Bolivien Matrosen ohne Meer
Jeden März trauert Bolivien um seine verlorene Küste. Seit 129 Jahren hofft das Land, an den Pazifik und zu seiner wahren Größezurückkehren zu können. Die Marine trainiert für diesen großen Moment - auf dem Titicacasee
San Pedro de Tiquina/La Paz
Manchmal ist Angel Churata Yamani seinem Traum so nahe, dass er glaubt, ihn endlich eingeholt zu haben. Genau so, glaubt er, muss es sein. Die Gischt, das Salz auf seiner Haut, das Schreien der Möwen, vor allem aber eine Weite, so groß und ungeheuerlich, dass der Mensch ganz klein wird, sich langsam in ihr auflöst.
Ein paar Sekunden lang umarmt ihn das Gefühl, und er vergisst den See, der sanft sein Schiff schaukelt, vergisst das Schilfgras, das das Ufer wie fahles Fell bedeckt, vergisst sich selbst, den Matrosen ohne Meer.
Ein Matrose ohne Meer, das ist wie ein Seiltänzer ohne Seil. Immer fehlt etwas. Angel Churata Yamani sagt: »Es bleibt ein Ziehen im Herzen, das sagt: das Meer, das Meer, das Meer.«
Seit drei Monaten dient Angel Churata Yamani in der bolivianischen Marine. San Pedro de Tiquina, Vierter Marinedistrikt, wichtigster Stützpunkt der bolivianischen Seestreitkräfte am Titicacasee, dem größten See Südamerikas. Schon seine Großväter, Neffen und Onkel, sein Vater und Bruder haben hier gedient, das Meer hat keiner von ihnen zu Gesicht bekommen. Tagsüber fährt Angel Churata Yamani auf einem Patrouillenboot über den See, nachts schaut er sich Bilder des Meeres im Internet an oder aber jene Karten, auf denen sich Bolivien noch an die Küste schmiegt.
»Das größte Verbrechen des 19. Jahrhunderts«, donnert Fernando Enriquez Gamarra, Kapitän der Seestreitkräfte von San Pedro de Tiquina, von der Bühne herunter. Drunten nicken einige mit den Köpfen.
Sie kennen die Geschichte, jeder Bolivianer kennt sie. 1879 überrannten chilenische Soldaten den bolivianischen Hafen von Antofagasta, erbost darüber, dass Bolivien eine Steuer von zehn Centavos für jeden Zentner Salpeter, der im Küstengebiet abgebaut wurde, erheben wollte und damit gegen eine Abmachung der beiden Länder verstieß. Fünf Jahre lang beschossen und belagerten sie sich, es war ein ungleicher Kampf. Ein paar versprengte bolivianische Soldaten gegen eine gut gerüstete chilenische Armee. Am Ende des Pazifikkrieges hatte Bolivien sein Meer verloren, 400 Kilometer Küste.
An jedem 23. März, dem Tag des Meeres, trauert Bolivien um das verlorene Meer.
Das ganze Dorf Tiquina hat sich herausgeputzt. Die Männer tragen Hut, die Frauen glänzende Festtagsröcke, die Dorfschönheit hat sich die Wimpern mit blauer Mascara glasiert. Die Fischverkäuferinnen und Kioskbesitzer, die Gladiolenzüchter und Rentner warten auf ihren großen Moment. Gleich werden sie an der Statue des Helden vorüberschreiten, gemessen der Schritt, gesenkt das Haupt, feierlich wie die Matrosen, die, das Gewehr im Anschlag, breitschultrig die staubigen Gassen des Dorfes entlangmarschieren. Und die Kapelle spielt den Marsch dazu: »Lasst uns unsere Stimme erheben für unsere Küste, bald wird Bolivien es wieder erlangen, sein Meer, sein Meer.«
Dutzende Male haben sie den Meeresmarsch gespielt, am Tag des Meeres.
Im Fernsehen und im Radio, vor allem aber an der Plaza Avaroa in La Paz. Wie ein Bandwurm zog sich die Parade durch die Straßen. Kadetten warfen ihr Bein im preußischen Stechschritt in die Luft, Mädchen flogen gleich Funkenmariechen über den Asphalt, vorbei am Präsidenten, der salbungsvoll lächelte, vorbei an der Urne des großen Helden Eduardo Avaroa, die sie wie jedes Jahr auf dem Platz aufgestellt hatten. Groß waren die Taten des Helden, nicht weil er siegte, sondern weil er ruhmreich unterging. » Es gibt Niederlagen, so glorreich wie der Sieg selbst«, schreibt der bolivianische Historiker Eduardo Subieta. Avaroa war ein Freischärler, der ausgezogen war, die Brücke von Topáter zu verteidigen, eine unbedeutende Brücke im Hinterland.
Mit einer Handvoll Männern stand er gegen eine hundertfache chilenische Übermacht, bis er, an der Gurgel getroffen, niedersank, nicht ohne den Angreifern jenen Satz entgegenzuschleudern, der ihn ins Pantheon der höchsten Helden befördern sollte: »Mich ergeben? Soll sich doch deine Großmutter ergeben. Verdammt!« Ein unziemlicher Ausdruck, darauf weist Subieta sein Publikum vorsichtshalber hin, so »erhaben er aus dem Mund eines sterbenden Helden auch wirken möge«.
