Karl Marx, der störrische Rechthaber, hat es vorhergesehen: Der Kapitalismus funktioniert heute genau so, wie er es beschrieben hat. Wo immer der große Weltbaumeister hinlangt, bleibt kein Stein auf dem anderen. Hier lässt der Kapitalismus Milch und Honig fließen, dort schafft er Elend. Hier baut er auf, dort reißt er ab. Nichts bleibt, wie es war.

Karl Marx hat noch mehr erkannt: Der Kapitalismus wirbt mit einer trügerischen Verheißung. Sie lautet: Folge meinem Gesetz, gehe ein Risiko ein, und du wirst reich belohnt. Auch wenn dabei das gute Alte auf der Strecke bleibt, so ist die Zerstörung doch schöpferisch, und am Ende fällt der Wohlstand den Menschen wie eine reife Frucht in den Schoß.

Man muss kein Marxist sein, um zu sehen, dass es um die kapitalistische Verheißung derzeit nicht gut bestellt ist. Der Beinahe-Crash des Finanzsystems gibt all jenen recht, für die die unsichtbare Hand des Marktes nur deshalb unsichtbar ist, weil es sie gar nicht gibt. Nun ist die Ratlosigkeit groß. Noch gestern wollten die ökonomischen Eliten den Staat zum Hilfskellner im Kasino-Kapitalismus degradieren; heute rufen sie kleinlaut nach seiner helfenden Hand, damit er brav ihre Zeche zahlt. In der Tat, niemand anderes als Josef »Victory« Ackermann, Chef der Deutschen Bank, hat mit seinem spektakulären Eingeständnis das neoliberale Dogma von der Klugheit des Marktes in Trümmer gelegt: »Ich glaube nicht allein an die Selbstheilungskräfte der Märkte.«

An die Selbstheilungskräfte des Marktes glauben die in Bochum entlassenen Mitarbeiter der Elektrofirma Nokia wohl ebenso wenig wie jene Angestellten, die von Henkel, Siemens, Continental oder BMW trotz satter Gewinne »abgebaut« werden. Immer länger wird die Liste von Unternehmen, die das kapitalistische Urversprechen – »Rendite schafft Arbeitsplätze« – nicht mehr einlösen wollen. Oder, aus ihrer Sicht, unter dem Druck der Globalisierung gar nicht mehr einlösen können.

Diese Entwicklung ist neu. Bislang galt das goldene Motto, wachsende Gewinne produzierten eine wachsende Zahl von Arbeitsplätzen und nach der kurzen Nacht der Stagnation folge der strahlende Morgen des Aufschwungs. Nichts anderes haben rot-grüne Agenda-Politiker und ihre Unternehmensberater dem Wahlvolk ins Ohr posaunt. Man müsse nur den Gürtel enger schnallen und Profite wieder wachsen lassen, dann werde man reich belohnt.

Tatsächlich wächst heute beides gleichzeitig, sowohl die Rendite wie auch die Unterschicht. Eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung belegt, dass auch die bislang stabile Mittelschicht in atemberaubendem Tempo in einer Richtung wegbricht: nach unten. Die bürgerliche Mitte, bislang der ökonomisch und politisch zuverlässigste Stützpfeiler der Republik, wankt, und selbst der Spiegel, dem es mit der rot-grünen »Steuerverschenkungspolitik« (Franz Walter) gar nicht schnell genug gehen konnte, ist von der »Abwärtsmobilität« alarmiert: »Millionen rutschen ab.«

Bekanntlich beschweren sich konservative wie neuliberale Intellektuelle gern darüber, das linke Gift von Gleichheit und Gerechtigkeit lähme kreative Energien und werfe Deutschland im Standort-Roulette auf hintere Plätze zurück. Das war schon immer ein Gerücht, nun ist es eine Falschmeldung. In Wirklichkeit wird die soziale Bruchlinie tiefer und die »Armut im Überfluss« größer. Jeden kann es treffen. Die Schere zwischen denen, die »drinnen«, und denen, die »draußen« sind, geht zuverlässig auseinander. Die Nettolöhne sanken in den vergangenen drei Jahren um 3,5 Prozent, während die Unternehmensgewinne in der jüngsten Aufschwungphase um 25 Prozent anzogen. Allein im vergangenen Jahr stiegen die Gehälter der Topmanager um durchschnittlich 20 Prozent. All das lässt den Eindruck entstehen, in Deutschland laufe etwas dramatisch aus dem Ruder: Eine wachsende Klasse von Selbstbereicherern kommt in den Genuss flächendeckender Steuersenkungen und bildet eine risikoarme Parallelgesellschaft mit eigenen Kindergärten, eigenen Schulen und eigenen Universitäten. »Ganz unten« dagegen, bei den Chancenlosen, klingelt der Vollzugsbeamte und schnüffelt an der Matratze, ob der Hartz-IV-Empfänger eine rechtlich anstößige Bedarfsgemeinschaft mit einer staatsfinanzierten Leidensgenossin unterhält.

