ChinaEinig gegen den Westen

Die Proteste, die den Lauf des olympischen Feuers begleiten, lösen in China Verbitterung aus. Auch bei Regimekritikern von 

Peking - Er ist der Typ, dem jetzt keiner mehr zuhört, von dem man denkt, dass er nur noch Propaganda abliefert. Qu Yingpu ist offizieller Sprecher des Fackellaufs der Olympischen Spiele in Peking. Normalerweise ist er stellvertretender Chefredakteur der englischsprachigen Pekinger Tageszeitung China Daily und gehört zu denen, die in China unter der Knute der Parteizensur für einen unabhängigeren Journalismus kämpfen. Doch jetzt tourt Qu mit der Fackel um die Welt. Er sah zu, wie der »olympische Geist von Demonstranten entführt wurde«, sorgte sich über die »öffentliche Meinung infolge einer Medienberichterstattung, die nur die eine Seite der Geschichte kennt«. Und er fragte: »Welche Botschaft versuchen die Demonstranten und Medien an die Chinesen zu senden? Wird das die Samen des Hasses säen?«

Gute Fragen. Schneller als die meisten erfasste Qu die Gefahr eines tiefgehenden Zerwürfnisses zwischen China und dem Westen. Ein Konflikt, der weit über die Tibet-Frage hinauswachsen könnte: hier gewissermaßen die westlichen Olympia-Spielverderber, die moralinsauren Neider von Wachstum und Erfolg der neuen Supermacht – dort die chinesischen Menschenrechtsverächter, die rücksichtslosen Verfechter eines religionsfeindlichen Materialismus.

Tatsächlich wächst in China die Empörung – bis hin zu den schärfsten Regierungskritikern. Einer von ihnen, der geschasste, für seine KP-Kritik im Westen gefeierte Exchefredakteur Li Datong, war Gast von Bundeskanzlerin Angela Merkel während ihres letzten Peking-Besuchs. Merkel wollte die KP ärgern, ihr zeigen, dass sie auch mit ihren Gegnern spricht. Doch jetzt ärgert sich Li über Deutschland.

Er empfängt den Reporter in seiner Pekinger Wohnung mit Fotos und Überschriften der Bild- Zeitung auf dem Computer. Dreimal wurden offenbar Bilder von Protesten in Nepal und Indien verwendet, als Illustration für angebliche chinesische Unterdrückungsmaßnahmen gegen Tibeter. Li ist angewidert. Er findet die Tibet-Berichterstattung im Westen so einseitig wie in China. Er kritisiert ein romantisches Tibet-Bild: »Blauer Himmel, weiße Wolken, grünes Grasland«. In Wirklichkeit müsse sich der tibetische Buddhismus genauso säkularisieren wie etwa in Thailand. Schuld daran sei weniger die chinesische Politik als die Modernisierung. Dabei bleibt Li ein harter Kritiker seiner Regierung, der er vorwirft, den Dalai Lama falsch beschuldigt zu haben: »Ohne den Dalai Lama wäre die Lage viel schlimmer, dann wären die Separatisten längst schon Terroristen.«

Wenn aber schon einer wie Li die westliche Kritik ablehnt, dann erreicht sie in China so gut wie gar keinen. Im Westen mag es heißen, das Volk sei manipuliert und indoktriniert. Aber die meisten Chinesen treten überzeugt für die Einheit Chinas ein – wie schon der erste Qin-Kaiser vor über zweitausend Jahren. Auch der demokratische Sun Yatsen, der vor hundert Jahren das moderne China gründete, sah die fünf großen Volksgruppen – Han, Tibeter, Mandschu, Mongolen und Hui – als »fünf Finger« seines Landes. Das hat für die meisten Chinesen nichts mit dem durchschaubaren Nationalismus der KP-Propaganda zu tun. Vielmehr ist es für sie die Ultima Ratio jeder chinesischen Staatspolitik, das große Reich zusammenzuhalten. China zählt 55 Minoritäten, sie leben auf 80 Prozent des Staatsgebiets. Aufstände wie derjenige der Tibeter im März in Lhasa sind historisch nichts Neues. Peking hat sie immer mit einer Mischung aus Almosen und Härte bekämpft.

Was dagegen die Chinesen heute schockiert, ist eine scheinbar vom Westen unterstützte Exilbewegung, die die Bühne der Olympische Spiele nutzt, um rund um die Welt den Unabhängigkeitsruf »Free Tibet!« erschallen zu lassen. »China ist zu weich und schwach, deshalb sind wir heute so einer Schikane ausgesetzt«, schimpft eine Forumsteilnehmerin des chinesischen Internetportals sina.com. Viel mehr noch als in den Regierungsmedien verschafft sich der chinesische Olympia-Frust im Internet Luft. »Von wegen Demokratie, Freiheit und Menschenrechte – sie wollen alle nur zusehen, wie sich China blamiert«, setzt ein anderer Teilnehmer hinzu. »Die westlichen Mächte lassen keine Chance aus, China zu demütigen. Jetzt reden sie über einen Olympia-Boykott, und ihre Präsidenten kommen nicht. Verdammt! Dann machen wir eben eine Dritte-Welt-Olympiade«, schreibt ein weiterer.

