Politisches Buch Die Biografie als Liebesbrief
Irina Liebmann erzählt vom Leben und Sterben ihres Vaters, des kommunistischen Ketzers Rudolf Herrnstadt
Um das Wichtigste und Schönste gleich zu sagen: Dieses Buch fügt sich in keine der üblichen Kategorien, es macht jeder Typisierung eine lange Nase (und winkt zugleich melancholisch ab), es ist auch kein »Sachbuch«, obwohl es unter jener Zuweisung an die Spitze der monatlichen »Bestenliste« der Süddeutschen Zeitung gelangte und in dieser Kategorie den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt– eine Auszeichnung, die es wahrhaftig verdient hat. Irina Liebmann hat keine Biografie der konventionellen Art geschrieben. Ihre Erzählung vom Leben und Sterben ihres Vaters, des prominenten Kommunisten Rudolf Herrnstadt, ist das Protokoll eines langen Gespräches mit dem Mann, dessen tragischer Schatten sie seit seinem Ende im August 1966 durch ihr Dasein begleitet hat, es dünnt gelegentlich zur knappen Chronik der Zeitgeschichte aus, steigert sich auf manchen Seiten zur Dichtung und ist in Wahrheit von der ersten bis zur letzten Seite ein Liebesbrief – alles in allem ein originelles Stück Literatur.
Der Vater: eine der ungewöhnlichsten Gestalten in der – an merkwürdigen, faszinierenden und problematischen Charakteren nicht ganz armen – Geschichte der deutschen Kommunisten. Sohn einer bürgerlich-jüdischen und deutsch-patriotischen Familie in Ostoberschlesien, Journalist beim liberalen Berliner Tageblatt, wo er eine steile Karriere unter der Protektion des großen Theodor Wolff beginnt, vom »Menschheitstraum« des Kommunismus fasziniert wie so viele der jungen Intellektuellen aus dem Schoße der Bourgeoisie in den Wirren der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Die Genossen hielten den Enthusiasten allerdings davon ab, sich offen zur Partei zu bekennen; vielmehr überredeten sie ihn, dem Auslandsnachrichtendienst der Roten Armee zu dienen, der unter dem Kürzel GRU firmierte: gelenkt von der schönen Assistentin seines Chefredakteurs, Ilse Stöbe, zeitweilig seine Geliebte, die bei der Liquidierung der »Roten Kapelle« unter dem Fallbeil in Plötzensee ein Ende fand. Wolff, der die junge Frau förderte (und begehrte), machte sie zur Heldin eines Romans, den er in Hollywood verfilmt sehen wollte – natürlich mit Greta Garbo, obschon Irina Liebmann ihre Rolle eher der Marlene Dietrich zuweist: dieser »Berlinerin, deren Erotik aus der Nüchternheit kam, der Ironie«. Aus dem Projekt wurde nichts. Herrnstadt wirkte als Korrespondent seines Blattes in Warschau – trotz der jüdischen Herkunft, wenngleich ohne Namen, auch noch im »Dritten Reich« bis 1937, eng vertraut mit dem Gesandten Hans von Moltke und dem Legationsrat Rudolf von Scheliha, beide Antinazis. Scheliha – auch er wurde in Plötzensee hingerichtet – ließ den Sowjets eine Warnung vor dem drohenden Angriff der Wehrmacht zukommen, die Stalin nicht zur Kenntnis nahm.
Herrnstadt entkam spät im August 1939 in die Sowjetunion, wo er zunächst verhaftet wurde, denn auch die Führung des Geheimdienstes der Armee war mit nahezu dem gesamten Generalstab von der Säuberungsmaschine des roten Zaren zermalmt worden. Hernach wurde Herrnstadt, dank seiner Zugehörigkeit zu den Streitkräften, niemals im Denunziations-Ghetto des Hotels Lux interniert, der deutschen Sektion der Komintern zugeteilt. Sein Agitationsfeld: das Komitee Freies Deutschland und der Bund deutscher Offiziere. Unterdessen mit einer blitzgescheiten und hübschen russischen Deutschlehrerin aus Sibirien verheiratet – Irina kam 1943 in Moskau zur Welt –, entging er der Selbstisolation der deutschen Funktionäre, die zum Teil zu borniert waren, auch nur Russisch zu lernen. Im Mai 1945 stieß er in Berlin zur Gruppe Ulbricht. Er sollte einem russischen Oberst bei der Herausgabe des Blattes der Militärregierung helfen, das den Titel Tägliche Rundschau trug, nicht zufällig angelehnt an die Zeitung des Tat-Kreis -Chefs Hans Zehrer, die in den letzten Jahren der Republik von Weimar als ein inoffizielles Sprachrohr der Reichswehr und vor allem des Generals von Schleicher galt. Wenig später ein wichtigeres Projekt: Ihm wurden der Aufbau und die Leitung eines zivilen deutschen Blattes übertragen. Herrnstadt war der Gründervater der Berliner Zeitung, für die er alle talentierten Antinazis und Nichtnazis engagierte, die ihm in die Fänge gerieten: zum Beispiel Helmut Kindler, den späteren Verleger, und Egon Bahr, die ihm freilich beide entliefen, als die Amerikaner ihren Sektor in der Exhauptstadt übernahmen, eine Radiostation und alsbald eine Zeitung gründeten. Bahr berichtete der Autorin, er sei von ihrem Vater beauftragt worden, eine »positive Aufbau-Reportage« zu schreiben. Er lieferte das Propagandastück. Herrnstadt war entzückt. Der künftige Chefredakteur des Rias und Hauptgehilfe Willy Brandts aber wusste fortan, dass dies nicht der freie Journalismus sei, nach dem er strebte – und orientierte sich nach Westen.
