Verdammt, der Stachel saß tief: Meine Wahlheimat kunstfernes Ödland. Meine Mitbürger unsinnliche, genussfeindliche Zahlenmenschen. Und ich als letzter Jung- autor Hamburgs aussterbendes Kulturgut. Hatte Harriet Köhler geschrieben, in der ZEIT, vor vier Wochen.

Nun gilt als Jungautor heute jeder, der noch nicht so alt ist wie Martin Walser – aber der Letzte meiner Art?

Verzweifelt durchstreifte ich den lebensfernen Moloch an der Elbe, auf der Suche nach Gegenbeweisen. Ein wenig fühlte ich mich dabei wie Will Smith in I am Legend, nur ohne Hund: Von überallher blickten mich blasswangige Runges und strenge Holbeins an, knöcherne Kaufleute und geifernde Pfeffersäcke, deren zitternde Gichthände unter den Aufschlägen ihrer blauen Maßanzüge hervorstießen, um nur einmal noch das rosige Fleisch des jungen Dichterfürsten zu streifen.

Kein Zweifel: Ich musste die Stadt verlassen, bevor es zu spät war. Musste in barocken Sinnesfreuden schwelgen, mich dem prallen Leben an den Busen werfen, ehe ich hier verdorrte. Ich wollte in Kultur baden wie in Drachenblut, lustwandeln auf königlichen Prachtstraßen, unter Siegestoren schreiten, statt im fahlen Schein der Kontorhäuser ein bisschen Kunst zu erbetteln.

Ich rief also Hamburg an und sagte, es tue mir leid, aber ich sei dann mal weg. Man könne gern noch eine Straße nach mir benennen, einen Platz, von mir aus auch ein Einkaufszentrum, aber dann sei es auch gut gewesen. Lange genug hätte ich im Elbwind gestanden und einsam die Fahne hochgehalten; ich bräuchte dringend Begleitung. Nicht mal Meerschweinchen lasse man allein, jedes Kind wisse, dass sogar Wellensittiche ohne ihresgleichen vereinsamten, da könne der Käfig noch so golden sein, er werde trotzdem rasch kalt.

Schnell gingen Hamburg da die Argumente aus, und bevor es sich die alte Hanse anders überlegte, bestieg ich unter einem Himmel, der sich in einem letzten verzweifelten Aufbäumen blau-weiß färbte, eine dicke Verkehrsmaschine.

Kurz vor der Landung warnte der Pilot, es könne nun etwas turbulent werden. Das wollte ich hoffen. Schließlich hatte ich noch während des Fluges gelesen, dass München einer aktuellen Erhebung zufolge die mit Abstand attraktivste Stadt für die kreative Klasse sei. Sogar Stuttgart rangierte noch vor Hamburg! Stuttgart!

Rettung in letzter Sekunde, dachte ich daher, als die Reifen auf die Landebahn des Airports Franz Josef Strauß schlugen, benannt nach dem letzten König von Bayern. Der aktuelle König heißt leider Ude; ein Name, der sich wenig zum Benennen eignet, es sei denn, es ginge um ein Fußpflegeprodukt.

Der Flughafen Franz Josef Strauß lag weit vor den Toren der Stadt, weswegen ich in einen Bus stieg, der genauso lange bis nach München brauchen sollte wie das Flugzeug. Er brauchte aber entschieden länger, weil ständig ein »saudummer Bauer, Kreuzkruzifix« vor uns fuhr, mit dem der Fahrer gern Dinge angestellt hätte, die ich nicht verstand, da mein Dolmetscher gerade Kaffeepause machte. Trotzdem erreichten wir nach einer guten Stunde endlich die Stadt, die sich gern als die nördlichste Italiens bezeichnet. Nicht von ungefähr, das proklamierten unlängst Münchens Aushängeschilder für hintersinnigen Diskursrock, die Sportfreunde Stiller, komme daher auch »das ausgeprägte Bewusstsein für Schtail und Ästhetik«.

Statt einer Traumlandschaft aus malerischen Tempeln, märchenhaften campi und sich lasziv im Mondlicht räkelnden piazze empfing mich jedoch eher ein Las Vegas aus HypoVereinsbanken, BMW-Drillingstürmen und Siemens-Glaspalästen, bei denen es jedem Gotteskrieger in den Fingern jucken musste. Das alles gekrönt von der unzweifelhaft beeindruckend illuminierten Allianz-Arena, die, je nachdem, ob darin die Bayern, die Sechziger oder die Biermösl Blosn aufspielen, rot, blau oder blau-weiß durch die Dämmerung leuchten kann, im Vergleich zu den nächtlichen Hamburger Hafenkränen aber maximal die Poesie einer genmanipulierten Clementine verströmt.

