DIE ZEIT: Herr Sanio, droht eine globale Wirtschaftskrise wie in den dreißiger Jahren?

Jochen Sanio: Dass wir uns mitten in einer internationalen Finanzmarktkrise befinden, könnten nur noch Schönredner bestreiten.

Auch die deutschen Banken haben einiges verkraften müssen, und geht der Preisverfall an den internationalen Märkten weiter, ist ihre Leidenszeit noch nicht vorbei. Die Lage konnte aber bisher überall unter Kontrolle gehalten werden. Natürlich bliebe eine lang anhaltende Krise des internationalen Finanzsystems nicht ohne negative Folgen für die Realwirtschaft. Deshalb muss alles getan werden, damit die Märkte so schnell wie möglich wieder in Schwung kommen.

ZEIT: Ist das Schlimmste vorbei? Der IWF erwartet Wertverluste von weltweit bis zu 1000 Milliarden Dollar, Ihr Haus rechnet, so war zu hören, mit Bankabschreibungen bis zu 600 Milliarden Dollar.

Sanio: Ich sehe keinen Sinn darin, mit immer neuen Schätzungen an die Öffentlichkeit zu gehen. Die BaFin hat ihre Tätigkeit nicht um den Geschäftszweig Wahrsagerei erweitert. Unsere Studie enthielt keine eigene Vorhersage, sie analysierte nur Zahlen, die andernorts bereits veröffentlicht worden waren. Eines ist sicher: Da die Quelle allen Übels in den USA liegt, kommt es entscheidend auf die dortige Konjunktur an. So wird sich die Höhe der Abschreibungen auf sogenannte Subprime-Wertpapiere, also Produkte, die auf minderwertigen amerikanischen Hypothekenforderungen basieren, danach richten, wie weit die Hauspreise in den USA noch fallen. Es würde die internationalen Finanzmärkte beruhigen, wenn der Preisverfall am amerikanischen Häusermarkt bald gestoppt würde. Staatshilfen für US-Häuslebauer wären also nicht nur unter sozialen Gesichtspunkten segensreich.

ZEIT: Können die Banken die Belastungen überhaupt verkraften?

Sanio: Obwohl hierzulande große Mengen der kontaminierten Forderungen gelandet sind, haben die meisten deutschen Banken den Schlaghagel der Wertverluste weggesteckt, ohne zu Boden zu gehen. » Take it on the chin and move on« ist das Motto, mit dem starke Banken solche Situationen bewältigen. Bei einigen wenigen Instituten zeigte sich allerdings, dass ihre Eigenkapitalbasis den gewaltigen Abschreibungen nicht gewachsen war. An all diesen Banken war der Staat direkt oder indirekt beteiligt, sodass die finanzielle Möglichkeit einer Rettung nie infrage stand. Der Staat hat sich dort als verlässlicher Eigentümer gezeigt und damit zugleich für Systemstabilität gesorgt, so traurig der Einsatz von Steuermitteln in Milliardenhöhe auch ist.