Der Operationsraum Herrnstadts verengte sich, als ihm die Verantwortung für das zentrale »Parteiorgan« Neues Deutschland übertragen wurde. Behutsam versuchte er dennoch, das Blatt zur intellektuellen Basis einer (limitierten) Opposition gegen den Konformismus der Ulbricht-Linie umzuformen. Er musste dabei manche Kröte schlucken. Doch sein »Glaube« an die Idee des Kommunismus ließ sich, wie vordem auch, durch keine Krise, keinen Widerspruch, keinen Blick in den Abgrund des Terrors erschüttern. Er rechtfertigte den Hitler-Stalin-Pakt mit der Blindheit der Westmächte gegenüber der nazistischen Gefahr. Er registrierte das Entsetzen der Säuberungen, ohne am System zu zweifeln. Seine Tochter versucht – dies ist die schwächste Partie des Buches – die Abwehr jeder Anfechtung mit der »großen Liebe« seines Lebens zu erklären: der Liebe zur Sowjetunion. »Millionen waren es«, schreibt sie (nun doch ein wenig zu naiv und zu flott), »die – je weiter entfernt umso doller – sich in sie verguckt hatten… Und ganz besonders wurde es, wenn diese Liebe erwidert wurde. Das erlebten nicht viele von diesen Verliebten, Herrnstadt schon, denn sie hat auch ihn geliebt, die ›große, ruhmreiche‹«. Anders könne es nicht gewesen sein.
Die Grenzen der Gegenliebe sollte ihm spätestens im Jahre 1953 der Genosse Semjonow, Hoher Kommissar und eigentlicher Befehlshaber in der DDR, schnöde genug deutlich machen. Zuvor schon hätten ihm der Slansky-Prozess in Prag und der Rajk-Prozess in Budapest mit ihrer widerwärtig antisemitischen Akzentuierung die Augen öffnen können, zumal in Prag auch sein Jugendgenosse Ludwig Freund vor Gericht stand, dessen 16-jähriger Sohn öffentlich die Todesstrafe für den Vater forderte. Doch der Alarm des Arbeiter-Aufstandes am 17.Juni 1953 schreckte ihn auf – und er forderte Konsequenzen. (Die Schlagzeile des Neuen Deutschlands verkündete dennoch: Der Zusammenbruch des faschistischen Abenteuers.) Fast schien es Herrnstadt und seinem Alliierten, dem Staatssicherheitsminister Zaisser, zu glücken, Ulbricht durch eine Mehrheit im Politbüro zu stürzen. Doch kurz nach der blutig niedergeschlagenen Rebellion wurde der sowjetische Geheimdienstchef Berija, der nach Stalins Tod einen radikalen Kurswechsel erzwungen und damit die Explosion in Deutschland ausgelöst hatte, von seinen Konkurrenten im Kreml verhaftet und exekutiert. Ulbricht, der die Entwicklung vorausahnte, war gerettet. Zaisser und Herrnstadt wurden nicht nur aus dem Politbüro entfernt, sondern aus der Partei ausgeschlossen. Irinas Vater sah sich als Archivar samt Familie nach Merseburg verbannt.
Nach der geheimen Chruschtschow-Rede über die Verbrechen Stalins forderte er seine öffentliche Rehabilitierung (eine stille Heimkehr in die Partei lehnte er ab). Diese Genugtuung wurde ihm verwehrt. Er schrieb historische Studien, die schließlich gedruckt werden durften – und eine persönliche Rechtfertigung, die bis zur »Wende« sorgsam verborgen blieb. Trotz aller Demütigungen: Er gab bis zu seinem Tod – er starb nicht an der Tbc, die er aus Russland mitgebracht hatte, sondern an Krebs – den »Glauben« in Wirklichkeit niemals preis. Irina Liebmann macht von der Formel keinen Gebrauch, doch durch ihr liebevolles Buch, das mit solch hinreißendem Elan geschrieben ist, wird überdeutlich, dass die Ideologie für Herrnstadt eine »Ersatzreligion« war, auf die er nicht verzichten konnte und wollte. Das Opium des entlaufenen Bürgers.
Die Autorin muss freilich den zarten Hinweis ertragen, dass das Todesurteil an dem Ehepaar Rosenberg, den vermeintlichen oder tatsächlichen Spionen in New York, keinen Vergleich mit dem Slansky-Prozess rechtfertigt, so schandbar es auch war. Die beiden waren die einzigen (offiziellen) Todesopfer des Kalten Krieges in den Vereinigten Staaten. Ist es so schwer, auch für Nicht-, ja Antikommunisten jenseits des einstigen Zauns, der »moralischen Äquidistanz« von Ost und West Adieu zu sagen? An die Adresse des Verlages: Man wünschte, dass der Band mit den Porträts der Menschen versehen wäre, die Herrnstadt am nächsten standen.
- Datum 31.03.2008 - 11:42 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.03.2008 Nr. 14
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren