Sein angestammtes Domizil hat der Dichter verlassen müssen. Zu steil der Weg hinab an den Fluss, zu unpraktisch das Haus mit Blick auf den Hamburger Hafen, in dem Peter Rühmkorf jahrzehntelang im Liegestuhl und an der Schreibmaschine »Himmelsplankton durchsiebte«, wie er das Verfertigen von Versen mal genannt hat. Nun also die Bauernkate im Lauenburgischen. Wie eine Wollmütze hat das Haus sein Reetdach tief ins Gesicht gezogen, so baute man damals, kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg. Hier hat Peter Rühmkorf sein jüngstes Buch zusammengestellt, »Paradiesvogelschiß« heißt es und erscheint am 1. April. Auf dem Esstisch in der Wohnhalle liegen noch ein paar Fotos, die den Dichter am Werk zeigen, unterstützt von seinem Archivar und einer Mitarbeiterin seines Verlages.

DIE ZEIT: Ist Lyrik für Sie Teamarbeit?

Peter Rühmkorf: Ich kann doch nicht mit Computern arbeiten, ich habe immer mit der Olympia Monica geschrieben. Aber das ging nicht mehr. Meine Fingerkuppen sind zu dünn geworden, weil ich ein Jahr im Krankenhaus gelegen habe. Ein furchtbares Martyrium. Es hing vom Zufall und von der Kunst des Operateurs ab, dass ich hier überhaupt noch sitze. Ich hatte keine Lust mehr auf irgendwas und dachte: Wenn’s aus ist, ist’s eben aus.

ZEIT: Kein Aufbegehren?

Rühmkorf: Ich bin da ein bisschen fatalistisch. Ich habe keine Angst vor dem Absprung in andere Welten. Der Tod ist ein interessantes Thema, aber er ist für mich nicht das böse Gespenst. Es gibt so viele von mir verehrte Leute, die diesen Sprung schon gemacht haben, er steht uns allen bevor. (Pause) Ich mag bloß keine Schmerzen. Und da alles von Schmerzen begleitet ist, glaubte ich, ich müsse die Buchidee aufgeben. Ich schlug drei Kreuze hinter mir und dachte: Nein, es ist nicht zu machen, ich habe nicht die Kraft, ich habe nicht die Laune. Ich bin nicht mehr der, der ich vorher war.

ZEIT: Und doch gibt es jetzt ein neues Buch.

Rühmkorf: Ja, da nahte der 100. Geburtstag von Rowohlt, und ich dachte, das sei eine gute Gelegenheit, nach zehn Jahren mal wieder ein Gedichtbuch zu machen. Ich bin ja das älteste Faktotum im Verlag, schon mein erstes Buch Irdisches Vergnügen in g habe ich dort veröffentlicht. Und da sollte mein letztes oder vorletztes auch dort erscheinen. Aber ich hatte nur einen Riesenhaufen von Notizblättern, Hunderte, Tausende. Es waren lauter Keime, ich nenne die immer Quanten. Material, das für mich noch Zündstoff enthält. Ein Gedicht besteht aus mehreren Grundeinfällen, Aha-Erlebnissen, die ich mir notiert habe, weshalb ich auch ewig Papier und Stift bei mir trage.