »Da lief der Hase mal durch einen Wald«…
ZEIT: Hat Ihre Mutter Gedichte aufgesagt?
Rühmkorf: Sie hat selbst gedichtet! Anekdotisches. Sie war Lehrerin und hatte einen Zug zum Dichten. Und auf dem Dorf galt nur das gereimte Gedicht. Alles andere zählte nicht, kann ja jeder. Immer, wenn mal ein Jubiläum oder Schulfest war, musste Fräulein Rühmkorf ran und dichten. Daher weiß ich von ganz früh, dass Gedichte etwas mit Geselligkeit zu tun haben, denn sie dichtete nur vor Publikum. Es wurde applaudiert, die Leute fragten: Fräulein Rühmkorf, können Sie uns das nicht noch mal abschreiben?! Das Gedicht war Alltagspraxis. Als ich zwölf war, kamen so erste Liebesgedichte dazu, aber die habe ich verbrannt.
ZEIT: Warum denn das?
Rühmkorf: Weil ich gelesen hatte, dass richtige Dichter ihre Jugendgedichte verbrennen. Und da hab ich lauter so kleine bunte Heftelchen ins Feuer geworfen. Da war ’ne Menge drin, meistens Scherzgedichte. Ärgert mich sehr.
ZEIT: Sie schreiben von der »Unsterblichkeitsgrenze«, die man mal über-, mal unterschreitet. Wo liegt die für Sie?
Rühmkorf: Das ist Künstlerhochmut. Das hab ich einfach mal so gesagt.
ZEIT: Sie reimen immer noch. »Und es tönte ein Reim – zwirnsfadendünn aus dem Altersheim«, schreiben Sie. Pfeift der Reim auf dem letzten Loch?
Rühmkorf: Ja, und das ist auch seine Herausforderung. Ich habe ein Buch über den Reim geschrieben, agar agar – zaurzaurim, wo ich den Reim zurückverfolgt habe bis zu seinen ersten menschlichen Spuren. So würde ich nie wieder ein Buch nennen. Weil das nicht verstanden wird. Obwohl Reime in allen Sprachen auftauchen. Unsere erste Sprache, die Muttersprache, die Ammensprache, besteht ja aus zwei sich reimenden Einsilbern: Mama, Papa, Wauwau, Pipi, Kacka. Auf dem Gebiet der niederen Laute kommst du zurück bis zum Kleinkind, das an der Brust hängt und gna, gna, gna so vor sich hinkaut und -saugt. Dann sagt die Mutter: Das Kind kann schon sprechen! Und sagt Mama, Mama und füttert das wieder in das Kind hinein. Aus dieser Mutter-Kind-Dyade entsteht Sprache überhaupt. Und das sind schon ganz frühe, primitive Reime.
ZEIT: Der Reim hat angefangen als Beschwörungsformel, als Magie, wie in den Merseburger Zaubersprüchen, die Sie zitieren. Kann man ihn heute noch anders als ironisch verwenden?
Rühmkorf: Ja, absolut! Wen wollen wir mal herbeizitieren? Nehmen Sie, wen Sie wollen! Sagen wir Gottfried Keller: »Augen, meine lieben Fensterlein, / gebt mir schon so lange holden Schein…« Das ist doch zu Herzen gehend!
ZEIT: Aber Keller ist auch schon 150 Jahre tot. Sie reimen »gewiß« auf »Paradiesvogelschiß «.
Rühmkorf: Ironie ist schon immer ein Grundprinzip bei mir. Aber natürlich gibt es auch unironische Reime, bei Benn, bei Brecht, bei Trakl: »Dämmerung voll Ruh und Wein; / Traurige Guitarren rinnen / Und zur milden Lampe drinnen / Kehrst du wie im Traume ein« – das ist wunderschön, das ist Drogenstoff, das ist nicht komisch.
ZEIT: In einem Ihrer Capriccios sprechen Sie von der Sehnsucht nach der Rückkehr zu einer Kunst im Stand der Unschuld, wo noch alles möglich ist.
