Auftritt der Holzfäller im Paradies. An diesem Abend mimen die Inselbewohner chinesische Waldarbeiter, die zur Rodung des Dschungels eingefallen sind. Auf der Salomoneninsel Utupua gibt es kein Fernsehen. An Festtagen verkleidet man sich und spielt Theater. Im flackernden Rampenlicht sitzt der Chef der Holzfäller auf einer Kokosnuss, um seinen Hosenboden nicht schmutzig zu machen. Er trägt ein weißes Hemd, eine dicke Armbanduhr und eine neongrüne Sonnenbrille. Wenn er seine Stimme erhebt, brechen die Zuschauer in schallendes Gelächter aus. Der Sohn des Holzfällers will die Tochter eines Insulaners heiraten, doch deren Familie ist gar nicht erfreut. Mit seiner schiefen Blätterkrone und einer aus Palmzweigen geflochtenen Handtasche wirkt der halb nackte Vater der Braut noch komischer als der Chinese auf der Kokosnuss.

Am Abend vor Saint Bartholomew, dem Fest des Schutzpatrons der anglikanischen Kirche, stehen biblische Geschichten auf dem Programm, aber auch Alltagsszenen werden nachgestellt: Aus Fischern werden Missionare, aus einheimischen Kleinbauern asiatische Holzfäller. Ihre Bühne ist der Dorfplatz von Nembao. Als Scheinwerfer dient eine einzige Gaslaterne. Elektrizität kennt man auf Utupua nicht.

Nur zwei Buchstaben trennen die Salomoneninsel Utupua von der »wunderbarlichen Innsul«, die Thomas Morus 1516 als Utopia erschuf. Bevor spanische Seefahrer die ersten Geschichten aus der Südsee nach Europa brachten, bestimmte Utopia das Bild des Westens vom Paradies auf Erden: ein Ort am Ende der Welt, wo die Menschen glücklich sind, weil es kein Geld gibt, kein Brauchen und kein Haben.

Utupua ist in der Wirklichkeit Teil der Santa-Cruz-Inseln, eines Archipels der Salomonen nordöstlich von Australien. Die Insel gehört zu den entlegensten des Pazifiks. Eine Reise auf die Santa-Cruz-Inseln ist in der Regenzeit oft unmöglich. Dann wird die einzige Landebahn auf der Hauptinsel Nendo zum Sumpf. Ein alterndes Passagierschiff, die MV Baruku, verkehrt normalerweise alle vier Wochen zwischen der Salomonenhauptstadt Honiara und Nendo. Vier Tage lang dauert die Überfahrt, und dann sind es noch einmal sieben Stunden mit dem Motorboot bis Utupua. Doch die Baruku ist seit Längerem wegen eines Motorschadens ausgefallen.

Auf einem überladenen Bananenboot brechen wir von Nendo zum Saint-Bartholomew-Fest auf und haben himmlischen Beistand: Heerscharen von Fliegenden Fischen begleiten die Überfahrt nach Utupua. Federleicht segeln sie über das Meer, die transparenten Flügel weit gespannt. So blitzschnell, wie sie in den Wellen verschwinden, steigen sie wieder auf, in schwereloser Eleganz, Engelswesen des Ozeans, halb Meerestier, halb Sturmvogel. Eben noch war da nur die lähmende Müdigkeit von der stundenlangen Fahrt auf unruhigem Wasser. Nun atmet der Pazifik fast gleichmäßig. Es bleibt nichts als das Staunen über diese sonderbaren Geschöpfe und ihr Wechselspiel zwischen den Elementen. Und irgendwann erscheint am Horizont die Silhouette der Insel wie eine Krone aus nie angetastetem Urwaldgrün. Zwischen sanft abfallenden Hügeln ragen Bergzacken empor, darüber kreisen Schwärme von Seevögeln.

