Frühjahr 1985. Ein idealistischer junger Mann aus New York, der seiner Arbeit in einem Beratungsbüro für multinationale Unternehmen überdrüssig geworden ist, setzt sich in sein klappriges Auto und fährt gen Westen, um Gutes zu tun. Er heißt Barack Obama, ist 23 Jahre alt und hat gerade in den südlichen Slums von Chicago einen Job als Community-Organizer angenommen. Er hat keinen blassen Schimmer, was er dort tun wird. Nur so viel weiß er: Vornehmlich im Auftrag örtlicher Kirchen soll er arbeitslosen Stahlarbeitern auf die Beine helfen. Viele von ihnen sind Afroamerikaner, deshalb hat man ihn ausgesucht, den schwarzen Absolventen der Eliteuniversität Columbia – und das für einen Hungerlohn von 10000 Dollar im Jahr, zusammengekratzt aus Kirchengeld und Spenden.

Als die Häuserschluchten New Yorks im Rückspiegel verschwinden, ahnt Barack Obama nicht, dass er in Chicago die wohl wichtigsten Erfahrungen seines bisherigen Lebens sammeln wird. Und dass er 23 Jahre später, als Präsidentschaftskandidat der Demokraten, immer wieder darauf verweisen wird – zum Beleg seiner Führungsfähigkeit, seines Organisationstalents und seines geschulten Blicks für die wahren Herausforderungen des Lebens: »In Chicagos Elendsvierteln habe ich als Community-Organizer die beste Ausbildung erhalten.« In den tristen Vorstädten Altgeld Gardens und Roseland, eingezwängt zwischen Müllkippe und Kläranlage, habe er gelernt, den Menschen erst einmal zuzuhören, statt gleich mit einer ausgeklügelten Agenda auf sie einzustürzen. Dort habe er begriffen, dass man schlimme Zustände verändern könne, indem man die Menschen an einen Tisch bringe und die gemeinsamen Interessen definiere. Das »Wir«, sagt er, sei in der Politik wichtiger als das »Ich«, der mühsame Kompromiss bedeutender als die sture Formel »Sieg oder Niederlage«.

Diese besonderen Fähigkeiten machen Barack Obama im Wahlkampf 2008 stark. Aber sie machen ihn ebenso angreifbar. Der Präsident von Amerika sei kein Sozialarbeiter und kein Seelenmasseur, hält ihm seine Konkurrentin Hillary Clinton vor. Der Oberbefehlshaber einer Supermacht benötige andere Erfahrungen und könne nicht jedes Mal erst einen Debattierclub einberufen. Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain stimmt Clinton darin zu. Die Wähler sind derweil hin und her gerissen zwischen diesen unterschiedlichen Führungstypen.

Als Barack Obama im Frühjahr 1985 in Chicago eintrifft, ist er schockiert. Fassungslos starrt der Sohn einer weißen Amerikanerin und eines Kenianers auf das Elend in den schwarzen Ghettos. Das hat er, aufgewachsen auf Hawaii und in Indonesien, noch nicht gesehen. In den Straßen klaffen kratergroße Schlaglöcher; die Stahlfabriken sind verwaist. Die Arbeiterreihenhäuser verfallen, und an den Häuserwänden lehnen Jugendliche mit glasigen Augen, vollgepumpt mit Drogen. Überall blickt der hoffnungsvolle junge Mann in hoffnungslose Gesichter. Wehmütig erzählen ihm die älteren Leute von früher, als hier Kinder durch die Straßen tobten und die Hochöfen den Bewohnern bescheidenen Wohlstand bescherten.

Der Volksmund nannte die Stadt Chicago »Beirut am See«

Obama sei damals ziemlich naiv gewesen, erzählt Jerry Kellman, der den Afroamerikaner als Stadtteilarbeiter einstellte. »Was soll ich hier bloß tun?«, habe er immer wieder gefragt. »Geh von Tür zu Tür, sprich mit den Menschen, und finde heraus, wo sie der Schuh drückt«, erwiderte Kellman. »Dein Idealismus in Ehren, aber hier musst du Pragmatiker werden, sonst gehst du unter.« Noch heute lacht Kellman über die Blauäugigkeit Obamas. Denn fast nichts weiß der junge Mann damals über die Geschichte dieser von Rassenunruhen, Arbeitslosigkeit und Korruption geschüttelten Industriemetropole. Er hat nie davon gehört, dass Chicago im Volksmund »Beirut am See« heißt und die Mafia hier wichtige Geschäfte kontrolliert. Er hat auch nicht Upton Sinclairs aufrüttelnden Roman Der Dschungel gelesen, eine Anklageschrift gegen die Zustände in Chicagos Schlachthöfen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Und Obama weiß auch nicht, dass Chicago die Geburtsstätte sozialer Proteste und des Community-Organizing ist.

Schon frühzeitig organisierten hier Aktivisten Widerstand gegen Hungerlöhne, unmenschliche Arbeitsbedingungen und erbärmliche Behausungen. Sie riefen Graswurzelbewegungen ins Leben und machten der Politik und Stadtverwaltung Beine. Der Aufstand der Hinterhöfe revolutionierte das Denken. Dieser Erfolg ist vor allem Saul Alinsky zu verdanken, einem Sohn russisch-jüdischer Einwanderer, der 1909 in Chicago geboren wurde. In den dreißiger Jahren führt er die untereinander tief zerstrittenen osteuropäischen Einwanderergruppen zusammen und eint sie in ihrem Kampf gegen die Ausbeutung in den Fleischverpackungsfabriken. Seine David-gegen-Goliath-Taktik und die Gabe, lokale Netzwerke zu gründen und so Schwache gegen Starke zu verbünden, beflügeln sämtliche große Protestbewegungen des 20. Jahrhunderts. Alinskys Bücher Reveille For Radicals und Rules For Radicals inspirieren Generationen von Community-Organizern und Studenten. Auch den Stadtteilarbeiter Barack Obama – und zehn Jahre zuvor, während ihrer Universitätsjahre, ebenso Hillary Clinton.