Rühmkorf: Diese Sehnsucht betrifft mehrere Ebenen, zunächst mal mich selbst – dass ich als Verseschmied noch mal ganz neu losspringen kann. Es hat ja riesige Sprünge gegeben, zwischen Barocklyrik und Klopstock zum Beispiel, das ist ja überhaupt nicht zu fassen! Klopstock konnte überhaupt nicht richtig reimen!! Und dann fängt er an: »Willkommen, o silberner Mond, / Schöner, stiller Gefährt der Nacht! / Du entfliehst? Eile nicht, bleib, Gedankenfreund!« Na, und so weiter. Ein wunderschönes Gedicht, fast so, als ob es die Wolken und der Mond selbst einem vorspielen würden. Das schwebt ganz anders, ist ganz anders rhythmisiert, nicht eingekerbt, und fängt mit etwas an, das vorher gar nicht als Lyrik angesehen war.
ZEIT: Kann es so einen Epochenbruch noch einmal geben?
Rühmkorf: Bei Brecht hat es ihn gegeben.
ZEIT: Und bei Rühmkorf?
Rühmkorf: Auch. Ich hab ja immer Neues versucht, zum Teil im Rückgriff auf die Alten, indem ich parodistische Sachen gemacht habe, nicht als Vergackeierung der Alten, sondern um sie in ein ironisches, aber noch brauchbares Licht zu setzen. Ich reihe mich bewusst ein in die Tradition und habe für gewisse neue Töne gar kein Verständnis – weil sie mich nicht ergreifen.
ZEIT: Ist das Ihr Kriterium für ein gelungenes Gedicht – dass es ergreifend ist?
Rühmkorf: Ja. Darüber ist ja viel diskutiert worden. Das Ergriffensein, absolut genommen, fordert natürlich sofort die ironische Brechung heraus.
ZEIT: Verstanden werden ist eines Ihrer Ziele, und Sie verändern dafür sogar Ihren Stil: »Einfach werden – radikal. / Kompliziert, das war einmal. Weil, …Subtilität / kaum ein Leser noch versteht.« Werden die Leute wirklich dümmer?
Rühmkorf: Selbstverständlich! Es werden doch keine Gedichte mehr auswendig gelernt in der Schule, die Schüler gehen doch ganz ohne dieses Gepäck nach Hause. Wenn ich Lehrer wäre, würde ich sogar Schiller-Balladen aufsagen, noch besser: aufführen lassen. Und sofort wird sich da ein Kontakt bilden, obwohl es eine völlig unnormale Art zu sprechen ist.
ZEIT: Warum hat es die Lyrik zurzeit so schwer? Weil das Unnormale in einer effizienzorientierten Welt keinen Platz mehr hat?
Rühmkorf: Es gibt so viele Unterhaltungsartikel… Nehmen Sie die Zeit von Walther von der Vogelweide: Da gab es an ernsthafter Unterhaltung kaum mehr als die Lyrik, die zur Radleier vorgetragen wurde. Und heute krallen sich die Teenager in die Drähte und werden fast verrückt von einem Gedudel, von dem mir ganz schlecht wird. Ein Rammtammtamm und Zeugs an Musik, das mich in die Ecke jagt. Entsetzlich! Das ist wie in der Tierwelt: Lyrik ist eine ökologische Nische, für die sich nur ein ganz paar Leute interessieren. Es ist nicht mehr wie zu Klopstocks Zeiten, wo ein messianischer Sänger auftaucht, und eine ganze obere Gesellschaftsschicht ist davon angerührt.
ZEIT: Sie beklagen die Verflachung – und reagieren doch darauf: »Gedichte, nicht zu kompliziert, / damit man nicht völlig / den Anschluß verliert«. Damit zollen Sie der Verflachung Tribut. Der Klügere gibt nach, die Dummen regieren die Welt. Oder zumindest die Buchläden.
Rühmkorf: Man muss sich an die Verhältnisse anpassen. Wo keine Hörer sind, da hat es keinen Zweck aufzutreten. Ich persönlich bin ganz gut bedient worden, auch wenn ich keine Fußballstadien hinter mir habe, sondern so 150, 280 Leute, ist doch auch schön. Aber man muss sich neu durchprobieren auf einer anderen Ebene, da kriegt man noch mal ein neues Bohrloch zu fassen. Ich suche so ganz kleine Fitzelchen, wie wenn man eine Tüte aufbläst, draufhaut und klatsch! macht. Das ist fast eine Strophe.
