Bollywood Ich bin Statist. In Bollywood
Auf Mumbais Straßen werden Touristen für indische Film- und Fernsehproduktionen angeheuert. Einzige Voraussetzung: Sie müssen westlich aussehen. Unsere Autorin spielte Partygast in einer Seifenoper
Der Filmdreh zieht sich hin. Die Regie schreit »Full power!« ins Mikrofon. Am späten Abend wird noch einmal Stimmung gemacht für eine neue Szene: die Eröffnung eines Nobelclubs. Bollywood-Musik dröhnt aus den Boxen. Wie auf Knopfdruck flippen die indischen Schauspieler und Statisten aus, legen wilde Tänze hin. Ich bin mittendrin und doch nicht richtig dabei. Niemand traut mir und den anderen Europäern am Set zu, bei dem Spektakel mitzuhalten. Ich sitze an der Bar und wundere mich, in welche Welt ich da hineingeraten bin.
Ich spiele als Statistin in einer indischen Fernsehserie mit. Den Job habe ich auf der Straße in Mumbai bekommen, wo Scouts nach »western looking people« Ausschau halten. In der Stadt mit den größten Filmstudios der Welt sind die Teams auf Statisten mit westlichem Aussehen angewiesen. Denn viele Filmszenen spielen in London, Kanada oder den USA, werden aber fast alle hier gedreht. Einfach haben es die Scouts nicht. Wohl zieht der exotische Charme Bollywoods junge Individualtouristen an, doch die meisten legen nur einen kurzen Zwischenstopp in Mumbai ein, weil sie auf der Durchreise nach Goa sind. Ich bin geblieben. Ich wollte unbedingt zum Film.
Um die Scouts nicht zu verfehlen, halte ich mich an den Lonely Planet. Der führt mich zu den Lieblingsplätzen der Globetrotter, die zu Bollywoods idealen Komparsen zählen. Im Altstadtteil Colaba bummle ich die Hauptstraße entlang, probiere einen Cheesecake im internationalen Café Leopold, checke Mails in einem der Internetcafés und streife um das Gate of India, das Wahrzeichen der 20-Millionen-Metropole. Über die Bordsteinkanten flitzen hungrige Ratten. Daneben drängeln sich dauerhupende Autos, Rikschas und Motorräder. Die Straße staubt. Der Geruch von Sandelholz und Kardamom aus den Geschäften vermischt sich mit Abgasen und Hitze.
Sobald ich einmal innehalte, drängen sich Bettler und Verkäufer um mich, die große, blonde Europäerin. Reflexartig wehre ich ihr Werben und Bitten ab. Mir kommt es darauf an, irgendwann das Signalwort »Bollywood« aufzuschnappen. An einer Straßenecke, ein paar Meter vom Café Leopold, werde ich erlöst. Ein Inder spricht mich an: »Do you want to be an extra in a Bollywood-Movie? I will pay you!« Er streckt mir eine Visitenkarte mit funkelnden Sternen entgegen. Bollystars heißt seine Agentur. Für die könnte ich morgen eine Businessfrau auf einer internationalen Konferenz in Kanada spielen. Andere Scouts kommen dazu, bieten mir Rollen in einem Werbefilm an und als Hostess auf einer indischen Hochzeit. Schließlich entscheide ich mich für einen Dreh, der schon mittags losgeht: Noch heute werde ich Statistin in der indischen Fernsehserie Einfacher Traum sein.
Mein Scout mit der dunklen Sonnenbrille und einem etwas zu breiten Hollywood-Grinsen sieht nicht gerade vertrauenerweckend aus. Ich bin erleichtert, als ich mittags nicht allein am Treffpunkt McDonald’s in Colaba stehe. Vier Mittzwanziger sind noch dabei. Aus unterschiedlichen Gründen wollen sie am Dreh teilnehmen. Der arbeitslose Australier, der gerade erst gelandet ist, möchte »just some fun« haben. Das französische Paar mit den Rasta-Strähnen braucht etwas Geld für die Reisekasse. Die beiden leben ihren Traum: Ohne Reiseführer sind sie auf dem Landweg bis Indien getourt. Unterwegs haben sie Schauspielworkshops für Waisen organisiert, um den Kindern zu zeigen, dass aus jedem ein Star werden kann. Und dann ist da noch die zierliche Italienerin, die Erfahrungen als Produktionsassistentin mitbringt und zäh die Konditionen aushandelt: »500 Rupien Lohn und Drehschluss um zehn Uhr. Basta!« Das sind etwa acht Euro für neun Stunden. So viel verdient ein Taxifahrer durchschnittlich am Tag und der Scout für die Vermittlung für jeden von uns. Die Italienerin kennt die Gepflogenheiten. Sie erzählt, dass der Hotelier aus ihrer Backpacker-Billigunterkunft den Scout benachrichtigt hat, um sie anzuheuern. Scouts verteidigen ihr Revier und bestechen Hotel- und Barbetreiber. »Mafia-Prinzip!«, sagt die Italienerin.
»Für mich seht ihr alle gleich aus«, sagt der Scout
Obwohl sie schon erfahren hat, dass Drehs oft länger dauern und manchmal sogar ausfallen, ist sie entschlossen, ihren Lebensunterhalt in Bollywood zu verdienen. So wie andere Ausländer, die in Mumbai leben. Mit etwas Glück bekommen sie eine kleine Sprechrolle als amerikanischer Arzt oder kanadischer Banker und verdienen mehr als eine Anfängerstatistin wie ich. Eine Hauptrolle im Werbefilm kann bis zu 400 Euro pro Tag einbringen. »Ein Star wird man allerdings nicht mit westlichem Aussehen«, wirft unser Scout ein. Er hat nicht gefragt, was wir können und wer wir sind. Was zählt, sind helle Augen, Haut und Haare. »Für mich seht ihr alle gleich aus«, sagt der Scout.
Berühmt werde ich heute also nicht, aber ich will ja auch nur einen Blick hinter die Filmkulissen werfen. Unser Scout schleppt uns wortlos mit. In Richtung Filmstudio, zur Traumfabrik Indiens. Zuerst im Taxi, dann Umsteigen in die Bahn. Ich bin nicht vorgewarnt, dass der Zug nicht wartet, bis alle eingestiegen sind. Ich renne. Vier Arme ziehen mich in den fahrenden Zug ohne Türen. Meine Tasche flattert im Fahrtwind. Ich spüre, wie Panik mein Gesicht verzerrt. Die Miene der Inder bleibt ungerührt.
Verschwitzt und verstaubt erreichen wir unser Ziel 40 Kilometer nördlich vom Zentrum. Noch sieht hier nichts nach moderner Filmproduktion aus. Von der belebten Straße gehen wir durch ein offenes Tor und erreichen das Studio über eine Schotterpiste. Von außen gleicht es einer abgewrackten Lagerhalle. Vor dem Eingang lungern Straßenhunde zwischen Kisten mit Filmutensilien herum. Innen blendet Neonlicht. Im Kunstnebel wuseln hundert hektische Inder, die den Dreh vorbereiten. Für die Filmhandlung wird ein Nobelclub nachgebaut. Besonders indisch sieht er nicht aus: DJ-Pult, Bar, Sofaecken und Tanzfläche mit funkelnder Discokugel – wie überall auf der Welt. Die Franzosen lassen sich auf eine Ledercouch fallen und sagen:
- Datum 08.04.2008 - 12:04 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 03.04.2008 Nr. 15
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren