Kunst Verliebt in die Zweifler

Die deutschen Künstler sind weltweit populärer denn je. Warum? Weil sie so schön vergrübelt und geschichtsbesessen sind

Es fühlt sich noch recht ungewohnt an. Nach Auschwitz, nach all den Kriegen, nach einem barbarischen Jahrhundert sollen nun ausgerechnet wir es sein? Nicht die Franzosen, die Italiener, Amerikaner, nein, uns soll die Welt lieben wollen?

Gut, hier ist von deutscher Kunst die Rede, nicht von der deutschen Nation. Doch das allein ist bereits höchst erstaunlich. Wer im Ausland kannte schon Cranach, wer Grünewald? Auch mit C. D. Friedrich, Adolph Menzel, Emil Nolde durfte man nicht kommen, das alles galt als verschrobene Krautkunst. Nun aber sind die Deutschen, verstehe es, wer will, der Welt liebstes Schau- und Sammelobjekt.

Es ist eine bezifferbare Liebe, sie äußerst sich in Höchstpreisen, die nun selbst für bislang belächelte Brücke-Maler und Blaue Reiter gezahlt werden. Auf 16,5 Millionen Euro brachte es kürzlich ein Bild von Franz Marc auf einer Auktion in London, mehr als das Doppelte des Schätzpreises. Noch verwunderlicher: Auch die junge Kunst aus Deutschland ist hochbegehrt und kostet horrende Summen. Manche der Künstler fürchten sich geradezu vor den großen Auktionen, denn begreifen können sie es auch nicht, warum manche ihrer Werke nun teurer sein sollen als eine Doppelhaushälfte. Jeden, so scheint es, kann der Aufwind des Marktes davontragen, so wie er Matthias Weischer davontrug, als ein Bild von ihm, auf 33000 Euro geschätzt, plötzlich für das Zehnfache versteigert wurde.

Andere haben sich mit der Preisjagd abgefunden oder schimpfen nur noch matt wie Gerhard Richter, dessen Kunst auf den Auktionen der Jahre 2000 bis 2006 fast 118 Millionen Dollar erbrachte. Allein seine Kerze kostete 14,6 Millionen Dollar. Dieses »völlige Missverhältnis zwischen dem Wert und der Relevanz von Kunst und diesen wahnwitzigen Preisen« – Richter steht rätselnd davor.

Und auch der Rest der Welt wundert sich: darüber, dass es plötzlich heißt: »The Future is German« (Art Newspaper). Darüber, dass die jungen Maler aus Leipzig zu den »Kunststars des Jahrzehnts« erklärt werden (New York Times) oder gleich zum ersten »weltweiten Kunstphänomen des 21. Jahrhunderts« (Cleveland Art Museum). Und darüber, dass der Erfolg der deutschen Kunst einfach nicht abreißen will.

Mit den Rheinländern hatte es in den Siebzigern begonnen, mit Joseph Beuys, Sigmar Polke, Georg Baselitz, dann kamen die Fotografen, Andreas Gursky zum Beispiel oder Candida Höfer, gefolgt wiederum von der Neuen Leipziger Schule, allen voran Neo Rauch. Und selbst die, die keiner Gruppe, keiner Schule angehören und erst um die 30 sind, etwa Andrea Lehmann aus Düsseldorf oder Tjorg Douglas Beer aus Lübeck, wissen ihre Bilder bereits wohlverwahrt in amerikanischen und englischen Sammlungen.

Ein Bild ist nicht nur schön, man kann mit der Schönheit auch reich werden

Nun hängen dort keineswegs nur deutsche Künstler. Auch New York und London mischen kräftig mit, die Chinesen finden viele Käufer, und die Markterfolge eines Jeff Koons oder Damian Hirst sind unübertroffen. Doch stets sind die Deutschen auf den Kunstranglisten prominent vertreten. Von den fünf wichtigsten Künstlern der Gegenwart kommen laut Capital- Kunstkompass gleich drei aus deutschen Landen. Und von den Sammlern, vor allem von den amerikanischen, hört man immer wieder den einen Satz: »We love the Germans!«

Wer nun wissen will, wie das alles zu erklären ist, was den Erfolg ausmacht, der kann vom Genie schwärmen, von der »besonderen Kraft und Intelligenz der deutschen Kunst«. So sagt es Bernhard Wittenbrink vom Bundesverband Deutscher Galerien. Sonderlich erhellend ist diese Erklärung allerdings nicht; viel sinnvoller ist es, von Struktur zu sprechen. Ein dürres Wörtchen, doch dahinter verbirgt sich die Geschichte einer tiefen Zuneigung.

