GesellschaftDer große Ausverkauf

Das Unbehagen am Kapitalismus wächst. Nicht einmal Manager vertrauen noch dem Markt. Gerät nun das ganze System ins Wanken? von 

Karl Marx, der störrische Rechthaber, hat es vorhergesehen: Der Kapitalismus funktioniert heute genau so, wie er es beschrieben hat. Wo immer der große Weltbaumeister hinlangt, bleibt kein Stein auf dem anderen. Hier lässt der Kapitalismus Milch und Honig fließen, dort schafft er Elend. Hier baut er auf, dort reißt er ab. Nichts bleibt, wie es war.

Karl Marx hat noch mehr erkannt: Der Kapitalismus wirbt mit einer trügerischen Verheißung. Sie lautet: Folge meinem Gesetz, gehe ein Risiko ein, und du wirst reich belohnt. Auch wenn dabei das gute Alte auf der Strecke bleibt, so ist die Zerstörung doch schöpferisch, und am Ende fällt der Wohlstand den Menschen wie eine reife Frucht in den Schoß.

Man muss kein Marxist sein, um zu sehen, dass es um die kapitalistische Verheißung derzeit nicht gut bestellt ist. Der Beinahe-Crash des Finanzsystems gibt all jenen recht, für die die unsichtbare Hand des Marktes nur deshalb unsichtbar ist, weil es sie gar nicht gibt. Nun ist die Ratlosigkeit groß. Noch gestern wollten die ökonomischen Eliten den Staat zum Hilfskellner im Kasino-Kapitalismus degradieren; heute rufen sie kleinlaut nach seiner helfenden Hand, damit er brav ihre Zeche zahlt. In der Tat, niemand anderes als Josef »Victory« Ackermann, Chef der Deutschen Bank, hat mit seinem spektakulären Eingeständnis das neoliberale Dogma von der Klugheit des Marktes in Trümmer gelegt: »Ich glaube nicht allein an die Selbstheilungskräfte der Märkte.«

An die Selbstheilungskräfte des Marktes glauben die in Bochum entlassenen Mitarbeiter der Elektrofirma Nokia wohl ebenso wenig wie jene Angestellten, die von Henkel, Siemens, Continental oder BMW trotz satter Gewinne »abgebaut« werden. Immer länger wird die Liste von Unternehmen, die das kapitalistische Urversprechen – »Rendite schafft Arbeitsplätze« – nicht mehr einlösen wollen. Oder, aus ihrer Sicht, unter dem Druck der Globalisierung gar nicht mehr einlösen können.

Diese Entwicklung ist neu. Bislang galt das goldene Motto, wachsende Gewinne produzierten eine wachsende Zahl von Arbeitsplätzen und nach der kurzen Nacht der Stagnation folge der strahlende Morgen des Aufschwungs. Nichts anderes haben rot-grüne Agenda-Politiker und ihre Unternehmensberater dem Wahlvolk ins Ohr posaunt. Man müsse nur den Gürtel enger schnallen und Profite wieder wachsen lassen, dann werde man reich belohnt.

Tatsächlich wächst heute beides gleichzeitig, sowohl die Rendite wie auch die Unterschicht. Eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung belegt, dass auch die bislang stabile Mittelschicht in atemberaubendem Tempo in einer Richtung wegbricht: nach unten. Die bürgerliche Mitte, bislang der ökonomisch und politisch zuverlässigste Stützpfeiler der Republik, wankt, und selbst der Spiegel, dem es mit der rot-grünen »Steuerverschenkungspolitik« (Franz Walter) gar nicht schnell genug gehen konnte, ist von der »Abwärtsmobilität« alarmiert: »Millionen rutschen ab.«

Bekanntlich beschweren sich konservative wie neuliberale Intellektuelle gern darüber, das linke Gift von Gleichheit und Gerechtigkeit lähme kreative Energien und werfe Deutschland im Standort-Roulette auf hintere Plätze zurück. Das war schon immer ein Gerücht, nun ist es eine Falschmeldung. In Wirklichkeit wird die soziale Bruchlinie tiefer und die »Armut im Überfluss« größer. Jeden kann es treffen. Die Schere zwischen denen, die »drinnen«, und denen, die »draußen« sind, geht zuverlässig auseinander. Die Nettolöhne sanken in den vergangenen drei Jahren um 3,5 Prozent, während die Unternehmensgewinne in der jüngsten Aufschwungphase um 25 Prozent anzogen. Allein im vergangenen Jahr stiegen die Gehälter der Topmanager um durchschnittlich 20 Prozent. All das lässt den Eindruck entstehen, in Deutschland laufe etwas dramatisch aus dem Ruder: Eine wachsende Klasse von Selbstbereicherern kommt in den Genuss flächendeckender Steuersenkungen und bildet eine risikoarme Parallelgesellschaft mit eigenen Kindergärten, eigenen Schulen und eigenen Universitäten. »Ganz unten« dagegen, bei den Chancenlosen, klingelt der Vollzugsbeamte und schnüffelt an der Matratze, ob der Hartz-IV-Empfänger eine rechtlich anstößige Bedarfsgemeinschaft mit einer staatsfinanzierten Leidensgenossin unterhält.

