BerufsbilderPropheten der Arbeit

Das Bundesinstitut für Berufsbildung sagt voraus, was Arbeitnehmer von morgen können müssen von Marc Hasse

In der Ferne ragt der futuristische Post-Tower in den Bonner Himmel, doch hier, am Robert-Schumann-Platz 3, herrscht noch das architektonische Flair der achtziger Jahre: ein sechsstöckiger, olivgrüner Betonklotz, der ungefähr so einladend wirkt wie eine Polizeiwache. Vielleicht ist das altbackene Äußere aber auch perfektes Understatement. Denn das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) versucht, der Zeit sogar voraus zu sein. Welche beruflichen Qualifikationen haben Zukunft? Was müssen Arbeitnehmer mitbringen, wenn sie fit sein wollen für den Arbeitsmarkt?

Antworten auf solche Fragen gibt im BIBB eine eigene Abteilung. Arbeitsbereich 2.2, zweiter Stock, Zimmer 2228. Es empfängt der Bereichsleiter Robert Helmrich, ein resoluter Mann mit wachem Blick und kräftigem Händedruck. Auf dem Tisch stehen Gummibärchen und Kaffee. Wie also sagt man die Zukunft der Arbeit vorher? »Wir alle haben doch irgendeine Theorie davon, was morgen passiert«, sagt Helmrich und lacht leise. Allerdings stünden die Prognosen des BIBB auf einer wissenschaftlichen Grundlage. Denn Helmrich, 46, ist kein Hellseher, sondern promovierter Volkswirt. Zusammen mit elf Kollegen betreibt er »Qualifikationsentwicklungsforschung«. Mit Kaffeesatzlesen hat diese Arbeit wenig zu tun. Eher mit Datensatzauswertung. Und zwar in rauen Mengen.

So durchforsten die BIBB-Mitarbeiter mit speziellen Programmen regelmäßig die Datenbank KURS der Bundesagentur für Arbeit . Pro Jahr werden dort fast 600.000 Kurse zur beruflichen Aus- und Weiterbildung von etwa 20.000 Anbietern aufgelistet. Die Angebote geben Aufschluss darüber, wie gefragt bestimmte Qualifikationen sind. Dass in der Weiterbildung zurzeit am häufigsten IT-Schulungen angeboten werden, ist dabei vielleicht noch wenig überraschend. Doch gleich hinter den EDV-Kursen folgen Angebote zu sogenannten Soft Skills: Schulungen in Gesprächs- und Verhandlungsführung, Moderations- und Präsentationstechniken sind besonders gefragt – quer durch alle Branchen. In Abteilung 2.2 zieht man daraus die Schlussfolgerung, »dass Kommunikationstechniken und Teamfähigkeit in den Unternehmen weiter an Bedeutung gewinnen«, so Hans-Joachim Schade, der die Auswertung betreut.

Diese Erkenntnis wird auch durch weitere Forschungen der Abteilung bestätigt, etwa durch repräsentative Stellenanzeigenanalysen und Betriebsbefragungen. Dabei untersuchen die Experten, welche Qualifikationen Firmen in Jobausschreibungen verlangen. Anschließend fragen sie nach, welche Bewerber die Firmen tatsächlich eingestellt haben – und welche gewünschten Qualifikationen die eingestellten Bewerber nicht bieten konnten. Und manchmal hat das ganz konkrete Folgen. Denn die Ergebnisse nutzen andere Abteilungen der Behörde, um die Ausbildung für bestimmte Berufe auf den neuesten Stand zu bringen.

344 staatlich anerkannte Ausbildungsberufe gibt es in Deutschland. Das BIBB muss sie laufend im Blick behalten, um die Ausbildungsordnungen an die veränderten Anforderungen des Arbeitsmarktes anzupassen. Und manchmal führen die Ergebnisse der Qualifikationsentwicklungsforschung sogar dazu, dass Ausbildungsordnungen für völlig neue Berufe geschrieben werden. In den vergangenen drei Jahren wurden 26 Ausbildungsberufe modernisiert und allein elf neue Berufe geschaffen – darunter der Speiseeishersteller, die Fachkraft für Automatenservice und der Sportfachmann.