Plötzlich ein blaues Quadrat über dem Wasser, das Segel einer Piroge. Der erste Utupuer, dem wir begegnen, ist vielleicht 20 und trägt eine Jimi-Hendrix-Frisur mit dem Durchmesser eines Medizinballs. Er winkt uns zu. Unter dem Segel sitzt eine junge Frau. Sie hält ein riesiges Blatt als Sonnenschirm und lacht, als sie uns näherkommen sieht. Ihre Zähne sind blutrot vom Saft der Betelnuss, die sie kaut.

In Vollmondnächten ziehen Seekühe auf Beutefang durch die Bucht

Auf den Inseln Melanesiens, zu denen außer den Salomonen auch Vanuatu, der Bismarck-Archipel und Neuguinea zählen, heißt es, sei die Globalisierung nie angekommen. Kaum ein Melanesier habe je davon gehört. Doch unser Glaube an die unberührte Südsee ist ins Wanken gekommen, seit wir vor mehr als zwei Monaten unsere Reise durch Melanesien begannen. Die Enkel der Kopfjäger trinken Coca-Cola, tragen Britney-Spears-T-Shirts und Plastikblumen im Haar. Im Hochland Papua-Neuguineas liebt man deutsche Fußballer. Aus dem Regenwald Bougainvilles dröhnt Dancefloor à la Vengaboys We’re Going to Ibiza – und wollten doch eigentlich ans Ende der Welt.

Die Regierung der Salomonen hat ihre Tropenwälder als Profitquelle entdeckt und die Rodungsrechte an transnationale Holzverarbeitungsunternehmen übertragen. Einheimische Landbesitzer hoffen durch die Freigabe ihrer Waldgebiete auf den schnellen Wohlstand. Der industrielle Kahlschlag hat längst auch die entlegensten Inseln erreicht. Der WWF zählt die Wälder der Salomonen zu den zehn bedrohtesten Ökoregionen der Erde.

Noch ziehen sich dunkle Urwaldhänge über Utupua. Unser Boot steuert langsam in eine weite Bucht, in der einzelne Pirogen ihre Segel gehisst haben. Scharen von Kindern strömen uns am Sandstrand entgegen, in Shorts oder splitternackt. Sie rufen, winken und jubeln, als hätten sie die Fremden seit Wochen erwartet. Der Vorsteher des Dorfes Nembao heißt uns mit einem Handschlag zum Fest des Heiligen willkommen. Die Kinder haben sich für Saint Bartholomew Blumenkränze geflochten, zerbrechliche Kronen aus verknüpften Palmblättern, Diademe aus Hibiskus und Frangipani. Eine Traube von ihnen begleitet uns zu einer Hütte auf Stelzen, wo wir von den Strapazen der Reise ausruhen sollen.

Auf Utupua gibt es kein Gasthaus. Wenn Besucher auf die Insel kommen, schlafen sie in den Hütten der Insulaner. Niemand fragt nach dem Preis einer Übernachtung, denn im Alltag der »Utopier« gibt es kein Geld. Hier lebt man von dem, was das Meer, der Wald, die Kokospalmen und ein paar Gemüsegärten hergeben.

Utupua hat knapp 1000 Einwohner und ist mit 69 Quadratkilometern nicht einmal so groß wie die Nordseeinsel Föhr. Allerdings werden drei Sprachen gesprochen, die nur hier lebendig sind. Zwei Völker, Melanesier und Polynesier, leben seit langer Zeit friedlich Hütte an Hütte. Es gibt Lieder, die man nur hier singt, und Geschichten, die man nur hier versteht. Von Haien, Delfinen und Krokodilen. Und von riesigen Seekühen, den Dugongs, die in hellen Vollmondnächten auf der Suche nach Seegrasfeldern in die Buchten ziehen. Auf den anderen Inseln der Salomonen, wo man vielerorts die Seekühe fast ausgerottet hat, versteht man heute unter Dugong ein Mädchen, das für Geld mit Männern die Nacht verbringt. Hier auf Utupua schweben die Dugongs noch über den Riffen, müden Walfischen gleich, mit dem sanften Blick der Sirene.

