Integration
Deutsch, na klar
Zu viel Differenzierung schadet der Integration. Ein Kommentar
Wer sich wie ich seit Jahren an der Debatte über Integration beteiligt, wird immer wieder mit der Forderung konfrontiert, man möge dies oder jenes doch bitte »differenziert betrachten«. Und was könnte man gegen diese Forderung haben? Wer wollte schon gerne als undifferenziert, als polarisierend bewertet werden? »Sie waren toll, Sie haben das so differenziert dargestellt.« Wenn nach einem Vortrag solches Lob kommt, macht sich meist Erleichterung breit. Doch merkwürdig: Ich selbst denke mittlerweile, dass ich etwas falsch gemacht habe, wenn ich diesen Satz höre. Konnte ich meine Position überhaupt vermitteln? Mein politischer Verstand sagt mir, wer zu viel differenziert, differenziert Probleme weg.
Nicht selten bekommen Menschen, die klare Worte finden für eine klare Position, den Vorwurf zu hören, sie polarisierten zu stark. Nicht selten ereilt der Vorwurf zudem Menschen, die sich ihr Leben lang für Menschenrechte und den Schutz von Minderheiten eingesetzt haben, Menschen, deren Biografien Beweis genug für ihre Integrität sind. Das ist die Differenzierungsfalle: Wer nicht differenziert genug ist, gehört zu den Bösen.
Die Differenzierungswächter hätten es gern, dass wir so lange differenzieren, bis wir feststellen, dass es keine Deutschen gibt, keine Türken, keinen Islam, keine Ehrenmorde und keine Zwangsehen. (Nur bei bedrängten Minderheiten wie den Kurden hört der Spaß auf, die traut sich kaum ein politisch korrekter Deutscher wegzudifferenzieren.)
Deutschland, gibt es dieses Land überhaupt? Deutschsein ist doch lediglich eine Konstruktion, glaubt der ausdifferenzierte, politisch korrekte Multikulturalist. Jeder Mensch auf deutschem Boden muss dieselben Rechte haben. Natürlich geht damit nicht einher, dass von allen Menschen, die in diesem Land leben, das Gleiche gefordert wird. Rechte und Pflichten sind grundverschiedene Dinge. Bei den Pflichten wird so lange differenziert, bis allen nach Deutschland zugezogenen Menschen das Recht zugesprochen wird, sich gegen jede Forderung des deutschen Staates zur Wehr setzen zu dürfen. Der »Zugewanderte« darf fordern, muss aber seinerseits nichts erfüllen, da er nach gründlicher Differenzierung als Opfer identifiziert wird.
Nach diesem Muster läuft auch die Debatte über die jüngsten Änderungen des Zuwanderungsgesetzes. Die Forderung, Sprachkenntnisse schon im Herkunftsland zu erwerben, sei reine Türkenfeindlichkeit, hieß es vonseiten der Migrantenverbände. Hunderte, wenn nicht gar Tausende anatolische Bäuerinnen, die Analphabetinnen sind, dürfen nicht zu ihrem Ehemann nach Deutschland, wenn sie vor der Einreise keine ausreichenden Sprachkenntnisse nachweisen. Wie kann man nur von diesen armen Frauen verlangen, dass sie 300 bis 400 deutsche Wörter lernen, sagen die Kritiker des Gesetzes. Diese Frauen sind doch eh schon Opfer des Kapitalismus, des Patriarchats, des Westens – und nun auch noch des deutschen Zuwanderungsgesetzes. Warum sollen diese verliebten Frauen nicht einfach nachziehen dürfen?
Eine anatolische Bäuerin, die Analphabetin ist, hat keine Möglichkeiten, sich auf dem Heiratsmarkt nach Gutdünken umzuschauen. Vieles spricht dafür, dass sie gegen ihren Willen ins reiche Deutschland verheiratet wird. Sie mag es zwar selbst durchaus als Befreiung empfinden, durch Heirat ihre Lebenssituation zu verändern. Doch damit sie in Deutschland ihrem Ehemann nicht schutzlos ausgeliefert ist, wäre es doch wohl von Vorteil, wenn sie ein paar Worte Deutsch spricht, oder?
Wenn ich so argumentiere, schnappt die Differenzierungsfalle zu: Wie könne ich diese Frage überhaupt stellen? Das unterstelle doch, alle diese türkischen Frauen würden zwangsverheiratet. Das sei eine unzulässige Verallgemeinerung, eine Sünde wider das Differenzierungsgebot.
Aber nicht nur für den Fall, dass die türkischen Ehefrauen an gewalttätige Männer geraten, sind Deutschkenntnisse in Deutschland von Vorteil. Warum soll diesen Frauen, die in der Türkei keine Chance hatten, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, in Deutschland dasselbe Schicksal widerfahren? Diejenigen, die Frauen als Opfer sehen, von denen man nichts verlangen darf, befördern letztlich, dass sie Opfer bleiben.
