Meter für Meter windet sich die unbefestigte Straße den mächtigen Mount Elgon im Osten Ugandas hinauf. Fast am Ende liegt das Dorf Namachere: über den Hang gewürfelte Häuser, versteckt zwischen üppigen Bananenstauden, Gemüsegärten und Kaffeepflanzen. Winzig klein sind die Grundstücke. Hier und da döst eine Kuh, an einen Baum gebunden, vor sich hin. Kein Quadratmeter Land ist ungenutzt, kein Fleckchen übrig, auf dem sich nicht Blätter und Blüten in den Himmel recken, über dem keine Früchte baumeln. Ein rauschendes Fest der Zellteilung, des Überflusses, der ungebremsten Reproduktion.

Mittendrin hockt eine junge Frau am Straßenrand. Im Arm hält sie ihre zwei Monate alte Tochter, die Fieber hat und Durchfall. Es könnte Malaria sein. Rosasfio Kikanagwa wartet auf das erste Matatu-Minibustaxi des Tages. Es soll sie und die Kleine in die Klinik bringen, tief unten im Tal.

Kikanagwa ist 26 Jahre alt und Mutter von acht Kindern. Das ist guter ugandischer Durchschnitt. Die drei Ältesten werden notdürftig von Dorflehrern unterrichtet. Demnächst sollen sie in der nahen Kleinstadt Mbale zur Schule gehen. Wie sie dorthin kommen werden und wer das bezahlen soll, steht in den Sternen. Die Eltern sind Subsistenzbauern, so wie die große Mehrheit ihrer Landsleute. Sie leben von den Kochbananen, Kartoffeln, Kohlköpfen und Karotten, die ihr winziges Feld hergibt. Bargeld haben sie so gut wie nie in der Hand.

Uganda, die Länder um den Viktoriasee und die ganze Region zwischen Sahara und südlichem Afrika gehören zu den ärmsten und gleichzeitig kinderreichsten Landstrichen der Welt. Während die Sozialsysteme westlicher Industrieländer unter dem Druck einer immer älter werdenden Bevölkerung leiden, brechen sie in weiten Teilen Afrikas unter der Last einer stetig wachsenden Kinderzahl zusammen.

Jeder zweite Ugander ist heute jünger als fünfzehn Jahre. Und jedes vierte Mädchen wird Mutter, bevor es volljährig ist. Wochenbett statt Bildung und Beruf – das ist das Leben der meisten Frauen hier. Rosasfio Kikanagwa zuckt entschuldigend mit den Schultern. »So ist das halt bei uns«, sagt sie. »Wir kriegen viele Kinder. Ich weiß auch nicht, warum!«

Hier sind immer schon viele Kinder zur Welt gekommen – in Uganda, im benachbarten Kenia, in Ruanda, Ghana, wohin man auch schaut. Neu waren in den vergangenen Jahrzehnten die Milliarden westlicher Entwicklungshilfe, die in die Gesundheitssysteme Afrikas geflossen sind. Laut Unicef ist die Kindersterblichkeit seit dem Zweiten Weltkrieg weltweit stetig gesunken – um 60 Prozent allein in den vergangenen 47 Jahren. Auch in Afrika. Ein Triumph der Medizin, kein Zweifel – und ein Erfolg nationaler und internationaler Entwicklungspolitik. Doch zugleich wächst die Bevölkerung südlich der Sahara nun so schnell wie nie zuvor. Demografen sagen für die nächsten 40 bis 50 Jahre eine Verdopplung voraus.

Ganz ähnlich sah es einmal in Europa aus. Dort begann im 19. Jahrhundert ein langsamer, aber tiefgreifender demografischer Übergang. Am Ende standen Familien mit weniger Kindern, die aber weitaus höhere Überlebenschancen hatten. Im wirtschaftlich starken Südafrika und in den meisten Städten anderer afrikanischer Staaten geht der Trend genau dahin. Doch mehr als die Hälfte aller Afrikaner lebt auf dem Land, und dort ist von einer demografischen Wende wenig zu spüren. In einer Umgebung ohne jegliches soziales Netz gelten Kinder nach wie vor als billige Arbeitskräfte und als Lebensversicherung für die Eltern. Mit anderen Worten: Die Sterberaten sinken, doch die Geburtenzahl bleibt oben. Ohnehin überlastete Schulen und Krankenhäuser stehen dem Problem hilflos gegenüber.