Mit einem Wort: Wir werden Zeugen davon, wie die prophetische Verheißung des Kapitalismus auskühlt und ihre Strahlkraft verliert. Die säkulare Utopie des Marktes (»Wohlstand für alle«) zerfällt ebenso wie die Schulbuch-Weisheit, Märkte seien per se effizient und gerecht. Laut einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung glauben nur 15 Prozent der Bürger, es ginge in der Bundesrepublik gerecht zu – so wenige waren es noch nie.

Gewiss, Umfragen entspringen tagespolitischen Stimmungslagen und sind mit Vorsicht zu genießen. Viel einschneidender dagegen ist ein weitverbreitetes kulturelles Unbehagen – nämlich jene schwer messbare Gemengelage aus politischem Verdruss und diffuser Angst, die sich in den Köpfen der Bürger festzufressen droht. Es ist der Groll darüber, dass die Ökonomie eine Gewalt über das Leben und Denken gewonnen hat, die ihr nicht zusteht. Es ist der Zweifel, ob eine Wirtschaftsweise eine Zukunft hat, die uns präventiv dazu zwingt, den Konsum zu steigern, damit es uns morgen nicht schlechter geht als heute. Es ist die Angst vor den Großrisiken des Marktes, überhaupt vor einer richtungslosen kapitalistischen Dynamik, die durch nichts mehr, erst recht nicht durch Politiker zu steuern ist.

Damit nicht genug des Unbehagens. Ist es nicht eine kapitalistische Pathologie, dass eine überhitzte Zugewinngesellschaft die Welt mit Reichtümern vollstopft, während im Schatten ihrer maßlosen Glitzerpaläste Kinder- und Altersarmut wachsen? Könnte es nicht sein, dass unsere Art und Weise des Wirtschaftens so verrückt ist, dass sie ihren Insassen normal vorkommt? Natürlich, die Kapitalrendite ist der Glutkern kapitalistischer Rationalität. Aber ist diese Rationalität noch – vernünftig? Ist der Kapitalismus noch schöpferisch – oder schon destruktiv?

Ausgerechnet das manager magazin hat nun diese Frage gestellt und verblüffend schonungslos beschrieben, warum die »Angst die Bürotürme heraufkriecht« und das Systemvertrauen der Bürger schwindet. Es geht dabei nicht um den Verlust irgendwelcher »Werte«, die heute salbungsvoll beschworen und morgen vergessen werden. Es geht auch nicht um handelsübliches Elitenversagen oder die Glaubwürdigkeit eines Managers, der schneller als die Post sein Geld am Fiskus vorbeischleust. Es geht um die Legitimität der Wirtschaftsform insgesamt. »Die Bürger stellen die Systemfrage… Bislang gärt der Frust im Stillen. Ganz langsam und fast unsichtbar höhlt er die westlichen Marktdemokratien von innen aus.«

Bislang konnte sich der Kapitalismus damit rechtfertigen, seine psychosozialen Kosten, die Produktion von Angst und Ungewissheit, seien, aufs Ganze gesehen, vernünftig und dem Gemeinwohl zuträglich. Doch inzwischen macht nicht einmal mehr das lang ersehnte Wachstum glücklich, wie die freudlose Freude am Aufschwung beweist. Auch wenn die Arbeitslosenzahlen sinken und der allseits verachtete Staat scheinbar wieder Handlungsspielraum bekommt, so ändert dies nichts am kollektiven Unbehagen darüber, dass das Wachstum zum Selbstzweck verkommen ist. Das heißt, die Wirtschaft muss nicht deshalb wachsen, weil es ungesättigten Bedarf gäbe, sondern weil ein immanenter Wachstumszwang besteht, der mit irrwitzigem Aufwand an merkantiler Fantasie und Reklame bedient werden muss – obwohl es von allem längst zu viel gibt und eine Knappheit an Knappheit, ein Mangel an Mangel allen die Laune verdirbt.

