Martenstein
Schluss mit der Pflegerei!
Acht verschiedene Kommunikationskanäle führen zu unserem Kolumnisten. Jetzt soll er sich auch noch eine Homepage einrichten lassen!
Ich kann das nicht machen, verstehst du? Es geht nicht. Ich habe drei Telefone. Eins zu Hause, eines im Büro und natürlich das Handy. Moment – da ist ja noch das alte Handy. Ich weiß gar nicht, ob das noch funktioniert. Jedes Telefon hat jedenfalls eine Anrufbeantworterfunktion, eine davon habe ich abgeschaltet, bei dem anderen Telefon weiß ich nicht genau, ob der Anrufbeantworter noch geht.
Dann habe ich drei E-Mail-Adressen, oder vier, jeden Tag fließen da gurgelnd E-Mails hinein. In meinem Büro habe ich 1500 E-Mails gespeichert, ich weiß nicht, warum. Das ist einfach so passiert. Das ist wie mit Schulden. Irgendwann denkt man, wenn man Schulden hat, Mann, ich habe so viele Schulden, es bringt eh nichts mehr, was dagegen zu tun. Ich verdränge meine Schulden und lebe einfach weiter. So ist es auch mit mir und den 1500 EMails. Da fällt mir meine Lieblings-Songzeile von Prince ein: Forever is a mighty long time.
Von meinem Computer zu Hause versuche ich immer, die E-Mail-Adresse im Büro abzufragen, manchmal funktioniert es, manchmal nicht, es scheint mit dem Wetter zusammenzuhängen. Ein Teil der Post geht noch in die alte Wohnung, ein Teil in die neue. Das sind acht Kommunikationskanäle, die zu mir führen, und dadurch ist es nicht einfacher geworden, sondern schwieriger.
Wenn jemand mir sagt, hey, ich habe dir doch das und das geschickt, oder, hallo, was ist jetzt, dann muss ich acht Adressen checken, um zu verstehen, was gemeint ist. Ja, sicher, das geht allen so. Ich bin noch in einer Welt aufgewachsen, wo es für jeden einen Briefkasten gab und ein Telefon, und das war’s. Ich bin wie eines von diesen Tieren, die sich dem Klimawandel anpassen müssen, wie der Eisbär oder der Schwarzstorch. Wenn ich lese, dass es immer mehr Parteien gibt, jetzt fünf, und dass dadurch Mehrheitsbildungen kompliziert werden, dann lache ich, ich wäre doch froh, fünf Kommunikationskanäle, das ist doch relativ unkompliziert. Ich habe ganz vergessen, dass ich neuerdings auch E-Mails auf dem Handy empfangen kann.
Jetzt heißt es, jeder muss eine Homepage haben. Alle haben Homepages, Autoren sowieso, aber auch Kinder. Kleine Mädchen zeigen auf Homepages die Fotos von ihrem Lieblingspferd oder wie die Katze Junge gekriegt hat. Sie sagen alle: "Eine Homepage muss man pflegen, die Homepage will gepflegt sein." Ich pflege schon meine Wohnung, mein Parkett, meine Pflanzen, meinen Körper, meine Beziehungen, die Katze, meine Erinnerungen, meine Vorurteile, ich pflege meine Zähne, ich nehme auch Zahnseide, aber eine Homepage pflege ich nicht auch noch, sorry, ich kann das nicht machen. Die Leute sagen, sie können ihre alten Eltern nicht pflegen – aber sie pflegen fast alle irgendwo eine Homepage, wie moralisch krank ist diese Gesellschaft eigentlich?
Dann ist mir diese verdammte Sache mit dem Bergwerk passiert. Ich hatte den Film über das Unglück gesehen, ich erinnere mich an den Film genau. Ich habe gedacht, ich kenne mich aus, ich war unkonzentriert, oder zu selbstgewiss, ich habe geschrieben: "Das Kohlebergwerk von Lengede". Es ist aber ein Eisenbergwerk. Jawohl, es tut mir leid. Jetzt habe ich überall E-Mails aus Lengede, Briefe aus Lengede, Anrufe aus Lengede. Auf acht Kanälen! Wenn ich den Anrufbeantworter anschalte, höre ich: "Hier Familie Schmitt aus Legende. Es ist ein Eisenbergwerk." Woher haben diese Menschen meine Nummer? Muss denn jeder, wirklich jeder in Lengede die Kolumne lesen? Ich habe das nicht gewollt, ich bin da hineingeschlittert. Es ist ein Eisenbergwerk. Weiß Gott, das ist es.
