Etwa zu der Zeit, in der drei Menschen zum Mond flogen und Jimi Hendrix amerikanische Flaggen verbrannte, liefen bei uns täglich die Mix-Tonbänder meines Vaters. Es gab noch keine Kassetten, weswegen er seine Musik nur zu Hause hören konnte, auf einem Tonbandgerät, das die Größe eines Wäschetrockners hatte und nicht nur optisch den Mittelpunkt unseres Familienlebens bildete. Da meine Mutter genauso gern Musik hörte wie mein Vater, mussten auf den Tonbändern auch Lieder aufgenommen sein, die sie mochte.

Die Musik, die mein Vater mochte, war von T. Rex, Slade und Thin Lizzy. Die Musik, die meine Mutter mochte, war von Cindy & Bert, Daliah Lavi und Vicky Leandros. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass die Möglichkeit einer schweren Schizophrenie bereits in meiner frühesten Kindheit angelegt war. Schlimm wurde es aber erst, als Doris Nefedov in mein Leben trat, eine Sängerin, die unter dem Künstlernamen Alexandra bekannt war.

Alexandra hatte eine tiefe, kehlige Stimme, die klang, als würde ihr das Leben nicht besonders viel Freude bereiten. Sie sang Lieder wie Mein Freund der Baum ist tot, Eine schwarze Balalaika oder Es war einmal ein Fischer (und seine Frau war blind). Wiederholtes Abspielen ihrer LP Stimme der Sehnsucht war dazu geeignet, meine Mutter beim Bügeln in heftige Verzückung zu versetzen. Es war nicht dazu geeignet, aus mir ein Kind mit sonnigem Gemüt zu machen.

Sobald Alexandra sang, kroch ich unter einen Hocker im Esszimmer und hielt mir die Ohren zu, damit die Stimme der Sehnsucht nicht in meinen Kopf kommen konnte. Natürlich klappte das nicht. Wenn man sich verzweifelt auf etwas konzentriert, das man in keinem Fall hören will, wirkt das wie ein Verstärker. Eine Lektion, die ich noch lernen musste.

Eines Sonntags machte meine Mutter Hasenbraten. Es stank bestialisch: Irgendwer musste ihr falsches Fleisch angedreht haben. Alexandra sang gerade irgendwas davon, dass eine schwarze Maske fällt und sie endlich sein wahres Gesicht sieht, und ich lag zusammengekrümmt unter meinem Hocker und versuchte, einen Brechreiz zu unterdrücken. In diesem Moment fiel mir ein, dass Alexandra mit 27 Jahren ihr Testament gemacht hatte – genau einen Tag vor ihrem tödlichen Autounfall in Tellingstedt! Für mich bestand kein Zweifel mehr daran, dass die Sehnsucht mit dem Teufel im Bunde war. Der Geruch des Hasenbratens schlang sich in die Melodie der schwarzen Balalaika, und Alexandra stank aus dem Mund. Sie stank nach einer Mischung aus dem roten Leder des Hockers und dem verschmorten Testosteron des Rammlers.

Als meine Mutter mich fand, war ich kurz davor, an meinem Erbrochenen zu ersticken. Wie Jimi Hendrix. Nur hatte der niemanden, der ihn aufweckte, und so mussten sich von da an andere Leute darum kümmern, amerikanische Flaggen zu verbrennen. Auch meine Mutter verbrannte nichts mehr. Zumindest keine Hasen. Und die Alexandra-LP verschwand für immer im Schrank. Das Einzige, das von ihr blieb, waren zwei Lieder auf einem Tonband meines Vaters. Sie kamen direkt hintereinander, zwischen Whiskey In The Jar und Children Of The Revolution. Sie waren wie Tretminen, von denen man genau weiß, wo sie liegen. Aber sie erwischen einen trotzdem immer.

Stefan Beuse, 1967 geboren, lebt als Autor in Hamburg