Mit einem Wort: Wir werden Zeugen davon, wie die prophetische Verheißung des Kapitalismus auskühlt und ihre Strahlkraft verliert. Die säkulare Utopie des Marktes (»Wohlstand für alle«) zerfällt ebenso wie die Schulbuch-Weisheit, Märkte seien per se effizient und gerecht. Laut einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung glauben nur 15 Prozent der Bürger, es ginge in der Bundesrepublik gerecht zu – so wenige waren es noch nie.

Gewiss, Umfragen entspringen tagespolitischen Stimmungslagen und sind mit Vorsicht zu genießen. Viel einschneidender dagegen ist ein weitverbreitetes kulturelles Unbehagen – nämlich jene schwer messbare Gemengelage aus politischem Verdruss und diffuser Angst, die sich in den Köpfen der Bürger festzufressen droht. Es ist der Groll darüber, dass die Ökonomie eine Gewalt über das Leben und Denken gewonnen hat, die ihr nicht zusteht. Es ist der Zweifel, ob eine Wirtschaftsweise eine Zukunft hat, die uns präventiv dazu zwingt, den Konsum zu steigern, damit es uns morgen nicht schlechter geht als heute. Es ist die Angst vor den Großrisiken des Marktes, überhaupt vor einer richtungslosen kapitalistischen Dynamik, die durch nichts mehr, erst recht nicht durch Politiker zu steuern ist.

Damit nicht genug des Unbehagens. Ist es nicht eine kapitalistische Pathologie, dass eine überhitzte Zugewinngesellschaft die Welt mit Reichtümern vollstopft, während im Schatten ihrer maßlosen Glitzerpaläste Kinder- und Altersarmut wachsen? Könnte es nicht sein, dass unsere Art und Weise des Wirtschaftens so verrückt ist, dass sie ihren Insassen normal vorkommt? Natürlich, die Kapitalrendite ist der Glutkern kapitalistischer Rationalität. Aber ist diese Rationalität noch – vernünftig? Ist der Kapitalismus noch schöpferisch – oder schon destruktiv?

Ausgerechnet das manager magazin hat nun diese Frage gestellt und verblüffend schonungslos beschrieben, warum die »Angst die Bürotürme heraufkriecht« und das Systemvertrauen der Bürger schwindet. Es geht dabei nicht um den Verlust irgendwelcher »Werte«, die heute salbungsvoll beschworen und morgen vergessen werden. Es geht auch nicht um handelsübliches Elitenversagen oder die Glaubwürdigkeit eines Managers, der schneller als die Post sein Geld am Fiskus vorbeischleust. Es geht um die Legitimität der Wirtschaftsform insgesamt. »Die Bürger stellen die Systemfrage… Bislang gärt der Frust im Stillen. Ganz langsam und fast unsichtbar höhlt er die westlichen Marktdemokratien von innen aus.«

Bislang konnte sich der Kapitalismus damit rechtfertigen, seine psychosozialen Kosten, die Produktion von Angst und Ungewissheit, seien, aufs Ganze gesehen, vernünftig und dem Gemeinwohl zuträglich. Doch inzwischen macht nicht einmal mehr das lang ersehnte Wachstum glücklich, wie die freudlose Freude am Aufschwung beweist. Auch wenn die Arbeitslosenzahlen sinken und der allseits verachtete Staat scheinbar wieder Handlungsspielraum bekommt, so ändert dies nichts am kollektiven Unbehagen darüber, dass das Wachstum zum Selbstzweck verkommen ist. Das heißt, die Wirtschaft muss nicht deshalb wachsen, weil es ungesättigten Bedarf gäbe, sondern weil ein immanenter Wachstumszwang besteht, der mit irrwitzigem Aufwand an merkantiler Fantasie und Reklame bedient werden muss – obwohl es von allem längst zu viel gibt und eine Knappheit an Knappheit, ein Mangel an Mangel allen die Laune verdirbt.

