Internetforen Der Aufstand der Web-Patienten
Ergebenheit Ärzten oder Lehrern gegenüber war einmal. Heute verteilen Patienten und Schüler schlechte Noten öffentlich im Internet
Würden Sie Ihr Kind in die Hände dieser Frau geben? Kinderärztin E. aus Dresden »ist augenscheinlich nicht an ihren Patienten interessiert«. Untersuchungen nehme sie nur »sehr oberflächlich und mit Desinteresse« vor. Das Fazit: »nicht weiterzuempfehlen!«
Längst werden im Internet nicht nur Hotels und Autos beurteilt, sondern auch Lehrer und Mediziner. Die harte Kritik an Doktor E., verfasst vom User »athuruga«, kann jeder im Netz nachlesen. Dort sind neben dem vollen Namen auch Praxisanschrift und Telefonnummer verzeichnet.
Auf der Website DocInsider.de sind mehr als 350.000 Ärzte, Heilpraktiker und andere Gesundheitsdienstleister aufgelistet, die von Patienten bewertet werden können. DocInsider ist eines von einem Dutzend Ärzte-Bewertungsportalen, die in den vergangenen Monaten aus dem Boden geschossen sind. Sie heißen Helpster oder Topmedic und wollen, wie es bei DocInsider heißt, »Transparenz in den Gesundheitsmarkt« bringen.
Doch was bedeutet Transparenz? Bei DocInsider können registrierte Nutzer Ärzte mit bis zu fünf Punkten bewerten und einen persönlichen Kommentar verfassen. Ähnlich funktioniert das Bewertungsverfahren bei Helpster, dort vergibt man bis zu fünf Sternchen für fachliche und persönliche Beratung.
DocInsider hat ein halbes Jahr nach dem Start nach eigenen Angaben mehr als 10.000 Stimmen gesammelt. Doch wer sich durch die Ärztelisten klickt, merkt schnell: Nur selten findet sich überhaupt eine Bewertung und wenn, dann allenfalls von einigen wenigen Juroren. Die kritische Masse, von der an die Summe der subjektiven Stimmen vielleicht ein nützliches Profil ergibt, hat noch keines der Portale erreicht.
Je weniger Nutzer ihre Stimme abgeben, desto unsicherer und irreführender ist das Ergebnis. Ob zum Beispiel hinter »athuruga« ein enttäuschter Patient oder ein bösartiger konkurrierender Arzt steckt, bleibt offen. So liest sich manche Bewertung wie aus einem PR-Prospekt. Bei Heplster heißt es über einen Zahnarzt aus der Nähe von Hamburg: »Ein sehr freundlicher, aufgeschlossener Arzt, der sich für jeden Patienten die Zeit nimmt, ihm genau zu erklären, was er machen wird.« Und weiter: »Wartezeiten überschreiten eine Dauer von 20 Minuten in der Regel nie. Termine können auch kurzfristig gemacht werden.« Eine einsame Lobhudelei, die gutgläubige Patienten unter Umständen direkt zum Schrecken der Branche führt.
Aber auch der umgekehrte Fall wirft Probleme auf. Bei einer harschen Beurteilung steht der Ruf eines Arztes oder gar seine Existenz auf dem Spiel. Da hilft auch die Option von DocInsider nicht, offenkundigen Missbrauch melden zu können, denn die Trennlinie zwischen fundierter Kritik und simplem Dampf-Ablassen ist oft unscharf. Welche negative Kritik ist Tatsachenbehauptung? Was fällt unter Meinungsfreiheit und was unter unzulässige Schmähkritik?
Zunehmend müssen sich Anwälte und Gerichte mit solchen Fragen beschäftigen. Juristischen Ärger gab es nicht nur wegen des Lehrer-Bewertungsportals Spickmich.de , sondern auch für die Betreiber von MeinProf.de, einer Plattform, auf der Studenten ihre Dozenten bewerten können. Ein Professor aus Brandenburg verklagte sie auf 3.000 Euro Schadenersatz, nachdem er auf der Plattform als »Psychopath« und »echt das Letzte« beschimpft worden war. Die Betreiber hatten den Beitrag umgehend gelöscht und gewannen den Prozess in zweiter Instanz. Der neue Boom der Bewertungsportale kennt also zumindest eine Berufsgruppe als klaren Gewinner: Anwälte.
Die werden im Übrigen hierzulande noch auf keinem Portal bewertet. Ob das daran liegt, dass die Arbeit der Anwälte für Laien schwer zu beurteilen sei, wie es aus dem Deutschen Anwaltsverein heißt? Oder eher an der deutschen Furcht vor der Klagefreudigkeit der Anwälte? In der Schweiz jedenfalls können Mandanten die Leistungen ihrer Anwälte bereits beurteilen. Allerdings können auf der Seite anwaltvergleich.ch Kommentare nur mit vollständiger E-Mail-Adresse abgegeben werden. Und wer als Anwalt nicht bewertet werden will, kann die Funktion einfach abstellen. Ein Schritt, mit dem sich die Betreiber viel Ärger und Kritik ersparen wollen.
