CampusMaut Rolle rückwärts

In Hessen will die SPD die Studiengebühren kippen. Sozial ist das nicht.

Die hessische SPD hat am vergangenen Wochenende einen überraschenden Beschluss gefasst: Sie will ein Wahlversprechen halten.

In Punkt IV 1 des Leitantrages des Landesparteitages in Hanau bekräftigt sie, die Studiengebühren abzuschaffen; seit dem Herbst 2007 zahlen Studenten an hessischen Hochschulen 500 Euro pro Semester. Die SPD will nun Grüne und Linkspartei dafür gewinnen, eine Mehrheit im Landtag ist wahrscheinlich.

Eine Abschaffung der soeben erst eingeführten Studiengebühren wäre sowohl ein Dokument des Irrtums der Linken als auch ein Zeichen des Versagens der CDU-Hochschulpolitik. Und es wäre ein zweifelhaftes Signal für andere Bundesländer.

Studiengebühren abzulehnen, dieser Erkenntnis verweigert sich die deutsche Linke hartnäckig, hat mit sozialer Gerechtigkeit nichts zu tun. Das deutsche Hochschulsystem ist eines der selektivsten der Welt – der Filius eines Chefarztes nimmt mit viel größerer Wahrscheinlichkeit ein Studium auf als die Tochter einer Krankenschwester.

Nichtsdestoweniger finanziert die Krankenschwester mit ihren Steuern das Studium des Chefarztsohns. Gibt es keine Studiengebühren, bedeutet das, »den höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel bestreiten«. Wer das schrieb? Karl Marx!

Aber auch die Konservativen haben bei der Einführung der Studiengebühren Fehler gemacht. Die hessische CDU war handwerklich ungeschickt und strategisch verblendet. Mit ihrer »Ein feste Burg ist unser Koch«-Mentalität schaute sie auf die Proteste von Studenten herab, statt diese ernstzunehmen; viele Stipendien und ein vernünftiges Kreditsystem hätten Studenten (und vielen Eltern mit studierenden Kindern) die Furcht vor Gebühren nehmen können.

Wenn nun aufgrund des Irrtums der Linken und des Versagens der Konservativen die Campusmaut fallen sollte, dann muss neu über einen Kernpunkt der Hochschulreform verhandelt werden.

Bislang orientierten sich die meisten deutschen Universitätsreformer am erfolgreichen angloamerikanischen Modell, das ohne Studiengebühren nicht denkbar ist; die 500 Euro pro Semester galten vielen nur als Auftakt für ein viel teureres Bezahlstudium.

Vollführt Hessen in Sachen Studiengebühren nun die Rolle rückwärts, dann steht zu befürchten, dass andere Bundesländer nachziehen. Wie die deutschen Hochschulen aber besser und gerechter werden sollen, ohne dass sich die Studenten an den Kosten beteiligen – darauf hätte man denn doch gern eine Antwort.

 
Leser-Kommentare
  1. Als Österreicher ist es schon sehr amüsant einer solchen Diskussion zu folgen. Sind Studiengebühren gerechtfertigt. Ja sie sind es - wenn man Bildung als Humankapital betrachtet, Nein sie sind es sicherlich nicht wenn Bildung dem humboldtschen Bildungsideal folgt. Dieses Ideal wird zwar noch hoch gehalten, verkommt aber langsam, zur Marketingphrase diverser Bildungspolitiker.Diese Debatte hat nichts mit Links und Rechts zu tun, wenn Gebühren, dann in einer  entsprechenden Höhe, und zwar für diejenigen die das System am stärksten frequentieren, und das sind halt die Söhne und Töchter des Bildungsbürgertum.

    • WITCH
    • 03.04.2008 um 7:58 Uhr

    muessen nicht sein. Dann muss man aber einen anderen Weg finden, den Steuerzahler von "Langzeitstudierenden" zu entlasten.