Der Markt vermehrt die Optionen. Aber vermehrt er auch die Freiheit?

Zugegeben, der kapitalistische Markt hat die Wahlmöglichkeiten des Einzelnen traumhaft vermehrt. Darin liegt seine verführerische Kraft und seine ewige Attraktion. Der Markt ist eine institutionalisierte Form von Freiheit, die alles »Ständische verdampfen« lässt (Karl Marx) und dem Einzelnen erlaubt, sich aus überkommenen Bindungen zu lösen und unabhängig zu leben.

Doch bekanntlich treten die Waren nicht bloß als Waren auf, sondern als Glücksversprechen, als »identity goods« und »Drehbücher« fürs Dasein. Verkauft werden Eintrittsbilletts in Stil-Sphären, Bilder von Freiheit und Unverwundbarkeit. Mögen sich die Menschen mit Hilfe von Konsumgütern durchaus eine eigene Identität schaffen, so ist doch die Wahlfreiheit, die ihnen der Markt dabei gewährt, noch lange nicht identisch mit der Freiheit selbst. Der Kapitalismus, so schreibt der kanadische, zu Unrecht als konservativ geltende Philosoph Charles Taylor, verwechsele die Vermehrung von Optionen mit der Vermehrung substanzieller Lebensziele. Anders gesagt: Die Ethik von »Freiheit« und »Individualismus«, die den Markt rechtfertigen sollte, schrumpft auf bloße »Wahlfreiheit«, im schlimmsten Fall auf die Ökonomisierung des Begehrens. Der Kapitalismus ermöglicht zwar Freiheit, aber er verdunkelt zugleich ihre sinnvollen Ziele, den normativen Gehalt dieser Freiheit. Am Ende, unterm Schaumteppich multipler Optionen, wäre dann das Wichtigste unauffindbar: die Bilder eines gelingenden, ökonomisch nicht reduzierten Lebens.

Was für den Glauben an die Konsumfreiheit gilt, gilt für seine Zwillingsschwester, die gute alte Fortschrittsreligion, schon lange. Sie ist aschfahl geworden und lockt so recht niemanden hinterm Ofen hervor. Was einmal »heiliger« Fortschritt hieß, das ist auf eine profane Innovation zusammengeschnurrt. Der nächste Rasierapparat hat vier statt drei Klingen, vermutlich mit Innenbeleuchtung inklusive Radio und Rauchmelder. Immer schneller auf den übersättigten Markt geworfene Innovationen vermehren zwar »Features« und Möglichkeiten, aber anders als die verblichene Fortschrittsreligion setzen sie kein Pathos mehr frei. Und dass die gentechnische Manipulation von Lebensmitteln oder eine bioindustriell betriebene Menschenzüchtung den Beifall der Massen findet, ist nicht bekannt. Nachdem die digitale Revolution durchgesetzt ist, nährt nur noch die Umwelttechnologie stille Hoffnungen, besteht ihr Fortschritt doch darin, die Folgen des Fortschritts abzumildern.

Wie drastisch sich der kapitalistische Mythos entzaubert hat, zeigt schon die Veränderung der ökonomischen Rhetorik. Wo früher die Schalmeienklänge der Fortschrittsreligion erklangen, da tönt heute der metallische Sound des Sachzwangs, oft genug auch die Drohung mit dem Abbau von Arbeitsplätzen und dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit. Die Versprechensökonomie hat sich in eine eiskalte Erpressungsökonomie verwandelt, in den Imperativ des »Du musst«. Je nach Konjunktur werfen ihre apokalyptischen Reiter die Angstmaschine an und prophezeien dem Volk für den Fall, dass es keine Opfer bringt und bei weniger Lohn härter arbeitet, den Untergang des Vaterlandes.

Bei so viel Sehnsucht nach Härte und Opfer verwundert es nicht, dass der menschenfreundlichste Mythos des Kapitalismus spurlos verschwunden ist, sein süßes Versprechen auf freie Zeit und Entlastung, auf wachsende Muße und Selbstbildung. Diese Verheißung hat sich unter der Herrschaft der Kostenkiller, Lebensbeschleuniger und Marktlückenfüller buchstäblich in Luft aufgelöst. Die Arbeitszeiten verflüssigen sich, die Grenze zwischen Beruflichem und Privatem verschwindet. Nicht mehr lange, und die alte Festanstellung gehört der Vergangenheit an und wird durch kurzfristige »Arbeitsprojekte« ersetzt. Jeder ist darin sein eigener Zeitmanager. Die Zeit, die er durch Rationalisierungsfortschritte »erwirtschaftet«, darf auf keinen Fall verschenkt – sie muss vielmehr unverzüglich re-investiert und aufs Neue kapitalisiert werden. Überhaupt greifen Wachstumszwang und Beschleunigungszwang bruchlos ineinander; die Arbeit wird verdichtet, und die Zeithorizonte der Produktion werden kürzer. Immer weniger Bäcker sollen immer größere Brötchen backen, während die Überflüssigen arbeitslos Däumchen drehen oder in prekärer Selbstbewirtschaftung ihrem traurigen Marktschicksal entgegenharren.

