Dass es so viele Künstler hierher zieht, so viele Galeristen und Sammler, dass manche Berlin gar die Hauptstadt der Gegenwartskunst nennen, das ist nicht zuletzt der Berlin Biennale zu verdanken. 1998 wurde sie gegründet und zeigte etliche Künstler, die kaum jemand kannte, die aber wenig später sehr bekannt wurden, Franz Ackermann zum Beispiel, Jonathan Meese, Thomas Demand und Olafur Eliasson. Die fünfte Biennale, die am Wochenende beginnt, spielt auch dort, wo die erste spielte, im Ausstellungshaus KunstWerke. Allerdings sind die Wände der größten Halle einfach weiß und leer. Der Künstler Ahmet Ögüt hat den Raum unter Kontrolle gebracht – so der Titel seiner Arbeit: Er hat ihn asphaltiert. Der Boden ist schwarz und stinkt nach Straßenbau, sofort denkt man an das Berlin dort draußen, an diese Stadt, in der noch immer kräftig asphaltiert, dann wieder aufgerissen und später noch einmal drüber asphaltiert wird.

Berlin, die Stadt, die Geschichte und die Architektur, die Moderne und die Gegen-Moderne – das sind Schlüsselthemen dieser Biennale. Von den Künstlern, die gezeigt werden, sind nur wenige auf dem Kunstmarkt erfolgreich. Auch laute Parolen oder große Programme, jede Art von Event will die Biennale vermeiden. Und so ist der eigentliche Star dieser Ausstellung, wieder einmal, die Stadt selbst: ihre historischen Spuren, ihre Brüche. Sie sind es, die diese Biennale einzigartig machen und damit auch die dort gezeigte Kunst herausheben. Nicht zuletzt wegen ihrer historischen Hallräume, ist Kunst aus Berlin so populär.

Einer dieser Hallräume ist ein Stück ehemaliger Mauerstreifen, eine Brache zwischen Mitte und Kreuzberg: Dort baut die Künstlerin Kateřina Šedá einige jener Grenzbefestigungen nach, die Nachbarn ihres tschechischen Heimatortes zwischen ihren Gärten errichtet haben. Und Ulrike Mohr hat hier jene Bäume angepflanzt, die in den vergangenen Jahren auf dem Dach des Palasts der Republik gewachsen waren. Ein weiterer Austragungsort der Biennale ist der Schinkelpavillon, ein 1969 errichteter Prachtbau, halb DDR-Moderne, halb Neoklassizismus. Hier dürfen junge Künstler die Kunstwerke ihrer Lieblingskünstler ausstellen. Und in einem Vorzeigebau der westlichen Moderne, der Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe, arbeiten sich etwa Susanne Winterling und Thea Djordjadze mit Bildern und Filmen an der Architektur und Geschichte dieses Hauses ab.

Es ist eine Biennale, die große Gesten hinterfragt, anstatt sie zu produzieren, mit Kunst, die manchmal nachdenklich witzig ist, dann wieder historisch-kritisch und sehr oft reichlich wirr und verspielt. Wirklich verstehen wird man diese Biennale mit dem Titel When things cast no shadow wohl erst, wenn sie nach zweieinhalb Monaten vorbei ist. Denn parallel zu den am Tage zu besichtigenden Werken gibt es ein wechselndes Nachtprogramm, ein performatives Sammelsurium unter dem Motto: »Meine Nächte sind schöner als deine Tage«. Dann wird die finnische Künstlerin Pilvi Takala mit einer transparenten Tüte voller Banknoten durch das Einkaufszentrum Alexa laufen, oder es werden unterirdische Bunker besucht. Und auch wenn die Kuratoren Adam Szymczyk und Elena Filipovic das gar nicht beabsichtigt haben – der Mythos Berlin, das lässt sich schon absehen, wird so richtig schön ins Schwingen geraten.