Porträt Der Überflieger

Ulrich Hemel, Theologe und Ex-Topmanager, ist ein Wanderer zwischen den Welten. Jetzt soll er Präsident der Katholischen Universität Eichstätt werden.

Hübsche Anekdoten über Ulrich Hemel gibt es viele. Etwa diese: Hemel führt Bewerbergespräche bei der Boston Consulting Group (BCG) und empfängt einen Kandidaten. Der junge Mann will bei der Unternehmensberatung Eindruck schinden. In seinem Lebenslauf hat er angegeben, eine exotische Sprache zu beherrschen: Gälisch. Hemel beginnt das Interview – auf Gälisch. Peinlich für den Bewerber, der so schnell als Hochstapler entlarvt wird. Oder diese Geschichte: BCG berät einen deutschen Konzern, der in Schwierigkeiten steckt. Drastische Einschnitte sind unausweichlich. Bei einem Privatissimum im Büro des Vorstandsvorsitzenden blättert Hemel in dessen Terminkalender und sagt: »Sie reisen zu viel, die Belegschaft braucht Sie jetzt hier vor Ort.« Dass Hemel als junger Berater die Chuzpe hatte, einen Kunden so anzugehen, das bewundert Martin Koehler, Geschäftsführer der BCG, noch heute.

Ulrich Hemel war immer der Jüngste, der Erste, der Beste – ein Überflieger. Er beherrscht fast zehn Sprachen, verfügt über einen Schatz an Wissen und solides Selbstvertrauen. Er ist ein Mann der Wirtschaft und zugleich ein Schöngeist, der Italienisch lernte, indem er Dantes Göttliche Komödie in einer zweisprachigen Ausgabe studierte. Lässt man sich Hemels Lebenslauf faxen, steht das Gerät eine ganze Weile nicht still. Einen kleinen Packen spuckt es aus mit Daten einer bemerkenswerten Karriere: Studium der Theologie, Philosophie, der Sprach- sowie Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Mainz und Rom, Abschluss mit »summa cum laude«, Päpstliche Goldmedaille, Doktorat in Regensburg »summa cum laude«, Habilitation, Privatdozent, Akademischer Rat, Gründung einer eigenen IT-Firma (EcclesiaData), Unternehmensberater, daneben außerplanmäßige Professur für Religionspädagogik in Regensburg, Eintritt in die Paul Hartmann AG, dort dann Vorstandschef, Veröffentlichung des Buches Wert und Werte – Ethik für Manager, das eine Zeitung als »Wirtschaftsbuch des Jahres« auszeichnete, schließlich Chef bei der Süddekor-Dakor-Gruppe, einem Zulieferer der Möbel- und Laminatindustrie.

Die jüngste Station ist noch gar nicht aufgeführt: Am 1. April wird Ulrich Hemel, 51, Präsident der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, der einzigen katholischen Hochschule auf deutschem Boden.

Ein Vorfrühlingstag in Eichstätt, dem heimeligen Bischofssitz nahe Ingolstadt. Die Sonne scheint in Hemels künftiges Arbeitszimmer in der ehemaligen erzbischöflichen Sommerresidenz. »Der Blick in den Hofgarten ist toll«, schwärmt er. In dem Büro mit der schönen Stuckdecke herrscht einige Unordnung, Umzugskisten stehen auf dem Boden herum.

Wenn man die abgeschabte Sitzgruppe sieht, in der Hemels Amtsvorgänger Ruprecht Wimmer seine Gäste hat Platz nehmen lassen, hat man den Eindruck, dass eine frische Brise der Hochschule guttun könnte. Kann sein, dass daraus ein Sturm wird, wenn Hemel loslegt. Die Richtung, in die der Wind die Universität treiben soll, hat Papst Benedikt XVI. vorgegeben. Die Uni mit ihren 4600 Studierenden und 120 Professoren soll aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen und helfen, dem deutschen Katholizismus in Zeiten fortschreitender Säkularisierung Richtung und Ziel zu geben.

Als Sechsjähriger fragte er sich, ob man alle Bücher der Welt lesen kann

Ein Personalchef würde sich mit Hemels Lebenslauf schwertun. Der Mann machte vieles gleichzeitig, pendelte zwischen Universität und Wirtschaft, zwischen abhängiger und selbstständiger Tätigkeit hin und her, wechselte die Branchen. Zieht man darunter einen Strich, könnte man sagen, Hemels Leben ruht auf zwei Säulen: Wissen und Glauben.