Struktur, das heißt: Die deutschen Künstler wurden nicht aus sich heraus zu dem, was sie heute sind. Es gab einen Staat, der sie trug, es gab Bürger voller Neugier. In Kassel fing das an, mit dem Fridericianum, dem weltersten Kunstmuseum, das nicht nur dem Adel, sondern allen offenstand. Heute gibt es in Deutschland über 1000 Kunstmuseen, die Ausstellungshallen mitgerechnet – mehr als irgendwo sonst.

Weiter ging es mit den Kunstvereinen, die vor 200 Jahren entstanden und die es heute überall gibt, von Abtsgmünd-Untergröningen bis Zwickau-Reinsdorf, über 300 sind es, mit mehr als 120000 Mitgliedern. Da zeigt sich, wie fruchtbar der Föderalismus, der oft Geschmähte, für die Kultur sein kann. Erst Deutschlands Klein-Klein (und nicht der französische Zentralismus) hat die Kunstvereine entstehen lassen. Und so blicken viele im Ausland neidvoll auf diese so deutsche Institution, zumal diese keineswegs nur Künstler der Region fördern. Auch jene, die es auf dem Markt schwer haben, weil sie als zu kompliziert gelten, finden dort oft ihren Raum – und können so mit dafür sorgen, dass die Szene lebendig bleibt.

Vergessen darf man natürlich auch die vielen Galerien nicht, von denen es hier mehr gibt als in England und Frankreich zusammen und die auf den internationalen Messen omnipräsent sind. Und erst die zahlreichen Preise und Stipendien, von denen jährlich so viele vergeben werden, wie das Jahr Wochentage hat. Oder die vielen kleinen und großen Sammler, im Rheinland, in Baden-Württemberg und neuerdings in Berlin (siehe Seite 47).

Ihnen allen, den Museen und Kunstvereinen, den Galeristen, Sammlern und staatlichen Förderern ist es zu verdanken, dass sich die »Kraft und Intelligenz« der Künstler entwickeln konnte – und das bereits seit den sechziger, siebziger Jahren. Damals war das Zeitgenössische in vielen Museen und Galerien schon derart präsent, dass man meinen konnte, es hätte die braunen Jahre nie gegeben, in denen die Deutschen nicht nur förderten, sondern auch eingriffen und alles vernichteten, was ihnen »entartet« erschien. Nach den Jahren der Dämonisierung hielten es Teile des Publikums für angebracht, sich nun offen mit den neuen Formen der Malerei und Bildhauerei zu beschäftigen. Nicht zufällig wurde 1955 in Kassel die Documenta gegründet, die bis heute als die wichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst gilt. Und auch dass in Köln die weltweit erste internationale Kunstmesse entstand, war kein Zufall. Das Land war in der Bringschuld.

Der Künstler ist der Einzige, der noch ein freies Leben führt – so scheint es

Doch das beschreibt nur die Struktur, die institutionelle wie die mentale. Sie erklärt, warum das Angebot an deutscher Kunst besonders reichhaltig ist. Was aber ist mit der Nachfrage? Weshalb sind gerade die deutschen Künstler international so populär? Verstehen lässt sich das nur, wenn man den Blick zunächst ein wenig hebt: wenn man fragt, warum denn die Gegenwartskunst insgesamt, und nicht nur die deutsche, in den letzten Jahren zu einer Art Leitmedium aufsteigen konnte.

