Banken "Eine einzige Zockerei!"
Erst war sie die prominenteste Bankerin, dann die bekannteste Aussteigerin Deutschlands. Eine Begegnung mit Christine Novakovic, die früher Christine Licci hieß
Sie hat den Namen gewechselt, den Mann, das Land, den Beruf. Na ja, und die Haare sind kürzer, aber das fällt kaum ins Gewicht bei all den Lebensentscheidungen, die Christine Novakovic innerhalb von knapp zweieinhalb Jahren getroffen hat.
Wir besuchen sie in ihrem Haus im noblen Zürcher Vorort Uitikon-Waldegg. Christine Novakovic ist 43 Jahre alt und Kunsthändlerin bei der in Zürich und New York ansässigen Firma Barr & Ochsner. Zu Hause, in einem verglasten Eck ihres Wohnzimmers, steht ihr schwarzer Flügel, als wäre das auch noch eine Option: doch Konzertpianistin zu werden, wie sie es sich als junge Frau erträumt hatte. Stattdessen hatte sie, dem Druck der Mutter folgend, Betriebswirtschaft studiert. Ein Schreibblock auf dem Sofatisch mit dem Citibank-Logo erinnert an die Zeit, als Zahlen ihr Leben waren. Denn Christine Novakovic war einmal Christine Licci – und lange Jahre Deutschlands einzige Frau in der Rolle als Vorstandsvorsitzende einer Bank.
Nun also beobachtet sie von den Hügeln über Zürich aus, wie die Welt, in der sie sich früher bewegte, bedrohlich taumelt und schwankt. Sie sagt: "Wenn ich sehe, was da jetzt passiert, dann macht mir mein neuer Job noch mehr Spaß." Und wenn sie erzählt, warum sie geradezu geflüchtet ist aus dieser Karriere, um die sie so viele beneideten, dann findet man womöglich ein paar Versatzstücke einer Erklärung für die große Vertrauenskrise, unter der die Welt des Geldes in diesen Wochen leidet. Dieser immense Verlust des Vertrauens, sagt Novakovic, sei für die Branche langfristig "sicher noch schlimmer" als der des Vermögens.
Im Jahr 2003 war sie als erste Frau vom Magazin Wirtschaftswoche zum "Manager des Jahres" ernannt worden, vielmehr zur "Managerin des Jahres". Sie hatte Geld und Macht, und ihr Status als Paradiesvogel der Branche schien ihr nicht unangenehm zu sein. Im November 2004 zog sie in den Vorstand der HypoVereinsbank ein. Doch schon ein Jahr später, nachdem die Bank durch den italienischen Unicredit-Konzern übernommen worden war, stieg sie aus und ließ sich auszahlen.
Für die einen war dieser Schritt ein Betriebsunfall des deutschen Feminismus. Für andere schlicht eine Konsequenz daraus, dass sie sich im Machtkampf um den spektakulären Bankendeal nicht durchsetzen konnte – aber auch der Beweis dafür, dass Frauen geradliniger sind als Männer. "Ein Mann hätte vielleicht als Weichling gegolten", sagt sie, "bei mir findet man das cool." Sie sei gegangen, weil die Bank auf einmal nur noch ein Arm eines internationalen Konzerns war. Weil sie keine Marionette sein wollte. Wie schon bei der Citibank: "Man möchte frei gestalten können, statt ein hoch bezahlter Hampelmann zu sein."
Ein Jahr lang hatte sie über das Aufhören nachgedacht. Die Entscheidung fiel beim Abendessen im noblen Züricher Restaurant Baur au Lac mit ihrem heutigen Mann. Sie saßen auf der Terrasse am See, und er sagte ihr auf den Kopf zu: "Du hast gar keine Lust mehr auf Großkonzerne." Er rief einen Freund an, kurz darauf war sie dessen Geschäftspartnerin.
