Kunst Der Junge, der von den Sternen lernte

Wolfgang Tillmans ist viel mehr als ein Fotograf, er ist einer der einfallsreichsten Bilderfinder der Gegenwart. Jetzt zeigt eine Ausstellung in Berlin seine neuesten Arbeiten.

Das erste Bild: ein Stück schlammgrüner Schaumstoff, unregelmäßig zugeschnitten, ein Abfallprodukt, von einem Stück roten Geschenkbands eingeschnürt und so verformt, dass es vage an eine menschliche Figur erinnert. Knackscharf hat der Farbkopierer jedes Bläschen dieses, nun ja, Dings abgelichtet, jetzt schwebt die Kopie, ganz leicht gewellt, in ihrem Rahmen. Economy nennt Wolfgang Tillmans das Ganze. Was ist das nun? Ein Gegenstand? Ein Bild? Ein Bild von einem Gegenstand? Die Verwandlung eines Dings in farbige Flächen? Gar ein politisches Statement über das gegenwärtige Wirtschaften, über Zurichtung, Einschnürung des Menschen? Oder meint Ökonomie hier nur die Ökonomie des Bildes, Reduzierung aufs Wesentliche, die Farbkopie als einfachste Form der Wiedergabe?

Von allem etwas. Das ist Wolfgang Tillmans’ großes Können: in nahezu jedem seiner Bilder zentrale Fragen der Kunst so beiläufig wie elegant und sinnlich in Szene zu setzen. Gemeinhin wird der 1968 in Remscheid geborene Künstler immer noch als »Fotograf« bezeichnet. Seine neue Ausstellung Lighter in den Rieck-Hallen des Hamburger Bahnhofs in Berlin zeigt einmal mehr, dass die Fotografie für ihn nur das Medium ist, um darüber nachzudenken, welches zeitgenössische Bild überhaupt noch möglich ist. Als 10-Jähriger bekam Tillmans ein Fernrohr zum Sternegucken geschenkt, seine »Initiation«, wie er selbst sagt – seither ist das Vordringen zum Wesen der Dinge, zum Wesen des Lichts, zum Wesen dessen, was und wie wir sehen, seine Lebensleidenschaft. Der geht er so skrupulös und konsequent wie gegenwärtig wohl kaum ein anderer Künstler nach.

Nehmen wir zum Beispiel nur das Bild Venice, eine Ansicht von Venedig, die nun schräg gegenüber von economy hängt. Lässt sich der zu Tode geknipsten Stadt noch eine neue Ansicht abringen? Tillmans Antwort: Ja, wenn man die Farbe rausnimmt, den Horizont abschneidet, das Ganze über einen Schwarz-Weiß-Kopierer zieht, davon wiederum einen großformatigen digitalen Fotodruck anfertigt. Das Ergebnis mutet an wie ein historisches Bild und zeigt doch Venedig anno 2007. Am rechten Rand franst das Bild ins Nichts aus – die verschwimmende Grenze macht die Grenze der Fotografie zum Thema. Und ist nicht die lichte, leere Mitte des Bildes, wo das Wasser der Lagune in reine Helligkeit übergeht, bereits ein abstraktes Bild?

Dieser Übergang vom Gegenständlichen zum Abstrakten steht im Zentrum der Berliner Ausstellung, die zwar auch ganz frühe Tillmänner vom Ende der achtziger Jahre und den mit dem Turner Prize ausgezeichneten Raum aus dem Jahr 2000 zeigt, aber keine Retrospektive sein will. Lighter heißt die Schau nach einer vielteiligen neuen Serie, die abstrakte Bilder als Gegenstände präsentiert. Die monochromen oder leuchtend mehrfarbigen Abzüge hat Tillmans vor oder nach dem Belichten akkurat geknickt oder kunstvoll zerknittert. Plötzlich wird aus dem zweidimensionalen Bild ein dreidimensionales Ding, das wie eine Skulptur in einem Plexiglaskasten präsentiert wird. Ein ähnliches Vexierspiel bringt auch die Serie der paper drops in Gang: Fotos von Fotopapier, das – belichtet oder unbelichtet – kunstvoll geschwungen auf einem Tisch liegt oder von der Wand hängt. Oft erkennt man erst auf den zweiten oder dritten Blick im vermeintlichen Wassertropfen das Stück Papier; im magischen Gegenlichtleuchten feiert ein Foto die Möglichkeiten der Fotografie.

Berühmt geworden ist Tillmans unter anderem mit seinem Verfahren, Fotos einfach mit Klebeband direkt an die Museumswand zu pinnen. Das hat einen starken antimusealen Effekt, es bricht mit der Feierlichkeit und Unantastbarkeit der Bilder. Noch immer und auch in dieser Ausstellung arbeitet Tillmans mit dem Scotch Tape. Aber daneben steht schon lange der nur vordergründig gegenläufige Versuch, den Bildern, vor allem den großen Formaten, eine besondere Aura zu verleihen. Diese Fotos werden nicht einfach gerahmt, sondern schweben scheinbar schwerelos, getragen von einer unsichtbaren Leiste, hinter Glas. Das Bild wird zu einem fast sakralen Objekt, einer Erscheinung. So erzählt Tillmans allein in der Form der Präsentation von dem alchemistischen »Wunder«, das Fotografie für ihn auch nach all den Jahren immer noch ist. »Dieser Faszination, wie aus einem industriell gefertigten Blatt allein mit Hilfe von Licht ein Objekt von großer Schönheit und Bedeutung wird, bin ich mir immer bewusst.«

Wie wichtig die Präsentation, das Erscheinen der Bilder im (Ausstellungs-)Raum für Tillmans immer schon ist, zeigt der monumentale Berliner Katalog. Er dokumentiert nicht mehr einzelne Werke, sondern zum überwiegenden Teil Installationsansichten aus Museen und Galerien weltweit, die meisten vom Künstler selbst fotografiert. Das ist ein weiterer konsequenter Schritt im Nachdenken darüber, was ein zeitgenössisches Bild ist – es existiert nicht einfach nur so, sondern in immer anderen Räumen immer unterschiedlich.

