Philosophie Das Zitronenbaum-Café
Eine Begegnung mit dem palästinensischen Philosophieprofessor Sari Nusseibeh in Leipzig
Sari Nusseibeh reibt seine Sorgenperlen zwischen den Fingern. Ein kleines Band mit blauen Kugeln, das sicher kein Rosenkranz ist – auch wenn Sari Nusseibeh, palästinensischer Philosophieprofessor und Rektor der Al-Quds-Universität in Jerusalem, seine erste Schulbildung auf einer christlichen Schule erlebte und keinen wirklichen Zweifel daran hat, dass der Gott der Christen derselbe ist wie jener der Muslime.
Aber Religion ist nicht der entscheidende Punkt, sagt der Mann mit dem dichten weißen Haarschopf und den aufmerksamen braunen Augen. Wohl hatte Jerusalem, in dessen Herzen er selbst als Sohn einer muslimischen Familie mit mehr als tausend Jahre alten Wurzeln aufwuchs, auch für ihn seine Magie lange darin, »dass man sich hier dem Göttlichen besonders nah fühlt. Aber dann begreift man, dass das an jedem Ort der Welt geht, und diese Fixierung auf Jerusalem vor allem Unheil gebracht hat.« In Wirklichkeit sei es immer nur um Land und Macht gegangen. Was Gott freilich mit Jerusalem im Sinn hatte, habe er klar gesagt: »Abraham hätte auf dem Felsen in Jerusalem seinen eigenen Sohn geopfert. Gott hat seine Bereitschaft geprüft, sein liebstes wegzugeben – um dann zu sagen: Stopp! Auf diesem Felsen soll kein menschliches Blut vergossen werden. Genug ist genug.« Die Erinnerung an diesen göttlichen Hinweis aber ist unter denen, die seit Jahrhunderten in Jerusalem und im Namen irgendeines Gottes Blut vergießen, so wenig geläufig wie die Bereitschaft, Gott in jeder Religion zu erkennen. Und deshalb wird Nusseibeh seit 30 Jahren seine Sorgenperlen nicht wirklich los.
Wenn sich Nusseibehs auf 500 Seiten erzählte Geschichte teilweise wie ein Krimi liest, dann deshalb, weil man dies Kontinuum von Leiden und Lebensgefahr und ständig zu treffenden existenziellen Entscheidungen fast nicht glauben kann. Es doch zu glauben bedeutet, einer Trauer weniger ausweichen zu können als bisher, denn nirgends hatte man zuvor einen so erlebten und reflektierten Durchgang durch die leidvollen letzten sechs Jahrzehnte palästinensischer Geschichte gelesen. Anders als sein Vater Anwar, der jordanischer Minister war, hatte Sari, hoch ambivalent der Politik gegenüber, zwölf Jahre lang in Rugby, Oxford und Harvard Philosophie studiert und gelehrt. »So merkwürdig es klingen mag, erst 1980, im Alter von 31 Jahren, wurde mir klar, dass meine Kinderwelt in Trümmern lag und die Stadt, die ich von klein auf geliebt hatte, nicht mehr existierte.« Sozial privilegiert und von der Welt der Gewalt abgeschirmt, wie Nusseibeh selbstkritisch feststellt, holte ihn die Realität an der Universität Birseit im Westjordanland ein, wo er und seine aus England stammende Frau Lucy von 1979 an lehrten.
Seine Studenten verschwanden in israelischen Gefängnissen
Am Anfang stand die harmlose gewerkschaftliche Selbstorganisation wegen unmöglicher sozialer Bedingungen. Dann sah Nusseibeh, nach Israels Angriff im Südlibanon, immer mehr seiner Studenten in israelischen Gefängnissen verschwinden und bei der Rückkehr von Folter berichten. »Diese Dorfjungs, die vor ihrer Verhaftung von Kant oder Sartre nicht die geringste Ahnung hatten, zeigten ein tiefes Verständnis von Freiheit, wenn sie das Verhörzimmer wieder verließen. So paradox es klingen mag – sie verließen den israelischen Gulag in emotionaler, intellektueller und spiritueller Hinsicht freier, als sie ihn betreten hatten.« Eine Radikalisierung in der Hamas war für die meisten Jungen noch lange kein Thema in dieser Zeit, in der Nusseibeh begann, den unablässigen Siedlungsbau um Jerusalem, die fortschreitende wirtschaftliche Abhängigkeit seiner Landsleute, monatelange Schließungen der Universität als Indiz jener offen formulierten Herablassung zu lesen, mit der israelische Politiker die Palästinenser als »unterprivilegierte Arbeiterklasse« benutzen wollten. Während seine Familie in diesen Jahren neben ihrer universitären Arbeit noch das Lemon Tree Café in der Jerusalemer Altstadt eröffneten, als Ort der Offenheit für Araber, Israelis und Europäer, glaubte Nusseibeh zu erkennen, wie für Israel »Gewalt der Schlüssel« wurde. Er, der immer wieder von Arafat wie von den Israelis als Berater herangezogen wurde, arbeitete Pläne aus, provozierte mit für unmöglich gehaltenen Konzepten und blieb abseits von jeder Partei und jedem fixen ideologischen Standpunkt stets unkalkulierbar. Genau dies, die Frische der immer neu zu bestimmenden Wahrheit, macht seine Radikalität aus. In den neunziger Jahren bereitete er zwei Jahre lang von ehemaligen Toilettenräumen aus, die in Büros umgewandelt wurden, eine palästinensische Regierung und Zivilverwaltung vor, zu denen der korrupte und weiter seiner Guerillamentalität verhaftete Arafat nicht kam.
Als Nusseibeh sich 1995 daranmachte, die Al-Quds-Universität zu einer Institution für lebendiges, widerspruchsvolles Denken umzugestalten, waren 90 Prozent der Studenten bei der Hamas. Drei Jahre später nur noch die Hälfte. »Gewalt kommt nicht aus dem nichts. Menschen können durchdrehen, und ob das passiert, daran wirkt jeder von uns insofern mit, als er für andere eine verschlossene oder eine offene Tür ist.« Er sagt: »Am Ende des Tages ist man mit sich selbst allein. Hat man die Ängste besiegt, die den Schritt nach vorn behindern? Wird Olmert die Führungsrolle, die er übernommen hat, endlich ausfüllen? Das Abkommen, das er und Abbas über eine minimale Zwei-Staaten-Lösung mit Jerusalem als Hauptstadt von beiden unterschreiben müssten, liegt auf der Hand. Sie wissen, dass, sobald sie das täten, die Hamas in Gaza mit einem Schlag 30 Prozent verlieren würde. Aber: Wächst er zu diesem Mut heran? Seltsam, dass Israel seit Jahrzehnten eine Schlacht nach der anderen gewinnt – und zugleich an der einzigen Front, auf die es ankommt, verliert.«
Das Café am Zitronenbaum haben die Nusseibehs geschlossen. »Inzwischen fühle ich für Jerusalem nicht nur Liebe, sondern auch Abneigung.« Gäbe es also etwas, das ihn zum Weggehen veranlassen könnte? Nusseibeh, der seine Sorgenperlen gedreht und gewendet hat, muss jetzt keine Sekunde überlegen. »Natürlich. Frieden.«
- Datum 08.04.2008 - 13:52 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 03.04.2008 Nr. 15
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