All diese von Hopfen und Schwein geformten Rauhhaardackelherrchen

Mein Hotel hieß nur deswegen Schiller 5, weil es zufällig in der Schillerstraße stand. Trotzdem war im Foyer eine Büste des berühmten Dichterfürsten aufgesockelt, als sei das Hotel mindestens sein Geburtshaus gewesen. Oder als hätte er dort wenigstens Don Carlos verfasst.

»Schiller«, sagte ich, voller Vorfreude des Kollegen gipsernes Haar tätschelnd, »wir zwei im Epizentrum der schönen Künste, ach!« Woraufhin Schiller schwieg, was ich erst etwas blasiert fand, dann aber verstand. Wir Dichter reden nicht gern, erst recht nicht miteinander.

In meinem Zimmer googelte ich mich sofort durch die Suchbegriffe »München+Kultur«. Über 600000 Treffer. Von Schreibseminaren »zur Aktivierung der Regenbogen-Energie« bis hin zu »Obatzter selbst gemacht«. Spaßeshalber machte ich die Gegenprobe: »Hamburg+Kultur« brachte satte 100000 Treffer mehr, was mich zunächst verstörte, aber natürlich ebenso wenig aussagte wie all die Erhebungen, Statistiken und Rankings, die immer genau das belegen, was man belegt haben will. Also ließ ich die Zahlen Zahlen sein, gab sämtliche Vorurteile über Gamsbart, Dackel und Oktoberfest an der Rezeption ab und ging raus, auf die Straße. Schließlich bekommt jede Stadt die Kultur, die sie verdient, und woher sollte ich wissen, was München verdiente, wenn der einzige Münchner, den ich bisher getroffen hatte, ein unentwegt grantelnder Busfahrer gewesen war?

Von der Schillerstraße lief ich in die Goethestraße und spurte so auf den Pfaden der Weimarer Klassik die Achsen eines Bahnhofsviertels nach, das irgendwie Reeperbahn sein wollte, aber höchstens eine Ultralightversion in derart homöopathischer Verdünnung zustande brachte, dass ich schnell weiterlief in Richtung königlicher Prachtstraßen. Das schließlich war es, was München konnte! Prunken! Klotzen! Und vor allem: liebevoll das historische Erbe verwalten! Nicht wie die Hamburger, die sogar im Michel einen McDrive eröffnen würden, wenn das Geld stimmte. Hier war Tradition noch wichtiger als Innovation, hier wurde bewahrt, nicht gewagt, hier schätzte und hegte man sie noch, die Künstler von Gottes Gnaden!

»Jesus Christus hat dich gerettet«, springt mir dann auch am Marienplatz ein von preisgünstigem Rasierwasser reichlich aromatisierter Jüngling entgegen. Na, na, sage ich, er solle mal nicht übertreiben, so schlimm sei Hamburg ja auch wieder nicht. Er hält mir das Buch Mormon vor die Nase und steigert sich in irgendwas rein. »Gott vergelt’s«, zitiere ich in meiner Not ein hinter ihm hängen gebliebenes Plakat der Bayernpartei und kämpfe mich durch gefühlte 28 italienische Schulklassen, die mit Fratzengesichtern das Glockenspiel imitieren, schnell weiter in Richtung Königsplatz.

Unterwegs bekomme ich die Ellenbogen diverser Eingeborener zu spüren, die sich wie Fleisch gewordene Panzer ihren Weg bahnen. Föhn, denke ich, um nicht Schlimmeres zu denken: Zürne ihnen nicht, es ist der Föhn, den diese Stadt nun einmal »hat«, wie Frauen ihre Tage haben; alles lässt sich dadurch rechtfertigen! Hatte nicht schon Münchens Lieblingskönig LudwigII. dann und wann seine Lakaien geohrfeigt und bespuckt, wenn ihm danach war? Musste man sich denn da kleinkariert beklagen, wenn man aus Versehen mal ein bisschen vor die Tram gestoßen wurde? Heul doch, zimperlicher Hanseat, willkommen in Bayern!

