Der Wald ist ohrenbetäubend laut, als probe in ihm ein wild gewordenes Orchester. Den Tag dominieren die Zikaden. Durch ihr gnadenloses Schrillen dringt nur dann und wann ein Vogelruf. Am Abend setzt Regen ein. Hat sein Trommelwirbel nachgelassen, probt der Chor der Frösche.

Sarawak auf der Insel Borneo ist der größte Bundesstaat Malaysias. Hier hausten die berüchtigten Kopfjäger der Dayak. Hier entdeckte der Naturforscher Alfred Russel Wallace vor 150 Jahren die Prinzipien der Evolution. Hier suchen im März 2008 der Hamburger Zoologieprofessor Alexander Haas und sein Student Jörg Hofmann nach unbekanntem Leben.

Haas hat sich schon als Tübinger Biologiestudent auf Frösche spezialisiert, auf ihre Anatomie, ihre Lebensweise, ihre Vielfalt. Hofmann trägt wegen seiner Leidenschaft für Amphibien und Reptilien den Spitznamen Lurchie. Der Schlangenexperte und angehende Lehrer berät den Hamburger Zoll, wenn Beamte bei Tierimporten einen Verstoß gegen das Artenschutzabkommen vermuten.

Nur 150 Kilometer trennen den Kubah National Park vom Äquator. Die Dunkelheit fällt mehr herab, als dass sie hereinbricht. Die Zoologen verlassen das einfache Haus am Waldrand, das die Parkverwaltung großzügig als »Chalet« vermietet. Wer jetzt im Urwald unterwegs ist, muss sich nicht um Raubtiere sorgen, sondern um das eigene Gleichgewicht. Der unbedachte Griff an einen Ast kann eine Spinne zubeißen lassen oder eine auf Beute lauernde Schlange alarmieren.

Mit Stirn- und Taschenlampen bewaffnet, wägen Haas und Hofmann jeden Schritt über Wurzelwerk und Gestein. Im Lichtkegel blinken auf dem Waldboden Spinnenaugen wie Pailletten auf einem Kleid. Eine Waldschabe hockt geduckt auf einem Blatt. Am Wegesrand sitzt Megophrys nasuta, ein Frosch, dessen Zacken über den Augen an Theo Waigels beeindruckende Brauen erinnern. Ein Fuchsgesichtgecko lässt sich blenden und mit beherztem Griff einfangen. Eine Gespenstheuschrecke stakst vorbei. An einem Tümpel lokalisiert Haas seine Beute – zunächst akustisch, dann im Lichtkegel der Lampen. Frösche quaken? Unsinn. Sie quietschen wie Türen (Hylarana luctuosa), knarzen wie Enten (Polypedates leucomystax), hämmern wie Spechte (vermutlich Racopherus nigropalmatus) oder schnauben wie Pferde (Polypedates otilophus). Nach sieben herrscht im Dschungel Hochbetrieb.

Der Dschungel Borneos ist ein historischer Ort, 2008 ein historisches Jahr. Vor 150 Jahren, im Sommer 1858, kommt ein Brief aus dem malaysischen Archipel bei Charles Darwin an. Der Absender ist Alfred Russel Wallace, das Schreiben zwanzig Seiten lang. In seinem später so genannten Sarawak Paper hat der Naturaliensammler und Hobbyfeldforscher die Ansätze einer Evolutionstheorie skizziert, noch bevor Darwin seine Gedanken zu Papier bringen kann. Voller Respekt und in der Hoffnung auf fruchtbare Diskussion bittet Wallace seinen Landsmann um einen Ideenaustausch.

Schon zehn Jahre zuvor, bei einer Reise nach Amazonien, war Wallace zu der Einsicht gelangt, ein noch unentdecktes »Naturprinzip« bringe die wunderbare Anpassung der Tiere an ihre Umwelt, bringe die Vielfalt des Lebens hervor. In Sarawak, wo Wallace am 1. November 1854 an Land geht, formuliert der Forscher präziser, wie das Werden des Lebens vor sich gehe: »Jede Art entstand in räumlichem und zeitlichem Zusammenhang mit einer nahe verwandten Art.«