Wie sehr die Ökonomie eine autonome, politisch kaum zu steuernde Macht geworden ist; wie sehr sie sich dabei von der Gesellschaft entkoppelt und verselbstständigt hat, dies zeigt in aller Unerbittlichkeit der »neue«, der börsengetriebene Kapitalismus. In seinen Unternehmen haben nicht mehr lokale Patriarchen das Sagen, sondern milliardenschwere Fondsfirmen, die nach Leibeskräften versuchen, sich auf der Prärie der Weltgesellschaft das fetteste Wild abzujagen. Dieser Kapitalismus funktioniert nach der Logik von Exzess und Selbstüberbietung und bringt aus sich selbst heraus keine Grenze hervor. Genug ist ihm nicht genug, und das Maximum von heute ist nur das Minimum von morgen. Aus Sicht der Manager kann das auch gar nicht anders sein, denn die Globalisierung zwingt sie bei Strafe ihres Untergangs zur Selbstverteidigung. Rendite ist der Abwehrzauber im Überlebenskampf. Sie steigert die Wettbewerbsfähigkeit und schützt vor feindlicher Übernahme.

Der »neue« Kapitalismus verändert, um es alteuropäisch zu sagen, auch das Bild vom Menschen. Ökonomisch gesehen, ist der Einzelne nur mehr ein frei verfügbares, superflexibles Subjekt, das vom Staat marktfähig ausgebildet, von Zeitarbeitsfirmen ausgeliehen und just in time dem Produktionsprozess zugeführt wird – bis zu seiner allfälligen Entlassung. Selbst freundliche Opfergaben, zum Beispiel freiwilliger Lohnverzicht, stimmen den Willkürgott der Rendite dann nicht mehr gnädig. Aus heiterem Himmel enden seine »schöpferischen« Interessen. Er stößt die Leiharbeiter ab und sucht sich in Erfüllung seiner immanenten Grenzenlosigkeit die Opferstätten woanders. Etwa in Rumänien oder besser noch: in einem Land, wo das Humankapital noch billiger, noch flexibler ist.

Wie man weiß, besitzt der Kapitalismus ein großes Talent dafür, die sozialen und seelischen Nebenkosten seiner Selbstentfaltung abzuwälzen und unsichtbar zu machen. In Krisentagen ist stets jemand anderes schuld, zum Beispiel die Trägheit der Seelen oder die Selbstsucht des Managers, die saumselige Gesellschaft oder der faule Arbeitslose. Wahlweise auch die mimosenhafte Natur, die auf zarte Ausbeutungsversuche hysterisch mit einer Klimakatastrophe reagiert. Was auch immer geschieht – die Folgen des Kapitalismus werden externalisiert. Sie werden anderen zur Last gelegt (»Gewerkschaften!«) oder durch Moralisierung (»fehlende Werte!«) von der Bildfläche gezaubert. Zurück bleibt das natürlich unschuldige, das ruhelose Kreisen des abstrakten Kapitals in sich selbst.

Dass der globalisierte Kapitalismus auch das Vertrauen in die Demokratie untergräbt, dies ist ein Kollateralschaden, der bislang erfolgreich verdrängt werden konnte. Damit ist es nun vorbei. Die Wahlbeteiligung geht langsam, aber sicher auf Werte zurück, die einem aus einer »unterregulierten, sich in relativem Niedergang« (manager magazin) befindenden Gesellschaft vertraut sind – aus den Vereinigten Staaten. Auch das Ansehen demokratischer Institutionen bröckelt besorgniserregend. Vor allem der Bundestag musste einen dramatischen Prestigeverlust hinnehmen, weil immer weniger Bürger glauben, die Demokratie sei in der Lage, die sozialen Probleme des Landes zu lösen.