Ich heulte nicht. Stattdessen bekam ich Kopfschmerzen und wurde etwas griesgrämig, wahrscheinlich vom Föhn. Jedes »Grüß Gott« beantwortete ich stumpf mit »Guten Tag«, und plötzlich sah ich so viele Rauhaardackel ihre Gamsbart-behüteten, von Hopfen und Schwein feistgeformten Herrchen an distanzelastischen Leinen hinter sich herziehen, dass ich mir vorkam wie in einer lebendig gewordenen Zeichnung von Manfred Deix. Residenz und Hofgarten waren auf einmal genauso unwirkliche, aseptische Märchenwelten, wie der Hauptbahnhof keim- und lustfreie Zone war; die ganze Stadt schien wie unter Glas, ein Ausstellungsstück, in dem sich nur etwas bewegte, wenn man Geld einwarf, ein Souvenir aus dem Nippesregal, in dem es nicht mal mehr schneite, wenn man schüttelte.

Was war bloß mit mir los? Warum wimmelte es hier schlagartig von pubertierenden Testosteronschleudern, die »ihr Bewusstsein für Schtail und Ästhetik« nicht aus der Nähe zu Italien, sondern von Schweini und Poldi bezogen? Selbst als ich im nahen Literaturhaus, einer der vermeintlich letzten Oasen des Geistes, einkehrte, traf ich dort nur auf kaum modifizierte Doubles des Weizenbier trinkenden Sportreporters Waldemar Hartmann, der in vielfacher Kopie MCM-Taschen tragenden Damen rechts-links die Wangen busserlte.

Wo war ich hier gelandet? Wo war die versprochene Kunst, wo waren die Künstler? Wie ein geprügelter Hund lief ich weiter, immer noch umweht vom Föhn, der nicht mal ein richtiger Wind, sondern eher die Abwesenheit von etwas war, wie die ganze Stadt überall an etwas erinnerte, das dann doch woanders stand: Die Residenz war eben nicht der Palazzo Pitti, Klassizismus war nicht Klassik, Neorenaissance nicht Renaissance und Neogotik nicht Gotik. An jeder Ecke wurde etwas anderes gespielt, ein bisschen Venedig hier, eine Prise Athen dort. Den einzigen echten Palazzo fand ich auf dem Ostfriedhof: Das Mausoleum von Rudolph Moshammer, eine lilienumflorte Pilgerstätte, die rund um die Uhr von privaten Sicherheitsleuten bewacht wurde. Man gab gut acht auf seinen schillernden Modezaren, jetzt, wo er tot war.

Zusehends schwächer werdend, schleppte ich mich von der Villa Stuck zur Rothko-Retrospektive in der Hypo-Kunsthalle, vom Lenbachhaus zu den Pinakotheken, den optimalen Betrachtungsabstand immer wieder gekreuzt von Leuten, die direkt vor allem stehen blieben, was nicht mehr weglaufen konnte, den Kopf zur Seite geneigt, den Brillenbügel versonnen zwischen Daumen und Zeigefinger zwirbelnd, wie in Trance Satzfragmente murmelnd, die zuverlässig vor ihrem potenziellen Gehalt versandeten: »Faszinierend, wie der das macht mit dem … wirklich, ganz groß.«

In der neuen Pinakothek begriff ich erst ab Raum fünf, dass es sich bei dem stets pittoresk auf die zentrale Sitzgelegenheit gepflanzten Gamsbart-und-Jankerl-Rentner nicht um Abgüsse des Exponats Bauer zur Jausenzeit handelte, sondern um verschiedene lebende Menschen, und ich begann mich zu fragen, wo bloß der viel besungene kunstinteressierte Münchner jetzt war, der angeblich bei jedem Wetter durch die Ausstellungen flutete. In dem als Weißwurstkessel bekannten BMW-Museum, das schon vor dem Umbau jährlich fast so viele Besucher lockte wie das 1937 von einem etwas glücklosen Landschaftsmaler eröffneten »Haus der (Deutschen) Kunst«? Im Bier- und Oktoberfestmuseum, das mit einer Verkostung der Starkbiere Maximator, Triumphator, Salvator und Animator warb? Im Kartoffelmuseum (vom Gründer der Pfanni-Werke)? Oder doch im Museum der Jagd, vor dem ein bronzenes Wildschwein kurz vor dem Sprung eingefroren stand? War es derart regionales Kulturgut, das der Münchner am liebsten besah und bewahrte? Sein Auto, sein Bier, seine Haxen mit Knödeln?