Wissen hat Hemel schon als Kind aufgesaugt wie ein Schwamm. Zu seinen schönsten Kindheitserlebnissen gehören die Tage, an denen der Vater, ein leitender Angestellter beim Ludwigshafener Chemiekonzern BASF, mit einer Reisetasche voller Bücher aus der Werksbibliothek nach Hause kam. »Als Sechsjähriger habe ich mich gefragt, ob es möglich ist, alle Bücher der Welt zu lesen.«

Was Hemel las, nahm er nicht für bare Münze, sondern prüfte nach. »Als es um Statistik und Stochastik ging, habe ich nachgewürfelt und geschaut, ob ich auf die gleichen Ergebnisse komme wie die Buchautoren.« Damals fand Hemel die Grundsätze, die er heute hochhält: »Bilde dir eine eigene Meinung« und »Tue das gut, was du tust«. Der Vater führte seinen Sohn in die Welt des Geistes, während ihm die Mutter, eine fromme, zum Katholizismus konvertierte evangelische Christin, den Glauben mitgab. Hemel war begeistert von Mathematik, Philosophie, den Naturwissenschaften. Aber er stellte weitergehende Fragen. Er sah den technischen Fortschritt, aber er sah auch: »Die Seele kommt nicht hinterher.«

Er entschied sich, Priester zu werden. »Ich dachte, die Kirche ist eine großartige Institution, aber sie hat auch großen Veränderungsbedarf. Ich habe ein Missverhältnis gesehen zwischen dem Reiz der Botschaft, die dem Menschen hilft, ein menschenwürdiges Leben zu führen, und der Art und Weise der Kommunikation dieser Botschaft.« Nach fünf Jahren Priesterseminar und Studium in Mainz und Rom gab er diesen Weg auf. Vielleicht war es die Atmosphäre der Päpstlichen Universität Gregoriana, der konservativen Bischofsschmiede, die ihn an den reformerischen Ideen zweifeln ließ. Und er hatte in Rom seine erste Frau kennengelernt und geheiratet.

Aus drei Ehen hat Hemel heute zwei Söhne und eine Tochter. Seine Tochter Sabrina hat er 2004 bei einem Autounfall in Afrika verloren. Er selbst erlitt dabei schwere Verletzungen. »Ohne seinen Glauben hätte er das nicht ausgehalten«, sagt ein Freund. Zur Erinnerung an die Tochter gründete er die Stiftung Kinder ohne Grenzen, die sich um Kinder in den Elendsvierteln der kolumbianischen Millionenstadt Medellín kümmert. Hemel ist heute mit der Kolumbianerin Amparo Lucia verheiratet.

Fürs weitere Studium wechselte Hemel 1979 nach Regensburg. Er wurde Religionslehrer an einer Berufsschule, Übersetzer und Gerichtsdolmetscher. Sein Berufsziel war eine Professur für Religionspädagogik. Während der Arbeit an seiner Habilitation ereilte ihn eine familiäre Krise. Seine erste Frau verließ ihn. Hemel bekam, ungewöhnlich genug, das Sorgerecht und wurde alleinerziehender Vater. Die Ehe ließ er, kirchenrechtlich korrekt, annullieren. Ein Makel blieb. Eine Karriere als Theologieprofessor war ihm verbaut. Der Fall schlug Wellen. Die ZEIT berichtete 1992, dass ein »brillanter Theologe« in Regensburg keine Priester ausbilden dürfe.

Hemel orientierte sich neu. Wie es ist, als freier Unternehmer zu arbeiten, hatte er schon in seiner IT-Firma EcclesiaData kennengelernt. Mit Mitstreitern hatte er eine Software für Pfarrgemeinden entwickelt, die er erfolgreich verkaufte. Der Münchner Personalberater Dieter Rickert vermittelte Hemel an die renommierte Boston Consulting Group. »Er ist der ungewöhnlichste Mensch, der mir als Headhunter je über den Weg gelaufen ist«, sagt Rickert.