So unterschiedlich die künftigen Anforderungen für einzelne Fachrichtungen sind, Robert Helmrich und seine Mitarbeiter müssen auch berufsübergreifend Prognosen treffen – die »Megatrends« erkennen, wie er sie nennt. Denn der gesamte Arbeitsmarkt ist im Umbruch: Während in Land- und Forstwirtschaft, in Bergbau, Industrie und Handwerk immer weniger Arbeitskräfte gebraucht werden, nimmt der Bedarf bei privaten und öffentlichen Dienstleistungen rasch zu. »Deutschland ist auf dem Weg zu einer Wissensgesellschaft«, sagt Robert Helmrich. Um solche allgemeinen Aussagen etwas genauer fassen zu können, organisiert seine Abteilung auch repräsentative Umfragen. So wurden rund 20.000 Erwerbstätige zu den Anforderungen an ihrem Arbeitsplatz befragt.

Wichtigstes Ergebnis? »Die Internationalisierung des Arbeitsmarktes betrifft immer mehr Berufe«, sagt Anja Hall, die die Befragung leitet. So nutzt inzwischen schon jeder dritte Erwerbstätige neben Englisch noch eine weitere Fremdsprache, vor allem Französisch, Russisch, Türkisch, Spanisch und Italienisch. Jeder Sechste benötigt nicht nur Grundkenntnisse, sondern auch Fachvokabular in einer Fremdsprache. Und das gilt nicht nur für akademische oder kaufmännische Berufe. Als Beispiel nennt Hall das Gesundheitswesen: Da sich immer mehr ausländische Patienten in deutschen Kliniken behandeln ließen, müssten nicht nur die Ärzte, sondern auch die Krankenschwestern zunehmend Fremdsprachen beherrschen.

Durch Globalisierung und moderne Kommunikationstechnologie werden Unternehmen und ihre Angestellten unablässig vor neue Aufgaben gestellt. »Gebraucht werden zukünftig vor allem Fachkräfte, die über ein sehr spezielles Wissen und sehr spezielle Fähigkeiten verfügen«, sagt Bereichsleiter Helmrich. Das Problem sei jedoch, dass bereits jetzt in einigen Branchen ein Fachkräftemangel herrsche, der sich, demografisch bedingt, noch verstärken werde. Häufig würden Unternehmen keine passgenauen Bewerber finden, zu schnell verändere sich die Technik, etwa im Maschinenbau. Etliche Firmen müssten sich damit helfen, dass sie Bewerber, die noch nach einem alten Standard ausgebildet wurden, durch Weiterbildungskurse auf die Höhe der Zeit brächten.

Denn wie vielseitig die Methoden der Qualifikationsentwicklungsforschung auch sein mögen – ein Problem können Robert Helmrich und seine Kollegen nicht lösen: Während sie noch Daten auswerten, ist der Arbeitsmarkt schon ein Stück weiter. Zu schnell sind immer wieder neue Qualifikationen gefragt. So bleibt die weiseste Voraussicht Helmrichs wohl die: »Arbeitnehmer müssen zukünftig mehr als zuvor die Fähigkeit und Bereitschaft zu lebenslangem Lernen mitbringen.«

Weitere Informationen im Internet:

