Martin Luther KingDer Träumer und sein Traum

Vor vierzig Jahren wurde Martin Luther King ermordet. Eine Reise durch sein Land, durch Kirchen und Kneipen von Georgia bis Tennessee von 

Sagt es laut!, ruft der Prediger. Ich will euch alle hören: Happy Birthday, Martin Luther King! Heiterkeit erfüllt das Kirchenschiff. Die Gemeinde spricht den Glückwunsch nach, sodann bricht Beifall aus. Dies ist Atlanta/Georgia, Ebenezer Baptist Church, im Januar 2008. Sechshundert sonntagsfeine Afroamerikaner lachen und palavern, dass der weiße Gast sich hölzern fühlt. Happy Birthday? Für einen Toten?

Vierzig Jahre ist es her, dass Martin Luther King erschossen wurde, am 4. April 1968, auf dem Balkon des Lorraine-Motels in Memphis/Tennessee. Der Prediger stand damals nur wenige Meter entfernt. Jesse Jackson heißt er; 1984 war er der erste schwarze Präsidentschaftsbewerber der USA. Jetzt liest er den Predigttext. Genesis 37, der Mordplan von Josefs Brüdern: »Seht, da kommt der Träumer! Lasst uns ihn töten und in eine Grube werfen und sagen, ein böses Tier habe ihn gefressen; so wird man sehen, was seine Träume sind.«

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Der Träumer, der waffenlose Kämpfer Martin Luther King, wäre heute 79 Jahre alt. In der ersten Bank sitzt seine Schwester Christine. Jesse Jackson ist 66. Müde wirkt er, leicht blasiert, aber seine Predigt hat Zorn. Wider die Wucherkredite wettert Jackson: dass kleine Leute ihre Häuser verlieren und die Kommunen öffentliches Eigentum verhökern, bis die Städte verkommen – und die Menschen.

Reverend, fragen wir später, war Kings Tod das Ende der Bewegung? – Nein, sagt Jesse Jackson. Der Same trug Frucht. Wir haben heute schwarze Bürgermeister, Gouverneure, Kongressabgeordnete. Unser Kampf inspirierte Menschen in Südafrika, in Nepal…

Der Museumsführer zeigt schwarze Erfindungen: Eiszange, Feuerlöscher

Lange besaß King die Unterstützung der Präsidenten Kennedy und Johnson. Doch seit seiner Verdammung des Vietnamkriegs war er im Weißen Haus Persona non grata. Hätte er sich auf die Rassenfrage beschränken sollen? – Damals, sagt Jackson, scheute sich selbst der Kongress, Außenpolitik offen zu diskutieren. Heute können das alle Amerikaner, dank Dr. King.

Warum hatte er keine Bodyguards? – Er wollte nicht so leben, sagt Jackson. Und der Mord wäre trotzdem gelungen.

Wir werden nach Memphis fahren, an den Ort der Tat. Wir besuchen Birmingham/Alabama, wo King im Gefängnis saß. Auch ins Mississippi-Delta wollen wir. Kings Geschichte lässt sich schwerlich begreifen ohne die des Bürgerkriegs, der Baumwollplantagen, der Sklaverei, der Lynchjustiz, des Blues.

Das Apex-Museum Atlanta erzählt die schwarze Opfergeschichte. Man sieht die Menschenregale der Schiffe, die Westafrikaner als Stapelware nach Amerika verschleppten. Während der dreimonatigen Überfahrt starb oft die halbe Fracht. Haie folgten den Schiffen. Eine Knochenspur markiert die Passage auf dem Grund des Atlantiks.

Warum heißt der schwarze Museumsführer Thomas White? Die Sklaven, erklärt White, wurden nach dem Plantagenbesitzer benannt; verkaufte er sie weiter, wechselte ihr Name. Stolz präsentiert White schwarze Erfindungen: Eiszange, Sturmlaterne, Zerstäuber, Mopp, Klappstuhl, Wasserwaage, Feuerlöscher… Bei der Orgel haben wir Zweifel, nicht bei der automatischen Waggon-Kupplung. Bevor es sie gab, wurden viele Rangierarbeiter zwischen den Waggons zerquetscht. Am Ende des Museums beginnt die King-Geschichte: mit dem Nachbau des Yates & Milton Drugstore, in dem sich der junge Martin nach dem Geigenunterricht Eiscreme kaufte.

Atlanta prosperiert. Die Wirtschaft brummt, die Skyline gleißt, die Einwohnerzahl nimmt beständig zu. Unablässig jagen vom Flughafen Maschinen gen Himmel, im Aufstieg einander überholend. Vor dem neuen High Museum of Art steht Bürgertum nach französischen Impressionisten an. Alles scheint neu in Atlanta. »Die älteren, stilleren Städte«, liest man schon bei Margaret Mitchell, »blickten auf den geschäftigen Neuling mit den Gefühlen einer Henne, die ein Entlein ausgebrütet hat.« Im Mitchell-Haus – auch neu, da zweimal abgebrannt – residiert der alte Süden. Die Autorin von Vom Winde verweht spendete heimlich viel Geld für schwarze Medizinstudenten und ein Krankenhaus.

Mehrheitlich ist Atlanta eine schwarze Stadt, wie Birmingham, wie Memphis. Mixed blood begegnet man selten; die Segregation ist ja erst seit vier Jahrzehnten vorbei. Im Boulevard-Distrikt Atlantic Station bummelt Samstagabend Weiß mit Weiß und Schwarz mit Schwarz. Und jeden Sonntagmorgen separiert sich die Stadt wie das gesamte Land rassisch fast komplett: Punkt elf Uhr, zur Gottesdienstzeit.

Leserkommentare
  1. ...warum wird Condoleezza Rice erwähnt, nicht aber Bayard Ruskin? Ms. Rice ist ein Beispiel dafür, dass konstante Anfeindungen nicht unbedingt den Charakter verbessern - sie verbrachte ihre Kindheit in einem Viertel, welches wegen der ständigen Bombenanschläge durch weisse Rassisten "Dynamite Hill" genannt wurde. Die schwarzen Bewohner liessen sich nicht vertreiben, und die Frage der Beantwortung der Gewalt durch Gegengewalt dürfte ihr tägliches Gesprächsthema gewesen sein.<?xml:namespace prefix =" o" ns =" "urn:schemas-microsoft-com:office:office"" />
    Ohne Bayard Ruskin wäre die Bewegung, die heute vor allem mit Martin Luther Kings Namen assoziiert wird, nicht denkbar gewesen. Er organisierte den Marsch auf Washington. Er verweigerte den Militärdienst im 2. Weltkrieg und trug Mahatma Gandhis Ideal des gewaltlosen Widerstands in die afroamerikanische Bürgerbewegung.

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