Darauf gibt es, sagen manche, eine schlichte Antwort: weil die Kunst zu Geld geworden ist. Anders als mit einem Buch oder einer CD kann man mit Bildern spekulieren. Man kann sich an ihrer Schönheit freuen und nebenbei darauf hoffen, dass sich die Schönheit gehörig auszahlt. Tatsächlich gibt es Menschen, die mit Aktien oder Immobilien sehr reich geworden sind, denen aber ihr eigener Reichtum fremd ist. Sie haben ihr Geld ja nicht in den Händen, es existiert nur als digitale Kennziffer. Die Kunst jedoch erlaubt es ihnen, sich im wortwörtlichen Sinne ein Bild ihres Geldes zu machen – unsichtbare Werte werden sichtbar.

Dennoch verdankt sich die große Kunsteuphorie keineswegs nur den Großsammlern, den Uebercollectors, wie die Amerikaner sagen. Auch die jüngere Mittelschicht, die 30- bis 40-Jährigen, geht auf die Messen und in die Galerien und leistet sich das eine oder andere Original. Denn das vor allem verspricht heute die Kunst: das Originale, das Einzigartige.

Sie mag die Massen faszinieren, ein Massenprodukt ist sie nicht. Und so unterscheidet sie sich von den meisten Dingen, mit denen sich der Mensch der Gegenwart umgibt. Diese Dinge haben keinen Hersteller, jedenfalls keinen, der ein Gesicht hätte, wie Künstler ein Gesicht haben. Es sind anonyme Dinge, genormt und meist sehr vergänglich. Hingegen tragen die Werke des Künstlers seine persönliche Handschrift, und auch sein Geist, seine Ideen sind eingeflossen. Sie stehen nicht fürs Genormte, sondern für das Eigene. Und sie vergehen nicht, sondern sind, wenn’s gut geht, museal und somit ewig. Muss es einen wundern, dass dieses Wunderding Kunst so erfolgreich ist?

Die Gesellschaft erkennt sich wieder in ihr, in ihren Einzelstücken, denn jeder will ein Einzelstück sein, ganz unverwechselbar. Und möchte sich doch, paradoxerweise, am liebsten eingebunden wissen in eine große Gemeinschaft, möchte zugehörig sein. Auch diese Sehnsucht ist in jedem Kunstwerk aufgehoben, denn so einzig sie auch sein mögen, sie stehen nie für sich allein. Sie sind eingewoben in das System Kunst und leben aus einer Geschichte, die viele Tausend Jahre zurückreicht.

Das neue Begehren hat also keineswegs nur mit Geld, Glamour und rauschenden Partys zu tun. Vielmehr scheint in der Kunst etwas bewahrt zu sein, das man unentfremdetes Leben nennt. Dieses Leben ist nicht virtuell, nicht von äußeren Zwängen bestimmt; es ist das Leben des Künstlers.

Oft wird über das Leben von Künstlern berichtet, manchmal sogar mehr als über die Kunstwerke selbst. Die meisten Sammler legen größten Wert darauf, den Künstler kennenzulernen, von dem sie etwas kaufen, sie suchen seine Freundschaft. Für viele, so scheint es, ist der Künstler das Rollenmodell der Gegenwart: Er muss nicht diszipliniert sein, braucht keinen Regeln zu gehorchen, er schert sich nicht um die Normalwelt – und findet gerade deshalb deren Bewunderung. Er treibt nicht an der Oberfläche, sondern geht in die Tiefe. Er hört auf sein Inneres, er hat die Geschichte auf seiner Seite.

Und damit, mit dem Verlangen nach Tiefe, Innerlichkeit, Geschichte sind wir zurück bei den Deutschen. Bei denen, die oft als Tiefengründler und Geschichtsgrübler gelten. Immer schon haben diese Deutschen versucht, was heute viele Menschen versuchen: das Ureigene zu ergründen.