ZEIT: Sie hätten ja komplex bleiben können und elitär alleine.
Rühmkorf: Ein elitäres Zu-mehrt-Sein will ich! Mehr werden!
ZEIT: Wie hoch wird denn die Auflage Ihres neuen Buches sein?
Rühmkorf: Das weiß ich nicht, das interessiert mich selbst sehr. Bei meinen Gedichtbänden waren die Erstauflagen meist so zehn-, fünfzehntausend. Die alle auf einem Haufen…
ZEIT: Sind Auflagenzahlen für Sie ein Gradmesser Ihres Erfolges?
Rühmkorf: Das Wort Erfolg lehne ich ab. Ich habe gelernt bei den Erfolglosen, die nur Dreihunderter-Auflagen verkaufen. Also muss ich auch mit kleinen Auflagen zufrieden sein. (Pause) Bin ich aber nicht.
Auf dem Jägerzaun vor dem Fenster huscht jetzt ein Eichhörnchen entlang, Schwanzmeisen umschwirren das Vogelhäuschen. Rühmkorf zündet sich noch eine Lord Extra an und bläst den Rauch in Richtung der alten Naturkundetafel »Unsere häufiger vorkommenden essbaren Pilze«.
ZEIT: In einem der neuen Texte heißt es so flapsig wie lapidar: »Entschuldigen Sie, die Welt ist schön und muß gefeiert werden.«
Rühmkorf: Das brach aus mir heraus, als ich aus der Tür trat. Das hat so noch keiner gesagt. Das kann man einer vergrämten Figur, die da spazieren läuft, gleich ins Gesicht setzen. So stell ich mir das vor.
ZEIT: Ist dieses positive Weltverhältnis eine Errungenschaft des Alters?
Rühmkorf: Nein, das habe ich immer gehabt. Ich bin ein Glücksprophet. Deshalb findet man in meinen Gedichten auch immer eine gewisse Kurve, die erst nach unten zieht und noch immer tiefer hinab, dass man sich fragt: Wie kommt er da wieder raus aus der Scheiße?! Und dann gibt es so einen Wums, und sei es ein satirischer, der am Schluss zurückführt ans Licht.
ZEIT: In Ihrem Gedicht Rückblick auf mein eigenes Leben heißt es: »rasend, / rotierend, / dem Selbstverzehr entgegen, / bis der letzte Biß und der letzte Schiß in einem Reim / zusammenfallen / und die Führung endgültig an die Kakerlaken übergeht«. Das ist aber das Gegenteil von der schönen Welt.
Rühmkorf: Ja, das ist alles ein ziemliches Durcheinander. Und soll ich Ihnen mal was sagen? Das Publikum lacht darüber.
ZEIT: Und das gefällt Ihnen.
Rühmkorf: Ja. Das heißt: In dieser Scheiße tönt noch mal die Geige auf. Das muss man richtig hoch in den Himmel schrauben. Und dann gibt es Applaus, das kann ich voraussagen. Ich bin ja ein sehr ungläubiger Mensch, obwohl ich sehr gläubig erzogen wurde. Für mich ist das Gedicht so etwas wie eine Monstranz. Ein Glaubensartikel.
ZEIT: Gibt es aber Erlösung jenseits des Gedichts?
Rühmkorf: Nein. Nur im Musiksaal. Das ist das große Vermögen der Kunst, die Menschen wenigstens eine Zeit lang zu erlösen. Sie aufzusaugen. Oder sich überhaupt mitzuteilen, in Gedichten zum Beispiel. Als ich noch zur Schule ging, haben wir uns in Gedichten unterhalten. Ich kenne aber auch Lebenszeiten, in denen ich Gedichte von Else Lasker-Schüler oder Benn oder weiß der Teufel wem als Droge aufnehme. Man ist nicht mehr allein, man findet sich wieder im Medium mit seiner Depression, seiner Verzweiflung. Aber das meiste ist schlecht gearbeitet. Das klebt dann wie Tabakreste auf den Lippen, die man immer wegzuspucken versucht. Weg damit. (spuckt aus)
ZEIT: In Ihren Gedichten kommt George Bush genauso vor wie Günther Jauch und der Fliederbusch vor Ihrem Haus. Ist prinzipiell alles lyrikfähig?
