BetriebsräteEhrenamt mit Aufstiegschancen

Wer sich in den Betriebsrat wählen lässt, hilft allen Mitarbeitern – und manchmal auch der eigenen Karriere. von Alexandra Werdes

Wo gibt es Betriebsräte?

Laut Gesetz in allen Betrieben mit mehr als fünf Beschäftigten. Doch es müssen sich zunächst genügend Mitarbeiter finden, die eine solche Vertretung fordern und das Wahlverfahren einleiten. Je größer der Betrieb, desto wahrscheinlicher, dass es einen Betriebsrat gibt. Etwa jeder zweite Arbeitnehmer in Deutschland arbeitet in einem Unternehmen mit Betriebsrat.

Worum kümmert sich ein Betriebsrat?

Ob Stellenausschreibung, Versetzung oder Entlassung – bei allen unternehmerischen Entscheidungen, von denen das Personal betroffen ist, haben Betriebsräte ein verbrieftes Mitbestimmungsrecht. Sie reden auch mit, wenn Arbeitsabläufe umstrukturiert oder neue EDV-Systeme eingeführt werden sollen, und kümmern sich um Mitarbeitereinrichtungen wie Kantine und Betriebskrankenkasse. »Traditionelle Betriebsräte beschränken sich darauf, den Arbeitgeber zu kontrollieren«, sagt Erhard Tietel von der Akademie für Arbeit und Politik an der Universität Bremen. »Gute Betriebsräte setzen sich selbst Gestaltungsziele.« Das heißt: Betriebsräte sollten nicht nur darauf achten, dass der Arbeitgeber sich an die bestehenden Schutz- und Arbeitszeitbestimmungen hält, sondern darüber hinaus auch eigene Verbesserungsvorschläge machen. So können sie für die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf einen Betriebskindergarten schaffen oder darauf drängen, dass strahlungsarme, somit gesündere Bildschirme angeschafft werden.

Wer darf wählen und kandidieren?

Wählen dürfen alle volljährigen Beschäftigten, auch ausländische Kollegen und Auszubildende, die das 18. Lebensjahr vollendet haben. Mögliche Kandidaten müssen dem Betrieb außerdem länger als sechs Monate angehören. Von den Wahlen ausgeschlossen sind leitende Angestellte. Der Betriebsrat bleibt vier Jahre lang im Amt.

Sind Betriebsräte nicht längst veraltet?

Sie haben in der Tat eine lange Geschichte (in Deutschland entwickelten sich die »Räte für den Betrieb« aus den ersten Arbeiterausschüssen um 1860), doch aus der Mode gekommen sind sie nicht. Das belegt ein Trendreport, den das Büro für Sozialforschung in Kassel im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung erstellt hat: Während es auf der politischen Ebene immer mehr Nichtwähler gibt, ist die Wahlbeteiligung bei den jüngsten Betriebsratswahlen wieder gestiegen und liegt über 80 Prozent. Wohl auch, weil viele hier ihre Interessen direkt vertreten sehen und die Angst um den Arbeitsplatz zugenommen hat. Allerdings setzen die Mitarbeiter bei wachsenden Problemen auch auf erfahrenere Vertreter. So wurden weniger neue Kandidaten gewählt, wodurch die Betriebsräte insgesamt altern. Noch ist aber die Mehrheit jünger als 45 Jahre.

Welche Rolle spielen die Gewerkschaften?

Früher waren Betriebsräte in der Regel Gewerkschafter, und die Gewerkschaften haben über den Betriebsrat ihre Macht ausgeübt. Doch das Verhältnis hat sich gelockert: die Zahl der Betriebsräte, die nicht gewerkschaftlich organisiert sind, nimmt zu. Das liegt zum einen daran, dass neue Betriebsräte in den groß gewordenen Unternehmen der New Economy gewählt werden, die den Gewerkschaften traditionell nicht verbunden sind. Zum anderen geht es in betrieblichen Auseinandersetzungen heute oft darum, den Standort zu erhalten: Bei Tarifvereinbarungen haben Betriebsräte eher den eigenen Betrieb, Gewerkschaften stärker die ganze Branche im Blick.

Worauf muss ein Betriebsrat vorbereitet sein?

Viele Betriebsräte sehen sich in einer sozialen und emotionalen Zwickmühle: Dem Gesetz nach sollen sie die Interessen der Arbeitnehmer vertreten – und dabei die wirtschaftlichen Betriebsziele berücksichtigen. Oft passt das nicht zusammen, wenn es zum Beispiel um Stellenabbau oder Lohnverzicht geht. Betriebsräte müssen deshalb Konflikte aushalten und geschickt vermitteln können. Dafür müssen sie sich detailliert in Sachprobleme einarbeiten und sich im Arbeits- und Tarifrecht auskennen. Fortbildungen werden von den Gewerkschaften, aber auch von unabhängigen Instituten angeboten. In bestimmten Fällen können Betriebsräte außerdem auf die Fachkenntnis von externen Beratern zurückgreifen. Die Kosten dafür muss jeweils der Arbeitgeber tragen.

Wie viel Freizeit muss man opfern?