Bei Schinkel war die deutsche Kunst »ganz Bedeutung in ihrem Wesen«. Für Paul Clemen erfüllte sie »jede Gestalt mit dem höchsten inneren Leben«. Für Guido Kaschnitz war sie »barbarisch im edelsten Sinn«. Für Wilhelm Pinder »eine einzige Sonderleistung«. Immer und um jeden Preis sollte ihre, die deutsche Kunst sich abheben von der »Affektkunst romanischer Rassen« (Kurt Gerstenberg). Sie suchten nach der eigenen Ästhetik – und doch vor allem nach ihrer Identität. Was als Grenzbestimmung im 19. Jahrhundert begann, endete in der NS-Zeit als blutige Grenzschlacht.

Heute nun will die Nation am liebsten als ganz normal erscheinen, und das heißt: alles Sonderliche loswerden. Je mehr sie es aber loswerden will, desto höher wird dies Sonderliche als Besonderheit vom Ausland geschätzt, zumindest auf dem Feld der Kunst. Das lässt sich schon daran erkennen, wie Andreas Rumbler, der Chef von Christie’s Deutschland, für die deutsche Kunst wirbt. Sie sei »immer schon sehr ernsthaft gewesen. Sie war niemals oberflächlich. Es gab immer sehr kraftvolle Bilder, seien sie nun expressionistisch oder romantisch.« Von den zeitgenössischen Künstlern werden denn auch vor allem jene geliebt, die etwas Ernsthaftes hervorbringen wie Gerhard Richter, etwas Kraftvolles wie Jonathan Meese, etwas Archaisches wie Anselm Kiefer. Die expressiv sein können wie Georg Baselitz oder romantisch wie Wolfgang Tillmans.

Viele Künstler, die heute Erfolg haben, stammen aus der DDR

Das sind natürlich Klischees, schließlich gibt es auch den absurd-abstrusen Deutschen, von Busch über Schwitters bis zu John Bock. Und doch kursieren immer dieselben Zuschreibungen: Ungehobelt sei dieser Germane, dafür besonders vital, reichlich versponnen in seiner Leidenschaft fürs Metaphysische, doch von großer Aufrichtigkeit. Anders allerdings als im 19. Jahrhundert produzieren die Deutschen diese Klischees heute nicht primär selbst. Sie werden von außen an die Nation herangetragen. »Deutschland ist zur großen Projektionsfläche geworden«, sagt Gregor Jansen vom ZKM in Karlsruhe, das im Mai zu dem Thema eine Ausstellung eröffnet. Viele stören sich nicht länger daran, dass Deutschland seine Eigenheiten hat, seine Geschichte, eine Geschichte der Denker und Henker. Im Gegenteil: Man weiß es zu schätzen. Und so sind jene Künstler besonders populär, deren Werk erfüllt ist von dieser Geschichte.

Gerade die Erfolgreichen sind oft geprägt vom »Dritten Reich« und seinen Folgen: Richter, Polke, Baselitz, Penck, sie alle begannen in der DDR, überwanden die Systemgrenze, die auch zwei Kunstwelten schied, und nicht zuletzt aus diesem Weltenwechsel speist sich ihre Kunst. Bei Beuys, dem Stuka-Piloten im Zweiten Weltkrieg, ist es besonders offenkundig. Aber auch bei Kiefer oder Immendorff kreist vieles um deutsche Mythen, um Verluste und Verletzungen. Selbst ein Künstler wie Martin Kippenberger, der dem raunenden Geschichtsbeschwören entkommen wollte, malte ein Bild mit dem Titel: Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken.

Besonders bei den Leipziger Künstlern fühlt sich das Verlangen nach einer authentischen Kunst gut aufgehoben. Bei ihnen scheint eine gute alte Malkunst überwintert zu haben. Ihre Bilder sind angefüllt mit dem, was vom Sozialismus übrig blieb. Und so öffnet sich auch in ihnen der Hallraum der Geschichte. Neben Leipzig ist es vor allem Berlin, das heute von seiner Vergangenheit profitiert, von den Spuren, Brüchen, der unverwundenen Teilung. Nicht nur billige Mieten haben die Stadt zu einem Zentrum der Gegenwartskunst gemacht (siehe Seite 47). Mindestens ebenso wichtig ist das Gefühl, hier noch auf das Wahrhaftige stoßen zu können, auf eine Geschichte, die ganz gegenwärtig ist.

