Auf dem Dorfplatz Nembaos herrscht nach der Messe dichtes Gedränge. Die schwatzenden Grüppchen der Kirchgänger übertönen das Rauschen des Meeres. Jungen und Mädchen hocken in den alten Bäumen wie Hühner auf der Stange und zupfen an ihren Blütenkränzen. Zwischen den Stelzenhütten legen Frauen geflochtene Palmmatten in zwei schnurgeraden Bahnen aus. Kinder bringen riesige Blätter, auf denen sie gleichmäßig das Festmahl verteilen: Kasawa-Pudding, Taro, Haifleisch und Meeresschildkröte. Ein paar kleine Mädchen vertreiben die Fliegen über dem Fleisch mit grünen Zweigen. Es gibt keine Sitzordnung auf dem Fest. Nur auf den Rang der Gäste legt man Wert. Wir sitzen mitten in der Menge direkt neben dem Bischof.

Immer wenn ein Motorboot Fremde auf die Insel bringt, erzählen ihnen die Utupuer eine Geschichte, an die sie sich besonders gut erinnern: Vor einigen Jahren kam ein Segelboot in die Bucht von Nembao mit einem Weißen und seiner Frau an Bord. Wie alle Weißen verliebten sich die beiden Schweizer in Utupua, sobald sie die Silhouette der Insel sahen. Sie schwärmten vom Türkis, dem Urwald und den Sandstränden. Als sie den Anker legten und der Mann zum Baden ins Wasser stieg, kam ein Salzwasserkrokodil und zog ihn tief hinab, direkt vor den Augen seiner Frau. Die Insulaner machten sich auf, um den Mann zu suchen. Sie fanden aber nur seine Schwimmflossen in den Mangroven. Die fassungslose Frau erfuhr so viel Anteilnahme, dass sie die Utupuer nie vergaß. Als Zeichen ihres Mitgefühls tauften die Bewohner Utupuas ein Mädchen, das in diesen Tagen geboren wurde, auf den Namen Messerli. So hieß das weiße Ehepaar aus der Schweiz. Die Witwe kehrte später noch einmal nach Utupua zurück. Sie ließ als Dank für die Menschen in Nembao eine Schule bauen. Die Fritz Messerli Memorial School ist neben der Kirche das einzige Gebäude Nembaos mit einem Wellblechdach. Über der Eingangstür hängen die Namen der Spender und die Wimpel zweier Schweizer Jachtclubs.

Die Jungen führen Freudentänze auf, die alte Polynesierin pafft ihre Pfeife

Nach den Schweizern kamen in letzter Zeit vor allem Asiaten, die sich für Utupua interessierten: Malaysier, Indonesier und Chinesen. Sie kamen nicht wegen des Türkis, sondern wegen des Urwaldgrüns Utupuas. Es waren Holzfäller. Wo sonst in der Welt gibt es noch Inseln mit Tropenhölzern, die nie gefällt wurden? Wie die Schweizer, so sagten auch die Asiaten: Utupua braucht Schulen und Straßen, Sanitäranlagen und ein Krankenhaus. Was ist das für eine Insel, auf der es keine Autos und keinen Flugstreifen gibt? Was für eine Gesellschaft, der in regelmäßigen Abständen das Benzin ausgeht, sodass sie für Monate von der Welt abgeschnitten ist? Utupuas Kapital sind das Meer und der Wald. Mit jedem Quadratkilometer gefälltem Urwald wächst der Wohlstand der Utupuer. Welches Land setzt heute nicht auf Fortschritt? Wer kann es sich leisten, nicht an Entwicklung zu denken, an die Zukunft der Kinder?

Auf dem Dorfplatz Nembaos sammeln die Familien die Reste des Essens und hüllen sie in frische Blätter. Dort, wo eben noch Palmmatten lagen, werden jetzt die spielenden Kinder verscheucht, um Platz zu schaffen für das Festprogramm. Ein paar Jugendliche haben neben einer batteriebetriebenen Musikanlage fünf Bambustrommeln aufgebaut. Die Instrumente erinnern an riesige Panflöten, doch ihre verschieden langen Röhren sind wie Tamburine bespannt. Von Weitem klingt das Tremolo der Bambusschlagzeuge wie ein Konzert mächtiger Saitenspieler.

Spektakel unter den alten Bäumen, Tanz der Frauen von Utupua, die Bewegungen ihrer Hände, ihre Stimmen, die orangefarbenen Streifen auf ihren Wangen, überall Blüten in Rosa, Violett und Purpur. Die alte Polynesierin, die ihre Pfeife raucht und den tanzenden Frauen zusieht. Das Mädchen mit der Frangipani-Krone, es lässt Staub durch seine Finger rieseln. This is a song about God. Utupua feiert das Leben, als gäbe es kein Elend. Als sei die Erde eine Insel – Utopia.

Später führen uns die Kinder zu einem Kultort am Rand von Nembao, einer Art Brunnen aus Steinen, von einem Zaun aus Stöcken umgeben. This is where we throw our bad thoughts. So wird das Böse aus der Welt geschafft.