In Vollmondnächten ziehen Seekühe auf Beutefang durch die Bucht

Auf den Inseln Melanesiens, zu denen außer den Salomonen auch Vanuatu, der Bismarck-Archipel und Neuguinea zählen, heißt es, sei die Globalisierung nie angekommen. Kaum ein Melanesier habe je davon gehört. Doch unser Glaube an die unberührte Südsee ist ins Wanken gekommen, seit wir vor mehr als zwei Monaten unsere Reise durch Melanesien begannen. Die Enkel der Kopfjäger trinken Coca-Cola, tragen Britney-Spears-T-Shirts und Plastikblumen im Haar. Im Hochland Papua-Neuguineas liebt man deutsche Fußballer. Aus dem Regenwald Bougainvilles dröhnt Dancefloor à la Vengaboys We’re Going to Ibiza – und wollten doch eigentlich ans Ende der Welt.

Die Regierung der Salomonen hat ihre Tropenwälder als Profitquelle entdeckt und die Rodungsrechte an transnationale Holzverarbeitungsunternehmen übertragen. Einheimische Landbesitzer hoffen durch die Freigabe ihrer Waldgebiete auf den schnellen Wohlstand. Der industrielle Kahlschlag hat längst auch die entlegensten Inseln erreicht. Der WWF zählt die Wälder der Salomonen zu den zehn bedrohtesten Ökoregionen der Erde.

Noch ziehen sich dunkle Urwaldhänge über Utupua. Unser Boot steuert langsam in eine weite Bucht, in der einzelne Pirogen ihre Segel gehisst haben. Scharen von Kindern strömen uns am Sandstrand entgegen, in Shorts oder splitternackt. Sie rufen, winken und jubeln, als hätten sie die Fremden seit Wochen erwartet. Der Vorsteher des Dorfes Nembao heißt uns mit einem Handschlag zum Fest des Heiligen willkommen. Die Kinder haben sich für Saint Bartholomew Blumenkränze geflochten, zerbrechliche Kronen aus verknüpften Palmblättern, Diademe aus Hibiskus und Frangipani. Eine Traube von ihnen begleitet uns zu einer Hütte auf Stelzen, wo wir von den Strapazen der Reise ausruhen sollen.

Auf Utupua gibt es kein Gasthaus. Wenn Besucher auf die Insel kommen, schlafen sie in den Hütten der Insulaner. Niemand fragt nach dem Preis einer Übernachtung, denn im Alltag der »Utopier« gibt es kein Geld. Hier lebt man von dem, was das Meer, der Wald, die Kokospalmen und ein paar Gemüsegärten hergeben.

Utupua hat knapp 1000 Einwohner und ist mit 69 Quadratkilometern nicht einmal so groß wie die Nordseeinsel Föhr. Allerdings werden drei Sprachen gesprochen, die nur hier lebendig sind. Zwei Völker, Melanesier und Polynesier, leben seit langer Zeit friedlich Hütte an Hütte. Es gibt Lieder, die man nur hier singt, und Geschichten, die man nur hier versteht. Von Haien, Delfinen und Krokodilen. Und von riesigen Seekühen, den Dugongs, die in hellen Vollmondnächten auf der Suche nach Seegrasfeldern in die Buchten ziehen. Auf den anderen Inseln der Salomonen, wo man vielerorts die Seekühe fast ausgerottet hat, versteht man heute unter Dugong ein Mädchen, das für Geld mit Männern die Nacht verbringt. Hier auf Utupua schweben die Dugongs noch über den Riffen, müden Walfischen gleich, mit dem sanften Blick der Sirene.

Am Morgen von Saint Bartholomew ist die Bucht von Nembao voller Segel. Aus allen Dörfern der Insel kommen die Menschen mit ihren Pirogen. Der alte anglikanische Bischof von Santa Cruz, ein Polynesier mit weißem Rauschebart und kleinen lachenden Augen hinter dicken Brillengläsern, ist bereits am Abend zuvor auf einem vollgepackten Motorboot angereist. Mit seiner Frau hat er sich ein paar Buchten weiter zum Ruhestand niedergelassen. Wie seit vielen Jahren wird er auch dieses Jahr zu Saint Bartholomew in der blumengeschmückten Kirche predigen.