Zugegeben, der kapitalistische Markt hat die Wahlmöglichkeiten des Einzelnen traumhaft vermehrt. Darin liegt seine verführerische Kraft und seine ewige Attraktion. Der Markt ist eine institutionalisierte Form von Freiheit, die alles »Ständische verdampfen« lässt (Karl Marx) und dem Einzelnen erlaubt, sich aus überkommenen Bindungen zu lösen und unabhängig zu leben.

Doch bekanntlich treten die Waren nicht bloß als Waren auf, sondern als Glücksversprechen, als »identity goods« und »Drehbücher« fürs Dasein. Verkauft werden Eintrittsbilletts in Stil-Sphären, Bilder von Freiheit und Unverwundbarkeit. Mögen sich die Menschen mit Hilfe von Konsumgütern durchaus eine eigene Identität schaffen, so ist doch die Wahlfreiheit, die ihnen der Markt dabei gewährt, noch lange nicht identisch mit der Freiheit selbst. Der Kapitalismus, so schreibt der kanadische, zu Unrecht als konservativ geltende Philosoph Charles Taylor, verwechsele die Vermehrung von Optionen mit der Vermehrung substanzieller Lebensziele. Anders gesagt: Die Ethik von »Freiheit« und »Individualismus«, die den Markt rechtfertigen sollte, schrumpft auf bloße »Wahlfreiheit«, im schlimmsten Fall auf die Ökonomisierung des Begehrens. Der Kapitalismus ermöglicht zwar Freiheit, aber er verdunkelt zugleich ihre sinnvollen Ziele, den normativen Gehalt dieser Freiheit. Am Ende, unterm Schaumteppich multipler Optionen, wäre dann das Wichtigste unauffindbar: die Bilder eines gelingenden, ökonomisch nicht reduzierten Lebens.

Was für den Glauben an die Konsumfreiheit gilt, gilt für seine Zwillingsschwester, die gute alte Fortschrittsreligion, schon lange. Sie ist aschfahl geworden und lockt so recht niemanden hinterm Ofen hervor. Was einmal »heiliger« Fortschritt hieß, das ist auf eine profane Innovation zusammengeschnurrt. Der nächste Rasierapparat hat vier statt drei Klingen, vermutlich mit Innenbeleuchtung inklusive Radio und Rauchmelder. Immer schneller auf den übersättigten Markt geworfene Innovationen vermehren zwar »Features« und Möglichkeiten, aber anders als die verblichene Fortschrittsreligion setzen sie kein Pathos mehr frei. Und dass die gentechnische Manipulation von Lebensmitteln oder eine bioindustriell betriebene Menschenzüchtung den Beifall der Massen findet, ist nicht bekannt. Nachdem die digitale Revolution durchgesetzt ist, nährt nur noch die Umwelttechnologie stille Hoffnungen, besteht ihr Fortschritt doch darin, die Folgen des Fortschritts abzumildern.

Wie drastisch sich der kapitalistische Mythos entzaubert hat, zeigt schon die Veränderung der ökonomischen Rhetorik. Wo früher die Schalmeienklänge der Fortschrittsreligion erklangen, da tönt heute der metallische Sound des Sachzwangs, oft genug auch die Drohung mit dem Abbau von Arbeitsplätzen und dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit. Die Versprechensökonomie hat sich in eine eiskalte Erpressungsökonomie verwandelt, in den Imperativ des »Du musst«. Je nach Konjunktur werfen ihre apokalyptischen Reiter die Angstmaschine an und prophezeien dem Volk für den Fall, dass es keine Opfer bringt und bei weniger Lohn härter arbeitet, den Untergang des Vaterlandes.

Bei so viel Sehnsucht nach Härte und Opfer verwundert es nicht, dass der menschenfreundlichste Mythos des Kapitalismus spurlos verschwunden ist, sein süßes Versprechen auf freie Zeit und Entlastung, auf wachsende Muße und Selbstbildung. Diese Verheißung hat sich unter der Herrschaft der Kostenkiller, Lebensbeschleuniger und Marktlückenfüller buchstäblich in Luft aufgelöst. Die Arbeitszeiten verflüssigen sich, die Grenze zwischen Beruflichem und Privatem verschwindet. Nicht mehr lange, und die alte Festanstellung gehört der Vergangenheit an und wird durch kurzfristige »Arbeitsprojekte« ersetzt. Jeder ist darin sein eigener Zeitmanager. Die Zeit, die er durch Rationalisierungsfortschritte »erwirtschaftet«, darf auf keinen Fall verschenkt – sie muss vielmehr unverzüglich re-investiert und aufs Neue kapitalisiert werden. Überhaupt greifen Wachstumszwang und Beschleunigungszwang bruchlos ineinander; die Arbeit wird verdichtet, und die Zeithorizonte der Produktion werden kürzer. Immer weniger Bäcker sollen immer größere Brötchen backen, während die Überflüssigen arbeitslos Däumchen drehen oder in prekärer Selbstbewirtschaftung ihrem traurigen Marktschicksal entgegenharren.

