Türkei Kemal Bey und die Messerschleifer

Einmal nach Asien und zurück. Warum Istanbul erst richtig schön wird, wenn man im Auto mit Orhan Pamuk in den Bosporus stürzt

Diese Stadt liegt am Meer und ist auf steilen Hügeln gebaut. Das macht Istanbul so wunderschön und so gefährlich. Vor nicht langer Zeit löste sich die Handbremse eines Autos, das oben auf einem Hügel über dem Bosporus geparkt war. Der führerlose Wagen rollte die Straße herunter, demolierte Autos und Schaufenster und schoss schließlich voran ins Meer. Doch in der Tiefe nahm die Abfahrt eine wunderbare Wendung. Die Fischer ließen ihr stärkstes Netz zu Wasser und bargen das Auto. Ein Kran der Stadtverwaltung stellte es auf der Küstenstraße ab, wo es in der Mittagssonne trocknete und auf seinen Besitzer wartete.

Doch wie verhielte sich der Mensch, säße er in einem solchen Auto? Mit dieser Frage hat sich der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk beschäftigt. In seinem Buch Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt zitiert er eine Lokalzeitung, die folgende Verhaltensregeln unter Wasser empfiehlt: »Geraten Sie nicht in Panik. Schließen Sie die Autofenster, und warten Sie ab, bis der Wagen sich mit Wasser gefüllt hat. Entriegeln Sie die Türen. Wenn der Wagen fast mit Wasser gefüllt ist, pumpen Sie mit der verbleibenden Luft Ihre Lungen voll, öffnen Sie langsam die Autotür, und steigen Sie in aller Ruhe aus … Wenn Sie an die Wasseroberfläche kommen, werden Sie feststellen, wie schön das Leben und der Bosporus doch sind.«

Zu dieser Einschätzung kommt ein Ausländer, der in einem Bosporuscafé Orhan Pamuk liest, übrigens auch ganz ohne das waghalsige Experiment. Der Kellner serviert Tee und Pistazien, draußen stehen die Angler in der Sonne, die Schiffe ziehen vorbei, und der Fremde staunt, warum Pamuk in seinen Erinnerungen ein so schwermütiges Bild von der Stadt zeichnet. »Das Istanbul meiner Kindheit habe ich wie ein Schwarzweißfoto erlebt, als zweifarbigen, halbdunklen, bleigrauen Ort«, so leitet er ein Kapitel ein. Er besingt das Halblicht der Stadt: »Rauchige Nebelmorgen, auf Moscheekuppeln hockende Möwen, verschmutzte Luft, Ofenrohre, die aus Häusern herausragen wie Geschützläufe.«

Pamuk beschreibt eine Gemütsverfassung, die zur Stadt gehöre wie der Bosporus: hüzün heißt sie auf Türkisch, Pamuk übersetzt das mit Melancholie. Seine Helden sind die »Familienväter, die in einem Vorort mit einer Tüte in der Hand unter einer Straßenlaterne ihrem Heim entgegenstreben, alte Buchhändler, die in ihrem Laden frieren und den lieben langen Tag vergeblich auf Kunden hoffen, Frauen mit Kopftuch, die an abgelegenen Haltestellen auf einen ewig nicht kommenden Bus warten«.

Alles hüzün, aber auch alles Istanbul? Oder doch eher Eindrücke einer verflossenen Zeit? Sicherlich hatte das kohlebefeuerte Istanbul in Wirtschaftskrisen früherer Zeiten ein graues und dabei romantischeres Antlitz als die von Finanzinvestoren heimgesuchte Boom-Metropole 2008. Vielleicht ist die Stadt für den Schriftsteller melancholischer als für jemanden, der einfach zum Arbeiten gekommen ist. Womöglich sieht der beschlagene Einheimische die Dinge anders als der nach Begeisterung dürstende Fremde. Ein Spaziergang durch die Stadt soll helfen, den Blick des Schriftstellers zu verstehen und ihn mit dem des Korrespondenten zu vergleichen.

Im Tarlabasi-Viertel kippt das helle Istanbul in sein düsteres Gegenbild

Die moderne, blitzblank gewienerte Metro findet in Pamuks Erinnerungen keine Erwähnung, weil es sie damals schlicht noch nicht gab. Mit ihr fährt heute jeder, der im Zentrum zu tun hat, zügig und frei von jedem Trübsinnsanfall zum Taksimplatz, ins Herz des modernen Istanbul. Dort öffnet sich das Schaufenster der Metropole, die Einkaufsmeile Istiklal: hell erleuchtete Geschäfte, die alten Paläste ausländischer Konsulate, neobyzantinische Kirchen, marmorweiße Passagen mit Mittagslokalen, bunten Märkten und Kinos. In den Seitenstraßen die Cafés und Teestuben, Restaurants und Bars, die anständigen und weniger anständigen Badehäuser. Das wonnetrunkene Leben. Die schlecht bezahlten Kellner und Musiker haben es nicht weit nach Hause.