In den USA, wo die Vorbilder vieler deutscher Bewertungsportale entstanden sind, ist man schon einen Schritt weiter. WellPoint, einer der größten US-Krankenversicherer, hat angekündigt, in diesen Tagen eine Plattform für seine Versicherten zu öffnen, auf der sie sich über Ärzte austauschen und diese bewerten können. Die Bewertung eines Arztes will WellPoint erst veröffentlichen, wenn mindestens zehn Patienten ihren Kommentar hinterlassen haben.
Das grundsätzliche Problem, den objektiven Qualitäten oder Unfähigkeiten der Experten auf die Schliche zu kommen, haben all diese Ansätze noch nicht gelöst. Die Beurteilung ist nur eine grobe, geschmäcklerische Annäherung. Das bliebe selbst dann so, wenn auf Webseiten auch harte Kriterien wie die Anzahl von Behandlungen und Komplikationen aufgelistet würden. Vielleicht lässt sich noch etwas über die Güte eines Zahnarztes erschließen, wenn zehn Patienten im Internet berichten, dass ihnen zum wiederholten Mal nach kurzer Zeit eine Krone aus dem Mund gefallen ist. Welche Möglichkeit aber hat der Laie einzuschätzen, ob die dauerhafte Senkung eines zu hohen Blutdrucks auch nach allen Regeln der Kunst erfolgt ist?
Urteilt der Patient nur nach den ersten Nebenwirkungen der Therapie, fällt das Urteil wahrscheinlich falsch aus, denn zunächst fühlen sich Patienten mit dem ungewohnt niedrigen Blutdruck mitunter schlapp und schwindlig. Der eigentliche Gewinn der Behandlung kann sich erst nach Jahrzehnten einstellen, wenn der Patient einige Jahre länger gelebt hat.
Welche Gewichtung hingegen Internetportale setzen, zeigt das Beispiel WellPoint. Die holten sich für die Ärzte-Bewertung die Rating-Agentur Zagat an Bord, die bislang vor allem Restaurants einstufte. Anstelle ihrer üblichen Kategorien »Essen, Ausstattung, Service und Preis« lässt sie nun über »Vertrauen, Kommunikation, Erreichbarkeit und Praxisatmosphäre« abstimmen.
- Datum 05.05.2008 - 13:07 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.03.2008 Nr. 14
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Das Rückmeldungswesen entspricht dem Zeitgeist. Jeder kann heute im Internet mitreden und möchte das auch. Da das Netz Anonymität zulässt, ist die Schwelle des Mittuns gering. Zugleich erlaubt diese Anoymität vielerlei Missbrauch.Die Tendenz zur Selbst-Entfaltung findet hier ihren Ausdruck. Vom Objekt zum Subjekt. Ich bin nicht Patient, Schüler, Student, Bittsteller, sondern autonomer Bewerter. Ich hole mir ein Stück von der Macht zurück, die in diesen Beziehungen vielleicht verloren ging.Für die Betroffenen eine neue Herausforderung. Kein Halbgott in Weiss, kein überfliegender Professor, kein vorurteilsbeladener Lehrer und vergleichbare kommen so heute noch durch.. Sie müssen damit rechnen, dass ihr Auftreten im internet,also weltweit kommentiert wird. Das wird nur denjenigen egal sein, die eine ganz dicke Haut haben. Andere gehen zu Gericht und verlieren, wie die Dame gegenüber spickmich.Da die Erscheinung noch relativ neu ist, werden sich Konturen, was darf man, was nicht, wie gut und verlässlich sind solche Rückmeldungen, noch herausbilden.Zurückdrehen kann man das nicht.
Es ist nicht immer negativ, wenn Patienten / Betroffene sich mit Informationen über Ihre Diagnosen, Therapien oder den Arzt austauschen. Sich im weitesten Sinne mit der gesundheitlichen Herausforderung zu beschäftigen ist eine Form der Bewältigung und damit der Therapie.Mit dieser Erkenntnis habe ich mit einem Partner ebenso ein Portal entwickelt, dass sich mit dieser Thematik auseinandersetzt: www.patientenwieich.deBei diesem "neuen Trend" ist es als Leser bzw. Nutzer wichtig, wahre Informationen zu konsumieren. Wenn Manipulation ausgeschlossen bzw. mit verschiedenen Mitteln erschwert wird (wie auf unserem Portal), dann ist diese Art der Kommunikation eine grosse Bereicherung.
