Produkttests Schaulaufen der Staubsauger
Die Stiftung Warentest ist seit Jahrzehnten eine nationale Institution. Ein Besuch in der Werkstatt der Testprofis
Holger Brackemann weiß, was die Deutschen beschäftigt: »Staubsauger stehen bei den Suchanfragen auf unserer Internetseite an erster Stelle.« Und das ausgeprägte Interesse an den Säuberungsgeräten ist kein rein deutsches Phänomen. »Bei allen unseren Mitgliedern ist das einer der gefragtesten Tests«, sagt auch Guido Adriaenssens, Chef des weltweiten Warentester-Dachverbands International Consumer Research & Testing (ICRT). Warum das so ist, bleibt ein Rätsel für Brackemann, der bei der Stiftung Warentest für die Staubsaugertests zuständig ist: »Die Geräte halten ja bis zu zehn Jahre, da braucht man nicht dauernd ein neues.« Vielleicht sind Leute, die großen Wert auf ordentlich gesaugte Teppiche legen, besonders eifrige Testleser und Produktvergleicher. Über die Menschen, die die Staubsauger bedienen, weiß man nichts Genaues. Über die Sauger selbst aber umso mehr.
Dafür sorgen Reinhard Löser und seine Kollegen von dem Prüfinstitut, das im Auftrag der Stiftung Warentest Jahr für Jahr Staubsauger inspiziert. Welches das ist, darf man nicht schreiben. Die Stiftung legt Wert auf Diskretion, das soll die Unabhängigkeit der Tests sichern. Löser, ein stämmiger Mann mit rotblondem Rauschebart, ist verantwortlich für die Staubaufnahmeprüfung. Die ist der wichtigste Teil des Saugerexamens, denn, so stellt Brackemann klar: »Die Funktion eines Staubsaugers ist primär, dass er Staub aufnimmt.«
Löser schüttelt ein gräuliches Pulver aus einer Müslidose, genau 23,5 Gramm zeigt die Waage. Den industriell hergestellten Normstaub mit exakt definierter Korngröße streut er in die Rinne des Staubverteilungsschlittens. Das flache Gerät fährt über den genormten Prüfteppich, ein Rüttelmagnet rüttelt den Staub heraus, eine Stahlwalze walzt ihn fest. »So gleichmäßig kriegt man das von Hand nicht hin«, sagt Löser. Jetzt sind reguläre Testbedingungen gegeben. Der Prüfer im Karohemd hievt einen blauen Staubsauger auf eine Plattform, schraubt das Saugrohr in einer Halterung fest und justiert es. Nun senkt die Prüfvorrichtung die Düse auf den Teppich und fährt mit einer Geschwindigkeit von 0,5 Metern pro Sekunde über den dunkelroten Wollvelours, fünfmal hin und her. Löser wiegt den Staubbeutel. 19 Gramm, macht 80,9 Prozent Saugleistung. Nicht schlecht.
Die Testapparatur hat Löser mit seinen Kollegen selbst entworfen, um ordnungsgemäß nach DIN EN 60312 prüfen zu können. Auf 65 Seiten sind dort die »Prüfverfahren zur Bestimmung der Gebrauchseigenschaften von Staub- und Wassersaugern für den Hausgebrauch und ähnliche Zwecke« vorgeschrieben. »Wir sind die Einzigen weltweit, die einen Staubsauger komplett nach DIN testen können«, sagt Lothar Köhler, der Chef der Warenprüfer. »Darauf sind wir stolz.«
Vor 42 Jahren erschien die erste Ausgabe des Magazins, das zunächst Der Test hieß und heute schlicht test. »Ratlos stehen Käufer vor vollen Schaufenstern. Das Warenangebot wächst von Tag zu Tag. Es gibt heute rund 150 Nähmaschinenmarken, 80 verschiedene Staubsauger, 70 Heizkissen. Küchenmesser und Kochlöffel sind nicht zu zählen«, fasste die Redaktion die Problemstellung zusammen. Den Testbedarf hatte aber »Keine Experimente«-Kanzler Adenauer schon vier Jahre zuvor erkannt und neutrale Warentests gefordert, um den Konsumenten Orientierung zu geben im Wirtschaftswunderland.