»Schiller«, flehte ich, zurück im Hotel, meine müden Füße an den Wangen der Weimarer Ikone kühlend, »wo soll ich denn jetzt noch hin? Ich brauch Kultur, versteh das doch, mein Akku war schon auf Reserve, bevor ich hierherkam!« Ich solle bitte auf der Stelle aufhören, den Gipskopf zu schütteln, sonst werde man mich des Hauses verweisen, noch bevor ich einmal »fei« sagen könne, schalt mich von der Rezeption eine ungehaltene Stimme. Erst als sich die Türhälften des Aufzugs wie ein Vorhang zwischen Schiller und mich schoben, begriff ich: Theater! Natürlich!

Vor der Residenz des gefeierten Intendanten Dieter Dorn ergatterte ich tatsächlich noch eine Karte des eigentlich ausverkauften Arthur-Miller-Stückes Tod eines Handlungsreisen den. Ich kaufte sie einer Dame ab, deren Begleitung abgesprungen war und die das Stück selbst schon zweimal gesehen hatte. Weil es schon spät war und niemand mehr eine einzelne Karte wollte, verschwand die Dame samt Restbillet in der Tiefgarage unter dem Theaterquarée, kam wenige Minuten später im Dreier-BMW wieder aus der Erde und brauste in die Nacht.

Kurz bevor das Stück begann, setzte sich jemand auf den Platz rechts neben mir. Was gar nicht sein durfte. Der Platz musste leer bleiben, die Karte war nicht verkauft worden. Trotzdem saß dort eine große blonde Frau, die ein bisschen aussah wie die Wachsfigurenversion von Veronica Ferres. Alles an ihr war unbewegt: ihr Lächeln, ihre Frisur, die Augen. Ich fand das etwas unheimlich, versuchte mich aber auf das Geschehen vor mir zu konzentrieren, eine Inszenierung, die mild als »klassisch« bezeichnet werden konnte, weil sie niemandem wehtat, und wieder drängte sich mir die Frage auf, warum es Theater eigentlich noch gab, wenn alle Beteiligten so offensichtlich lieber Kino gemacht hätten, nicht nur wegen der Videowände und Rückprojektionen, der Musik und dem ganzen anderen Zinnober, der, eingesetzt an einem Ort, der sich wie kein zweiter zur Konfrontation mit elementar Menschlichem eignet, auf rührende Art unbeholfen wirkte. »Das Gegenteil von gut ist gut gemeint«, fiel mir eine Zeile der Hamburger Band Kettcar ein, als am Ende die Frau neben mir plötzlich aufstand und mitten in den höflichen Applaus hinein mit beiden Armen zur Seite ausholte und mit der unerbittlichen Regelmäßigkeit eines schwächer werdenden Duracell-Hasen ihre Handflächen gegeneinanderschlug, exakt doppelt so langsam wie der Rest des Publikums, klapp –klapp – klapp, dazu ihr wächsernes Gesicht, das eingefrorene Lächeln, und plötzlich begriff ich: Diese Frau, die einem von irgendwoher immer bekannt vorkam, weil sie einen an etwas erinnerte, von dem man nicht wusste, was es war, die Nähe vorspiegelte und gleichzeitig ungreifbar war, diese Frau war München. »Auf deinem Shirt / stehn die Dinge, die du gerne wärst / nicht die du bist.« Auch ein Zitat von Kettcar. Wenn das stimmte, stand auf dem Shirt dieser Frau »Skandalnudel«.

Das »klapp, klapp, klapp« ihrer Absätze trug mich weiter durch die Nacht, an Orte, an denen das Sterben einer Schickeria beobachtet werden konnte, aus deren Blüten einst Kir Royal und Rossini entstanden waren; eine Schickeria, die es angeblich nicht mehr gab, doch natürlich ging an den Pilgerstätten der Veuve-Clicquot-Entourage immer noch der große Bussibär um, waren Baby Schimmerlos und Monaco Franze zumindest als Phantomschmerz spürbar, und auch Daisy gab es noch, als tausendfaches Abbild mit der Schleife im Haar. Klar gibt es diese Chichi-Show zumindest in regional modifizierter Form auch in Hamburg, ähneln sich die Flaniermeilen, nur die Modelle stammen von verschiedenen Urbildern ab: hier Verona Pooth/Michael Ballack, dort Sky Dumont mit Heidi Klum. Und sonst? Elbstrand oder Isarauen, Leopoldstraße oder Elbchaussee, Ellenbogenhausen oder Schnöseldorf, Englischer Garten oder Alster? Am Ende geht es einem wie beim Betrachten eines späten Rothkos, nur umgekehrt: Je länger und genauer man hinsieht, je akribischer dieser Intendant gegen jenen Festspieldirektor, angeschimmelte Ausstellungsstücke hier gegen schlecht ins Licht gerückte Exponate dort aufgerechnet und dergestalt die eine beste, liebenswerteste, attraktivste Stadt Deutschlands mit der anderen verglichen wird, desto mehr ermüden die Augen, stellt sich der Blick auf unscharf. Was vorgestern billige und gestern szenige Wohngegend war, ertrinkt heute im allgegenwärtigen Milchschaum der Latte-Macchiato-Economy. Das gilt für Hamburg, München und Castrop-Rauxel gleichermaßen.