Zu hören unter
www.zeit.de/audio
- Datum 3.4.2008 - 09:41 Uhr
- Serie audio
- Quelle ZEITmagazin, 03.04.2008 Nr. 15
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Schon klar, die Alternative ist keine. Aber seine Alten pflegen, schließt - je länger je mehr - vom eigenen Leben aus und läßt den Geist verkümmern. Das ist bei der Pflege von Homepages nicht der Fall.
glucklicherweise hatte ich damals nur 2 telefone und kein handy - hab ich heute noch nicht, denn ich wohne nicht mehr in berlin - und nur eine recht bescheidene hompage - rein beruflich - dafuer aber 2 briefkaesten - einen vorne am tor und einen hinten am gartenzaun - der brieftraeger konnte sich immer nicht entscheiden was er wollte - komme also nur auf 5 - ach ne die mailboxen - ach du je - lass mal nachrechenen - komm ich jetzt nicht drauf - 2, 4, ? also von 5 kann man ausgehen - aber ist eigentlich wie eine einzige - das fliesst alles zusammen in einen topf - auch schreibt mir keiner 1500 emails. meine tuete. aber ich bin ja auch nicht so bekannt und meist vertu ich mich auch nicht mit dem kohlebergwerk. sag mal - hast du eigentlich auch skype mitgerechnet , denn den computer hast du ja immer auf dem kuechentisch stehen - ich mach das oft gar nicht mehr an, denn dann sehen die anderen, das ich am computer sitzte und denken sie koennen mal kurz ne videokonferenz ausprobieren und reden einen haufen krempel darueber wie toll das ist , dass wir uns jetzt sehen koennen - dabei hab ich, wenn ich am computer sitze gar keine zeit - bloing - geht das fenster auf man guckt ploetzlich waerend man ne rechnung schreibt in ne voellig fremde wohnung - ich muss umbedingt meinen skypname aendern - irgendwer hat den weitergesagt - ich meine , die leute die mir da so ins arbeitszimmer glotzen, kenne ich natuerlich, aber deren wohnung kenne oft noch nicht - die ziehen viel oefter um - ich wohn hier jetzt schon 15 jahre - aber die nehmen dann ihre webcam oder manchmal den ganzen computer in die hand und schleudern ihn durch die wohnung. so sieht es zumindest dann bei mir aus - ich meine , was soll ich dann sagen ? die wohnung ist schoen ? oder was ? ist ja nicht immer wie bei olaf, der dann wenigstens mal die bucht von capetown gezeigt hat. also ich hab mir dann angewoehnt meine webcam immer eher son bischen in die ecke vom zimmer zu richten , wo die ganzen plattenkisten und buecherhaufen, das fruhstueck von vorgesten und so stehen . vielleicht denken die dann sie sind im falschen buereau rausgekommen und legen gleich wieder auf. man weiss ja auch nicht wer drann sein koennte. wie gesagt , das kommt ja dann auf dich wohlmoeglich auch noch zu - die videokonferenz. also wenn ich deine anregung jetzt mal zuende rechne komme ich auf 6 und insofern ist jetzt auch klar, dass ich meine mutter gepflegt habe. ne? ok bei 8 ? aber 6 geht noch, und in dem einen briefkasten ist auch nur 2 - 3 mal im jahr was , aber man geht natuerlich doch ab un zu mal hin. mit meiner mutter haben wir hier noch ein paar ausfluege gemacht - jetzt ehrlich - hat ihr gefallen. sie war 6 monate bei uns - die letzten drei hat sie - es war fruehling - auf der terrasse verbracht im deckchair - tagsueber mein ich natuerlich - wir haben ihr unser schlafzimmer gegeben, weil da keine treppen zu steigen waren. alles in allem bin ich froh , dass ich kein handy hatte sonst haette ich das mit meiner mutter wohlmoeglich gar nicht so hingekriegt .... katzen haben wir auch noch, und der rasen - 5000m2 - kinder 2 - also hoer zu : ich kann dich voll verstehn.
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