Okay. Er ist der verwegene, politisch lodernde, wollüstigst schreibende, gelegentlich durchknallende und jedenfalls rabenschwarz komische Schriftsteller des indischen Subkontinents. Kiran Nagarkar. Okay? Eines seiner Lieblingsworte ist Okay. Das Okay kommt als Hammerschlag nach ausschweifenden Worttiraden, Okay ist Frage, die keine Antwort will, ist Herausforderung, Beharren, Schlusspunkt: Okay? Der Mann steht am Fenster, er sieht auf Bombay.

Diese Machtmenschen. Haben Bombay in Mumbai umbenannt!

Man hört mehr Bombay, als man sieht. Man hört Zweitaktergehuste, Dröhnen, Brummen, Motorengekreische, in dieser Luft ist mehr Hupen als Oktan. Man sieht ein Zipfelchen Meer. An das schieben sich die Hochhäuser heran, kniehoch durch die alten Villenviertel watend wie monströse Dinos. Was für eine wunderbare Stadt war Bombay einmal, sagt Kiran Nagarkar, eine der schönsten Städte der Welt, jawohl, wie Paris, nein, das ist nicht zu hoch gegriffen. Sie haben es ruiniert. Vollkommen zerstört. Es wird nichts übrig bleiben, alles weg. »Sie«? Menschen, die nur von ihren Aktien reden, ach, das tun ja alle heutzutage. Die Machtmenschen. Hinduistische Fanatiker, Nationalisten, die Bombays Umbenennung in Mumbai erzwangen, Politiker eben. They get away with murder! Er schließt das Fenster. Gleich wird er sagen: »Was für eine wundervolle Dupatta Sie haben, gleich als Sie hereinkamen, habe ich mich in die Seide dieses Schals verliebt…«

Er ist groß und schlank. Im Haar weiße Strähnen wie die Fäden in seinem Hemd aus grau schimmernder Baumwolle, das bis zu den Knien fällt. Bewegte Hände, schmal und mit langen Fingern. Er könnte ein Filmstar sein, würde Bollywood endlich den elder gentleman besetzen. Er weist auf ein Sofa, er fragt, ob es bequem sei, er möchte wissen, ob man lieber woanders sitzen würde. Wasser? Ein Tee? Sind Sie hungrig? Hatten Sie überhaupt schon ein Frühstück, haben Sie gegessen?

»Haben Sie gegessen!« Was für eine Frage in einem Land, in dem 300 Millionen Menschen zu wenig Kalorien kriegen. »Haben Sie gegessen« ist in Indien die Begrüßung an sich, so dringlich vorgebracht wie im sonnenlosen England die Frage nach dem Wetter. Man trifft jemanden, er sagt nicht »Hallo«, sondern »Hast du gegessen?«. Scheue Ladys spitzen Finger und Daumen der rechten Hand und führen sie in kleinen Bewegungen zum Mund, wobei sie die Augenbrauen hochziehen: »Schon gegessen?« Wie viele Menschen in Bombay werden wohl nicht satt vom Essen, 17 Millionen, in Slums gestrandet oder an den Rändern der Bürgersteige, deren Belag hochquillt, als würde ein böses Gewürm ihn hochstemmen. Kindgroße Frauen lagern dort mit ihren halb nackten Kindern, beinlose Männer schmiegen sich in die Mulden aus Dreck, jemand schaufelt sich Reisreste aus einer fleckigen Zeitung in den Mund. »Wir wohnen in einem niedrigen Haus«, hatte Nagarkar gesagt, »vergessen Sie nicht, es ist ein kleines Haus. Zweiter Stock.«

