Atelierbesuch
Kabinett der Köpfe
"Mein Leben war ein großes Durcheinander", sagt der 80-jährige Maler Alex Katz. Das würde man nicht vermuten, wenn man sein riesiges New Yorker Loft betritt
Alex Katz macht sich nicht gerne dreckig. Seit Jahren trägt er Handschuhe, wenn er malt. Er mag auch keine Unordnung. Das 500-Quadratmeter-Loft in Soho sieht daher so aus, als komme er hier nur gelegentlich vorbei. Es gibt keine Bücherregale, keine Küchenutensilien, keine Merkzettel, keine CDs oder Fotos, keinen Krimskrams. Nur zwei Sofas, einen großen runden Esstisch, ein altes Drehscheibentelefon auf dem Boden und eine minimalistische Küchenecke ohne Kühlschrank. "Ich finde, Kühlschränke deprimieren", sagt Katz und hilft seinem Besuch aus dem Mantel. "Ich finde das Design von Kühlschränken sehr minderwertig." Sein Kühlschrank steht deshalb in einem Wandschrank, zusammen mit all dem anderen ästhetischen Unbill des Lebens wie der Waschmaschine und den Lebensmitteln.
Es riecht nach Farbe, aus dem Atelier, in das der Wohnraum türlos übergeht. Seit 1968 ist das so, seitdem Katz hier eingezogen ist. Ob sie nicht gesundheitsschädlich seien, diese Ausdünstungen? "Bestimmt", sagt Katz.
Im letzten Jahr ist Katz 80 Jahre alt geworden. Erwartet hatte man eigentlich einen Mann in maßgeschneidertem Anzug, so viel hatte man über sein ausgeprägtes Interesse an Mode und Stil gelesen. Doch Katz trägt Kapuzenjacke, Jeans und New-Balance-Turnschuhe. Außerdem ließ das kurze Telefongespräch, in dem der Termin für das Gespräch verabredet wurde, einen eher schlecht gelaunten Menschen vermuten. Aber Katz ist bestens aufgelegt. Mit seiner Glatze erinnert er ein bisschen an Pierluigi Collina, den Superschiedsrichter aus Italien.
An den Wänden des Wohnzimmers hängen zwei große Bilder von Hinterköpfen, zwei Sonnenuntergänge und ein Waldbild, im Atelier die Silhouette eines Frauengesichts sowie ein in der Mitte gespiegeltes Bild von vier Menschen. Die Idee habe er von dem Künstler Douglas Gordon übernommen, sagt Katz. Er habe eines von Gordons Videos gesehen, in dem dieser einen alten Spielfilm in der Mitte gespiegelt hatte. "Das war toll, wie lange man auf diese Weise einen sagenhaft schlechten Film aushält. Plötzlich fällt einem auf, wie schlecht die Schauspieler angezogen sind."
In sein Spiegelbild hat Katz vor einen orangefarbenen Hintergrund seine Frau Ada gemalt, seine Schwiegertochter, seine Assistentin und seine Galeristin. Cool, groß, stylisch, dekorativ, comichaft, wie alle seiner Bilder. Als Andy Warhol die ersten Drucke seiner Marilyn-Reihe sah, soll er gesagt haben: "Mensch, die sehen ja aus wie von Alex Katz."
Weitere vier Hinterköpfe lehnen an der Wand des Ateliers. "Das war eine Idee meines Kunstdealers", sagt Katz. "Er hatte die beiden Hinterköpfe von Ada und dem Galeristen Peter Blum im Wohnzimmer gesehen und dachte, nur Hinterköpfe, das wäre ’ne tolle Ausstellung. Ich hab aber sofort Nein gesagt. Zu Ideen eines art dealer muss man immer Nein sagen. Sonst verliert man sein Zentrum, das ist ganz schlecht für einen Künstler. Ich hab dann drüber geschlafen und gedacht, ist eigentlich doch nicht so eine schlechte Idee, und noch vier Bilder gemalt."
Alex Katz wurde 1927 in Queens geboren. "Mein Vater konnte sieben Stühle mit einem Arm hochheben. Meine Mutter war Schauspielerin, man wusste nie, wann sie die Wahrheit sagte und wann sie log." Alex Katz studierte Kunst, heiratete ein Mädchen, begann kleine Stillleben zu malen zu einer Zeit, in der Jackson Pollock mit seinen gefühlsgeladenen Spritzbildern gerade in Mode kam, lebte illegal in seinem Atelier, hatte ein anderes Mädchen, was dem ersten gar nicht gefiel.