Wie sehr die Ökonomie eine autonome, politisch kaum zu steuernde Macht geworden ist; wie sehr sie sich dabei von der Gesellschaft entkoppelt und verselbstständigt hat, dies zeigt in aller Unerbittlichkeit der »neue«, der börsengetriebene Kapitalismus. In seinen Unternehmen haben nicht mehr lokale Patriarchen das Sagen, sondern milliardenschwere Fondsfirmen, die nach Leibeskräften versuchen, sich auf der Prärie der Weltgesellschaft das fetteste Wild abzujagen. Dieser Kapitalismus funktioniert nach der Logik von Exzess und Selbstüberbietung und bringt aus sich selbst heraus keine Grenze hervor. Genug ist ihm nicht genug, und das Maximum von heute ist nur das Minimum von morgen. Aus Sicht der Manager kann das auch gar nicht anders sein, denn die Globalisierung zwingt sie bei Strafe ihres Untergangs zur Selbstverteidigung. Rendite ist der Abwehrzauber im Überlebenskampf. Sie steigert die Wettbewerbsfähigkeit und schützt vor feindlicher Übernahme.

Der »neue« Kapitalismus verändert, um es alteuropäisch zu sagen, auch das Bild vom Menschen. Ökonomisch gesehen, ist der Einzelne nur mehr ein frei verfügbares, superflexibles Subjekt, das vom Staat marktfähig ausgebildet, von Zeitarbeitsfirmen ausgeliehen und just in time dem Produktionsprozess zugeführt wird – bis zu seiner allfälligen Entlassung. Selbst freundliche Opfergaben, zum Beispiel freiwilliger Lohnverzicht, stimmen den Willkürgott der Rendite dann nicht mehr gnädig. Aus heiterem Himmel enden seine »schöpferischen« Interessen. Er stößt die Leiharbeiter ab und sucht sich in Erfüllung seiner immanenten Grenzenlosigkeit die Opferstätten woanders. Etwa in Rumänien oder besser noch: in einem Land, wo das Humankapital noch billiger, noch flexibler ist.

Wie man weiß, besitzt der Kapitalismus ein großes Talent dafür, die sozialen und seelischen Nebenkosten seiner Selbstentfaltung abzuwälzen und unsichtbar zu machen. In Krisentagen ist stets jemand anderes schuld, zum Beispiel die Trägheit der Seelen oder die Selbstsucht des Managers, die saumselige Gesellschaft oder der faule Arbeitslose. Wahlweise auch die mimosenhafte Natur, die auf zarte Ausbeutungsversuche hysterisch mit einer Klimakatastrophe reagiert. Was auch immer geschieht – die Folgen des Kapitalismus werden externalisiert. Sie werden anderen zur Last gelegt (»Gewerkschaften!«) oder durch Moralisierung (»fehlende Werte!«) von der Bildfläche gezaubert. Zurück bleibt das natürlich unschuldige, das ruhelose Kreisen des abstrakten Kapitals in sich selbst.

Dass der globalisierte Kapitalismus auch das Vertrauen in die Demokratie untergräbt, dies ist ein Kollateralschaden, der bislang erfolgreich verdrängt werden konnte. Damit ist es nun vorbei. Die Wahlbeteiligung geht langsam, aber sicher auf Werte zurück, die einem aus einer »unterregulierten, sich in relativem Niedergang« (manager magazin) befindenden Gesellschaft vertraut sind – aus den Vereinigten Staaten. Auch das Ansehen demokratischer Institutionen bröckelt besorgniserregend. Vor allem der Bundestag musste einen dramatischen Prestigeverlust hinnehmen, weil immer weniger Bürger glauben, die Demokratie sei in der Lage, die sozialen Probleme des Landes zu lösen.