Warum diese Geschichtlichkeit international so gut ankommt? Wohl vor allem deshalb, weil sich ein Milliardär zwar alles kaufen kann, nur Geschichte nicht. Geschichte aber wünschen sich viele, als ein Gegengift gegen die Digitalisierung und Globalisierung, also gegen das Gefühl, in einer Welt zu leben, die immer uniformer, immer austauschbarer wird. Die Deutschen bieten dieses Gegengift: Sie heben sich ab vom Uniformen und Austauschbaren durch ihre spezifische Geschichte. Und wer ihre Kunst kauft, scheint auch etwas von ihrer Unverwechselbarkeit, ihrer Tiefe zu erwerben.

Ganz anders die Young British Artists, die in den Neunzigern sehr populär waren. Sie legten es an auf Wirkung, alles war kalkuliert auf schweren Schock, schnellen Erfolg. Verglichen damit, spricht aus der deutschen Kunst eine schwere Gewordenheit, selbst dort, wo sie eher kühl und monumental wirkt wie auf den Fotos von Gursky, Struth oder Ruff. Alle drei Fotografen haben ihre Kunst bei Bernd und Hilla Becher gelernt, die wiederum vieles dem Bauhaus verdanken, der international so einflussreichen Kunsthochschule. Auch sie steht für das Deutsche, fürs Vernunftdeutsche. Doch hat selbst der Universalismus, der vom Bauhaus ausging, wiederum einen schwärmerischen, metaphysischen Kern. Ganz im Sinne Wagners träumte man dort vom Gesamtkunstwerk und wollte, wie Oskar Schlemmer, die »verlorene Einheit wiederbringen«. Schlemmer trat gern in mittelalterlicher Kutte auf – vor nackten Bauhaus-Wänden.

Das Irrationale scheint also überall drinzustecken, großes Sehnen, schwere Drangsal, wohin man blickt. Die Identität der Deutschen ist eine »Identität im Zweifel«, meint der Kunsthistoriker Hans Belting. Und beklagt: Es sei »immer zu viel Geschichte im Spiel«, man könne sich nicht mehr freuen an der Kunst. Doch haben sich die Deutschen, das muss man ergänzen, nie gänzlich in ihre Geschichte verkrochen. Ansonsten würde ihre Kunst vom Ausland wohl auch nur als Kuriosum betrachtet, als exotische Schrulle, völlig aus der Welt. Das Deutsche ist aber in der Welt, denn es hat die Welt stets gesucht.

Viele internationale Größen wie Nam June Paik, Bruce Naumann oder Sol Lewitt verdanken ihre Karriere zu guten Teilen deutschen Sammlern und Galeristen wie Heiner Friedrich, Michael Werner oder Konrad Fischer, die vor 40 Jahren mit offenen Armen die Künstler aus der Ferne empfingen. Ganz in guter alter Bauhaus-Tradition hielt man viel von Austausch. Und wohl nur deshalb, weil sie sich nie verschloss, konnte die deutsche Kunst zu der internationalen Projektionsfläche werden, die sie heute ist.

»Identität im Zweifel«, das ist eben längst keine nationale Besonderheit mehr. Sie kommt vielen bekannt vor, den Getriebenen, Flexibilisierten, den Nomaden der globalisierten Moderne. So gesehen, ist die deutsche Identität zur Identität der Welt geworden. Und die Kunst zur großen Gewinnerin des Zweifels.

 
Leser-Kommentare
  1. Solange Kunst mit Geld verbunden ist, wird es solche Zustände, solche Ungerechtigkeiten, solche unverständlichen Bewertungen geben.
    Ich wertschätze Kunst als wichtigen Bestandteil jeder Kultur. Sie ist ein Ausdruck der persönlichen und menschlichen Freiheit, ein öffentlicher Blick auf Leben und Zeitgeist. Umso mehr bin ich traurig darüber, dass Kunst nicht jedem offen steht, der ein echtes künstlerisches Talent hat. Oft scheint es Zufall zu sein, wer gefördert wird, notabene finanziell gefördert.
    Echte Kunst als echtes Bild einer Kultur müsste frei sein von Fesseln wie Bewertungen durch Geld.
    In der von mir entwickelten Wertschätzungsgesellschaft wird mit Kunst und Künstlern sehr wertschätzend umgegangen, wie mit allen anderen auch. Kunst ist wichtig und sollte nicht auf- oder abgewertet werden mit welchen Wertemitteln auch immer.
    Wertschätzungsgesellschaft: www.sikantis.org
    Wertschätzung in unserer Gesellschaft: www.sikantis.net