Christine Novakovic, die als Licci Interviews im Taxi zwischen zwei Terminen und acht Telefonaten in mehreren Sprachen gab, kann sich heute einen ganzen Nachmittag für ein Gespräch Zeit nehmen, ohne dass das Handy ein einziges Mal klingeln würde. Sie serviert Weißwein aus ihrer Südtiroler Heimat und verschwindet kurz, um sich im Haus um den 80-jährigen Schwiegervater zu kümmern. Sie zeigt Hochzeitsbilder; ihr neuer Mann, vier Jahre jünger als sie, ist Headhunter. Alles an ihr scheint sie nun der Botschaft untergeordnet zu haben: Ich bin jetzt endlich ein freier Mensch. Und eine glücklichere Frau.
Die Erzählungen aus ihrem früheren Leben in den Vorstandsetagen zweier Banken dagegen klingen oft wie Beschreibungen aus einem Gefängnis. Sie erzählt, wie in den oberen Stockwerken der Banktürme Fehler vertuscht werden; dass niemand darüber redet, um daraus zu lernen. Meistens spielt sie in diesen Geschichten die Rolle der heldenhaften Oppositionellen, doch lässt sie auch durchblicken, dass sie selbst, wenn sie mit einem Vorschlag nicht einverstanden war, oft genug sagte: "Gute Idee, die muss man noch mal prüfen." Auch sie selbst war gewiss nicht ganz fehlerfrei. Sie sagt: "Ich bin froh, nicht mehr in so einem politischen Unternehmen zu arbeiten." Mit "politisch" meint sie: "diese Taktiererei, das gegenseitige Belauern. Nie frei sagen zu können, was man denkt."
Dieses System, das die Branche vergiftet, nennt sie das "Prinzip Sonnengott". "Es gibt", sagt Christine Novakovic, "einen Typ Manager, der durch seine Position glaubt, unfehlbar zu sein. Dafür gibt es viele prominente Beispiele. Solche Manager räumen auf dem Weg nach oben die starken Charaktere beiseite. Sie tolerieren es nicht, kritisch hinterfragt zu werden. Das ist falsch. Man wächst durch Kritik, das muss man zulassen." Sie muss da oben viel von diesen Managertypen kennengelernt haben.
Ob die Bankenkrise Folge dieser Unternehmenskultur ist? "Das wäre zu einfach", sagt Christine Novakovic. "Aber sie hat sicher dazu beigetragen. Die Manager verstehen die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Risiken manchmal nicht und scheuen sich davor, es zuzugeben. Das ist teilweise einfach nur noch Zockerei."
Natürlich weiß sie, dass es "einfach ist, den Finger in die Wunde zu legen, wenn man selbst draußen ist". Sie weiß, dass sich das Bankgeschäft in den letzten Jahren stark geändert hat. Dass die Banker es durch die Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften mit viel komplexeren Risiken zu tun haben. Und dass der Druck in der Branche immens ist und von allen Seiten kommt: "von der Börse, den Analysten, Journalisten und internationalen Konzernzentralen". Es sei die Frage, sagt Christine Novakovic, ob die traditionellen Kontrollmechanismen der Banken noch angemessen seien – "und ob genügend Know-how in den Kontrollgremien ist. Ich glaube nicht."
Nun macht sie sich gewohnt selbstsicher daran, das zu ändern. Für die nordeuropäische Bankengruppe SEB will sie in den Aufsichtsrat einziehen. Ein Comeback? Nein, wenn man ihr glauben kann, will sie ins operative Geschäft nicht zurück. Zu sehr genießt sie es, "nicht mehr von Quartalsbericht zu Quartalsbericht zu leben" und sich ein Privatleben zu erlauben – ihre erste Ehe war während ihrer Zeit bei der Citibank gescheitert. Zugleich hat sie den Ehrgeiz, sich als Kunsthändlerin genauso einen Namen zu machen wie als Bankerin. Christine Licci will sie nicht wieder werden.
Christine Novakovic wird 1964 als Christine Leitner in eine Hoteliersfamilie in Kastelruth, Südtirol, hineingeboren. Nach dem Wirtschaftsstudium in Mailand arbeitet sie dort bei der Dresdner Bank. 1996 wechselt sie, nunmehr Christine Licci, zur Citibank in Frankfurt, steigt mit 34 in den Vorstand auf und 2001 zur Vorstandschefin der Privatkunden AG. Nach einem Gastspiel bei der HypoVereinsbank wird sie 2005 Kunsthändlerin in der Schweiz.
