Historikerdebatte Gerechter Krieg?
Wieder provoziert ein Schriftsteller eine Historikerdebatte: Nicholson Baker
Aristoteles war kein ganz dummer Mann, und dass er das, was er gesagt hat, vor so langer Zeit gesagt hat, macht die Sache nicht einfacher. Der Historiker, so Aristoteles, erzählt davon, »was passiert ist«; und der Poet erzählt davon, »was passieren kann«. Das ist, kurz gefasst, der Unterschied zwischen Geschichtsschreibung und Literatur. Oder wie es ein Hollywood-Produzent knapp 2400 Jahre später sagte: »Pass bloß verdammt auf, dass dir die Fakten nicht die Wahrheit verwässern.«
Es gibt, könnte man sagen, eine höhere Wahrheit der Literatur, die nicht allein auf dem Fundament der Fakten beruht – und wie mächtig und wirkungsvoll diese poetische Wahrheit gerade in einer Zeit ist, die von der großen Fabulier- und Faktenfressmaschine Internet beherrscht wird, zeigt nicht allein das Beispiel Jonathan Littell, dessen Roman Die Wohlgesinnten die Diskussion um NS-Täter stärker polarisierte als viele historische Wälzer.
In Amerika ist jetzt ein Streit darüber ausgebrochen, ob der Krieg gegen Nazideutschland gerecht war – und wieder ist es ein Schriftsteller, der den Streit provoziert. Dass Nicholson Bakers kaleidoskopischer Roman Human Smoke auf Platz 19 ausgerechnet der Sachbuchliste der New York Times steht, zeigt nicht nur, wie sehr die Frage nach dem gerechten Krieg dieses kriegsgebeutelte Land beherrscht; es zeigt auch, wie künstlich manchmal diese Trennung von Fakten und Fiktionen ist.
Baker, könnte man sagen, hat ein pazifistisches Pamphlet geschrieben, allerdings ohne pamphletischen Ton. Er reiht vielmehr, scheinbar neutral und ohne Wertung, Faktum an Faktum, von Alfred Nobel, der 1892 vorhersagte, dass Dynamit den Krieg aus der Welt schaffen werde, bis zum Kriegseintritt der USA Ende 1941. Dazwischen werden vor allem Roosevelt und Churchill als besonders bombenfreudig gezeigt, wird die Frage gestellt, ob sich England nicht wie Frankreich dem deutschen Schicksal hätte ergeben sollen, wird generell gezeigt, wie unmenschlich es ist, die Zivilbevölkerung zu bombardieren, in Deutschland 1940 oder im Irak schon 1920. Human Smoke ist bei alldem in seiner Komposition und auch in seinem moralischen Ansatz das Werk eines Schriftstellers, es wurde als solches auch heftig angegriffen. Nur Bakers Kollege Colm Toibin hat das Buch gelobt, als »eloquent und überzeugend«.
Bakers Erfolg ist dabei auch dem Selbstbewusstsein des Schriftstellers geschuldet, der weiß, dass es im Reich der Fiktionen, in dem wir leben, ein großes Bedürfnis nach Wahrheit gibt – und dass »Wahrheit« wiederum schwer zu fassen ist, dass ein Werk der Fiktion wiederum wirkungsvoller sein kann als ein historisches Buch. Er geht damit auch einen Schritt zurück in die Zeit vor dem 19. Jahrhundert, als das Selbstverständnis gerade der angelsächsischen Autoren durchaus war, die eigentliche, die wahrere Geschichte zu schreiben als die Historiker. Die Postmoderne hat diese Sehnsucht dann auf die Spitze getrieben. Alles ist Roman.
Nicholson Baker jedenfalls hat wohl das Gefühl, dass ihm die Sache etwas entglitten ist. Churchill, schrieb er in einem Leserbrief, sei nicht so schlimm gewesen wie Hitler, da sei er wohl missverstanden worden. Aristoteles wiederum wollte letztlich nicht entscheiden, was nun Wahrheit ist. Klar war nur, wo seine Sympathien lagen. »Poesie«, sagt er, »ist ein philosophischer Akt und sollte ernster genommen werden als die Geschichtsschreibung.« Georg Diez
- Datum 08.04.2008 - 03:25 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03.04.2008 Nr. 15
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"Poetry" wird er gesagt haben, der Herr Baker. Und das ist denn doch "Dichtung" und nicht "Poesie" - die ist im gleichnamigen Album sehr viel besser aufgehoben.
Aber "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell ist doch letztlich auch nur ein historischer Wälzer. Die "künstliche" Trennung von Fakten und Fiktion ist nicht der Job des Schriftstellers; im besten Fall verwischt er diese Grenzen, ohne Spuren zu hinterlassen. Was ich mich frage: Wird Human Smoke in Deutschland erscheinen? Und: Wird das Buch hierzulande unter Belletristik stehen oder bei Sachbüchern? Vor zehn Jahren wären solche Themen doch noch völlig undenkbar gewesen, genau wie Littell auf Deutsch oder "Die Nachhut" - noch schlimmer - weil da sogar ein Muttersprachler die olle Nazigeschichte in der Gegenwart satirisch fiktionalisiert .
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