Harold James lehrt Wirtschaftsgeschichte in Princeton. Für die ZEIT schreibt er über sein Spezialgebiet, die Krisenjahre um 1929

Der amerikanische Börsencrash im Oktober 1929 war der berühmteste Finanzkollaps der Geschichte. Deshalb wird er immer dann und immer dort heraufbeschworen, wo sich Nervosität an den Finanzmärkten zeigt. Und seit achtzig Jahren spricht man wirtschaftspolitische Empfehlungen aus, die auf Analysen oder Vermutungen über die Fehlentwicklungen im Jahr 1929 basieren.

Wie unsere heutige Finanzkrise, die am Markt für zweitklassige Hypotheken in den USA begann, war auch 1929 ganz und gar ein amerikanisches Phänomen. Freilich wurden ihm bald schwere Folgen für die Weltgeschichte zugeschrieben: Nach einer verbreiteten Ansicht führte der damalige Crash zur Großen Depression, die wiederum zur Radikalisierung der deutschen und japanischen Politik beitrug, und so letztendlich zum Zweiten Weltkrieg.

Und doch: Leicht erkennbare Ursachen hatte die Krise des Jahres 1929 nicht. Die Erklärungen, die es gibt, weisen nicht Wirtschaftsfakten, sondern der Psychologie eine entscheidende Rolle zu: Sie drehen sich zum Beispiel um den ungewöhnlichen Anstieg der Aktienkurse in den Monaten zuvor und die weit- verbreitete Ansicht, dass dieser Höhenflug irgendwann ein Ende finden müsse. Sie passen aber schlecht oder gar nicht zu einer vorherrschenden Sicht unter Ökonomen, nämlich zur Theorie der effizienten Märkte. Diese besagt, dass die Kurse an den Börsen akkurat abbilden, was öffentlich über die jeweiligen Wertpapiere bekannt ist.

Der amerikanische Börsencrash und die Große Depression stellen Wirtschaftshistoriker vor ein einzigartiges Problem. Andere große Industrieländer erlebten nämlich um diese Zeit herum vergleichbare Finanzkatastrophen – und in jedem dieser Fälle lassen sich die Gründe für die Panik recht klar aufzeigen. Nur nicht in Amerika.

Im April 1927 wurde Japan von einer Reihe von Bankenpaniken erschüttert. Das Scheitern dieser Banken resultierte aus einem politischen Streit über sogenannte Erdbebenwechsel: Anleihen aus der Region des großen Kanto-Erdbebens von 1923 genossen eine Sonderbehandlung. Private Banken konnten damals auch notleidende Wertpapiere bei der Zentralbank hinterlegen, als wäre diese ein Pfandhaus. Doch Anfang 1927 wurde erneut debattiert, inwiefern privaten Banken und Investoren mit Steuergeldern ausgeholfen werden solle. Das schürte Sorgen um diese Banken.

Deutschland wurde durch das Scheitern der Danat-Bank am 13. Juli 1931 in die Knie gezwungen. Die deutsche Bankenkrise ergab sich aus dem Zusammentreffen einer politischen Krise – wegen der Ankündigung eines österreichisch-deutschen Zollvereins – und den Schwierigkeiten eines großen Textilherstellers. Großbritannien wurde am 21. September 1931 aus dem Goldstandard gedrängt. Dort folgte die Panik auf eine politische Krise rund um Haushaltskürzungen und einen noch nie dagewesenen Streik in der Royal Navy.