Warum das so ist, liegt auf der Hand: Kapitalismus und Demokratie gelten zu Recht als historisches Zwillingspaar, als glückliche Liaison von Freiheit und Gerechtigkeit. Deshalb werden die politischen Parteien als Erste für soziale Verwerfungen abgestraft, und ihre Vertreter müssen den Kopf für Entscheidungen hinhalten, die nicht sie, sondern globale Konzerne getroffen haben.

Dass das neoliberale Einheitsdenken rapide im Kurs sinkt und selbst christdemokratische Politiker nicht mehr glauben, man müsse dem Kapital nur das Brautbett aufschlagen, dann werde es sich schon dauerhaft im Lande niederlassen, ist nur ein schwacher Trost und wird nicht helfen. Das Einzige, was die spekulativen Exzesse des Finanzkapitalismus mäßigen könnte, wären internationale Abkommen, mit denen sich – wie beim Klimaschutz – alle Nationen verpflichteten, belastbare Standards aufzustellen, das Spekulantengewerbe an die Kette zu legen und Dampf aus dem Kessel zu lassen.

Was fürchten junge Manager? Dass bald die Barrikaden brennen

Das klingt wie Zukunftsmusik, und das ist es auch. Andererseits: Falls die »Große Transformation«, die politische Mäßigung der entfesselten Weltökonomie nicht gelingt, werden die nationalen Demokratien ihren historischen Charme verlieren und auf den grauen Pragmatismus einer Problemlösungsbedarfsgemeinschaft zusammenschrumpfen. Frei gewählte, unter austauschbaren Parteiabzeichen auftretende Technokraten arbeiten eine Sanierungsagenda ab und erledigen, was unterm Druck der Standortkonkurrenz gerade so anfällt. Die stolze Demokratie, das Versprechen von Freiheit und Gerechtigkeit, verblasst zu einer Reparaturdemokratie, die nur noch die Suppe auslöffelt, die ihr die globalisierte Moderne eingebrockt hat.

Was dann folgt, kann man ahnen. Irgendwann wird die Stimmung im Westen umschlagen, und dann wird es heißen, die Tage der liberalen Demokratie seien gezählt, weil sie unfähig sei, der Bedrohung durch neue ökonomische Weltmächte zu trotzen. Tatsächlich werden die höchsten Wachstumsraten derzeit in Halbdemokratien oder Volldiktaturen erzielt, von marktradikalen Maoisten oder islamischen Stammesfürsten, die den liberalen Kapitalismus herausfordern. Die Fronten verlaufen nicht mehr wie vor 1989 zwischen Staatswirtschaft und Marktwirtschaft, sondern zwischen zwei Spielarten des Kapitalismus, zwischen einem autoritären und einem freiheitlichen.

Doch wer sagt eigentlich, dass westliche Demokratien auf diese neue Herausforderung genauso reagieren werden wie bei der Systemkonkurrenz mit dem Kommunismus? Wer sagt, dass sie auf die Freiheit setzen, um dem autoritären Ausbeutungskapitalismus Paroli zu bieten? Es könnte auch ganz anders kommen. Politische Eliten und rechte Intellektuelle könnten aus der ökonomisch verursachten Legitimationskrise der Demokratie die Lehre ziehen, dass auch der liberale Kapitalismus endlich autoritärer werden und durch Demokratieverzicht neue ökonomische Triebkräfte entfesseln muss.

Die Denkmuster dafür liegen bereit. Nicht nur aus den einschlägigen Carl-Schmitt-Milieus ist immer häufiger die »dringende« Nachfrage zu hören, ob die Schönwetterdemokratie noch zeitgemäß sei und ob wir uns ihren egalitären Geist »noch leisten können«. Tenor: Wenn die Demokratie durch ihre langen Entscheidungsketten das Wachstum bremst und soziale Spaltung befördert, dann müssen wir über diese Regierungsform neu nachdenken. Auch das von Juristen gern unters Volk gebrachte Argument, der Staat müsse wieder Härte zeigen und Opfer verlangen, ist für ökonomische Bedrohungslagen anschlussfähig. Der blockierende Bürger muss dann eben das Opfer der Gerechtigkeit und der Freiheit bringen, damit das Wachstum wieder Fahrt aufnimmt, die asiatische Herausforderung pariert und der soziale Zerfall gestoppt wird.

Übrigens, das manager magazin hat auch verraten, was junge Führungskräfte am meisten fürchten: dass eines Tages wieder Barrikaden brennen.