Warum das so ist, liegt auf der Hand: Kapitalismus und Demokratie gelten zu Recht als historisches Zwillingspaar, als glückliche Liaison von Freiheit und Gerechtigkeit. Deshalb werden die politischen Parteien als Erste für soziale Verwerfungen abgestraft, und ihre Vertreter müssen den Kopf für Entscheidungen hinhalten, die nicht sie, sondern globale Konzerne getroffen haben.

Dass das neoliberale Einheitsdenken rapide im Kurs sinkt und selbst christdemokratische Politiker nicht mehr glauben, man müsse dem Kapital nur das Brautbett aufschlagen, dann werde es sich schon dauerhaft im Lande niederlassen, ist nur ein schwacher Trost und wird nicht helfen. Das Einzige, was die spekulativen Exzesse des Finanzkapitalismus mäßigen könnte, wären internationale Abkommen, mit denen sich – wie beim Klimaschutz – alle Nationen verpflichteten, belastbare Standards aufzustellen, das Spekulantengewerbe an die Kette zu legen und Dampf aus dem Kessel zu lassen.

Das klingt wie Zukunftsmusik, und das ist es auch. Andererseits: Falls die »Große Transformation«, die politische Mäßigung der entfesselten Weltökonomie nicht gelingt, werden die nationalen Demokratien ihren historischen Charme verlieren und auf den grauen Pragmatismus einer Problemlösungsbedarfsgemeinschaft zusammenschrumpfen. Frei gewählte, unter austauschbaren Parteiabzeichen auftretende Technokraten arbeiten eine Sanierungsagenda ab und erledigen, was unterm Druck der Standortkonkurrenz gerade so anfällt. Die stolze Demokratie, das Versprechen von Freiheit und Gerechtigkeit, verblasst zu einer Reparaturdemokratie, die nur noch die Suppe auslöffelt, die ihr die globalisierte Moderne eingebrockt hat.

Was dann folgt, kann man ahnen. Irgendwann wird die Stimmung im Westen umschlagen, und dann wird es heißen, die Tage der liberalen Demokratie seien gezählt, weil sie unfähig sei, der Bedrohung durch neue ökonomische Weltmächte zu trotzen. Tatsächlich werden die höchsten Wachstumsraten derzeit in Halbdemokratien oder Volldiktaturen erzielt, von marktradikalen Maoisten oder islamischen Stammesfürsten, die den liberalen Kapitalismus herausfordern. Die Fronten verlaufen nicht mehr wie vor 1989 zwischen Staatswirtschaft und Marktwirtschaft, sondern zwischen zwei Spielarten des Kapitalismus, zwischen einem autoritären und einem freiheitlichen.

Doch wer sagt eigentlich, dass westliche Demokratien auf diese neue Herausforderung genauso reagieren werden wie bei der Systemkonkurrenz mit dem Kommunismus? Wer sagt, dass sie auf die Freiheit setzen, um dem autoritären Ausbeutungskapitalismus Paroli zu bieten? Es könnte auch ganz anders kommen. Politische Eliten und rechte Intellektuelle könnten aus der ökonomisch verursachten Legitimationskrise der Demokratie die Lehre ziehen, dass auch der liberale Kapitalismus endlich autoritärer werden und durch Demokratieverzicht neue ökonomische Triebkräfte entfesseln muss.

Die Denkmuster dafür liegen bereit. Nicht nur aus den einschlägigen Carl-Schmitt-Milieus ist immer häufiger die »dringende« Nachfrage zu hören, ob die Schönwetterdemokratie noch zeitgemäß sei und ob wir uns ihren egalitären Geist »noch leisten können«. Tenor: Wenn die Demokratie durch ihre langen Entscheidungsketten das Wachstum bremst und soziale Spaltung befördert, dann müssen wir über diese Regierungsform neu nachdenken. Auch das von Juristen gern unters Volk gebrachte Argument, der Staat müsse wieder Härte zeigen und Opfer verlangen, ist für ökonomische Bedrohungslagen anschlussfähig. Der blockierende Bürger muss dann eben das Opfer der Gerechtigkeit und der Freiheit bringen, damit das Wachstum wieder Fahrt aufnimmt, die asiatische Herausforderung pariert und der soziale Zerfall gestoppt wird.

Übrigens, das manager magazin hat auch verraten, was junge Führungskräfte am meisten fürchten: dass eines Tages wieder Barrikaden brennen.

