Es war ein Autounfall, der Imad* zum gläubigen Muslim machte. Als der junge Deutschmarokkaner am Heiligen Abend 2000 sein Mercedes-Cabriolet über die Autobahn scheuchte, kam ihm ein Lastwagen in die Quere und zerlegte sein Auto in drei Teile. Imad überlebte, außer einer Rippenprellung trug sein kräftiger Körper keine Blessuren davon. Ein Wunder – ein göttliches?

Jedenfalls war das die Stunde, in der Imad seine Wiedergeburt erlebte. Er fuhr in seine Wohnung nach Aachen, nahm alles Bargeld und begab sich auf den Spendenpfad. Imad wollte sich reinwaschen von den Sünden, die er angehäuft hatte. 13.000 Mark schickte er anonym an Unicef, 47.000 Mark nahm er mit nach Marokko und verteilte das Geld an die Armen. Auch seine Uhr von Cartier musste dran glauben, ein Symbol der Dekadenz, das auf Nimmerwiedersehen im Rhein verschwand. Dort rottet es vor sich hin, das Prachtstück im Wert von 15.000 Mark.

Imads Reichtum stammte aus einem Gewerbe, in dem Geschäfte in bar abgewickelt werden und sich nur Männer mit Schlagkraft durchsetzen. Er war Zuhälter. Vierzehn Huren schafften für ihn in der Aachener Innenstadt an, er kontrollierte die Bar Tegale am Hansemannplatz und besaß ein Bordell in der Antoniusstraße. »Ich habe nie eine Frau geschlagen«, sagt er. »Wenn ich abends mein Geld abgeholt habe, habe ich mich bei den Frauen bedankt.« Ein richtig netter Lude. Doch Männer, die ihm komisch kamen, hatten schlechte Karten. Das galt besonders für Optimisten, die glaubten, ihm sein Terrain streitig machen zu können. Imad trainierte bei einem stadtbekannten Kickboxer. »Wir haben gelernt, einen Menschen mit zwei Tritten zum Krüppel zu machen.« Ein Tritt auf die Kniescheibe, einer ins Gesicht des Gekrümmten, das war’s. Die nötige Muskelmasse baute Imad im Fitnessstudio auf, und als ihm die Natur Grenzen setzte, begann er, Anabolika zu schlucken. Bis heute hat er das Kreuz eines Möbelpackers.

So hätte es weitergehen können, wäre nicht dieser Vierzigtonner gekommen und hätte er nicht Imads Weltbild zerknautscht. Was ist der Sinn des Lebens? Warum bin ich hier? Als Zuhälter hatte er sich das nie gefragt, Moral war etwas für Schlappschwänze. Durch das Nahtoderlebnis änderte sich das komplett. Imad, als Muslim geboren, hatte seinen Glauben nie sonderlich ernst genommen. Jetzt stand er vor dem Neubeginn und spürte das Bedürfnis nach Reinigung.

Imad zog durch Aachens Gotteshäuser und landete in der Rahman-Moschee, einem Treffpunkt arabischer Muslime, den der Verfassungsschutz seit Jahren im Visier hat. Hier sollen Parallelwelten existieren, in denen ein Islam gepredigt wird, der nach Saudi-Arabien passt, nicht aber ins Rheinland. Ein Nährboden für islamischen Extremismus, fürchten Verfassungsschützer. Warum fand Imad ausgerechnet hier seinen Seelenfrieden – und ist er nun zu einer Gefahr für die deutsche Gesellschaft geworden?

Seit dem 11. September 2001 sind weltweit Forschungsinstitute aus dem Boden geschossen, die sich mit einer Frage beschäftigen: Warum werden junge Männer zu Terroristen? Homegrown terrorism heißt der englische Fachbegriff für ein Phänomen, das Europas Sicherheitsbehörden Sorgen bereitet – frei übersetzt: hausgemachte Terroristen. Damit sind junge Muslime gemeint, die hier aufgewachsen sind und einen solchen Hass auf die westliche Gesellschaft entwickelt haben, dass sie bereit sind zu morden.

Menschen wie Mohammed Bouyeri, der im November 2004 den niederländischen Islamhasser Theo van Gogh rituell abschlachtete und mit diesem Akt der Barbarei die Welt schockierte. Bouyeri war ein hausgemachter Terrorist. Was trieb ihn an?