Die meisten Reaktionen klingen eher enttäuscht, doch findet man im chinesischen Internet auch zahlreiche Hetzreden auf »tibetische Hunde« und »französische Schweine«. Vor solchen Exzessen warnte Fackellauf-Sprecher Qu als »Samen des Hasses«. Die Frage stellt sich: Wie weit wird der chinesische Olympia-Backlash gehen, wenn sogar das IOC schon über einen Abbruch des Fackellaufs diskutiert? Wären die Chinesen am Ende wieder eine gedemütigte Nation? Viel schlimmer, argumentiert der Essayist Wang Lixiong: »Im Krisenfall könnte der chinesische Nationalismus gegenüber der Welt fanatisch werden und im Inland zu einem Rassismus gegen Minoritäten führen.«

Wang ist mit einer tibetischen Schriftstellerin verheiratet, persönlich mit dem Dalai Lama bekannt und zählt zur wachsenden Zahl chinesischer Intellektueller, die sich mit der tibetischen Kultur identifizieren. Sie erscheint ihm als Alternative zum geistigen Vakuum der chinesischen Jugend, ihrem Materialismus. Er fürchtet, dass sich die Emotionen der Jugend jetzt gegen die Tibeter wenden, auch als Reaktion auf westliche Kritik. Damit würden die jungen Leute wieder das »böse China-Image« im Ausland reproduzieren. Ein Teufelskreis.

Erstaunen muss dabei vor allem, wie Peking und seinen westlichen Olympia-Partnern das Heft aus der Hand geglitten ist. Außer Durchhalteparolen für Fackelläufer hat die KP bislang keine Antwort auf die weltweiten Proteste der Pro-Tibet-Aktivisten. Aber auch die westlichen Regierungen scheuen sich, sich zu den Spielen in Peking zu bekennen.

Viele Chinesen ärgert das. Viele freilich wissen auch noch gar nicht, was los ist. »Was? Der Fackellauf wurde unterbrochen?«, wundert sich Dorfbürgermeister Yang Yunbiao in der südostchinesischen Provinz Anhui. Yang ist ein demokratischer Dorfreformer, dafür bis nach Peking bekannt. Die Olympischen Spiele in China empfindet er als historisch beispiellos. »Da hoffe ich als Chinese von Herzen, dass sich die chinesische Kultur und Weisheit der Welt darstellen können«, sagt Yang. Es sind auch diese hohen Erwartungen an ein nicht nur KP-inszeniertes, sondern international akzeptiertes Sportfest Olympia, die jetzt bei vielen Chinesen bitter enttäuscht werden.

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Leserkommentare
  1. Das alte Spiel: jene die demonstrieren und ihren Unmut ausdrücken sind an allem schuld, an all den Missverständnissen und beleidigten Leberwürsten die eine Unmutsäußerung mit sich bringt.Mir eigentlich ziemlich egal, ich werde nicht schweigen und schlucken. China hat sich nicht nur mit Tibet Feinde gemacht, sondern schon allein durch die Tatsache dass es wirtschaftlich so stark geworden ist (und massiv unsere Jobs vernichtet hat) und der Westen mittlerweile am chinesischen Warentropf hängt. Olympia bietet endlich ein Ventil es den (gelöscht. Bitte unterlassen Sie derlei Beleidigungen. Die Redaktion/jk) mal heimzuzahlen.Und bitte: wer die BI*D ernst nimmt, dem kann sowieso niemand helfen.

  2. 2. Danke

    Nach der Diskussion bei Frau Maischberger durch die Herren Genscher, Ruge und Scholl-Latour und diesen Artikel kommt endlich so etwas wie Sachlichkeit und ein Blick auf die Auswirkungen der Hysterie der vergangenen Tage in die Debatte.

  3. Wie in diesem Artikel die chinesische Bevölkerung dargestellt wird, erinnert mich das stark an das Schulterschlußverhalten der Groß-Deutschen Bevölkerung zwischen 1936 und 1945.
    Wie das ganze geendet hat, weiß man ja!
    Hoffentlich offenbart die chinesische Bevölkerung etwas von ihrer hohen Intelligenz, die man ihr nachsagt!
    P.S.:  Sie sollten auch Veträge lesen lernen, dann wüßten sie, das sie Tibet in imperialistischer Weise okkupiert haben, und sich dort lt. Vertrag von 821.n.Chr. als Terroristen befinden.