»Passt scho« – die seltsame Mischung aus Gottergebenheit und Trotz

Und, ach ja, die Subkultur: Wer will denn heute noch Subkultur sein? Ist das nicht längst renditeträchtiges Label der Konzerne geworden und nur nebenbei noch peinliche Dauerrechtfertigung erfolgloser Performancekünstler? Seufzt nicht der einst so sexy-subversive Blumenbar-Verlag erleichtert auf, jetzt, wo ein Investor gefunden ist? Ist man dort etwa nicht stolz auf seine Rainer-Langhans-Biografie und andere Alte-Säcke-halten-sich-noch-mal-richtig-für-Rock’-n’-Roll-Erinnerungsliteratur?

Was am Ende bleibt, sind Farben, Lichter. Menschen, die sich überlagern und zu Flächen verschwimmen, in denen es wie hinter Gaze leuchtet und wimmelt; Bilder, die alles einen, in denen man mit etwas Glück erkennt, wo man gerade steht. Vielleicht sogar, wer man eigentlich ist. Denn im Grunde sind Städte natürlich wie ohnehin alles um einen herum bloß Spiegel. Man sieht in ihnen, was man in ihnen sehen will. Niemand beobachtet eine bereits vorhandene Stadt, sondern formt sie in dem Moment, in dem sie mit einer bestimmten Erwartung betrachtet wird. Der Betrachter schafft das Ereignis, nicht umgekehrt. Oder, wie es am Denkmal des Biedermannes beim Seehaus im Englischen Garten heißt: »Der Staub vergeht, der Geist besteht.«

Mit diesem Spruch versuche ich auch Schiller bei meiner Rückkehr ins Hotel zu beeindrucken. Ohne den geringsten Erfolg. Nach einer halben Stunde bittet mich das Personal, den Dichter in Ruhe zu lassen. Man rät mir zu Weißbier, ich wirke etwas angespannt. Der Rat ist gut.

Und plötzlich begreife ich, warum München als soziokulturelle Wellness-Zone unter den europäischen Metropolen gilt: Das hat nichts zu tun mit der sprichwörtlichen bayerischen Gemütlichkeit. Auch nichts mit der unvergleichlichen Art, mit der man sich hier Probleme vom Hals hält. Es ist diese seltsame Mischung aus Gottergebenheit und pubertärem Trotz, dieses bockig gequäkte »Passt scho«, das einen, abgepolstert von Restalkohol und Föhn, durch die Straßen einer Stadt trägt, die Toleranz und Weltoffenheit vorgibt, sich aber, wenn’s drauf ankommt, gern hinter einer Urigkeit verschanzt, die seit je als Rechtfertigung für Unbeweglichkeit herhalten muss. Dann ist München ein beleidigtes Kind, das mit vorgeschobener Unterlippe »Mir san eben mir« nölt. Man möchte es in den Arm nehmen. Richtig böse sein kann man ihm nicht. Auch, wenn man es hier und da gern watschen tät.

Das letzte Wort, freilich, gehört dem Kini, dessen Stein gewordene Persönlichkeitsstörung bis heute als Schloss Neuschwanstein besichtigt werden kann: »Oh, es ist notwendig, sich solche Paradiese zu schaffen, solch poetische Zufluchtsorte, wo man auf einige Zeit die schauderhafte Zeit, in der wir leben, vergessen kann.« Allein für diesen Satz schon muss man die Stadt lieben, die ihren Märchenkönig liebt, der vor allem sich selbst liebte und Leute, die er nicht lieben durfte, weil er es versäumte, sich zu Homosexualität und Autoerotik zu bekennen, und deswegen fett wurde wie Elvis in seinen letzten Jahren und am Ende geistig verwirrt und tot im seichten Wasser des Starnberger Sees lag.

Da stell ich mich lieber wieder mit meiner Fahne in den Elbwind und lass mich anständig durchpusten.

Stefan Beuse, geboren 1967, veröffentlichte unter anderem die »Gebrauchsanweisung für Hamburg«. Im Frühjahr 2009 erscheint sein Roman »Alles was du siehst« bei C. H. Beck