Es ist eine der alten Villen. Im ersten Stock tobt schon das neue Indien, Passion Yoga! kreischen riesige Banner vor dem Fitnessstudio. The hottest New Yoga! Sie fühlen die Leidenschaft! Vor dem Eingang mustern Bodyguards kauend die T-Shirts über den Brüsten der Kundinnen. Tatsächlich ist auch Nagarkar ein großer Betrachter weiblicher Formen, ein Connaisseur der Verführungsrhetorik, Spezialist für die Textur von Haut, ein Autor ausschweifend komischer Sexszenen. Vier Bücher hat Nagarkar geschrieben, welche die Kritik in Indien wahlweise entzückt, aufgebracht, verstört hat. »Nagarkar ist zu Hause im Bösen wie im Schlüpfrigen oder Erhabenen. Er sieht die lustigen Seiten in allem: Armut, Krankheit, Leiden, Tod und, natürlich, Geschlechtsverkehr«, schrieb The Times of India spitz.

Ravan & Eddie zum Beispiel, 1995. Gattung: Soap. Tatort: eines der Mietshäuser mit umlaufenden Veranden, berüchtigt als chawls von Bombay, wie sie Mitte des letzten Jahrhunderts so eilig hochgezogen wurden, dass viele nur No. 17 oder No. 16 heißen, Billigunterkünfte. Eine Zusammenballung von Mensch. Ein Raum pro Familie, ein Klo pro Stockwerk. Die Bühne für Eifersuchtsdramen, politische und religiöse Verführung oder pubertäre Konflikte, in die sich auch die Jungs Ravan und Eddie verwickeln. Zwei Lebensläufe, von Nagarkar eng geführt, dann lässt er sie hart aneinander vorbeischrammen. Ein Volkstheater der derben Sorte, neu erfunden.

Soap. Epos. Oder ein Roman der Zeitgeschichte. Er kann jede Gattung

Cuckold zum Beispiel, Hahnrei – ein 700 Seiten Epos, das im Indien des 16. Jahrhunderts spielt, der Held ein Prinz, gehörnter Ehemann einer bis heute verehrten Heiligen namens Mirabei, die sich dem Gott Krishna zügellos hingibt. Der Gatte träumt von einer aufgeklärten Herrschaft. Ein Intellektueller, ein kultivierter Genießer. Das Werk, angesiedelt zwischen Kostümklamotte und Meditation über die Vergeblichkeit allen Begehrens, die Sprache oft von bewegender lyrischer Intensität. Das Buch erhielt im Jahr 2000 den Sahitya Akademi Award, den höchsten Literaturpreis Indiens, in Deutschland erschien es 2002 und ist heute in einer Paperback-Ausgabe zu haben, die mühelos alle Preise für den kitschigsten Umschlag (Polyester-Sari vor Palast) und irreführendsten Titel (Krishnas Schatten) abstauben könnte.

Gottes kleiner Krieger . Die Sensation auf der Frankfurter Buchmesse von 2006. Eine Studie des religiösen Fanatismus, Nagarkar begleitet seinen Helden Zia durch Stadien der Verblendung, von der Kränkung des narzisstischen Kindes über muslimische Terrorfantasien bis hin zu christlichem Fundamentalismus. Religion erscheint hier als psychische Störung, im Sinne einer Sucht. Die Sünderrolle haben die gebildeten Konsumisten, welch eine Botschaft für das aufstiegstrunkene incredible India . Und endlich liegt nun das komplette Werk von Nagarkar auch auf Deutsch vor, »aus dem Marathi, Hindi und Englischen von Ditte und Giovanni Bandini« steht auf dem Titelblatt von Sieben mal sechs ist dreiundvierzig, welch ein Triumph der übersetzerischen Kunst.

Es ist Nagarkars erstes Buch, aus dem Jahr 1974. Schon der Titel Sieben mal sechs ist dreiundvierzig ein Wagnis. Der Text: Fetzen eines Lebenslaufes. Haltlos treibt der Held zwischen seinen Erinnerungsblasen umher, unklar selbst über seine Sehnsüchte, jedenfalls unbelehrbar. »Oh stop being so perverse, so totally vernagelt!«, formulieren die Bandinis den Verzweiflungsschrei einer seiner Freundinnen.