Rühmkorf: Unterschiedlich. Namen, speziell die von Politikern, sind nach ein paar Jahren vergessen. Das versteht das Publikum dann nicht mehr. Oder so knackige Sachen aus der Werbung – die verfliegen. Aber ein Gedicht sollte schon anzeigen, auf welchem Spielboden es spielt, in welcher Zeit es seine Tänzchen aufführt.
ZEIT: Sie haben ein Geburtstagsmedaillon für Günter Grass verfertigt. Das hat dann auch nur eine begrenzte Halbwertszeit.
Rühmkorf: Das kann es auch gerne haben.
ZEIT: Ist das ein Freundschaftsdienst?
Rühmkorf: Nöö, das war meine wirkliche Meinung, als ich von all den Angriffen hörte, die er nach dem Bekanntwerden seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS ertragen musste.
ZEIT: Sie haben also Verständnis für Grass, dass er erst in der Kunstform seiner Autobiografie darüber reden konnte?
Rühmkorf: Komischerweise ja. Ich kann das sagen, weil ich aus einer völlig anderen Sozialisation komme und schon mit 13, 14 Jahren in einem Anti-Nazi-Club war. Und später hab ich viel mit gewesenen Nazis zu tun gehabt, die eben nicht nur so reingerutscht sind. Bekenntnisnazis. Zwei von ihnen, Professoren, so autoritäre Knacker, haben mich aus dem Seminar geworfen und meine Universitätskarriere praktisch kaputt gemacht.
ZEIT: Deshalb waren Sie anfangs auch von der Apo begeistert – und haben bald mit ihr gebrochen.
Rühmkorf: Ja, als ich sah, dass die Apo selbst außerordentlich autoritär war. Sie war kein Sammelmedium der neu denkenden Menschen, wie wir gehofft hatten. Das zerflog in tausend kleine Fraktionen, und alle bekämpften sich fürchterlich. Ich wurde dann auch ein paarmal von der Bühne gepfiffen, als gehörte ich nicht dazu. Dabei hatte ich nun wirklich zu den Patenonkels gehört, die Artikel sind ja nachzulesen in der alten konkret.
ZEIT: Was war denn der Vorwurf? Dass Lyrik bürgerliche Scheiße sei?
Rühmkorf: Ach, es gab vieles. Dass ich zu bestimmten Demonstrationen nicht mitwollte. Dass ich mich dagegen wehrte, Gedichte, die ja vergleichsweise zarte Gebilde sind, in U-Bahn-Schächten zu lesen vor Leuten, die ganz schnell nach Hause müssen und schon auf die Uhr gucken, weil das Essen fertig ist… Das fand ich Quatsch. So gab dann ein Wort das andere. An vielen Universitäten sollte auch der Expressionismus aus der Welt gekehrt werden. Das wäre ja reine Kriegshetze! Da war für mich keine Genossenschaft mehr herzustellen.
ZEIT: Wie fällt heute Ihr Urteil aus über die 68er?
Rühmkorf: Da kommt man ohne Dialektik nicht aus. Ich habe die Zeiten vorher erlebt, da empfand ich die Apo als Befreiung, als Verlängerung unserer Schreibtische zur Straße hin. Durch die Große Koalition schien uns das parlamentarische System selbst aufgelöst. Aber es haben auch sehr viele Apo-Leute sehr früh viel Quatsch gemacht. Rasend schnell kam dieser martialische Zug da rein. Meine Frau war ja Gefängnisdirektorin in Neuengamme, da hieß es dann: Eva Rühmkorf – KZ-Wärterin.
ZEIT: Im neuen Buch stellen Sie auch Erwägungen für ein Grabmal mit einer Biogasanlage an – »Kleines Flämmchen noch nährend / über den flüchtigen Anlaß hinaus, / bis der irdische Stoff sich erschöpft«. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zum Tod beschreiben?
