Mein größter Traum ist immer Traum geblieben. Ursprünglich wollte ich gar nicht Industriedesigner werden, sondern Architekt. Damals war ich fasziniert von der sogenannten Ulmer Schule. Deren Leitgedanke war es, dass man den Menschen durch bessere Architektur und bessere Gestaltung zum besseren Menschen erziehen könne. Durch eine neutrale, nicht emotional oder ideologisch aufgeladene Umgebung sollten die Deutschen zu Demokraten gemacht werden. Es sollte aufgeräumt werden. Und Aufräumen wollte ich auch.

Ich hatte als Junge den Nationalsozialismus erlebt und eine instinktive Abneigung gegen die Nazis empfunden. Wie hatte ich die Geländespiele bei der Hitlerjugend gehasst, wo man aufeinander losprügeln musste! Und dann war da der Krieg. Ich lebte damals in Wiesbaden und habe dort auch einen Luftangriff erlebt. Viele von den Bauten der Jahrhundertwende brannten aus. Noch mehr aber prägten mich meine schwierigen familiären Verhältnisse. Meine Eltern hatten sich schon zu Beginn des Krieges getrennt. Ich pendelte immer wieder zwischen den Wohnungen meiner Eltern. Meine wichtigsten Bezugspunkte waren meine Großeltern. Einer meiner Großväter war Schreiner, der andere Schlossermeister. Bei ihnen in der Werkstatt fühlte ich mich aufgehoben. Dort ging es immer ordentlich zu. Es war eine heile Welt.

Zwar begann ich, bei einem Architekten zu arbeiten, das brachte mich allerdings nicht weiter. Später arbeitete ich für das Büro von Otto Apel. Schließlich bekam ich das Angebot der Brüder Braun, ihre Produkte zu gestalten. Gutes Industriedesign war damals eine Seltenheit – und für mich eine große Aufgabe. Ich wollte entrümpeln, das Chaos beseitigen. Gute Gestaltung, das war eine Gestaltung, die sich auf das Wesentliche konzentrierte, Unwesentliches eliminierte. Weil man dann bewusster lebt, auch freier. Davon träume ich noch heute. Das Chaos hat ja seither eher zugenommen. Chaos von Produkten, Lärm, Verschmutzung. Wir beherrschen eigentlich nichts. Damals ging es mir nur darum, die unmittelbare Umgebung des Menschen aufzuräumen. Heute müsste man die ganze Welt aufräumen.

Das ist eine Frage, die mich oft beschäftigt: Warum sind Menschen unfähig, ihre Probleme zu lösen? Ich stelle mir manchmal vor, wie es wäre, wenn es künstliche Intelligenz gäbe. Wenn man bedenkt, wie viele schreckliche Fehler gemacht wurden, könnte man zu dem Schluss kommen, dass schlicht die Intelligenz verbessert werden müsste. Und wenn das nicht durch Ausbildung möglich ist, dann vielleicht durch Maschinen, die uns das Denken abnehmen. Es wäre mein Traum, dass der Mensch, vielleicht durch die Hilfe von Computern, zu einem besseren Nachdenken finden würde. Aber auch davon sind wir weit entfernt.

Ich war sehr froh, dass ich bei Braun die Möglichkeit bekam, auch für andere Firmen zu arbeiten und Möbel zu entwerfen. Meine Vision war ein Möblierungskonzept, das den gesamten Wohnraum erfasst. Das Schlafzimmer etwa sollte nicht nur zum Schlafen dienen, sondern auch am Tage bewohnbar sein. Es sollte eine durchgehende Möblierung geben für die gesamte Wohnung. So wäre es möglich geworden, den persönlichen Lebensraum besser zu nutzen. Leider blieb auch das ein Traum. Die Möbel entstanden zwar, blieben aber so elitär, dass sie nie Ikea-Niveau erreichten.

Die kleinen Geräte, die ich bei Braun entwarf, waren nicht immer meine große Leidenschaft, aber eine ständige Aufgabe. Bei uns gab es damals die Devise, nur ein neues Produkt zu lancieren, wenn es auch eine wirkliche Neuerung in der Funktion gab. Wenn man sich heute anguckt, was so auf den Markt gebracht wird, werden alle meine Träume in dieser Hinsicht obsolet. Produktdesign dient oft nur noch dazu, das Land mit Überflüssigem zu überschwemmen.

Allerdings gibt es selbst bei Geräten wie Elektrorasierern immer wieder Neuerungen, die mich überraschen. Zum Beispiel die Reinigungsfunktion. Bei Braun hatte ich dafür gekämpft, dass man Rasierer nicht mehr mit dem Bürstchen sauber machen muss. Nun, Jahre nachdem ich die Firma verlassen habe, gibt es so einen Rasierer, er funktioniert tatsächlich. An das Design muss ich mich noch gewöhnen. Deshalb habe ich ihn nicht ins Bad gestellt. Er steht in meiner Werkstatt.