Sie überqueren eine vierspurige Straße, welche die Behörden wenig feinfühlig durch die Altstadt des 19. Jahrhunderts fräsen ließen. Am Abhang jenseits davon kippt das weiße, helle Istanbul in sein schwarzes, düsteres Gegenbild. Im Tarlabasi-Viertel empfehlen manche bei Sonnenschein den Regenschirm, weil Kinder von den Balkons spucken. Zwischen Altbauten hängt die Wäsche im Dunst. Müllhaufen kokeln. Einem verwaisten Haus fehlt die Frontseite, Kinder spielen in der Ruine, die aussieht wie eine brüchige Puppenstube. Je nach Blickwinkel ist es in Tarlabasi wildromantisch oder tieftraurig. Wer wohnt hier?

»Kriminelle«, sagt Leyla, eine genervte Hausbesitzerin, die dringend verkaufen möchte. Drogenhändler, Fünf-Euro-Prostituierte, Nachtbar-Besitzer, Pistolenhändler, Messerschleifer. Die meisten sind Flüchtlinge aus Ostanatolien, einige sunnitische Türken, manche Roma, viele Kurden. »Hoffentlich geht hier bald der Besen durch«, sagt Leyla. Tarlabasi ist Sanierungsgebiet. Die Stadtverwaltung überzeugt die Eigentümer oder enteignet sie notfalls gegen eine Entschädigung. Dann wird renoviert, anschließend steigen die Mieten. Die alten Häuser werden leuchten, vielleicht zu hell für ihre Bewohner. Leyla hofft auf den Untergang dieser Unterwelt.

Hüzün – das beschreibt Pamuk auch als Folgegefühl von Verfall, Verlust und Veränderung. Dafür ist Tarlabasi wahrlich ein Vorzeigeort. In der alten Brunnenstraße: Hassan betreibt eine Garage neben einem sechsstöckigen Prachtbau aus rotem Backstein und Sandstein-Pilastern. Er lebt seit 30 Jahren hier und kann sich noch erinnern, wie die Kinder morgens in diese schöne Schule strömten. Armenische Kinder. In den siebziger Jahren wurde die Schule geschlossen, dann war ein Kino darin, ein Restaurant, heute verrottet das Gebäude. Warum die Schule geschlossen wurde? Er weiß es nicht. Wo die Armenier sind? Schulterzucken. Hassan hofft auf die Gerüchte, ein Hotel werde dort aufmachen. Das wäre gut für seine Garage.

Eine eigenartige Vergesslichkeit ist dieser Stadt mit so viel Geschichte zu eigen. Den Istanbulern kommt nicht selten »ein gerüttelt Maß an Unwissenheit zu Hilfe«, schreibt Pamuk. »Sie entledigen sich des Begriffes ›Geschichte‹ voll und ganz und gehen mit den entsprechenden Bauten um, als seien sie erst gestern errichtet worden.«

Das sieht man besonders dort, wo Istanbul älter ist als die meisten Städte dieser Welt. Die Mauer des oströmischen Konstantinopel wurde vor mehr als 1500 Jahren hochgezogen. Aber Respekt nötigt das den Einheimischen nicht ab. Am Goldenen Horn konkurriert die alte Mauer mit einem wuchtigen Autobahnzubringer. Jenseits des Ufers wird es stiller. Ein Hühnerhof grenzt an die Mauerruinen, daneben ein Spielplatz mit verrosteten Wippen, ein Lastwagenhof breitet sich aus. Die Stadtmauer liefert dafür nicht mehr als eine rückwärtige Begrenzung, der niemand Aufmerksamkeit schenkt, nicht mal die Hühner.

Das will die Stadtverwaltung ändern. Nirgendwo lässt sich der Erfolg beherzter Politik so schön sichtbar machen: Wo noch vor wenigen Jahren hässliche Risse im Festungsgürtel klafften, wo Feigenbäume und wildes Grünzeug die Türme überwucherten, wo alte Steine ruchlos gestohlen wurden, steht man heute vor hellen Ziegeln mit sauberen Kanten und perfekten Fugen. Ein Lastwagen fährt vor und kippt seine Ladung vor einen alten Mauerabschnitt: neue Steine für Byzanz. Daneben trinken drei Männer Bier. Der eine sagt: »Das ist gut, so kommen mehr Touristen.« Der zweite sagt: »Das ist schlecht, die alte Mauer verschwindet.« Der dritte wirft seine Bierdose zwischen die Steine und sagt: »Was können wir daran ändern?«

Wenn alles einmal fertig ist, werden die Gäste von Byzanz nicht mehr nur auf schäbige Ruinen blicken. An der neuen Mauer, die direkt vor der alten entsteht, werden sie eine halbschuhgerechte Treppe vorfinden, die sie zu den Wehrtürmen mit türkischen Flaggen führt. Vor der restaurierten Mauer haben die Busse der Firma Design Tourism schon jetzt einen reservierten Parkplatz. Nur für Melancholie ist es nicht mehr der rechte Ort.