Rühmkorf: Ironie ist auch so eine Art Erlösungsform, in der man Haltung bewahrt. Dass man nicht nur in Scheiße und Depressionen verfällt. Die Rolle der Literatur ist doch auch, dass sie das Unerträgliche erträglich erscheinen lässt. Wobei das in diesem Fall hart an der Grenze ist. Aber Literatur muss weit gehen.
ZEIT: Fällt es Ihnen immer gleich leicht, auf diese ironische Art mit dem Sterben umzugehen?
Rühmkorf: Das ist tagesformabhängig. Im Großen und Ganzen halte ich die Ironie für eine Ausdrucks- und Empfindungsform, die es mir überhaupt erlaubt, auf dieser an sich fürchterlichen Welt zu existieren. Wenn ich mir all die Sachen von Morden, von Kindersoldaten und so weiter vorzustellen und tiefer zuzuziehen versuche als eine Zeitungsmeldung – und ich neige leider dazu –, dann kannste ja wirklich den Appetit an der Welt verlieren.
ZEIT: Ist der Tod jetzt Ihr großes Thema?
Rühmkorf: Das ist er schon seit meiner Jugend. Aber mit zunehmendem Alter wird die Lage natürlich brenzliger. Ich mag selbst keine flauen Witze über den Tod. Aber diesen höheren Zynismus, mit dem Vanitas-Gefühl umzugehen – das ist mein Arbeitsfeld. Es hat keinen Zweck, in den Garten rauszurennen und die Fäuste zu ballen. Die Sense sirrt. Man muss wenigstens versuchen, es literarisch zu fassen. Und ich bin da ja nicht der Erste, bei dem das so ist. Ich wollte immer mal einen größeren Totentanz schreiben, aber dazu ist mir noch nicht die richtige Form eingefallen. Die Maler haben das immer lustig gemacht, der Horst Janssen hat einen Totentanz nach dem anderen gemalt. Ich habe nur immer wahnsinnig gern getanzt, das ist ja auch so gesund für die Gebeine…
ZEIT: Paradiesvögel sind auch große Tänzer. Also ist der Paradiesvogel des neuen Buches doch eine Art Selbstbeschreibung?
Rühmkorf: Das bleibt geheimnisvoll. Ganz durchschaue ich mein Unterbewusstsein auch nicht.
ZEIT: Das wäre ja nicht das Schlechteste – von den Lesern als Paradiesvogel wahrgenommen zu werden. Tolles Gefieder, toller Tänzer…
Rühmkorf: Ich hoffe, dass ich den Druck des Buches überhaupt noch erlebe.
ZEIT: Einen Totentanz haben Sie bislang nicht geschrieben, aber einen Grabspruch: »Schaut nicht so bedeppert in diese Grube. / Nur immer rein in die gute Stube. / Paar Schaufeln Erde und wir haben / ein Jammertal hinter uns zugegraben.«
Rühmkorf: Das war nur so ein Gedanke, der mir durch den Kopf flitzte. Je näher das Ende rückt, desto schneidiger werden die Witze.
Das Gespräch führten Wolfram Runkel und Christof Siemes
- Datum 02.04.2008 - 10:46 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.03.2008 Nr. 14
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Selbstironie... reicht bis zum Knie /
Rühmkorf, Du bist grandios /
Lyrik, auch heute, die findest Du nie /
Das Suchen geht in die Hos' /
Verse entspringen aus Deinen Gedanken /
Auch Deine Haltung ist wichtig /
Subversiv... wachsen und ranken /
Deine Blumen verbal und auch richtig!
Keine Ruh im WortallWo die Schnecke Spuren schleimtfinden Wortebieger Klängeschaffen wüste Wahngesängenichts hat je sich ausgereimt_______________________
Ehrlich lügt am besten.
hören - wirklich hörensehen - wirklich sehenempfindenverstehenTiefe formulieren - weitergebenIronie öffnet FensterHimmelsplankton - was für eine herrliche Er-Findunggegen und für den AlltagHerr Rühmkorf, ich danke Ihnen für jeden übermütigen selbstgemachten vom Himmel gefallenen Einfall !Herzlichen Glückwunsch
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