  2. bedeutet das, »den höheren Klassen ihre
    Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel bestreiten«"Nun Herr Hartung, was hat sich seit der Einführung der 500 Euro Studiengebühren für die Krankenschwester verbessert? Wurde denn dadurch nicht sogar die Chance erhöht, dass die Krankenschwester ihrem Kind ein Studium nicht finanzieren kann und ihm deshalb eher eine Ausbildung nahelegt. Wurde denn nicht dadurch das eh schon selektive deutsche System nicht noch selektiver, weil 500 Euro für eine Krankenschwester ein bedeutender Betrag sind, während sie für den Arzt, Anwalt oder Studienrat nicht mehr als ein Klacks sind.Sie müssen schon etwas mehr bieten als ein kurzes Zitat von Marx, das mehr als allgemeinen Wortzauber nicht hergibt. Konkreter bitte, erklären Sie mir wie die Krankenschwester, der Bauarbeiter, der Industriemechaniker durch Studiengebühren entlastet werden.Wenn schon Studiengebühren, dann sollen sich diese nach dem Einkommen der Eltern richten: Wessen Eltern viel verdienen, der muss auch entsprechend zahlen, bei wem eher das Gegenteil der Fall ist, der sollte gänzlich davon befreit werden. Studiendarlehen und Kredite sind keine Lösung, denn gerade für eine finanzschwache Familie stellen sie ein sehr hohes Risiko dar, da im Falle eines Studienabbruchs die Familie auf einem Schuldenberg sitzt. Und wer kann sich am Anfang seines Studiums schon sicher sein, dass er dieses in ein paar Jahren erfolgreich abschließen wird.

  3. Wenn Deutschland ein Hochlohnland bleiben soll, kommen wir nicht darum herum in Bildung zu investieren.Jetzt kann man den Standpunkt vertreten, dass dafür jeder selbst verantwortlich ist; ob man (die Gemeinschaft) mit dieser Einstellung aber weiter kommt ist ein anderer Punkt.Meiner Meinung nach hat der Staat dafür zu sorgen, dass jedem Bürger soviel Bildung wie möglich mit soviel Aufwand wie nötig ermöglicht werden sollte.Aber was passiert? Es wird darüber nachgedacht, Eltern zu belohnen die ihre Kinder aus dem Kindergarten halten, Schulen verkommen zusehens und Studiengebühren werden eingeführt.Es werden "Bildungshürden" geschaffen.Die angeführten Studienkredite haben jedenfalls bei uns in NRW einen höheren Zinssatz als für mich ein Konsumkredit, das hat auch seinen Geschmack.P.S.: Die Krankenschwester bezahlt im Übrigen auch die steuerlich absetzbaren Immobilien des Arztes und den Jaguar des Spielhallenbesitzers.  

  4. So wenig ich ideologische Vereinfachung, wie sie in Hessen betrieben wird, schätze:  in diesem Punkt hat Yps recht - wenn auch nur zufällig. Wesentliche Überlegungen fehlen im Artikel. Zum Beispiel:  a) "Die Krankenschwester finanziert das Studium des Arztsohnes mit". Das tut sie sowieso: ein Medizinstudium kostet pro Studienplatz locker 300.000€. Da machen die paar Euro Studiengebühren den Kohl wahrlich nicht fett. Übrigens: 20% der Steuerzahler zahlen 90% der Einkommensteuer. Der Finanzierungsanteil der Krankenschwester ist also nicht allzu hoch, wenngleich die Umsatzsteuern das Bild etwas korrigieren.Die Erleichterung für die Tochter der Krankenschwester, evtl. selbst zu studieren, wiegt da ungleich höher. b)  Die wirklichen Profiteure sind Kinderarme. Denn Studiengebühren verlagern noch mehr Kosten in die Familien als bisher. Das senkt im Ergebnis die Steuern, will heißen den Finanzierungsbeitrag, Kinderarmer und Kinderloser, wovon vor allem gut verdienende=steuerzahlende Kinderarme profitieren.  Die Abhänigkeit der Studenden von ihren Eltern und die Notwendigkeit, nach dem Studium erst mal kräftig zu verdienen, wachst damit weiter -  und damit die Hemmschwelle, sich frühzeitig für eine Familie zu entscheiden.   Die angeblich "höheren Klassen", welche die Studiengebühren zahlen, tragen derweil ohnehin schon die mit Abstand höchsten Kinderkosten. Nicht nur der Unterhalt, sondern vor allem auch die Opportunitätskosten (Erwerbsentgelt der Mutter, das wegen des Betreuungsaufwandes nicht erzielt werden kann) schlagen gewaltig zu Buche. BAFÖG könnnen sie auch vergessen - die Unterhaltskosten für ihre studierenden Kinder, die weit höher sind als die bisherigen Studiengebühren, tragen sie selbst.