Es ist eine Ironie der Integrationsdebatte, dass diejenigen, die ihr Deutschsein verleugnen, uns Migranten immer wieder erklären, dass wir stolz darauf sein sollten, Migranten – Türken, Kurden, Muslime – zu sein. Sie kämpfen für den Erhalt unserer Identität und sind irritiert, wenn wir ihren Wunsch nicht erfüllen mögen. Wenn wir ihnen erklären, dass wir mehrere Identitäten haben, und zwar auch eine deutsche, sind sie ganz verzweifelt, weil sie gar nicht verstehen können, wie jemand freiwillig Deutscher sein kann.
Deutschland ist eines der liberalsten Länder der Erde. Doch das sehen viele Deutsche nicht, sie sehen eher, wie schlecht »der Deutsche« im Grunde ist. Wer würde es wagen, in ähnlicher Weise »den Türken« oder »den Araber« als grundsätzlich rassistisch darzustellen?
Die Identitätsschwäche schafft auf beiden Seiten unsichere junge Menschen, die für rechtsextreme Strömungen anfällig sind. Der Rechtsextremismus auf der deutschen Seite wird immerhin problematisiert, wenn auch nicht ausreichend. Die türkischen Jugendlichen aber, die Halbmond und Stern am Hals tragen und mit dem Gruß der faschistischen Grauen Wölfe in der Schule auftreten, werden still hingenommen. Genießen sie Minderheitenschutz?
Kürzlich wurde ich auf einer Veranstaltung dafür kritisiert, dass ich beim Thema Zwangsheirat undifferenziert wäre. Eine Frau, die sich selbst als Türkin vorstellte, behauptete kokett, dass auch sie zwangsverheiratet worden sei. Sie habe nämlich ihren afrikanischen Freund heiraten müssen, weil der in Deutschland sonst keine Aufenthaltserlaubnis bekommen hätte. Diese Frau ist ein wunderbares Beispiel für »gelungene Integration« in die Verlogenheit unserer Debatte. Sie differenziert das Thema Zwangsheirat sauber weg, wie eine politisch korrekte Deutsche. Im Namen derjenigen, die wirklich zwangsverheiratet wurden, mache ich so etwas nicht mehr mit. Wenn das dazu führen sollte, dass ich als undifferenziert bezeichnet werde, bin ich stolz darauf.
- Datum 26.10.2008 - 10:52 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03.04.2008 Nr. 15
- Kommentare 29
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Uneingeschraenkte.
Vor 5 Jahren habe ich "in einem der liberalsten Länder" ne Serbin geheiratet, nach Erlangung der "unbegrenzten Aufenthaltserlaubnis" ist das garnix mehr mit: "In guten wie in Schlechten Zeiten". Und ich hab nicht mal Geld dafür gekriegt.
In diesem Beitrag ist der Titel Programm: Deutsch Na Klar! Ich kann der Beiträgerin nur zustimmen. Die gescheiterte Integration bestimmter Minderheiten in Deutschland und in anderen europäischen Ländern hat sicherlich viele Ursachen. Interessant finde ich, daß Sie dieses Problem sehr überzeugend mit der Differenzierungswut liberaler Gesellschaften in Verbindung setzen. Das Problem sehe ich weniger in den "Differenzierungswächtern" selbst als vielmehr im brüchigen Selbstverständnis der Deutschen. Ich zitiere einige Auszüge aus meinem Kommentar vom 30.10.2007. Eine Portion kultureller
Eigenliebe in Deutschland wäre wünschenswert. Warum sollte ein Migrant diese Kultur wertschätzen, wenn die Deutschen es nicht
ausreichend tun? Warum sollte er Teil des Ganzen werden wollen?
Materielle Anreize reichen nicht aus. Viele Menschen in
Deutschland, sei es mit oder ohne Migrationshintergrund, scheint es an
kulturellem Bewußtsein zu mangeln, was sich exemplarisch am Ausverkauf der deutschen Sprache zeigt. Deshalb kann ich es nur begrüßen, wenn Sprachkenntnisse als entre-billet aufgewertet werden. Kulturelle
Selbstaufgabe und Sprachverfall sind miteinander verknüpft. Gerade beim
Thema Sprachverfall zeichnet sich eine Ambivalenz ab. Einerseits wird
in Deutschland über das historisch gewachsene Eszett in daß
debattiert, andererseits wird Deutsch einfach so als
Wissenschaftssprache aufgegeben. Einerseits werden die genannten Zwangssprachkurse für Ausländer gefordert, andererseits jongliert man
überall mit englischem Vokabular. Aber auch das sendet Signale, und
nicht unbedingt die richtigen, zum Beispiel an Migranten in Deutschland
oder an das Fach DaF. Warum soll man noch Deutsch lernen,
wenn die Deutschen es selber langsam verlernen? Meines Erachtens
besteht eine enge Wechselwirkung zwischen kulturellen Anreizen im
weiteren Sinne und der Assimilationsbereitschaft des Einzelnen. Sprachforderungen für Neuankömmlinge senden in diesem Zusammenhang ein Signal, zumal es hier ja nur um das Erlernen rudimentärer Strukturen des Deutschen geht. Dazu reicht es meines Wissens, die ersten Kapitel eines Textbuches, im Fall des Textbuches "Deutsch Na Klar!" die Kapitel eins bis fünf, durchzuarbeiten. Die StudentInnen an UMass sind danach durchaus in der Lage, sich in Deutschland zu verständigen. Diese Minimalforderung ist nicht nur ein Care-Paket, das gerade Frauen aus niedrigeren Bildungsschichten ein Stück weit von der männlichen Vormundschaft befreien kann, sondern auch ein Akt kultureller Selbstverteidigung. Gabrijela Mecky Zaragoza
[Gelöscht. Bitte halten Sie sich an Deutsch und Englisch als Verkehrssprache dieses Forums. Danke./ Die Redaktion; ew]
dann haetten wir keine Integration Debatte,Konferenzen usw., leider haben wir sie nicht .Ergo: wir haben zig Programme und Debatten die alle nichts bringen und auch in der Zukunft wird sich wenig aendern.