Das klingt nun alles so, als sei Tillmans-Kunst Kopf-Kunst, extrem durchdacht, kalkuliert, die Ausstellung eine Art begehbare Fototheorie. Doch das Gegenteil ist der Fall. Denn neben dem selbstreflexiven Zug hat sein Werk jene andere Seite, die er das »reale In-der-Welt-Sein mit anderen Menschen und den Wunsch, mit ihnen verbunden zu sein« nennt. Eine Zeit lang hat man in ihm deshalb nur den Dokumentaristen der Sub- und Clubkultur der achtziger und neunziger Jahre gesehen – aber auch das ist wiederum nur ein Planet im Tillmans-Kosmos. Nach und nach ist sein Werk ein Archiv der menschlichen Tätigkeiten und unseres Strebens geworden: ins All fliegen, Pyramiden bauen, in der Sonne liegen, Seifenblasen blasen, Soldat sein, Kathedralen bauen, Partys feiern und leere Flaschen hinterlassen, Grenzzäune ziehen und überwinden, die Wahrheit suchen und verbiegen.

Für all das findet oder besser: erzeugt Tillmans nicht nur sprechende, sondern berührende Bilder. Selbst in Überlebensgröße bewahren sie sich eine große Intimität, einen ganz persönlichen Blick. Was – ein letztes Tillmans-Missverständnis – dazu geführt hat, dass sie als Schnappschüsse angesehen wurden. Aber alle seine Werke sind das Ergebnis eines langwierigen Prozesses, in dem Zufall und Kontrolle ausbalanciert werden; viele Tausend Fotos müssen gemacht werden, um am Ende ein so einfach-vertracktes Bild wie economy zu bekommen. Von Tillmans’ Ökonomie des Bildermachens mit Herz und Kopf zieht die Ausstellung eindrucksvoll Bilanz.

Bis 24. August, der Katalog kostet im Museum 38, sonst 49,80 Euro

 
Leser-Kommentare
    • hagego
    • 01.04.2008 um 15:04 Uhr

              Für einen Fotografen ist zunächst einmal wichtig, was er sieht. Was sein Auge entdeckt. Wie dann das ausgewählte Motiv an- oder beschnitten wird. Das Sujet bleibt aber immer ein "Foto". Egal, ob es die "Nudes" von Helmut Newton, die "Trauerfeier" von Robert Lebeck oder die "Türme" von Bernd und Hilla Becher sind.          Wolfgang Tillmans aber fotografiert und bearbeitet danach diese Aufnahme. Das Ergebnis scheint zufällig, ist aber durchaus "komponiert". Allerdings nicht in der Akribie, mit der der bekannte Fotograf Andreas Gursky seine Sujets plant.          Tillmans, ein Wanderer zwischen der Fotografie und der Kunst der Collage und Verfremdung. Vielleicht ein Königsweg, um zugleich aus der Sackgasse der reinen "Bildenden Kunst" und der ausschließlich fotografischen Abbildung herauszukommen?          Tillmans will, wie er es selbst nennt, gar nicht zitieren. Aber gegen Hinweise auf Ähnlichkeiten mit impressionistischen Werken oder gegenüber dem OEuvre William Turners hat er nichts einzuwenden.

    • atropa
    • 02.04.2008 um 13:58 Uhr

    Ich habe mir die aus stellung tillmanns am wochenend angeschaut,(sehe mir viel "fotokrams" an) und muss sagen dass dieselbean banalität kaum zu übertreffen ist..soll er doch mit scotchband klebenwasser will.., wenn dies die advangarde der neuen fotografen sein solldann sind wir dem untergang des abendlandes ein stück näher gekommen:nichtssagende, langweiligste ja gradezu ärgerliche bilder---da wird jemand gehyptder in seiner zeit als technoknipser noch janz ok war, abba dieses sammelsuriuman bla kunst kann ich def. nicht empfehlen!"  Tillmans, ein Wanderer zwischen der Fotografie und der Kunst der Collage und Verfremdung." hä, hallo, wassollndette????jedes kleinkind mir ner diggiknipse hat da ein besseres auge...ok, im keller des HBbekommt man einen ausgleich-reset-wie passend--schon eher fotokunst abba ansonsten:don't believe the hype!!!  im keller des hb gibts dafür einengelungenen ausgleich

    • hagego
    • 02.04.2008 um 16:28 Uhr

    Niemand muss doch vor einem Bild, einer Skulptur oder einem anderen Kunstwerk in Ehrfurcht erstarren.Das bedeutet doch aber nicht, dass wir nur allzu schnell meinen, "das kann ick doch och!"Geehrter "atropa" - dann mal viel Spaß dabei!(PS: So manchen Aspekt haben Sie durchaus richtig ausgeleuchtet...)

    • atropa
    • 03.04.2008 um 11:38 Uhr
    4. klaro

    sieht es jeder anders, schönheit im auge des betrachters und so..,manche pildchen kann ich mir auch durchaus in einem durchgang in einem mitte cafevorstellen, dekoratives ausm augenwinkel, erstarrt lieber hagego, bin ich z.b. bei der china ausstellung im fotografiemuseum in b., des war schon was anderes, die oben angesprochene komposition im nachträglichen photoshoppen, hm ja macht mich aber zero an...mein innerer betrachter sagt da a la beuys: mir alle san künsteler....www.davidlachapelle.com/ zb. ist da schon ne andre hausnummer..zurecht

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