Vorbild waren die Verbraucherverbände in den USA, die schon seit den dreißiger Jahren Produkte testen. Die Unternehmen in Deutschland sträubten sich zunächst; der Bundesverband der Deutschen Industrie war ohnehin der Meinung, die Verbraucher seien »durch Werbung im ausreichenden Maße unterrichtet«. Das Testinstitut wurde 1964 trotzdem gegründet, als privatrechtliche Stiftung, damit es möglichst unabhängig ist. Es bekommt einen Zuschuss vom Staat, den Großteil seines Etats muss es aber selbst verdienen – mit den test- Heften, ohne Werbung.
78.000 Produkte haben Prüfinstitute und Labors seitdem für die Stiftung Warentest untersucht, Apfelsaft, Waschmaschinen, Benzin, Toaster, Gleitcremes. Geradezu gefürchtet sind die Check-ups bei den Betreibern von Autobahnraststätten. Neben Waren testet die Stiftung seit 1975 auch Dienstleistungen, die wurden in den siebziger Jahren für die deutsche Wirtschaft immer wichtiger. Zwanzig Jahre später strauchelten die Verbraucher im Dickicht von Geldanlagen, Versicherungen und Altersvorsorge. 1991 brachte die Stiftung deshalb ein zweites Heft heraus, den Finanztest.
Ein Staubsauger muss nicht nur Staub aufnehmen, er muss den Dreck auch bei sich behalten. Die Emissionen des Haushaltsgeräts testet ein Kollege von Reinhard Löser; er steckt den Prüfling in einen Kamin aus Alublech und füttert ihn mit Normstaub. In der Abluft wird jeder Partikel, den der Sauger rauslässt, von einer Maschine gezählt. So fällt auch auf, wenn ein Gerät selbst zu viel Dreck macht. Denn Staubsauger saugen nicht nur Staub, sie produzieren auch welchen: Abrieb von den Kohlebürsten im Motor. Große Unterschiede findet der Partikelzähler allerdings selten. »Die Geräte sind mittlerweile fast durchweg so gut, dass es wenig Unterscheidungsmerkmale gibt«, sagt Köhler, der oberste Staubsaugertester. »Da müssen wir die Norm verfeinern, um zu differenzieren.«
Ob diese Nuancen den Verbraucher noch interessieren, ist allerdings fraglich. »Reine Funktion-Preis-Vergleiche sind Vergangenheit«, sagt Bjarne Pedersen von Consumers International, dem weltweiten Dachverband der Verbraucherorganisationen. »Um einen Kühlschrank zu testen, hat man ihn früher einfach 10.000 Mal an- und ausgeschaltet. Heute werden auch ökologische und soziale Aspekte geprüft.« Mitte der achtziger Jahre trat Öko-Test als umweltbewusste Konkurrenz zur Stiftung Warentest auf den Plan. Die reagierte und untersuchte von 1985 an auch die Umweltverträglichkeit von Waren.
