Alzheimer Vier Bücher, zwei Filme, eine Krankheit
Es schneit in meinem Kopf:
Zehn Autoren, alle deutscher Sprache, »machen sich Gedanken über den Verlust des Denkens und versuchen, dem Prozess des schleichenden Vergessens mit literarischen Mitteln beizukommen«, so heißt es im Vorwort Klara Obermüllers, einer Schweizer Kritikerin. »Einige schreiben aus persönlicher Erfahrung mit Eltern oder Freunden. Andere haben recherchiert, wieder andere Geschichten erfunden.« Nicht alle Texte dieses Sammelbandes erreichen die Intensität des Vorwortes, das die Bedrohung der Gesellschaft durch Demenz mit erschreckenden Zahlen illustriert. Bemerkenswert: Die Stiftung Sonnweid, die einem gerontopsychiatrischen Krankenhaus nahe Zürich assoziiert ist, hat das Buch mitfinanziert. Kommt jetzt eine Publizistik der Pflegeheime?
Klara Obermüller (Hrsg.): Es schneit in meinem Kopf
Erzählungen über Alzheimer und Demenz; 172 Seiten; Nagel & Kimche, Zürich 2006
Der Geschmack von Apfelkernen:
Die 1967 geborene und heute in Hamburg lebende Autorin Katharina Hagena berichtet in ihrem Debüt nicht eigentlich von, sondern vor Alzheimer. Demenz ist ihre Kulisse einer norddeutschen Familiengeschichte. Die Icherzählerin erbt das Haus der verwirrt dahingeschiedenen Großmutter und rekonstruiert nun in einer Mischung aus Rückblenden und Recherchen, wie das Schicksal den Mädchen und Frauen über die vergangenen Jahrzehnte so mitspielte – und es spielte ziemlich verrückt. Das Vergessen selber rückt vom Mittelpunkt an den Rand, wird zu einer gesellschaftlichen Bedingung unter anderen.
Katharina Hagena: Der Geschmack von Apfelkernen
Roman; 254 Seiten; Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008
An ihrer Seite:
Der Film erzählt die Geschichte von Mr. und Mrs. Anderson. In der 44-jährigen Ehe hatte das Leben für den Mann (stoisch: Gordon Pinsent), der an der Universität hübsche Studentinnen unterrichtete, so manche Versuchung parat. Nun, im Alter, erwartet ihn eine letzte Prüfung. Seine Frau (sexy: Julie Christie) wird dement; er bringt sie ins Heim. Sie vergisst ihn; er sie nicht. Bei seinen Besuchen in der Wohngruppe sieht er, wie sie an einen Mann gerät, der auch nicht mehr Herr seiner Sinne ist. Der Film ist ein kraftvolles Statement der Generation Alzheimer: Alles geht noch – bloß der Verstand setzt aus. Was fehlt, ist ein Viagra fürs Gehirn.
An ihrer Seite
Buch und Regie: Sarah Polley; Kanada 2006; erscheint in Deutschland auf DVD am 17. April
Iris:
Der Film folgt dem Buch
Elegie für Iris
über das Leben der englischen Schriftstellerin Iris Murdoch. Geschrieben hat es ihr Mann, der Kritiker John Bayley. Unter der alten Iris (strähnig: Judi Dench) schimmert die junge Iris (frivol: Kate Winslet). Ihr Mann (tapsig: Jim Broadbent) hat ihre erotischen Eskapaden sein Leben lang ertragen, nun verliert er die geliebte Frau an einen Widersacher namens Alzheimer. Demenz wird zum Motor von Melodramatik.
Iris
Regie: Richard Eyre; Großbritannien 2002, DVD
Zur RezensionElegie für Iris
(Archiv
DIE ZEIT
Nr. 20/2000) »
Ich habe Alzheimer:
Der Titel verspricht eine Perspektive, die das Buch nicht einlöst, denn statt eines Ich-Autors steht auf dem Umschlag: »Erzählt von Stella Braam«. Die 1962 geborene niederländische Journalistin begleitet ihren Vater auf seinem schweren Weg aus einem erfüllten Arbeitsleben ins Pflegeheim. Auf die Lehre – er war Psychologe an der Universität – folgt die Leere: Er verliert das Gefühl für Raum und Zeit und am Ende sich selbst. Trotz des Etikettenschwindels lohnt sich die Lektüre. Die plastische, dabei nie voyeuristische Schilderung des Krankheitsverlaufes (unter den Bedingungen eines benachbarten Gesundheitssystems) ist eindringlicher als das meiste Erfundene.
Stella Braam: Ich habe Alzheimer
Wie die Krankheit sich anfühlt; Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer und Stefan Häring; 192 Seiten; Beltz, Weinheim 2007
Yemma – Meine Mutter, mein Kind:
Der 1944 in Marokko geborene Tahar Ben Jelloun, der in Frankreich lebt und dort die Literatur des Maghreb etablierte, schildert den Verfall seiner alten Mutter zu Hause in Tanger. Ihrem Rutschen aus der Gegenwart stellt er ihre Erinnerungen an ein von Überlieferungen geprägtes Leben entgegen. Die Erzählung ist temporeich und farbig, einfühlsam und poetisch. Die Rückblenden klingen wie die Strophen eines Liedes, die Demenz ist der Refrain. Alzheimer in Arabien – für den europäischen Leser eine zunächst völlig unerwartete Konstellation, die Seite um Seite an Plausibilität und Eindringlichkeit gewinnt.
Tahar Ben Jelloun: Yemma – Meine Mutter, mein Kind
Aus dem Französischen von Christiane Kayser; 205 Seiten; Berlin Verlag 2007
Zur Rezension »
- Datum 11.04.2008 - 12:24 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 10.04.2008 Nr. 16
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