Am Morgen von Saint Bartholomew ist die Bucht von Nembao voller Segel. Aus allen Dörfern der Insel kommen die Menschen mit ihren Pirogen. Der alte anglikanische Bischof von Santa Cruz, ein Polynesier mit weißem Rauschebart und kleinen lachenden Augen hinter dicken Brillengläsern, ist bereits am Abend zuvor auf einem vollgepackten Motorboot angereist. Mit seiner Frau hat er sich ein paar Buchten weiter zum Ruhestand niedergelassen. Wie seit vielen Jahren wird er auch dieses Jahr zu Saint Bartholomew in der blumengeschmückten Kirche predigen.

Auf dem Dorfplatz Nembaos herrscht nach der Messe dichtes Gedränge. Die schwatzenden Grüppchen der Kirchgänger übertönen das Rauschen des Meeres. Jungen und Mädchen hocken in den alten Bäumen wie Hühner auf der Stange und zupfen an ihren Blütenkränzen. Zwischen den Stelzenhütten legen Frauen geflochtene Palmmatten in zwei schnurgeraden Bahnen aus. Kinder bringen riesige Blätter, auf denen sie gleichmäßig das Festmahl verteilen: Kasawa-Pudding, Taro, Haifleisch und Meeresschildkröte. Ein paar kleine Mädchen vertreiben die Fliegen über dem Fleisch mit grünen Zweigen. Es gibt keine Sitzordnung auf dem Fest. Nur auf den Rang der Gäste legt man Wert. Wir sitzen mitten in der Menge direkt neben dem Bischof.

Immer wenn ein Motorboot Fremde auf die Insel bringt, erzählen ihnen die Utupuer eine Geschichte, an die sie sich besonders gut erinnern: Vor einigen Jahren kam ein Segelboot in die Bucht von Nembao mit einem Weißen und seiner Frau an Bord. Wie alle Weißen verliebten sich die beiden Schweizer in Utupua, sobald sie die Silhouette der Insel sahen. Sie schwärmten vom Türkis, dem Urwald und den Sandstränden. Als sie den Anker legten und der Mann zum Baden ins Wasser stieg, kam ein Salzwasserkrokodil und zog ihn tief hinab, direkt vor den Augen seiner Frau. Die Insulaner machten sich auf, um den Mann zu suchen. Sie fanden aber nur seine Schwimmflossen in den Mangroven. Die fassungslose Frau erfuhr so viel Anteilnahme, dass sie die Utupuer nie vergaß. Als Zeichen ihres Mitgefühls tauften die Bewohner Utupuas ein Mädchen, das in diesen Tagen geboren wurde, auf den Namen Messerli. So hieß das weiße Ehepaar aus der Schweiz. Die Witwe kehrte später noch einmal nach Utupua zurück. Sie ließ als Dank für die Menschen in Nembao eine Schule bauen. Die Fritz Messerli Memorial School ist neben der Kirche das einzige Gebäude Nembaos mit einem Wellblechdach. Über der Eingangstür hängen die Namen der Spender und die Wimpel zweier Schweizer Jachtclubs.

Die Jungen führen Freudentänze auf, die alte Polynesierin pafft ihre Pfeife

Nach den Schweizern kamen in letzter Zeit vor allem Asiaten, die sich für Utupua interessierten: Malaysier, Indonesier und Chinesen. Sie kamen nicht wegen des Türkis, sondern wegen des Urwaldgrüns Utupuas. Es waren Holzfäller. Wo sonst in der Welt gibt es noch Inseln mit Tropenhölzern, die nie gefällt wurden? Wie die Schweizer, so sagten auch die Asiaten: Utupua braucht Schulen und Straßen, Sanitäranlagen und ein Krankenhaus. Was ist das für eine Insel, auf der es keine Autos und keinen Flugstreifen gibt? Was für eine Gesellschaft, der in regelmäßigen Abständen das Benzin ausgeht, sodass sie für Monate von der Welt abgeschnitten ist? Utupuas Kapital sind das Meer und der Wald. Mit jedem Quadratkilometer gefälltem Urwald wächst der Wohlstand der Utupuer. Welches Land setzt heute nicht auf Fortschritt? Wer kann es sich leisten, nicht an Entwicklung zu denken, an die Zukunft der Kinder?