Seit gut drei Jahren prüft die Stiftung nicht nur das Produkt, sondern auch den Herstellungsprozess, zumindest für ausgewählte Waren. CSR ist das Stichwort, Corporate Social Responsibility. Müssen Kinder in der Fabrik schuften? Erhalten die Arbeiter nur einen Hungerlohn? Wird die Umwelt geschädigt? Staubsaugertester Brackemann hat einen Prüfkatalog erarbeitet, um solche Missstände zu erfassen: »Das ist methodisch anspruchsvoll, man muss soziale und ethische Kriterien standardisieren.«
Dabei ist die Stiftung zunächst auf die Kooperation der Hersteller angewiesen, denen sie den Fragebogen vorlegt. Die Antworten werden mit anderen Quellen abgeglichen; bleiben sie aus, steht das im Heft. Mittlerweile lassen die Warentester vor Ort kontrollieren. Für einen Oberhemdentest inspizierten Prüfer Nähereien in Nordafrika, Bulgarien, Makedonien, der Türkei, Indien, Pakistan und Indonesien. »Die Inspektoren müssen neugierig sein, hinschauen, nicht einfach ›ja‹, ›nein‹, oder ›entfällt‹ ankreuzen«, sagt Brackemann. »Das ist das Schwierige: Den Test für alle gleich zu machen, aber nicht nach Schema F.«
Warenprüfer Köhler sperrt den Staubsauger in den »Pfosten-Schwellen-Prüfstand«, ebenfalls ein Eigenbau des Instituts. Er drückt einen weißen Knopf: »Ich referenziere die Position des Geräts.« Dann wird der Reinigungsapparat am Saugrohr über eine Art Laufsteg mit querliegender Schwelle gezerrt. Er rumpelt über das Hindernis, wird wieder in die Ausgangsposition befördert, das Ganze geht von vorn los. »Der rollt ganz gut«, sagt Köhler, »andere springen richtig.« Nach zehn »Überfahrten« schwenkt die Schwelle vom Laufsteg, und ein Stahlpfosten wird ausgefahren. Der Sauger donnert mit voller Fahrt dagegen, erst links, dann rechts. »Das soll Kollisionen mit einem Türpfosten simulieren«, erklärt der Prüfer. 500 Mal wird die Prozedur wiederholt, 36 Stunden dauert der Haltbarkeitstest. »Das ist eine sehr harte Prüfung, das muss man schon sagen. Aber 80 Prozent der Kandidaten bestehen.«
Mit ihren ausgeklügelten und peniblen Tests stößt die Stiftung Warentest inzwischen an Grenzen. Immer schneller kommen neue Produkte auf den Markt. »Das setzt uns erheblich unter Druck«, sagt Peter Sieber, der Bereichsleiter Untersuchungen. »Früher dauerte ein Test neun Monate, heute zwei oder drei.« Für den Warenhagel bei Digitalkameras, Laptops oder Handys reicht auch das längst nicht mehr. »Continuous Testing« soll helfen: Statt nur einmal im Jahr eine riesige Tabelle zu drucken, veröffentlicht die Stiftung laufend Testergebnisse zu schnelllebigen Produkten im Internet. Und die wöchentlich wechselnde Aktionsware von Discountern wie Aldi oder Lidl wird im Schnellverfahren geprüft. »Unser Rekord liegt bei ›morgens den Computer kaufen, abends das Ergebnis ins Netz stellen‹«, sagt Sieber.