- Datum 15.04.2008 - 04:43 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 10.04.2008 Nr. 16
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Für die nordeuropäische Bankengruppe SEB will sie in den Aufsichtsrat
einziehen. Ein Comeback? Nein, wenn man ihr glauben kann, will sie ins
operative Geschäft nicht zurück. Zu sehr genießt sie es, "nicht mehr
von Quartalsbericht zu Quartalsbericht zu leben" und sich ein
Privatleben zu erlauben.Namen ändern sich, Geschäftszweige ändern sich, Orte ändern sich, ABER das Prinzip bleibt immer dasselbe.Zwischen Erkenntnis und Selbsterkenntniss scheinen unüberbrückbare Welten zu liegen.Mir bleibt nur mehr, eine erfolgreiche Zukunft zu wünschen.
Ich finde diesen Artikel sehr ermutigend. Schon Margarete Mitscherlich sagt immer Freiheit und Kreativität erfüllt die Menschen mit Energie und Lebensfreude. Der schnöde Mammon sicher nicht. Man muß bei diesen Pseudo Alphatieren doch nur mal genauer hinschauen. Glücklicherweise tut das die " Zeit ".
Der Artikel beschreibt implizit eine einfache, dafür aber umso wichtigere Erkenntnis zum Thema "Elite":
Elite wird man nicht durch den Besuch bestimmter
Schulen, einen hohen Rang oder einen hippen Arbeitgeber. Nur wer zweifeln kann, ist
Elite - alle anderen sind im besten Fall ein hochwertiges Werkzeug.
So, so, zur SEB soll es jetzt also gehen.Da gibt es sicher eine Menge zu tun, siehehttp://www.wiwo.de/untern...Schön, wenn man durch eine hohe Abfindung und einen "Headhunter" unabhängig ist.
Ihren Artikel habe ich mit etwas mit Verwunderung gelesen.
Die smarte Frau Novakovic ehemals Licci als ein Opfer noch dazu als ein weibliches Opfer darzustellen entstammt eher der Märchenwelt denn der Realität. Ein ausgewogeneres Bild wäre dieser Person etwas besser zu Gesicht gestanden. Ist Sie nicht vor der Entlassung bei der Citibank gestanden, da sich die Bank zu wenig Rückstellungen für die verkauften Sofortkredite gebildet hatte. Das gleiche Rezept hat sie auch bei der Hypovereinsbank angewandt. Wer Menschen mit Geldnöten wucherähnliche Sofortkredite mit einem internen Zinssatz von 20% und mehr vergibt und sich als ein Opfer darstellt und andere Banker als Zocker beschimpft ist nicht nur realitätsfern sondern auch frech dazu. Noch dazu kommen die unredlichen Depotdrehungen bei Kunden ohne Sinn und Verstand, die von "oben" angeordnet werden. Die Liste der Verfehlungen lässt sich unendlich fortführen. Damit wurde sie zum Vorbild der gesamten Branche, unter diesem vertrauensverlust leidet nun die gesamte Bankenwelt. Beim Thema Zocken bzw. Abzocken kennt sich die Dame gut aus.Sie sollte sich zu diesem Thema bitte nicht mehr äussern. Sie nicht!
Es tut mir nur um die einfachen Mitarbeiter der Banken leid, die dieses Verhalten mittragen müssen.
Mich wundert es, weshalb die Gerichte nicht nur im Stillen Vergleichen von Kunden zustimmt sondern auch ein Musterprozess gegen Verantwortliche anstrengt. Da wäre eine Frau Novakovic eine geeignte Adresse.
Oder haben Menschen mit einem kleinen Geldbeutel in diesem Land weder vor der Justiz noch vor der Presse keine Stimme mehr. Ansonsten kann ich mir nicht vorstellen, weshalb eine Person mit dieser Vergangenheit bei der respektablen ZEIT so gefeiert werden kann.
Ich finde die ZEIT als die mit Abstand beste Zeitung in diesem Land, nur in diesem Fall kann ich das nicht feststellen.
Kommentar entfernt. Die Redaktion/sh
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