Ist ja auf alle Fälle schon mal interessant, dass das Arzt-Patienten-Verhältnis als Plattform der Machtausübung wahrgenommen wird. Wo doch dem individuellen Inferioritätsgefühl nicht unbedingt ein objektives Streben nach Unterwerfung auf der Gegenseite entsprechen muss. Wenn sich die eh schon gebeutelten Doktores jetzt auch noch mit den Halb- und Vollneurotikern auseinandersetzen sollen, die aus der Deckung heraus glauben, ihre Frustration über die leider nun mal bestehende Abhängigkeit abreagieren zu müssen, dann werden die Leidenden sich alsbald Ärzten gegenüber sehen, die sich nicht mehr vorbehaltlos in die empfindliche Interaktion einlassen. Dann wird endgültig alles zu Geschäft und Inszenierung. Wohl bekomm's!Nicht enden wird die Merkantilisierungs - schließlich kommt die Geschäftsidee wieder mal aus "Amerika" - damit, dass auf der Seite www.holiday.doc zu erfahren sein wird, welcher Doktor unter dem Eindruck welcher vorgeblichen Unpässlichkeit wie lange krankschreibt. Nicht umsonst hatten die Altvorderen jegliche Öffentlichkeitsarbeit der Ärzte streng reglementiert. Ob Marktschreiertum mit aufrichtiger Empathie vereinbar sein werden?
warum sollten Patienten nicht von Tipps anderer profitieren. Natürlich sind die Bewertungen subjektiv und es bleibt schwer Ärzte überhaupt zu bewerten, da dies wohl oft von Genesungsprozeß abhängig ist. Ich denke aber, dass die Nutzer von Portalen wie http://www.mein-guter-arz... mündig genug sind, die Probleme zu erkennen und die Bewertungen richtig einzuschätzen.Es bleibt ein Schritt in Richtung Transparenz in der Ärzte-Patienten-Beziehung.
Dieser Artikel war Anlass bei docinsider einmal vorbeizuschauen. Als Betreiberin eines Gesundheitsblogs aus Sicht der Patienten sind ja Ärztebewertungen zunächst eine feine Sache.Das Portal "docinsider" wirbt darum, dass sich Ärzte für 299,- € eintragen lassen? Etwas merkwürdig. Eine Stichprobe in der Gruppe "Psychotherapeuten" hat z.B. ergeben, dass MPU-Berater und ein Professor der Erziehungswissenschaft als Psychotherapeuten gelistet werden. Etwas merkwürdig, denn seit längerem ist der Titel Psychotherapeut geschützt. Eine weitere Stichprobe hat ergeben, dass hier offenbar veraltete Ärztedaten verwendet wurden. Was soll ich - angesichts solcher Fakten - von einem Portal halten?? Insbesondere die Verquickung kostenpflichtiger Einträge für Ärzte und Bewertung von Ärzten könnten miteinander in Widerspruch stehen.....Bewertungen habe ich 3 Stück auf der Titelseite gefunden ;-))))
[Verlinkung geloescht. Bitte unterlassen Sie Schleichwerbung. /Die Redaktion pt.]
Hallo Monika,Auf unserer Homepage www.docinsider.de werden immer die drei neuesten Bewertungen angezeigt, wenn du auf mehr klickst werden die sechs aktuellsten Bewertungen angezeigt. Insgesamt haben wir stand Heute ca. 20.000 Bewertungen die den einzelnen Praxisprofilen zugeordnet sind. Die Problematik der falschen Fachgebiete ist erkannt - dieses Nutzerfeedback haben wir schon mehrfach bekommen und gehen sie an. Schade das wir Ihre Beobachtungen über den Umweg dieses Forums mitgeteilt bekommen, und das sie nicht den direkten Kontakt zu uns gesucht haben. Der schnellste und einfachste Weg für Sie, die Sie ja schon so aufmerksam waren Stichproben zu nehmen, ist aber auf die Betreffenden Praxisprofile bei DocInsider zu gehen, dort auf "Daten ändern" zu klicken und eine Korrektur vorzuschlagen oder für das entsprechende Profil "Missbrauch" zu melden.Wir freuen uns auf Ihre Mithilfe, schließlich ist DocInsider ja das Patientenportal und lebt von den Erfahrungen (nicht nur Bewertungen sondern auch Adressinformationen) die unsere DocInsider anderen Patienten zur Verfügung stellen. Viele GrüßeDas DocInsider Team
Natürlich hatte ich meine Beobachtung an Sie weiter gegeben. Eine Reaktion habe ich allerdings nicht bekommen.....Unerklärlich bleibt dennoch, dass Kassenärztliche Vereinigungen und Krankenkassen ja offizielle Ärzte-und Psychotherapeutenlisten haben und dennoch Berufsfremde bei Ihnen als "Psychotherapeuten" gelistet waren?
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