FORUM Auf einmal rufen alle nach Mama Staat
Wenn ich meine Vorlesung über die Rolle des Staates in der Wirtschaft halte, stelle ich zu Beginn stets die gleiche Frage: »Wer von Ihnen hat eine Mutter?«
Mit etwas Glück zeigt dann ein Viertel der Studenten auf. Der Rest gibt es nicht zu. Vermutlich, weil Mütter mit ihren massenhaften Verboten und Vorschriften der größte Dämpfer menschlichen Innovationsgeistes überhaupt sind. Wenn Kinder im Garten spielen und ausprobieren, ob ein Schneeball ein Fenster durchschlagen kann wer vereitelt ihre forschende Entdeckung? Mama. Wenn eine völlig erwachsene 15-Jährige nach einem Rockkonzert mit ihrem Freund im Hotel übernachten will, wer lähmt ihren Unternehmungsgeist? Mama natürlich.
Es gibt wohl nur einen Grund, warum solche Fortschrittsbremsen überhaupt die Evolution überstanden haben: Wenn Teenager in Probleme geraten, sind es üblicherweise die Mütter, die umgehend zu Hilfe gerufen werden.
Das Verhältnis zwischen Müttern und Teenagern ist so ähnlich wie das Verhältnis zwischen dem Staat und jenen verantwortungsvollen freien Unternehmern, die den Privatsektor lenken. Wenn sie nicht gerade Einfallsreiches und Innovatives tun, sitzen sie in ihren Büros, Clubs oder Golfwägelchen und schlagen die Hände über dem Kopf zusammen.
Diese unfähigen Politiker und Regierungsbeamten! Erlassen so viele kopflose und unternehmungsfeindliche Auflagen! Ähnlich wie Teenager zu ihrer Mutter rennen, rufen aber auch diese Unternehmer regelmäßig nach der Regierung, wenn etwas schiefläuft.
Betrachten wir zum Beispiel die ungezähmten und hartgesottenen Investmentbanker von der Wall Street Tom Wolfes Masters of the Universe. Zurzeit beantragen sie bei unserer Regierung sozialistische Hilfen, nachdem sie einen Scherbenhaufen in ihren Unternehmen, unserer Volkswirtschaft und im globalen Finanzsystem angerichtet haben. Man mag im technischen Jargon formulieren, dass ihnen eine »Unterbewertung von Risiken« unterlaufen sei. Man kann sogar kriecherische Verteidigungsreden aufsetzen wie kürzlich der New York Times-Kolumnist David Brooks, der das Durcheinander an der Wall Street zu einem Nebenprodukt von »Finanzinnovation« erklärte. In Wirklichkeit waren die Geschehnisse an der Wall Street nicht sonderlich innovativ, sondern vielmehr waghalsig und unklug (umgangssprachlich: dämlich).
Die großartige Neuerung der Banker war es nämlich, Investoren in aller Welt davon zu überzeugen, dass man zweifelhafte Subprime-Hypothekenkredite bloß verpacken und wieder verpacken müsse, dann werde sich das Risiko irgendwie wundersam in Luft auslösen. Diese Sichtweise haben sie geschickt vermarktet. Und auf diese Weise haben sie Scheichs in Dubai, Stadtverwaltungen in Norwegen und am Ende sich selber dazu gebracht, Millionen von Häuserkrediten in den USA zu finanzieren, deren Rückzahlung langfristig sehr unwahrscheinlich ist.
Grundlage dieses Spiels war ein System finanzieller Anreize, das wohl jeder Volkswirtschaftsstudent im ersten Semester unausgewogen gefunden hätte. Die Kreditnehmer wurden von Maklern herangeschafft, denen die Kreditwürdigkeit dieser Schuldner völlig egal war. Ihre Kommissionen wurden nämlich einfach nach der Zahl der Abschlüsse berechnet und von den örtlichen Hypothekenbanken gezahlt, die den Kredit dann vergaben.
Die örtlichen Hypothekenbanker scherten sich auch nicht um die Kreditwürdigkeit der Schuldner, weil sie die Rechte an den monatlichen Zins- und Tilgungszahlungen umgehend und mit Gewinn an die großen Wall-Street-Banken weiterverkauften. Letztere kauften die Forderungen in der Regel unbesehen, ohne die Kreditwürdigkeit der ursprünglichen Schuldner zu überprüfen. Sie verdienten ihre Profite nämlich damit, Zehntausende solcher Hypothekenkredite zu bündeln und sie in aller Welt als spezielle Wertpapiere (CDOs) zu verkaufen.
Am Ende schlugen die Banken sogar große Gewinne daraus, CDOs einfach in noch dickere Bündel von CDOs umzuverpacken und wiederum zu verkaufen. Sie glaubten offenbar selber daran, dass ihr Stallmist nach Rosen duftet, denn die großen Banken investierten Hunderte Milliarden von Dollar aus dem Besitz ihrer eigenen Aktionäre in diese Wunderbündel.
Irgendwann drang es sogar bis zur Wall Street durch, dass Millionen solcher zweifelhaften Hypothekenkredite wahrscheinlich platzen würden, falls die Regierung nicht zu Hilfe eilt. Sobald das klar war, stürzte der Wert von CDOs und trieb etliche schwer verschuldete Investoren an den Rand des Bankrotts, darunter auch einige der großen Banken.
Deshalb hören wir jetzt an der Wall Street den Urschrei »Mama! Mama!«.
Wobei die Rolle der Mama artig von meinem früheren Princeton-Kollegen Ben Bernanke gespielt wird, der die amerikanische Notenbank leitet.
Hoffen wir also, dass unsere Notenbank und unsere Regierung wie jedermanns Mutti einen Medizinschrank voller Pflaster haben, auch wenn wir als Steuerzahler am Ende selber für diese Wundbehandlung aufkommen müssen. Wenn die tiefen Schrammen in unserer Volkswirtschaft erst verheilt sind, können wir aber darauf wetten, dass freiheitsliebende Unternehmer ein Jahr später wieder in ihren Büros oder Golfwägelchen sitzen und über den Staat und seine hirnlose Aufsichtswut wettern.
Darin besteht der tiefe Unterschied zwischen Teenagern und den Erwachsenen, die unsere Wirtschaft lenken: Teenager werden eines Tages groß und lernen ihre Mütter schätzen.
Aus dem Englischen von Thomas Fischermann
Uwe E. Reinhardt lehrt Wirtschaftspolitik an der Universität Princeton, USA
- Datum 10.04.2008 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.16 vom 10.04.2008, S.37
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