  2. Die handgreiflichste These, die ich dem Artikel wohl entnommen habe und durchaus zustimmen kann, liegt in der Behauptung, dass die Deutsche Kunst als Projektionsfläche für mehr Tiefsinn und Substanz stehe. Und darin liegt wohl  auch das Problem, denn eine Projektionsfläche birgt noch lange nicht den Anspruch, dass mit dem alleinigen Wunsch danach, der Tiefsinn auch schon in Erfüllung gehe. Hier könnte mal behaupten, dass die Sehnsucht Vater des Gedanken sei, wie ich davon gänzlich überzeugt bin, dass auch Deutsche zeitgenössische Kunst sich in keinster Weise von dem anderen Nonsense unterscheidet, der heute für Millionen über den Ladentisch geht. Auch dieser Hype wird vorübergehen, sobald man unseren Nouveau Riche, die zwar vom Ölgeschäft etwas verstehen, aber ansonsten von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, und nur weil Mademoiselle mit ihrem modernen Künstler gerne auf der nächsten Vernisage angeben möchte, nur endlich verklickert, dass das Ding da über ihrer geschmacklosen Couch weder besonders intelligent noch irgendwie tiefsinnig sei!...

  3. Mich stört dass der Erfolg von Kunst anhand merkantiler Massstäbe bemessen wird. Wer erfolgreich verkauft vermarktet erfolgreich, sonst nichts. Ebenso stört mich der Bezug auf Baselitz, insbesondere im Hinblick auf das Argument des Tiefgangs. Bilder auf dem Kopf zu Malen weil die Erde auf dem Kopf steht finde ich an sich schon eine dünne Idee, könnte allenfalls für eine Serie von Leinwänden herhalten. Dieser inhaltlich eher dürftige Ansatzpunkt über Jahrzehnte zu wiederholen ist, für mich, künstlerisch arm.A.Natol

    • Anonym
    • 06.04.2008 um 11:26 Uhr

    Wer erfolgreich verkauft wird, hat einen fitten Galeristen - ohne geht nicht. Künstler haben kaum seriöse Möglichkeit, sich selbst zu vermarkten. Galeristen sind auch notwendig, um zwischen Kunst und dem oft pervertierten Kunstmarkt zu vermitteln - es ist für Künstler schwer auszuhalten, daß Arbeiten nicht deshalb gekauft werden, weil sie berühren, sondern weil Sammler sich maximale Wertsteigerungen versprechen. Die Aufgabe von Galeristen wäre auch, Unbekannte aufzubauen und auszustellen, bevor irgendein Hype riesige Gewinne verspricht. Das wird aber häufig nicht oder nur in Gutsherrenart wahrgenommen.Die meisten Künstler sind dem Prekariat zuzurechnen und zwar nicht dem Latte-saufenden, sondern dem schwer in Jobs wie Messe- und Ausstellungsbau arbeitenden, um die eigentliche Kunst finanzieren zu können.  Galeristen wie auch Sammler sind daran oft einfach nur Parasiten.

  4. Kunst und Geld sind traditionsreiche Verflechtungen und synergetische Verbindungen seit jeher eingegangen. Nicht jedem Künstler ist aber der marktöffnende Vorteil oder vielleicht das Glück gegönnt, einen Sammler oder Galeristen, einen Gönner zu finden, der ihn in seiner Entwicklung unterstützt. Aber darin unterscheidet sich die Kunstproduktion, die es bei allem Idealismus zur Kunst auch ist, nicht von anderen Branchen. www.nurart.org

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