Auf der Suche nach jener Pamukschen Form von Wohlfühlwehmut kommt man wieder am Bosporus heraus. Der Schriftsteller war als Kind fasziniert von den großen Villen, den »Yalis«, welche die Meerenge hoch zum Schwarzen Meer säumen. »Aus dem prächtigen, aber verwitterten Eisentor eines großen Yalis, aus den unverwüstlichen, moosbedeckten hohen Mauern« eines zweiten Yalis, aus den Fensterläden eines dritten, »das noch keinem Brand zum Opfer gefallen war, las ich die Spuren einer prunkvollen, dahingeschwundenen Zivilisation heraus«. Um zu verstehen, was Pamuk meint, muss man ein Boot besteigen.

Ein Linienschiff am malerischen holzverzierten Anleger von Bebek, Europa, fährt nach Kanlica, Asien. Die Fähre kreuzt durch den Nebel auf dem Meer mitten in der Stadt. Am europäischen Ufer ist hinter den Schwaden die Burg von Rumeli Hisari zu erkennen. Ein riesiger Tanker schiebt sich ins Blickfeld. Er kommt aus Panama, kreuzt hoch zum Schwarzen Meer und heißt Challenger. Von den Burgen Rumeli Hisari und Anadolu Hisari aus hat Mehmet der Eroberer im 15. Jahrhundert die Griechen von Byzanz herausgefordert. Kurze Zeit später fiel die Stadt in seine Hand. Am Ufer stehen heute ganz ungeschützt die großen Villen, von denen Pamuk spricht, Yali neben Yali, privatisiert, renoviert und koloriert. Schwarzweiß, das war gestern. Grauschwarz ist allein der mächtige Pfeiler der zweiten großen Brücke, welche die Distanz zwischen Asien und Europa auf eine zweiminütige Autobahnfahrt reduziert hat. Sie ist nach Mehmet dem Eroberer benannt. Das Boot legt an – Asien.

Istanbuler Blondinen am Steuer – ein Symbol für die Modernisierung

Der erste Eindruck: Joghurt. Kanlica ist bekannt für gute Milchspeisen, in den Cafés löffeln die Besucher munter aus ihren Bechern. Von hier fährt der Bus nach Anadolu Hisari. Die Burg hat seit Mehmets Zeiten viel von ihrer Abschreckungskraft eingebüßt, ein Kinderspielplatz nimmt ihre Mitte ein. Zwischen Wehrtürmen steht ein altes Postamt, dessen schmutzigweiße Farbe vom feuchten Seewind auf das Pflaster gewaschen wurde. Innen ein bollernder Ofen und ein blecherner Kummerkasten für »Anregungen und Beschwerden«, aber keine Kunden. Pamuk hätte seine Freude an diesem Ort.

Schon am Nachmittag geht die letzte Fähre zurück nach Europa. Hinter der Burg von Rumeli Hisari ragen zwei Dutzend Türme in den Schwaden der Megametropole auf: das Geschäftsviertel von Levent, Sitz der internationalen Konzerne. Am Ufer davor liegt Bebek. Beim Anlegen wirkt die Distanz zur asiatischen Seite größer, als sie in Wirklichkeit ist. Im Stau kriechen Aston-Martin-Sportwagen und Mercedes-Geländewagen voran. Am Steuer Istanbuler Blondinen, ein Phänomen der türkischen Modernisierung. Bei Flowers & Events gibt es die teuersten Blumen der Stadt zu kaufen. Ein Vitaminshop und ein Body-Care-Geschäft bieten alles, wovon die Istanbuler früher nicht wussten, dass sie es brauchten. Die Trutzburg gegen die Flausen der Moderne ist wiederum das Postamt. In Bebek steht es zugleich für das neue Istanbul, außen poliert und innen wehmütig. Hier entspannt sich die Diskrepanz zwischen Pamuks Beschreibungen und den Eindrücken des Neuankömmlings.

Im mondänen Bebek hat die Post eine Aluminiumtür, helles Holz, Schalter mit satiniertem Glas und Stahl. Der ausländische Kunde will ein Postfach eröffnen. Kemal Bey hinter dem Schalter erklärt, was er dafür sehen möchte. Reisepass, polizeiliche Anmeldung und ein Passbild. Dem Foto des Kunden verpasst er mit zwei Kuli-Strichen einen Schnauzer. Das sehe türkischer aus, findet er. Dann übergibt er den verrosteten Postfachschlüssel. Er passt nicht. »Verschicken Sie Ihre Briefe besser per E-Mail«, rät Kemal Bey, »und schon ist das Schlüsselproblem gelöst.« Gute Idee. Den Schlüssel zum Postfach behält der Kunde trotzdem. Aus Wehmut.

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Leser-Kommentare
    • WITCH
    • 29.03.2008 um 13:05 Uhr

    ist Orhan Pamuk nicht zu trauen. Sein Rezept zum Ausstieg unter Wasser waere garantiert fatal.

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