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Leserkommentare
  1. ...hat man beim manager magazin Angst vor brennenden Barrikaden.
    Denn der soziale Frieden ist in Deutschland schwer gestört. Es
    verdichtet sich die Erkenntnis, dass eine soziale Durchlässigkeit nicht
    gegeben ist, dass wer arm ist, es normalerweise auch bleibt. Dass
    dieses Land von Eliten beherrscht wird, die sich zurück in den
    Ständestaat wünschen, wo "jeder seinen Platz kennt".
    Eigentlich Ironie des Schicksals, dass nach der grossen
    Legitimationskrise des Kommunismus nun der Kapitalismus dieser Krise
    entgegensteuert.
    Es wäre schön, wenn sich die Erkenntnis durchsetzte, dass nur eine
    Teilhabe auch am wirtschaftlichen Geschehen den Frieden in unserem Land
    sichert.
    Sonst gehen wir alle, auch die mit BMW-Roadstern als Zweitwagen, sehr
    interessanten Zeiten entgegen, um es mal "chinesisch" auszudrücken...

  2. Es ist dringend an der Zeit das an diesem verirrten und verwirrten Aestchen der liberalisierung in der Menschliche/ Globalen Entwicklung die sich lediglich auf Renditen und Profite limitiert heftig gesägt wird. Wir glauben wir stehen über allen Lebewesen auf diesem Planeten und benehmen uns doch in vielen Aspekten auf niedrigeren Stufen wie die angeblich so dummen Tiere. Haben wir das Denken und Handeln überhaupt jemals gelernt oder spielt uns unser Gehirn da schon seit langem etwas vor? Wie aberwitzig sieht doch das lebenslange und zwanghaft durchgeführte rennen nach immer grösseren Renditen aus sofern man das mit etwas Abstand (und Anstand) ansieht. Wie sinnlos ist das ganze wenn es der Mensch (ich meine die Rendite- und Profitetreiber) doch schon lange geschafft hat sich den unwegbarkeiten des Lebens zu entziehen? Dafür kreieren wir uns unsere eigenen und bringen oft nichts mehr anderes fertig als das ganze Leben lang zu hetzen. Wie erstrebsam ist das nun ?Was nützen mir die Renditen, die globalen billigst Produkte, die liberaliserten Verträge mit den vielen *, **, *** und unsagbar auf vielen Seiten multipliziertem Kleingedrucktem wenn ich das ganze Leben in einem künstlich organiserten Wettbewerb stehe? Wie toll ist es noch Arbeit haben zu dürfen wenn der Freund oder Nachbar arbeitslos ist? Soll ich mich darüber einfach und banal beglückwünschen oder ist da etwa was was faul im System?  Das verarschen mit Marketingmethoden und die konstanten Versuche vom über den Tisch ziehen der Bürger und Konsumenten im Sinne von billigst, wettberwerbsfähig und Megaprofite ist erstrebenswert? Die Aktionärsversammlungen welche keinerlei Demokratische Legitimation haben und doch so tief in Gesellschafltiche Strukturen eingreifen wollen wir in dieser Form wirklich? Wenn doch alles liberalisierte und von staatlichen Strukturen und Regeln befreite so herrlich und jeglicher Kritik herhabene so anstrebsam und ultimativ richtig sein soll........warum lässt man nicht jeden Arbeitnehmer sein Steuerdomizil auswählen anstatt diesen mit seinem Obulus an den Wohnort zu binden? Ich kann gerne auf die von IMF, WTO, GAT und all den anderen undurchschaubaren Organisationen und wiedereinmal nicht demokratisch legitimierten Verträge verzichten da mir diese in vielen Lebensbereichen nichts gebracht haben. Es zeigt sich auch hier sehr deutlich das die gleichschaltung der Massenmedien die gesunden Strukturen eine Gesellschaft heftigst untergräbt. Will sagen, wenn jegliche Kritik unhöhrbar verhallt, ja sogar oft nicht gewollt ist, ist auch dieses so glorifizierte System zum sterben verurteilt.In diesem Sinne, ein für mich lesenswerter Artikel von Hr. Assheuer.

  3. Endlich mal ein Artikel der Klartext redet! In den letzten Jahren hatte sich bei mir die Befürchtung verdichtet, der Spruch von der "vierten Gewalt" sei pure Ideologie und die gesamte Journaille Teil des Systems, da sie ja von der Entwicklung der postmodernen "Informationsgesellschaft" massiv profitiert hat.Die Frage, die "der Westen" sich als erstes beantworten muss lautet meines Erachtens: Warum ist es so schwer, aus Erkenntnissen, die seit langem Allgemeingut sind (wenn man sich schon nicht unbedingt auf Marx berufen will: "The Great Transformation", auf die Asshauer ebenfalls anspielt, wurde m. W. bereits 1944 geschrieben, ist aber mindestens noch genauso aktuell wie der alte M.) die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Brennende Barrikaden, das sollte jedem klar sein, sind kein Ausweg, auch wenn die eher linke Intelligenzija gerne mit diesem Bild spielt (ich gebe zu, dass es auch meine Phantasie in Zeiten besonders depressiver Stimmung bisweilen bewegt).