Auf dem Dorfplatz Nembaos sammeln die Familien die Reste des Essens und hüllen sie in frische Blätter. Dort, wo eben noch Palmmatten lagen, werden jetzt die spielenden Kinder verscheucht, um Platz zu schaffen für das Festprogramm. Ein paar Jugendliche haben neben einer batteriebetriebenen Musikanlage fünf Bambustrommeln aufgebaut. Die Instrumente erinnern an riesige Panflöten, doch ihre verschieden langen Röhren sind wie Tamburine bespannt. Von Weitem klingt das Tremolo der Bambusschlagzeuge wie ein Konzert mächtiger Saitenspieler.

Spektakel unter den alten Bäumen, Tanz der Frauen von Utupua, die Bewegungen ihrer Hände, ihre Stimmen, die orangefarbenen Streifen auf ihren Wangen, überall Blüten in Rosa, Violett und Purpur. Die alte Polynesierin, die ihre Pfeife raucht und den tanzenden Frauen zusieht. Das Mädchen mit der Frangipani-Krone, es lässt Staub durch seine Finger rieseln. This is a song about God. Utupua feiert das Leben, als gäbe es kein Elend. Als sei die Erde eine Insel – Utopia.

Später führen uns die Kinder zu einem Kultort am Rand von Nembao, einer Art Brunnen aus Steinen, von einem Zaun aus Stöcken umgeben. This is where we throw our bad thoughts. So wird das Böse aus der Welt geschafft.

In der Nacht von Saint Bartholomew versammeln sich die Utupuer zu einem Brauch, dessen Bedeutung niemand mehr kennt. Sie legen eine Piroge mit der Oberseite nach unten in den Sand, und drei, vier Jungen beginnen, mit wilder Kraft darauf zu trommeln. Das Stakkato schmerzt in den Ohren, der Rhythmus der Schläge bebt in Mark und Bein. Und bald beginnt die halbe Insel, Männer, Frauen, Kinder, Alte, Junge, im Kreis um die Piroge zu tanzen. Man nimmt uns auf in den Kreis der Utupuer, man lacht über unsere Bewegungen und vielleicht über unsere Unfähigkeit, sich völlig hinzugeben an einen Freudentanz.

Noch vor Sonnenaufgang weckt uns der Bootsführer. Wir hatten gehofft, nur einen einzigen Tag länger bleiben zu können. Aber der Geschäftsmann aus Nendo, dessen Boot uns herbrachte, hat heute noch einen Termin für eine andere Transportfahrt angesetzt.

Der Morgen des Abschieds ist sonderbar blau. Völlig still liegt das Meer in der Bucht von Nembao. Utupuas Kinder schlafen noch. Ein letztes Mal die Silhouette der Insel, wildes Grün, von der Morgensonne berührt, über den Berggipfeln heimkehrende Fregattvögel. Utupua, hatte der Bischof gesagt, heißt auf Polynesisch »Kopf Gottes« oder auch »gotterfüllt«.

An der Wand der Kirche von Nembao hängt ein Brief der Landbesitzer von Utupua an den Sekretär des Umwelt- und Forstministeriums in Honiara. Darin heißt es: »Wir, die Besitzer der Ressourcen unseres Stammes, genehmigen die Einladung von jeglichen Investoren oder Zulieferern zur Abholzung oder Abfräsung des Stammeslandes der Insel Utupua.« Das Schreiben, das direkt daneben hängt und in einer seltsamen Auflistung »Brücken, Straßen, Stipendien, Kliniken, Schulen, Märkte« verspricht, haben vier Utupier unterschrieben. Die letzte Signatur ist in einer Kinderschrift aus wackeligen Großbuchstaben geschrieben.