  4. Kommentar Nr. 1 bestätigt (vermutlich ungewollt) genau das, was der Artikel aussagt, dass hinter diesem hasserfüllten Medienhype (um nichts anderes handelt es sich bei dem globalen Theater um den Fackellauf) ganz andere Gründe als die Menschenrechtssituation in China stecken. Ein wenig befremdet mich allerdings, dass jetzt auch offen rassistische Äußerungen auf dieser Plattform zu Wort kommen. Oder wie steht die Redaktion zu einem Terminus wie "Schlitzaugen"? (Anmerkung der Redaktion: Der Begriff wurde inzwischen gelöscht. Die Redaktion/jk)Ich persönlich schätze die chinesische Kultur und - aufgrund eigener Erfahrungen - auch die Energie und Fähigkeit, die Chinesen ungeacht sehr schwerer äußerer Umstände an den Tag legen. Aus meiner Kindheit kann ich mich noch an Nachrichten über verheerende Hungersnöte im damaligen Entwicklungsland China erinnern. Dass China diesen gewaltigen Sprung geschafft hat ist eine Leistung, die man hierzulande (und wahrscheinlich in der gesamten "ersten Welt")gar nicht zu beurteilen vermag. Lieber wirft man sich auf alte Klischees, die im Kern aus rassistischen Überzeugungen der Kolonialzeit stammen. Wer aber so argumentiert, dem geht jede moralische Berechtigung ab, von China die Einhaltung von Menschenrechten zu fordern.

    • atropa
    • 10. April 2008 12:37 Uhr
  5. An Georg Blume
    Sie sind der erste deutsche Journalist in diesen Tagen, der sich für die Menschen in China interessiert haben und sie, sowie sie sind, dargestellt haben. Dafür sind wir Ihnen sehr dankbar.
    Die Mehrheit der Diskutanten im Forum hat immer angenommen, dass die Chinesen indoktriniert sind. Mit Ihrem Bericht haben Sie die Nerven getroffen, wie Sie in Posting Nr. 3 lesen können.
    MfG

  6. So wird der beginnende Dialog nur wieder abgeblockt.Es ist schwer, über die Vergangenheit hinwegzusehen. Der Dalai Lama war mehrmals in Beijing, um mit Mao Zedong zu reden, aber bei diesen Gesprächen kam es zu keinem Ergebnis.Inzwischen ist eine neue Generation herangewachsen, die neugierig und intelligent ist. Zwar habe ich in vergangenen Postings auf Verbrechen gegen Tibet hingewiesen, aber vielleicht erreichen wir eben doch mehr, wenn wir die Chinesen nicht bockig machen. Die Fakten kennen und dennoch die Hand reichen: Könnte es so vielleicht gehen?

  7. In der chinesischen Öffentlichkeit werden gewaltige Bilder gezeigt und die Ereignisse in Tibet als brutale Attentaten dargestellt, hinter denen sich der Dalai Lama versteckt, und die Mehrheit der Chinesen zeigt Entschlossenheit, während die westlichen Medien China vorwerfen, Propaganda zu machen und zum Teil durch Manipulationen Verstimmungen gegen China erzeugen. Naja, Propaganda, was heisst das? Ich bin selber ein Journalist, ich weiss, Objektivität und Gerechtigkeit die Grundprinzipien des Journalismus sind. Da muss man eben über die zwei Seiten eines Ereignisses berichten. Das gilt sowohl für die chinesischen als auch für die westlichen Medien. Aber was man in den deutschen Medien sehen und hören kann, ist fast ausschließlich scharfe Kritik an China. Ich bin nichts dagegen, möchte aber fragen, sind die Informationen allseitig und objektiv genug, um der Bevölkerung möglichst die Wahrheit des Ereignisses näherzubringen, oder ist die westliche Bevölkerung durch Eigentöne der westlichen Medien und einseitige Informationen irrgeführt worden? Ist es vernünftig, die Stimmen aus China verstummen zu lassen und eine wichtige Informationsquelle zu verstopfen, sodass die westliche Bevölkerung nur Bilder und Informationen haben kann, die von den ihren Medien aufgenommen und schlau überarbeitet werden, die aber nicht mit eigenem Kopft verarbeitet werden. Ist dies vielleicht auch eine gewisse Art Propaganda und „Gehirnwäsche“? Warum hört man hier nicht, was man in China sagt als direkte Informationen oder zumindest als Referate, dort ist eben erst der Ort, wo alles passiert. Bitte alle nachdenken!<?xml:namespace prefix =" o" ns =" "urn:schemas-microsoft-com:office:office"" />

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