  4. Ein notwendiger und in vielen Passagen sehr treffsicherer Artikel - der hoffentlich Diskussion und Reflexion anregt.
    Nur in einem Punkt möchte ich Zweifel anmelden. Es mag ja sein, daß in mancher Glücksverheißung, die der kapitalistische Westen ausgesprochen oder unausgesprochen vor sich herträgt, auch ein gewisses Pathos mitschwingt - und sei es einfach deshalb, weil Glücksverheißungen davon leben, daß sie einen positiven existentiellen Überschuß in Aussicht stellen.
    Im übrigen aber scheint mir der liberale und konsumistisch optimierte Kapitalismus weitgehend ohne Pathos zu operieren. Mehr noch, er erzeugte - auch in bewußter Absetzung von Sozialismus und Nationalsozialismus - einen historisch einmaligen Konsens zur Stigmatisierung von Pathos überhaupt. Ein Reflex der inzwischen kulturell fest verankerten Pathos-Abwehr ist auch die Fetischisierung der sogenannten coolness.
    Reichtum und Privilegien werden in dieser Gesellschaft überwiegend als private Früchte genommen und konsumiert. Die dabei auftretenden Glücksgefühle setzen kaum noch Hoffnungen, Entwürfe oder Projekte in Gang, die über die individuelle Sphäre hinausgehen.
    Nicht der pathetische Überschuß ist in diesem Falle das Problem, sondern die Amputation des Humanum um eben diese Dimension des Pathos - ohne die das Menschsein insgesamt ein wenig dürftiger und flacher ausfällt.
    Sammy Senkbley

  5. Kapitalismus hätte den (freien) Wettbewerb zum Ziel? Dann hieße es doch "Competitionismus"?Herr Asshauer, anscheinend beschreiben Sie ein Paralleluniversum:"Doch wer sagt eigentlich, dass westliche Demokratien auf diese neue Herausforderung genauso reagieren werden wie bei der Systemkonkurrenz mit dem Kommunismus? Wer sagt, dass sie auf die Freiheit setzen, um dem autoritären Ausbeutungskapitalismus Paroli zu bieten?"Allende würde im Grabe rotieren, könnte er diesen Unsinn lesen! Wer baute denn auf Diktatoren wie Pinocet, Schah von Persien, Franco, Marcos, Mobuto, Süd Afrikas Apartheit, griechische und türkische Militärdiktaturen -- um nur wenige Terrorregimes zu nennen? Nicht "Freiheit" war das Ziel des Westens, sondern, "Hauptsache der Hurensohn ist unser Hurensohn"."Wie sehr die Ökonomie eine autonome, politisch kaum zu steuernde Macht geworden ist; wie sehr sie sich dabei von der Gesellschaft entkoppelt und verselbstständigt hat," Wann wird Ihnen, Herr Assheuer, endlich klar, das es sich bei dem hier geschilderten Phänomen um ein politisches Ziel handelt? Dem demokratischen Teil einer westlich geformten Gesellschaft wird die autoritäre Kommandowirtschaft gegenüber gestellt, die im Zweifelsfall das Primat hat.Diktator Blatter und seine FIFA sind ein augenfälliges Beispiel, wie sich (freie) ökonomische Systeme im Idealfall organisieren. Nämlich wie die Mafia. An deren Casinos wird deutlich, daß ein freier Unternehmer nichts mehr haßt, als Verluste und den Zufall. Dafür werden die Spieltische manipuliert und glückliche Gewinner eleminiert.Um beim Bild zu bleiben, entspricht Lobbyismus, Korruption, das Kaufen von Politikern und Gesetzen der Manipulation des Spielgerätes. Die Beseitigung der Konkurrenz geschieht gerne durch Monopolbildung, Dumping, Totklagen wegen Verletzung von Patenten, Geistigen Eigentum etc. In Steueroasen -- also Schurkenstaaten, die vom Regelverstoß profitieren -- wird die Beute in Sicherheit gebracht.Letztendlich verläuft die Front zwischen Freiheitlicher Demokratie und Autoritärem System INNERHALB jedes westlichen Staates: Solange jedoch ein Gemeinwesen darauf verzichtet, sein eigenes Geld zu drucken und es lieber bei der privaten Wirtschaft gegen Zinsen leiht, zerstört die Demokratie ihr eigenes Fundament.Materialien zur Geld-, Zins- und Schuldenproblematik hier:http://userpage.fu-berlin...___________________________________________
    "Money to get power, power to protect money."
    Slogan of the Medici family quoted after:
    Friendly Fascism - The New Face of Power in America
    http://tinyurl.com/6z7g5