Die fünf Jahre als Berater waren vielleicht Hemels beste. So war er maßgeblich daran beteiligt, den kränkelnden Optikkonzern Zeiss zu sanieren. Dabei kam er zunächst nicht umhin, die Zahl der Arbeitsplätze zu hinterfragen. Die Beschäftigtenzahl sank von 16000 auf heute 12500 Mitarbeiter. Damals entwickelte Hemel seine »Chirurgenethik«, die er in seinem Buch über Werte so beschreibt: »Wenn (…) keine andere Chance da ist, dann ist die Arbeit des Managements mit der des Chirurgen zu vergleichen. Wenn Wundbrand vorliegt, hilft nicht mehr das Mitleid mit dem Schmerz des Patienten, sondern der richtige Schnitt.« Der heutige Zeiss-Chef Dieter Kurz bezeichnet die Sanierung durch Hemel und sein Team als »sehr wichtig und letztlich sehr erfolgreich«.

Überraschenderweise schlug Hemel das Angebot aus, in der BCG zum Partner aufzusteigen. »Das war ein herber Schlag für uns«, sagt sein Mentor, Martin Koehler. Hemel wollte sich als Unternehmer bewähren und stieg 1996 beim schwäbischen Verbandartikelhersteller Hartmann ein. Als Vorstandsvorsitzender brachte er den behäbigen Mittelständler ab 2001 im Sauseschritt auf Globalisierungskurs. Er eröffnete Standorte in aller Welt, expandierte massiv durch Firmenkäufe und verkaufte die Fabrik für die Fixies-Windeln, ein Traditionsprodukt von Hartmann, was bei den Eigentümern auf Widerstand stieß. Im Jahr 2003 zeichnete ihn der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater als »Manager des Jahres« aus. Ein Jahr später stellte man ihm dann bei Hartmann überraschend den Stuhl vor die Tür.

Über die Gründe gibt es unterschiedliche Darstellungen. Aus Gewerkschaftskreisen verlautet, dass nicht jede von Hemels Akquisitionen ein Schnäppchen gewesen sei. Bei den Mitarbeitern, heißt es, sei Hemel äußerst beliebt gewesen. Er selbst empfindet seinen Rauswurf als ungerechtfertigt, was die wirtschaftlichen Kennzahlen anbelangt. Hartmann habe sich unter seiner Ägide im Aufschwung befunden.

Für eine »Heuschrecke« zu arbeiten, findet er nicht anstößig

Nach seinem Abschied bei Hartmann gründete Hemel zunächst die Beratungs- und Beteiligungsfirma Strategie und Wert, heuerte dann aber 2005 beim Möbelzulieferer Süddekor an. Dessen Haupteigentümer waren damals die Finanzinvestoren Odewald & Compagnie aus Deutschland und Bain Capital aus den USA. »Ich sehnte mich damals nach klaren Eigentümerstrukturen und einem klaren Ziel.« Und Bain Capital hatte klare Ziele: Wertsteigerung und einen möglichst profitablen Weiterverkauf. Kurz: Rendite. Vergangenes Jahr, nach dem Verkauf von Süddekor an einen anderen Finanzinvestor, verließ Hemel das Unternehmen.

Anstößig findet es Hemel nicht, für eine »Heuschrecke« gearbeitet zu haben. Er habe niemanden entlassen, sagt er, sondern zusätzliches Personal eingestellt. Die Debatte über die angeblich so unmoralischen Finanzinvestoren hält er für überzogen.

Seinen Wechsel an eine Universität empfindet Hemel als »Rückkehr«. Im Januar wurde er vom Hochschulrat der Universität bei vier Gegenstimmen zum neuen Präsidenten gewählt. Am 1. April soll er von Bischof Gregor Maria Hanke die Ernennungsurkunde erhalten. Seine außerplanmäßige Professur in Regensburg will er behalten. Natürlich gebe es Überschneidungen zwischen einem Universitätspräsidenten und einem Manager, sagt Hemel. Seine Aufgabe sei es nun, »ein hohes Maß an Individualisierung, bedingt durch die Freiheit der Wissenschaft, mit einem gewissen Maß an Gemeinschaftsbildung und Strategie zu verbinden«.

Biographie:

Ulrich Hemel kommt 1956 im hessischen Bensheim zur Welt. Er studiert Theologie, Philosophie, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. 1983 promoviert er im Fach Religionspädagogik. 1988 folgt die Habilitation, dann arbeitet er als Privatdozent und Lehrer. Von 1991 bis 1996 arbeitet er bei der Boston Consulting Group, von 1996 bis 2004 beim Verbandartikelhersteller Hartmann, davon zuletzt drei Jahre als Vorstandschef. Von 2005 bis 2007 führt er den Möbelzulieferer Süddekor. Seinen neuen Posten als Universitätspräsident tritt er am 1. April an.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 27.03.2008 Nr. 14
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