Jedes Schulkind hat die Worte auswendig gelernt. Auch der kleine Fernando Enriquez Gamarra, und als sie damals im ganzen Land um Spenden baten, damit sich Bolivien sein erstes großes Schiff kaufen könne, da entschloss er sich, eines Tages zur Marine zu gehen.
Inzwischen ist er Kapitän der Seestreitkräfte von San Pedro de Tiquina, Kommandant über 100 Matrosen, eine Handvoll Kampftaucher, ein Lazarettschiff, zwei Katamarane und mehr als ein Dutzend Patrouillenboote. Der Kapitän sitzt im Offizierskasino, hinter ihm rollen Wellen heran, darauf stolz ein Segelschiff reitend, Sonne zerplatzt in Rot und Gelb und Rosa auf einem riesigen Wandgemälde. 700 bolivianische Matrosen, erzählt der Kapitän, warten auf den großen Moment. Wieder in See, in die eigene See stechen zu können. » Wir sind vorbereitet«, sagt er. » Und wenn es morgen so weit sein sollte.«
Zyniker wollen auf den Klimawandel warten: Das gehe am schnellsten
Doch wie soll Bolivien sein Meer zurückbekommen? Zyniker schlagen vor, auf den Klimawandel zu warten, das gehe am schnellsten. Viele Spötter gibt es nicht, das Meer ist eine ernste Angelegenheit. Lange haben Bolivien und Chile leidenschaftlich ihre Feindschaft gepflegt, inzwischen verhandeln sie, doch der bolivianische Zugang zum Meer bleibt in weiter Ferne. Zwar darf das Land einige Häfen Perus und Chiles zollfrei nutzen, auch wird eine Straße zwischen Brasilien und Chile via Bolivien gebaut, doch will sich damit keiner in Bolivien zufriedengeben.
»Das Meer ist die Lunge eines Landes«, sagt Kapitän Enriquez Gamarra.
Und wie bitte soll ein Land, eingezwängt in der Mitte Südamerikas, atmen können? Pünktlich zum Meerestag rechnet die Zeitung El Diario vor, dass Bolivien dadurch, dass es vor 129 Jahren Binnenstaat geworden sei, 52 Milliarden US-Dollar verloren habe. Was hätten wir nicht werden können, wenn noch das Meer an unsere Küsten spülte!, klagt das Land. Wie reich, wie groß und stark hätten wir sein können!
Das Meer, es möge ein Land heilen. Die Armut lindern genauso wie die Ungerechtigkeit. Einheit schaffen, wo keine Einheit ist. Und das Gefühl hinwegspülen, allzu selten in der Geschichte über das eigene Schicksal bestimmt zu haben.
Reich war Bolivien. Hatte mit Potosø die ergiebigste Silbermine des ganzen spanischen Kolonialreiches, die Reichen ließen selbst die Hufeisen ihrer Pferde mit Silber beschlagen. Gewaltig groß war Bolivien, reichte vom Amazonas bis zum Pazifik. Bis die Argentinier kamen, 1862, nur 37 Jahre nach der bolivianischen Staatsgründung, und Bolivien 130000 Quadratkilometer Land abluchsten. Es folgten Brasilien, Chile, erneut Argentinien, Peru, und ganz zum Schluss langte auch noch Paraguay zu. Am Ende war Bolivien nur noch halb so groß wie zuvor. Zerschnitten und verstümmelt, am schwersten aber wog der Verlust des Meeres. » Es ist unser nationales Trauma«, meint der Kapitän. » Es ist das Einzige, was unser Land außer Fußball überhaupt noch eint«, meint der Soziologe Fernando Pacajes.
Bolivien rannte, stürzte und sprang durch seine 183-jährige Geschichte. Erlebte 189 Staatsstreiche, wechselte die Präsidenten im Minutentakt, focht sich durch Arbeitskämpfe und Straßenschlachten. Das Land ist gespalten zwischen Ost und West, Arm und Reich, Indianer, Mestizen und Weißen, heute, da die reichen Regionen des Ostens nach Autonomie streben, vielleicht mehr denn je.
Bis der März kommt, der Meeresmonat, und die Behörden die Flagge des Meeres hissen. Fliegende Händler bieten den Pazifikkrieg auf DVD feil, Schulkinder singen die Hymne auf Avaroa ein, in den Wohnzimmern branden wogende Wellen gegen Fernsehbildschirme. Für ihn, sagt Angel Churata Yamani, sei der Tag des Meeres fast wie der Muttertag, »ein Gefühl, so schön und weit«. Und als er dort stand mit seinen Kameraden, vor der Statue Avaroas, und stramm salutierte, da wären ihm fast die Tränen gekommen. Er ließ sich nichts anmerken. Stand ganz still und schaute entschlossen, während sie den Marsch des Meeres spielten. Hinter ihm glitzerte der See.
- Datum 05.02.2009 - 16:54 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.15 vom 03.04.2008, S.11
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