  6.  
    ...der Haufen armseeliger BeckPofallaGysiWesterwelles, der uns regiert und dem ich ums Verrecken nicht zutraue auch nur einen Schritt zu unternehmen, der irgendetwas an den Problemen ändert. Unsere Sachzwangsverwalter sind im Begriff lächelnd den Untergang zu moderieren, um dann zu verkünden mehr wäre halt nicht drin gewesen, man habe gute Arbeit geleistet.
     
    Ich erschrecke selbst davor, wie groß der innere Abstand zwischen mir und dem politischen System des Landes, in dem ich lebe, geworden ist. Die große Koalition ist nicht meine Regierung, die Gründen, FDP und die Linken nicht meine Opposition. Nichtwählen wäre die einzige Wahl, die meinen Gedanken und Überzeugungen gerecht würde.
    In dieser Situation freut es mich an so prominenter Stelle in der Zeit lesen zu können: "die Bürger stellen die Systemfrage". Ja genau, das tun sie. Und hoffentlich erarbeiten wir uns bald eine Antwort. Und hoffentlich wird das Problem in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten und Jahren öfter von unseren Medien thematisiert. Es ist dringend nötig. Dringend!

    • iDog
    • 30. März 2008 13:18 Uhr

    ein reisserischer titel wohl aber ein noch besserer artikel. erstaunlich, dass er nicht mal 12 stunden auf der index seite der ZEIT online ueberlebt, dort nicht kommentierbar war, und sogleich im untermenubereich verschwindet unter KULTUR ???? ist das zu starker tobak fuer die werbekundschaft oder fuer das konservative publikum, das sich sowieso schon angstgelaehmt an die sesellehne klammert ? schade also , dass dieser artikel , der all die thematischen turbulenzen und stimmungen der letzten wochen hier in der zeit zu den aufeinandertreffenden umstaenden der sogenannten "groessten wirtschaftskrise seit..." und einigen anderen begebenheiten wie karl marx 125. todestag, die grundgesetztdebatten um innere sicherheit, gesellschfts- bzw kapitalismuskritig ausgehend von verschiedensten sozialen themenbereichen  etc. so hervorragend zusammenfasst und auf den punkt bringt so sang und klanglos im orkus der archive zu versinken droht. hat die ZEIT angst vor der eigenen courage ? ... oder werden solche inhalte mit kuenstlerisch wertvoller bebilderung aus angst vor etweigen folgen von der redaktion selbst als tabubruch gesehen oder noch schlimmer lediglich als kulturteil schmankerl zur glosse entwertet ?sie machen mich ratlos sehr geehrte redaktion - endlich spricht mal ein koenner gelassen aus, was viele laien, ihre leser- und kundschaft, hier in den foren thematisieren, und sie machen nichts daraus, sondern ersetzen diesen brillianten inhalt mit dem ueblichen, altbekannte noinfotainment ueber sich mit dreck beschmeissende praesidentschftkandidaten.chance vertan - keinen mut gehabt - falsche entscheidung getroffen - seuftz . ihrem herr assheuer alledings meine hochachtung fuer diesen artikel. danke.

    • klier
    • 30. März 2008 13:38 Uhr

    Thomas Assheuer hat in klaren Worten die drohende Gefahr beschrieben: nicht eine liberale Revolution wird unserer Demokratie  den Garaus machen, sondern eher ein Putsch der Oligarchen, die unser offene Gesellschaft als Hemmschuh ihrer Expansionswut betrachten. Das Biotop des Turbokapitalismus braucht die offene Gesellschaft am allerwenigsten. Die Beispiele von China, Russland  bis Saudi Arabien geben all jenen recht, die für ein Ende der Gewaltenteilung eintreten und dafür eine Verschmelzung von Staat und Konzernen fordern. Das dumme Volk soll arbeiten, kaufen und gefälligst das Maul halten. So regiert sich's am Schönsten. Ob diese Rechnung wirklich aufgeht, hängt jedoch von der Stärke des zivilen Ungehorsams ab, den die Bürger leisten wollen. Heinz Klier, Dubai

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