»In diesem Land gibt es keinen Terrorismus, und zwar auf höheren Befehl. Ist das klar?« Das ist die Stimme der Macht. Mit diesem Bescheid des Militärkommandanten von Ayacucho kann sich Chacaltana nicht zufriedengeben. Am Morgen des 8. März 2000 hat man dem Stellvertretenden Staatsanwalt ein Mordopfer gezeigt, verstümmelt und so verkohlt, dass dem Gerichtsmediziner nichts Vergleichbares einfallen will. In der Andenprovinz Ayacucho hat zwanzig Jahre zuvor Sendero Luminoso sein erstes Attentat verübt, siebzigtausend Opfer hat der Bürgerkrieg gefordert. Jetzt will Chacaltana, der sanfte, beharrliche Bürokrat, nur eine Unterschrift unter den Bericht, um den Fall abschließen zu können. Doch niemand hört ihm zu. Den zuständigen Richter beschäftigen die Vor- und Nachteile asiatischer Automarken: Datsun oder Daewoo? Der Polizeichef ist abwesend, der Militärkommandant lauscht auf innere Stimmen – nur der Geheimdienstoffizier streift den Staatsanwalt mit einem nachdenklichen Blick.

»Mich faszinieren seit je zwei Charaktere: die Psychopathen und die Verlierer. Die Psychopathen ignorieren alle Normen des Zusammenlebens, um ihre Süchte zu befriedigen. Die Verlierer respektieren die Normen und verleugnen ihre grundlegenden emotionalen Bedürfnisse.« Für den 1971 geborenen peruanischen Autor Santiago Roncagliolo ist das der Grundkonflikt seines Thrillers »Roter April« (aus dem Spanischen von Angelica Ammar; Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008; 334 S., 19,80 €). Dem Verlierer Chacaltana geht nichts über die Vollkommenheit einer präzisen Aktennotiz. Und jetzt wird dieser Mann, dessen einziges Glück darin besteht, täglich seiner vor Jahren verstorbenen Mutter das Bett aufzudecken und die Kleider zurechtzulegen, konfrontiert mit einem Serienmörder, für dessen Verbrechen es keine Sprache im Regelwerk der Justiz zu geben scheint. Er zerstückelt seine Opfer, um zu Ostern daraus einen neuen Körper zusammenzusetzen. Das Motiv beherrschte als privater Wahn den US-amerikanischen Serienmörder Ed Gein und inspirierte Thomas Harris’ Das Schweigen der Lämmer . Roncagliolo variiert es hier ins Kollektive: Es sind die Toten des nur scheinbar vergangenen Bürgerkrieges, die ihre Repräsentation verlangen.

Solange die Ungerechtigkeit nicht verschwunden ist, schwelen die Feuer des heiligen Zorns wie an den Berghängen der Anden die Feuer der terrucos, der Terroristen. Chacaltana sieht sie nachts bei einer Exkursion in ein entlegenes Bergdorf. Er beginnt die Zeichen um sich herum wahrzunehmen. Er spürt die lebenswütige Rebellion in den verschlossenen Gesichtern der Indios, deren Sprache er nicht verstehen kann. Er stolpert Mord um Mord aus dem bizarren (sprachlich grandios parodierten) Wirrwarr seiner Aktennotizen in die reale Geschichte seines Landes – und nimmt sie als Gemetzel wahr. Es ist, so die bittere Pointe dieses mitreißenden Romans, seine ganz persönliche.