Aber sein Sie bitte nicht zu streng mit uns. Eigentlich ist es ja doch symphatisch, dass "wir" - oder "man" - sich Gedanken macht und Skrupel hat? Und "wir" sind ja doch einsichtsfähig? Ich glaube, sogar Frau Roth hält es mittlerweile für wünschenswert, dass türkische Schüler ein paar Deutschkenntnisse erwerben! Und ich glaube auch, dass sich eine Mehrheit für einen obligatorischen Einführungskurs findet, die den angesprochenen Damen unsere bundesrepublikanische Welt vorstellt. Enthaltend etwa auch einen Besuch in einem Frauenhaus, auf der Polizei, in einem Schwimmbad, beim Haus- und beim Frauenarzt. Und natürlich beim Ausländeramt. Die Vermittlung von Notruf-Nummern. So was. Das Aufheulen der Migranten-Organisationen zeigt uns ja doch, dass hier ein Nerv getroffen wurde - folglich sollten wir dranbleiben.
Integration? Ja, aber wohin? In einer
Gesellschaft, wo die “Leitkultur” lieber wegdifferenziert
werden will, kann nicht erwarten, dass Integration von Auslaendern
erfolgsversprechend sein wird. Es muss meines Erachtens zuerst an der
Leitkultur selber als Gegenstand der Integration gearbeitet werden.
Deutschkenntnisse allein schafft aber noch keine Integration. Wie oft erleben
wir das “Du, Aschloch!” aus dem Munde auslaendischer Deutschsprecher? Leider
sehr oft! Vogelfrei moegen sie sich dabai gefuehlt und gedacht haben. Dass die
neue Heimat ihr Wertsystem hat, welches auch von den Neuankoemmlingen
respektiert und gepflegt werden moechte, wird in der Integrationspolitik
offensichtlich wegdifferenziert! Ich glaube, Politik aller Fraktionen muss laut
und deutlich machen, in was fuer eine Gesellschaft die Neumitbuerger integriert
werden sollen! So was darf man nicht nur NPD und ein paar Extremen ueberlassen!
Das ist eine berechtigte Frage - da müssen wir Deutschen (Staatsbürger) etwas bringen.
Ausgangspunkt könnte eine zeitgemässe Interpretation der ehemals preussischen Leitkultur sein: "Maul halten - Steuern zahlen - Soldat spielen"
Unter "Maul halten" könnte man etwa verstehen, dass nicht nur die deutschen Gesetze, sondern auch die Regeln zu übernehmen sind. Also etwa "Schwimmen ist eine Kulturtechnik, und jede/r muss es können. Ein Neopren-Anzug ist auch ein Badeanzug".
Oder: "Die Teilnahme an Klassenfahrten ist obligatorisch. Eltern können zur Unterstützung der Lehrer gern mitfahren".
"Steuern zahlen" heisst dann "Arbeiten" - selbstständig oder angestellt. Dies setzt die Beherrschung der deutschen Sprache voraus. Hartz IV ist aber nicht. Wenigstens nicht hier.
"Soldat spielen" betrifft dann das Verhältnis zur (verbalen) Gewalt. (Ich warte ja mal darauf, dass die Organisierten von eine "Schande des Türkentums" reden, wenn sich Jung-Türken nicht zu benehmen wissen.)
Sonst noch was? Eigentlich nicht. Niemand muss Schweinefleisch essen, Bier trinken oder einen Dackel halten. Jeder kann frei nach Mekka pilgern und im Ramadan fasten. Jeder darf den Armen Geld abgeben. Niemand wird gezwungen, Pornographie zu konsumieren.
Und wem unsere Regeln nicht gefallen, darf jederzeit frei und ungehindert ausreisen; in die Türkei, nach Saudi-Arabien, in den Irak, wohin immer er wünscht. Wir könnten sogar darüber nachdenken, im Bedarfsfall eine kleine Hilfe zum Erwerb des One-way-Tickets zu geben.
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