  5. In der Diskussion wird unverständlicherweise häufig vergessen, dass Investitionen in Bildung positive externe Effekte mit sich bringen. Mit anderen Worten: Nicht nur der erfolgreiche Hochschulabsolvent an sich profitiert von seinem Wissen (durch ein höheres Gehalt, einen interessanteren Job etc.), sondern auch die Gesellschaft insgesamt, da ihr aus seinem Können Nutzen erwächst (z. B. durch die Entwicklung eines besseren Produkts, durch die Weitergabe seines Wissens etc.). Diese positiven externen Effekte wird aber niemand in seiner Entscheidungsfindung berücksichtigen, wenn er oder sie vor der Frage steht, ein Studium aufzunehmen oder nicht. Durch die Studiengebühren wird die private Ausbildungsentscheidung zu Ungunsten eines Studiums beeinflusst - das ist nicht nur schlecht für das Individuum, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt.Die positiven externen Effekte sind für mich das wichtigste Argument gegen Studiengebühren und für mehr staatliche Investitionen in Schul- und Hochschulsystem.

    • Manu84
    • 03.04.2008 um 12:18 Uhr

    Dieser Artikel ist so dumm, wie er kurz ist: Studiengebühren sind als ungerecht abzulehnen, weil sie von Geringverdienern einen wesentlich größeren prozentualen Anteil des Einkommens abschöpfen als von Großverdienern. Und Familien mit mehreren Kindern sind selbstverständlich zusätzlich gestraft.Übrigens, die Studiengebühren in Hessen haben die Qualität der Lehre an Hessens Hochschulen noch nicht wesentlich verbessert: Hochschule ist immer noch hauptsächlich anstehen in langen Schlangen auf dunklen Uni-Fluren und hoffen, mit der Gnade des Dozenten doch noch in diesen oder jenen überfüllten Kurs aufgenommen zu werden ( 100 Studierende pro Seminar? Normalzustand in Gießen). Regelmäßig fliegen Studierende aus Kursen etc. Würde mich echt mal interessieren, wo das ganze Geld hingegangen ist...

  6. Das Studienbeitragsdarlehen in Nordrhein-Westfalen ist mit einem Nominalzins von 5,9 % (effektiv 5,42 %) das bundesweit mit Abstand günstigste Angebot. Die NRW.Bank, die das Darlehen gewährt, darf damit keinen Gewinn machen. Die Zinsen tragen ausschließlich die Kosten der Geldbeschaffung und die Verwaltungskosten.Ein Vergleich mit Konsumentenkrediten hinkt: Das Darlehen wird ohne Bonitätsprüfung gewährt, die Rückzahlung beginnt frühestens zwei Jahre nach Ende des Studiums, und für den Fall, dass kein hinreichendes Einkommen zur Verfügung steht, übernimmt der eingerichtete Ausfallfonds die Rückzahlung für den Darlehensnehmer. Wie auch für etwa zwei Drittel aller BAföG-Bezieher, die deshalb faktisch von der Zahlung der Studienbeiträge in NRW frei gestellt sind.Gründe, die für den Erfolg des Darlehens in NRW sprechen: Inzwischen machen 55.000 Studierende von diesem Angebot Gebrauch. Das sind 19 % der beitragspflichtigen und darlehensberechtigten Studierenden.

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