"Mein Leben war ein großes Durcheinander", sagt Katz und grinst. Und keiner kaufte seine Werke. "Mein Stillleben sah neben den anderen Bildern aus wie ein Waschlappen." Er begann Menschen zu malen, große Köpfe, aber zu einer Zeit, in der ausdrucksvolle Abstraktion Mode war, die wilden Bilder des Willem de Kooning und Franz Kline, nahm kaum einer Katz’ realistische, kühle Bilder ernst. "Ich wollte de Kooning und Kline nicht im Stil folgen, aber ich wollte in ihren Ausmaßen malen. Ich wollte sie mit ihren eigenen Mitteln von den Wänden hauen", sagt Katz angriffslustig. 1973 ließ er dann in einer Gruppenausstellung mit Kline eine übergroße stilisierte Blume aufhängen. 1977 bemalte er ein knapp 80 Meter breites Billboard am Times Square mit 23 Frauenköpfen, 1986 widmete ihm das Whitney Museum eine Retrospektive, 1998 kaufte Charles Saatchi 24 Bilder für seine Sammlung, und das P.S.1-Museum in New York räumte zwei Stockwerke frei, um seine Bilder zu zeigen.
Eine Tür in der Wand geht auf, leise tritt eine schöne, leicht ergraute Frau mit einem Buch unter dem Arm heraus. Es ist die Frau aus dem Spiegelbild, Ada, Katz’ Ehefrau seit 50 Jahren und sein meist gemaltes Objekt. Sie schreitet durch den Raum wie ein Statist, der keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. Im letzten Jahr stellte das Jüdische Museum New York 40 Ada-Gemälde von Katz aus. Es waren Bilder einer eleganten, wohlhabenden und kühlen Welt, Bilder wie aus einem F.Scott-Fitzgerald-Roman.
"Ich mag mein Leben angenehm und einfach", sagt Katz. Jeden Sommer fährt er in sein Landhaus in Maine. Mit dem Malen muss er sich eigentlich auch nicht mehr quälen, die Miete, die ihm und den andern Hausbewohnern der French-Connection-Laden im Erdgeschoss einbringt, reicht gut zum Leben.
Auf dem Sofatisch liegt Berlin Storys von Christopher Isherwood. Wenn er es fertig gelesen hat, sagt er, wird er es verschenken. So wie er es mit all seinen Büchern tut. Damit keine Unordnung entsteht.
Alex Katz wurde 1927 in New York als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer geboren. Berühmt wurde er mit seinen überlebensgroßen Brustbildern und Porträts. Er ist einer der bedeutendsten Vertreter des modernen Realismus und der Pop-Art. Die Galerie Jablonka in Berlin zeigt bis zum 26. April eine Ausstellung mit seinen Werken.
- Datum 11.4.2008 - 12:13 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 10.04.2008 Nr. 16
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Habe vor wenigen Jahren eine großartige Alex Katz-Ausstellung in Bonn gesehen. Die Gemälde gefielen mir auf Anhieb. Woher diese Faszination kam, kann ich gar nicht so genau erklären. Die Pop-Art-Künstler - u.a. David Hockney, Richard Hamilton, Allan Jones, Peter Blake, James Rosenquist, Tom Wesselman - haben mich damals (60er Jahre) sofort in ihren Bann gezogen. Alex Katz gehörte zu dieser Zeit nicht zu "meinen Stars". Ich wusste wenig von ihm. Wusste ich überhaupt etwas?Heute halte ich Katz für so großartig, dass es ihm gar nicht schadet (vielleicht sogar nützt?), nicht ganz so berühmt wie z.B. Roy Lichtenstein oder eben Hockney zu sein.Ich glaube, er selbst zählt sich gar nicht zu den Pop-Art-Künstlern. Seine Bilder sind groß-artig, plakativ - und doch haben sie eine beinah imaginäre Ausstrahlung.Wenn ich viel Geld in Liechtenstein (oder im Portmonee) hätte, ein paar Bilder von Hockney, Katz und auch von Saul Steinberg (ganz anderes Genre) würden nicht mehr in einer Galerie, sondern in meiner Wohnung hängen.Sollte Alex Katz ein Buch über sein Leben schreiben, könnte der deutsche Titel "Alles für die Katz" bzw. "Alles für den Katz" lauten. Die Rechte (von mir) hätte er...
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