Berufenet - Angebot der Bundesagentur für Arbeit

Bundesinstitut für Berufsbildung

Weiterbildungsdatenbank KURS

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Leserkommentare
  1. Der Arbeitnehmer von morgen - das sowieso bekannte Wesen?Nachdem der Autor die Durchhaltefähigkeit des Lesers mit der Wiedergabe einer Reihe irrelevanter Beobachtungen getestet hat, wird man mit umwälzenden Erkenntnissen konfrontiert:Der Arbeitnehmer von morgen braucht soft skills.Es gibt eine Verlagerung auf Dienstleistungen; Deutschland wird eine "Wissensgesellschaft".Die Internationalisierung des Arbeitsmarktes erfordert Fremdsprachenkenntnisse.Es sind Fachkräfte mit "sehr speziellem Wissen" und ebensolchen Fähigkeiten nötig.Die Forderung nach "lebenslangem Lernen" ist die Lösung, wenn man nicht weiß, wie die Entwicklungen laufen.Eine Aneinanderreihung von Platitüden. Keine dieser Einschätzungen war bisher unbekannt. Flexibilisierung der Arbeitskraft in dieser Art ist seit geraumer Zeit gängige Praxis. Alle diese Aussagen einer nachfrageorientierten Arbeitsmarktpolitik sind geformt nach dem Bild der sich an "Anforderungen", "Notwendigkeiten", "Nachfrageerfordernissen" anzupassen habenden Arbeitskraft. Vielleicht könnte man sich auch zu den Nachteilen dieser Konzeption Gedanken machen.Die datensatzauswertende einäugige Eule der ans BIBB verkauften Minerva scheint ihren Flug erst am Tag danach zu beginnen, wenn sie außer lang Bekanntem - dafür aber nicht unbedingt Erhellendem - nichts sieht und der Nachfrage nur hinterherhüpfen kann - das führt dann zum vorgestellten Sortiment an Trivialitäten. 

    • ali-ch
    • 07. April 2008 7:51 Uhr

    Na ja ... "Allerdings stünden die Prognosen des BIBB auf einer wissenschaftlichen Grundlage. Denn Helmrich, 46, ist kein Hellseher, sondern promovierter Volkswirt." Volkswirtschaft ist ebenso eine Wissenschaft wie der "wissenschaftliche Sozialismus". Und der war zwar besser durchdacht, hat aber bekanntlich auch nicht funktioniert.

  2. Traut sich keiner, mal ein paar konkrete Dinge zu nennen? Ok ich fang einfach mal an.Fähigkeiten des Arbeitnehmers von morgen:zunehmende Komplexität in der Arbeitswelt erfordert- soziale und beziehungsfähige Wesen, die ein Problem verstehen und kommunizieren können.- Flexibilität. Damit es nicht nur ein Schlagwort bleibt, sag ich mal, jeder braucht zumindest einen "Plan B" im persönlichen Lebensentwurf. "Wenn ich diesen Job verliere, dann mach ich einfach ...".Globalisierung und verschiebung der globalen Kräfteverhältnisse erfordern- Sprachkenntnisse Chinesisch! (Ja, schauen Sie mal, wie Sie das Ihrem Kind beibringen), sowie wirklich gutes Englisch - noch mehr Bereitschaft sich auf fremde Kulturen einzustellendie Computerrevolution geht noch gut 30 Jahre weiter, und die Anforderungen steigen. Erfordert:- Lesen (speed reading) und Schreiben (10 Finger in Sprechgeschwindigkeit)- persönliche Organisation, um mit der Informationsflut klarzukommen (Emailverkehr, Bücher und Zeitschriften im jeweiligen Fachgebiet usw.)- vernünftige Handhabung der Werkzeuge: Millionen verwenden z.B. Excel, aber kaum einer kennt mehr als 3 Tastenkürzel. Was ist eine Datenbank, ok, Internetsuche kriegen die meisten hin, aber gibt es vielleicht eine bessere Möglichkeit als Word, um einen längeren Text zu schreiben? etc.

  3. 4. hah,

    all das haben sie uns bei der berufsberatung im arbeitsamt auch schon erzählt. das liegt schon etwas zurück, ich glaube die mein erster und letzter termin beim BIZ war 1998.naja, aber immerhin haben wir's jetzt schwarz auf weiß, die datensätze sind schließlich ausgewertet. nachrichtenwert?

  4. abgesehen davon ist die methodik, also ich sag mal, der ganze aufbau der forschung nicht darauf angelegt, den bedarf von morgen aufzuzeigen. die ausgewerteten fortbildungsangebote beziehen sich schließlich auf den bedarf, der heute gesehen wird. ich frage mich ferner, warum man, setzt man diese erkenntnis voraus, für die darauf aufbauenden befragungen 20 000 (!) menschen befragen musste? hat da jemand zuviel zeit? zuviel geld? personalüberhang?dann lieber hellsehen! oder tausend affen an tausend schreibmaschinen tippen lassen, vielleicht kommt am ende ein brauchbares gutachten heraus.

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  • Schlagworte Arbeit | Arbeitsmarkt | Fachkräftemangel | Forstwirtschaft | Weiterbildung
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