Staubsaugerkartons stapeln sich im Konferenzraum des Prüfinstituts, davor parken die Geräte, auf dem PVC-Boden ist ein Stück dunkelroter Testteppich ausgelegt. Hier findet die Handhabungsprüfung statt. »Weil viele Geräte technisch vergleichbar sind, ist die Handhabung ein wichtiger Punkt, auch wenn sie nur subjektiv bewertet werden kann«, sagt Projektleiter Köhler. Fünf Probanden spielen alle Stadien der Staubsaugernutzung durch, vom Auspacken über die Montage des Staubpinsels bis zum Aufrollen des Kabels. Auch einen Parcours müssen sie mit den Reinigungsgeräten bewältigen, »manövrieren« sagen die Tester dazu. Die Versuchspersonen sind aber keine Normalverbraucher, sondern Angestellte des Prüfinstituts. »Die Urteile müssen vergleichbar sein«, erklärt Köhler, »unsere Leute sind da geeicht.«
Genau das sei die Schwierigkeit mit den Bewertungsportalen im Internet, in die jeder seine Meinung tippen kann, sagt Stiftung-Warentest-Fachmann Brackemann: »Wir würden das eigentlich gern für uns nutzen, denn die Verbraucher haben ein immenses Wissen. Aber wir müssten sicherstellen, dass die Bewertungen seriös und nach vergleichbaren Kriterien verfasst sind. Dazu müssten wir die Tester testen. Das geht nicht.« Seit 1997 ist die Stiftung online; in diesem Jahr soll eine Produktdatenbank starten, mit der jeder seinen persönlichen Testsieger ermitteln kann, nach individuellen Vorlieben. Verbraucherorganisationen in anderen Ländern wie den USA und Großbritannien sind aber schon viel weiter, sagt Guido Adriaenssens vom Test-Dachverband ICRT: »Die übernehmen bereits die Idee der Bewertungsportale.«
Die Ergebnisse der Großtester bleiben aber offenbar trotz der Vielfalt der Onlinebewertungen gefragt. »Die Konsumenten sind durchaus bereit, für unabhängige Informationen von Verbraucherorganisationen im Internet zu zahlen«, sagt Adriaenssens. Bei der Stiftung Warentest laden die Nutzer im Durchschnitt monatlich 72.000 kostenpflichtige Artikel herunter. Und das Internetangebot von Consumer Reports, dem Magazin der amerikanischen Consumers Union, macht in den USA den zweitgrößten Umsatz von allen Websites, berichtet der ICRT-Chef: »Mehr schafft nur der Playboy.«
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- Datum 05.05.2008 - 13:07 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.03.2008 Nr. 14
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Ich finde es auch immer wieder bemerkenswert, wie sehr man
sich mittels der Testhefte einem Thema annähern kann, von dem man so gar nichts
versteht. Ich gebe zu, dass ich in den Regalen der Drogeriemärkte bei den
Artikeln gerne nach dem Zertifikat der Stiftung Warentest schiele, was mir dann
die Kaufentscheidung deutlich leichter macht. Frei von Werbung sind die
Publikationen der Stiftung Warentest nicht, denn man wird ständig dazu
aufgefordert, etwas zu kaufen, zu abonnieren oder einen bezahlten Download zu
starten. Um so erstaunter war ich, als ich vor ca. einem Jahr feststellen musste, dass der deutsche Verbraucherschutz inkl. Stiftung Warentest bei den Dienstleistungen, besonders im Bildungsbereich, kräftig mit Lobbyisten mauschelt. Als Gegenleistung gibt es Nebenjobs und Beraterverträge und gezielte Werbung der Industrie, die Arbeitsplätze im Verbraucherschutz
sichert und die Einnahmen der Autoren der DIN Broschüren deutlich erhöht. Dabei
geht es um ranghohe Mitglieder des deutschen Verbraucherschutzes, Abteilungsleiter,
Geschäftsführer und sogar Kuratoriumsmitglieder. Bei den beiden Tests 2007 zum Thema Sprache Lernen am PC und Sprachreisen kann ich mir nicht vorstellen, dass Wert auf Diskretion und Unabhängigkeit gelegt wurde. Im Gegenteil: Man kannte sich schon vorher gut, hatte ja schon zusammen DIN Normen erstellt, die dann auch als Basis für den Test verwendet wurden. Man ging bei den Sitzungen zusammen essen, wohnte vielleicht im
gleichen Hotel und traf sich abends an der Bar. So entstand eine wunderbare Freundschaft zwischen der Bildungsindustrie und dem deutschen Verbraucherschutz, die sich dann auch bei
den Ergebnissen des Testheftes Sprachreisen vom November 2007 zeigte. Die Resultate waren schon vor Testbeginn klar, dafür gibt es ziemlich deutliche Indizien. Der Verbraucher wurde in die gewünschte Irre geführt.mehr zum Thema http://www.sprachkurs-sprachschule.com/blog/2008-02-29/-sprachreise.html
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