Theoretisch keine. Denn laut Gesetz geht Betriebsratsarbeit vor Berufsarbeit, das heißt: Betriebsräte dürfen jederzeit ihre normale Arbeit für ihre besonderen Aufgaben ruhen lassen, wenn sie es begründen können. In Betrieben mit mehr als 200 Beschäftigten soll sogar eine Person komplett für den Betriebsrat freigestellt werden. 80 Prozent der Betriebsräte sind jedoch nicht freigestellt und können sich auch nicht immer einfach aus dem laufenden Betrieb ausklinken. Sie erleben ihr Engagement als Doppelbelastung und nehmen die Probleme oft mit nach Hause – manchmal bis in den Schlaf.

Wird der Einsatz auch belohnt?

Die Arbeit im Betriebsrat gilt als Ehrenamt. Wer allerdings vom Arbeitgeber freigestellt ist, hat ein Anrecht auf sein ursprüngliches Gehalt – inklusive den erwartbaren Gehaltssteigerungen. Diese Klausel nutzen einige Konzerne, um ihre Betriebsräte genauso gut wie Führungskräfte zu bezahlen, damit sie den Managern »auf Augenhöhe« begegnen können. Manchmal schießen sie dabei auch übers Ziel hinaus – siehe die Korruptionsaffäre bei VW. Im Normalfall ist die ideelle Entlohnung nicht zu unterschätzen: Wer gestern noch an der Drehbank stand, geht plötzlich beim Vorstand ein und aus und gewinnt so Prestige. Ein Betriebsrat hat bei seiner Arbeit praktisch keine Vorgesetzten und kann auf oberster Ebene mitbestimmen.

Kann die Mitarbeit der Karriere schaden?

Das kommt ganz auf die Unternehmenskultur an – ob die Mitbestimmung geschätzt wird oder ob eher Klassenkampfdenken herrscht. Generell genießt jeder Betriebsrat bis ein Jahr nach Ablauf seiner Amtszeit Kündigungsschutz. Manch einem wird deshalb nachgesagt, er habe sich nur aus diesem Grund wählen lassen. Andersherum versuchen einige Firmen, die engagierten Mitarbeiter schon loszuwerden, bevor überhaupt ein Betriebsrat gegründet werden kann. Doch das ist zum Glück nicht die Regel. So kann die Wahl auch ein Karrieresprungbrett sein: Die Vielzahl der Aufgaben, mit denen sich ein Betriebsrat befasst, bedeutet eine höhere Qualifizierung. Nicht wenige steigen in die Leitung der Fortbildungsabteilung oder sogar zum Personalchef auf.

Wie viel Macht haben Betriebsräte?

Zu viel, würden manche Arbeitgeber sagen. Sie stört, dass Betriebsräte wichtige Entscheidungen blockieren können. Den Gewerkschaften gehen die Mitbestimmungsrechte oft nicht weit genug. Viele Betriebsräte vor allem kleinerer Unternehmen müssen erst vors Arbeitsgericht ziehen, um von der Führung ernst genommen zu werden. Der Bremer Arbeitsforscher Erhard Tietel spricht von der »geliehenen Macht«, die Betriebsräte haben: Sie erweisen sich dann als wirkungsmächtige Institutionen, wenn die Belegschaft hinter ihnen steht und sie das Arbeitsrecht auf ihrer Seite haben. Kluge Unternehmer, so Tietel, würden den Betriebsrat deshalb als Co-Management begreifen: Mit seiner Hilfe könnten sie manchmal unliebsame Entscheidungen umsetzen, die sie im Alleingang gegen die Belegschaft niemals durchbekämen.

Zusammengestellt von Alexandra Werdes

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Leserkommentare
    • hagego
    • 16. April 2008 14:26 Uhr

         Wer konstruktiv und kritisch das "Miteinander" in einem Unternehmen verfolgt und mit "Ergebnis" nicht zufrieden ist, der/die sollte sich in der Tat bemühen, den Betriebsrat zu unterstützen. Und sich unter Umständen auch in den Betriebsrat wählen lassen. Sehr schnell wird dann auch erkennbar, dass es zwischen der Nörgelei auf dem Flur und der tagtäglichen Kärnerarbeit als Mitglied im Betriebsrat einen himmelweiten Unterschied gibt.     Der Betriebsrat ist zwar - einseitig - für die Arbeitnehmer da. Aber wenn dieser dauernd "mit dem Kopf durch die Wand" will, dann wird sich schlussendlich die Arbeitgeberseite nicht anders verhalten.      Man muss als Betriebsratsmitglied nicht dem diplomatischen Corps angehören, aber man muss wissen, dass dieser Job "das Bohren in dicken Brettern" bedeutet. Eine wichtige Tugend (neben guter Rhetorik), oft unterschätzt, hierfür ist die Geduld.

    • Anonym
    • 17. April 2008 13:29 Uhr

    Der Gedanke einer Mitarbeitervertretung ist grundsätzlich positiv zu bewerten. Jedoch ist der Einfluss der Gewerkschaften auf die Betriebsräte bzw. die Besetzung von Betriebsräten zu groß.
    Wäre das völlig frei kämen Gewerkschaftsvertreter wohl bei weitem nicht auf 50% Anteil, schlicht deshalb, weil mittlerweile gewerkschaftliche Eigeninteressen zu häufig noch vor denen der Arbeitnehmer stehen.
    In kleinen Firmen können Mitarbeiter die Vertretung selbst regeln auch ohne offizielles Gremium, in großen Firmen habe ich nur wenig Erfahrung mit Betriebsräten gemacht, die aber waren durchweg besonders schlecht.  

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